von Jakob Hirschmann
Papst-Mania. So beschrieb ein deutscher Fernsehsender den Papstbesuch des letzten Septemberwochenendes in Paris auf ihrem Instagramkanal. 700.000 Menschen hatten sich entlang der Champs Elysee versammelt und dem Papst zugejubelt, als er in seinem Papamobil winkend vorbeifuhr. Den Abend zuvor hatten sich 80.000 Jugendliche, zwischen 17 und 35 Jahren alt, nördlich von Paris im Stade de France in Saint-Denis, dem größten Stadion Frankreichs, zum Gebet und zur Begegnung mit dem Heiligen Vater versammelt. Und ich, bei beidem, mittendrin. Was ich dort erlebt habe, möchte ich gerne mit Euch und Ihnen teilen.
Mein Name ist Jakob Hirschmann, ich bin im fünften Semester des Magisters Theologie in Erfurt und studiere aktuell für zwei Semester mit Erasmus am Institut catholique in Paris. Dass ich gleichzeitig mit diesem Weltereignis in Paris sein würde, hatte ich so nicht auf dem Schirm und bin deshalb umso dankbarer, all das am eigenen Leib miterlebt zu haben. Und dabei geht es mir im Geringsten darum den Papst gesehen zu haben. Er fuhr vorbei, winkte in die Masse und war dann wieder weg und sonst nur auf Bildschirmen oder als weißer Punkt viele Meter entfernt zu sehen. Wirklich begeistert hat es mich, die Menschen in ihrer Begeisterung, Freude und in ihrem lebendig gelebten Glauben erleben zu dürfen. Und es war schieres Glück, dass ich bei diesen beiden Sachen überhaupt dabei sein konnte, denn die kostenlosen Tickets habe ich erst wenige Tage vorher bekommen, obwohl für beide Veranstaltungen die Nachfrage höher war als das Angebot. Durch Zufall bin ich doch an welche gekommen, was für mich bereits ein guter Start war. In den vorangegangenen Wochen hatte sich die Zahl der Werbeposter in der Stadt Tag für Tag weiter gesteigert. Auch die Anzahl der Radiobeiträge nahm stetig zu.
Am Freitagmorgen, dem Tag der Anreise war, so schien mir, die ganze Stadt für den Besuch gerüstet und mit Flatterband abgesperrt. Um 10 Uhr läuteten alle Glocken der Stadt. An der Uni wurde in der Pause Livestream geschaut, auf dem Heimweg waren mehrere Metrostationen geschlossen. Kurz gesagt: Es gab kein Vorbeikommen an diesem Ereignis. Am Nachmittag fuhr der Papst mit dem Papamobil quer durch die Stadt. Bereits hierfür waren die Straßen vollkommen überfüllt, große Teile der Innenstadt waren abgesperrt. Es war kein Durchkommen.
Am Abend machte ich mich dann auf den Weg zum Stade de France. Die Züge waren so überfüllt wie immer, aber mit dem Ausstieg aus dem Zug und dem Fußweg zum Stadion änderte sich die Stimmung. Jugendgruppen sangen Lobpreislieder, Pfadfinder liefen lachend vorüber. In der Luft lag ein Prickeln. Im Stadion hatte ich einen Platz hinter der Bühne, relativ weit oben, von wo aus ich die Menschenmenge gut beobachten konnte und sah, wie sich das Stadion immer weiter füllte. Bereits während des Vorprogramms war ich von der Atmosphäre begeistert. Voller Inbrunst schmetterte die ganze Schar in Liedern ihr Lob an Gott und wartete auf die Ankunft des Heiligen Vaters. Als er plötzlich eingefahren kam, brach Jubel aus. Mehrmals an dem Abend wurden noch „Leo“-Jubelchöre angestimmt. Er saß und stand vorne, sichtlich berührt von dem Anblick, der sich vor ihm eröffnete. Eine Papst-Mania?
Das Programm der Vigilfeier war liebevoll, theatralisch und vor allem sehr authentisch gestaltet. Es gibt auf Youtube einen deutsch kommentierten Mitschnitt von Vatican-Media, den ich allen sehr ans Herz legen möchte. Neben mehreren Glaubenszeugnissen und den Ansprachen des Heiligen Vaters auf Französisch hat mich die Nacherzählung der Geschichte des Glaubens in Frankreich mit verschiedenen Heiligenportraits sowie Feuerwerk als Finale und die gemeinsame Zeit des Gebets besonders bewegt. Besonders beeindruckend fand ich dabei die Inbrunst und Freude, welche ich bei den Jugendlichen beobachten konnte. Es war nicht nur, dass Sie den Papst sehen konnten, sondern vor allem sich ihm zeigen zu können, als katholische Jugend in Frankreich. Drei Momente bleiben für mich besonders prägnant in Erinnerung:
1. Die Art und Weise wie plötzlich alle aufschrien als Johanna von Orleans (Jeanne d’Arc), ihre Heilige, erwähnt wurde, machte mir deutlich, wie sehr den Jugendlichen an der Fürsprache der Heiligen zu liegen scheint.
2. Der Jubel der Menge, als sich ein Jugendlicher vorstellte. Er berichtete davon an welchen Orten er sich ins Leben der Kirche einbringt und wurde dabei von den Rufen der Jugendlichen unterstützt. Besonders sind bei mir seine Worte hängengeblieben: „Wir wollen uns engagieren! Wie können wir erkennen, WO der Herr auf uns wartet? Darauf, dass wir (ihm) dienen und (ihm) unser Leben schenken?“
3. Das gemeinsame Gebet. Die Kraft mit der die Jugendlichen gemeinsam singend und sprechend gebetet haben sowie die Zeiten der absoluten Stille gemeinsam mit 80.000 Jugendlichen. Besonders gerne denke ich dabei zurück an die Allerheiligenlitanei und das Salve Regina. Eine solche intensive Stimmung, wie ich sie dort in dem Stadion erlabt habe, ist mir noch nie anderswo begegnet. Der Heimweg war überraschend unüberraschend, aber der Abend ist mir in Gedanken geblieben. Dort habe ich gemerkt: Hier geht es um mehr als nur darum einem Mann in weiß zuzuwinken. Ganz und gar keine Papst-Mania.
Für Samstag stand die Messe mit dem Papst auf dem Place de la Concorde und der Champs Elysee auf dem Programm. Der Sart der Messe war für 15 Uhr angesetzt. Die Tore öffneten um 9 Uhr. Eine Ankunft spätestens um 11 Uhr war dringend empfohlen worden. Ich begann zu verstehen warum, als ich kurz nach 11 aus der Metrostation herausquoll. Am Morgen hatte ich mir noch die Live-Übertragung des Papstbesuches in meiner Uni – dem Institut catholique – angesehen, wo sich der Papst mit der Provinzialsynode, Katechumenen und Neugetauften traf. Es war beeindruckend, ihn an Orten des eigenen Alltags gehen und beten zu sehen. Mit dem Livestream war es nun vorüber, denn der Anblick, der sich mir darbot, schlug sich auch auf das Handynetzt nieder: Menschen, so weit das Auge reicht (und meine Augen sind vergleichsweise weit oben gelagert). Sich den Weg in Richtung des eigenen Eingangs zu schlagen war eine Herausforderung. Die größere war dann jedoch genügend Geduld zu haben, denn es bewegte sich nichts, so viele Menschen waren in die engen Straßen gequetscht (neben dem „normalen“ Alltag einer Hotelière, die einen Kofferbuggy versuchte durch die Menschenmassen zu bugsieren).
Meine Sorge, es nicht rechtzeitig zu der Messe um 15 (!) Uhr zu schaffen wuchs in diesem Moment etwas an. Zum Glück ohne Grund, denn nach über einer Stunde des Anstehens hatte ich gegen 12.30 Uhr die 50 Meter Ansteh-Wulst hinter mir gelassen und es durch alle Kontrollen auf die Champs Elysée geschafft. Meine Hoffnung möglichst nah an die Altarinsel auf dem Place de la Concorde zu gelangen, endete an einer aufgestellten Barriere. So musste ich mich also mit einem Platz gute 800m vom Altar entfernt zufriedengeben. Die Stimmung war ausgelassen. In Wellen brach Jubel aus, aus manchen Ecken hörte man dann und wann, wie ein Lied gesungen wurde. Das Umfeld füllte sich. Kurz nach 14 Uhr tauchte zum ersten Mal das Papamobil auf den aufgestellten Bildschirmen auf und brachte erneute Wellen der Begeisterung und des Jubels mit sich. Auch für mich mit meiner Körpergröße von1,95 m wurde es schwierig außer Hinterköpfen noch etwas zu sehen.
Erst als ich die Motorräder hörte und ihr Blaulicht erahnte war mir klar, dass der Papst nun tatsächlich kommt. Alles schrie, kreischte und jubelte. Der Papst fuhr winkend und segnend vorbei, die Begeisterung ebbte ab und die Spannung fiel. Das, aber auch NUR das, was ich hier in den letzten 20 Minuten erlebt hatte: Das war die Papst Mania. Und ja, auch ich hab mich mitreißen lassen.
Nachdem der Ehrengast vorbeigefahren war, wurde die Luft zum Atmen plötzlich wieder mehr. Viele schienen gegangen zu sein. An meinem Standort, wie ich schätzen würde, etwa ¼ der Besucher. Mir fiel es in dem Moment nicht leicht mich nicht über jene zu ärgern, die eigentlich nur für dieses (meiner bescheidenen Ansicht nach dusselige) Erlebnis gekommen waren, den Papst vorbeifahren zu sehen. Ich habe aber schnell eingesehen, dass es eigentlich keinen Anlass zum Ärger gibt, denn einerseits schien es diesen Menschen ja auch etwas bedeutet zu haben, sonst hätten sie all die Strapazen ja ebenso wenig durchmachen müssen. Andererseits waren ja ¾ der Menschen geblieben. Warum freute ich mich also nicht über all die die geblieben waren? Außerdem hatten sich so für mich (und alle anderen) die Bedingungen verbessert. Nun war es nicht mehr brechend voll, sondern „nur noch“ sehr voll. Ob sich die medienläufige Zahl von 700.000 Besuchern auf den Zeitpunkt der Messe oder der Vorbeifahrt des Papstes im Papamobil bezieht, weiß ich nicht – Ist mir aber eigentlich auch gleich – egal.
Entlang der gesamten Champs Elysée, 2km lang, standen jetzt nur noch jene Menschen, die tatsächlich mit dem Papst Messe feiern wollten. Diese war für mich ein sehr besonderes Erlebnis. Die SEHR große, freudige und lebendige Gemeinschaft der Menschen, denen diese Messe scheinbar wichtig genug war, um unter diesen, objektiv betrachtet, unschönen Bedingungen (keine Sitzgelegenheit, eng, kein Schatten, kein Blickkontakt zum Altar) mehrere Stunden zu warten, hat auch mich durch diese Feier getragen. „Aujourd’hui est jour de fête !“ – „Heute ist (ein) Festtag!“, das Eingangslied, bringt die vorherrschende Stimmung gut zum Ausdruck und allein der Gedanke daran sorgt bei mir selbst jetzt noch für Gänsehaut. Der Friedensgruß mit tatsächlichem Handschlag anstatt des vorsichtigen Kopfnickens (die Franzosen wirken auf mich – ausgenommen der zur Begrüßung geliebten Bisous in alle Himmelsrichtungen – in der Hinsicht eher Berührungsscheu), lässt mich erahnen, dass dieser Gottesdienst tatsächlich ein außergewöhnlicher war. Dass der Heimweg nochmal abenteuerlich würde, war bei der Anzahl an Menschen zu erwarten. Am Ende habe ich es aber geschafft und kann jetzt glücklich und zufrieden auf dieses Papst-Wochenende zurückblicken.
Was ist es also, dass für mich hängen bleibt? Es ist die Frage, die in meinem Kopf brummt, wie wir es in Deutschland schaffen könnten, eine Kirche zu sein, die so lebendig, leichtfüßig, frei und fröhlich ist, und dabei Gott verkündet und im Blick behält, in Worten wie in Werken. Die Kirche, die ich hier erlebt habe, ist nicht übersättigt mit Geld und Privilegien. Sie verkeilt sich nicht im Kampf in Nebensächlichkeiten, darüber was sie macht, wer was macht und was wer darf, sondern sie macht einfach. Sie verkündet Christus, in Worten wie in Werken. Ohne viele Privilegien, ohne viel Geld. Aber: Sie gönnt sich auch etwas. Sie gönnt sich Zeiten des gemeinsamen Gebetes. Sie weist auf ihre eigene Bedeutung und ihren eigenen Wert hin, ohne sich dabei abhängig zu machen davon, ob ihr diese Bedeutung oder dieser Wert zugesprochen wird, ob der Präsident da ist oder zu Hause bleibt. Und sie ist bereit zu investieren. Nicht bloß Geld. Aufwand, Zeit, Gedanken, Gebete. Dass es möglich ist die französische Hauptstadt für zwei Tage wegen einer einzelnen Person (auch wenn es vermutlich eher das Amt des Petrus als die Person R.F. Prevost an sich ist, die begeistert) zeugt davon, dass es hier weder um einen einfachen Staatsbesuch ging noch um einen Popstar sondern um etwas, was für alle Menschen von Bedeutung ist – auch wenn natürlich nicht alle 2 Millionen Pariser vor Begeisterung gejubelt haben, sondern es natürlich auch vielen egal war oder sie vielleicht auch genervt hat. Das scheint es wert zu sein.
Und falls es nicht klar geworden ist: Papst-Mania halte ich nicht für die passende Beschreibung.