In einer Zeit, die immer schneller zu werden scheint, setzt Sandra Fluhrer auf das Gegenteil: Genaues Lesen, geduldiges Verstehen und bewusstes Innehalten. Zum 1. April 2026 hat sie ihre Professur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Philosophischen Fakultät angetreten. Nach Forschungsstationen in Erlangen, in den USA (Berkeley) und einer Vertretungsprofessur an der FU Berlin startet sie nun an der Universität Erfurt. Im Interview spricht die 41-jährige gebürtige Stuttgarterin über sinnliche Erfahrungen mit Literatur und darüber, warum Philologie heute mehr denn je Zeit und Aufmerksamkeit braucht.
Frau Prof. Fluhrer, was hat Sie an der Professur in Erfurt gereizt?
Die Erfurter Literaturwissenschaft verbindet die systematische Erforschung von Literatur als kulturelle Ausdrucksform mit einem transphilologischen Zugriff – einem sprachliche und territoriale Grenzen überschreitenden Austausch zwischen verschiedenen philologischen Fächern wie der Amerikanistik, Anglistik, Germanistik, Romanistik und Slawistik. Das entspricht meinen Begriffen von Literatur und ihrer Erforschung sehr genau. Aus dem besonderen Profil der Erfurter Literaturwissenschaft sind ein einzigartiger Masterstudiengang und ein exzellentes Promotionskolleg entstanden, die sich im Umfeld hochinteressanter Verbundprojekte bewegen. An diesen Zusammenhängen von nun an mitwirken zu können, empfinde ich als großes Glück.
Kannten Sie Erfurt schon und wenn ja, gibt es etwas, das Sie an der Stadt besonders mögen?
Ich kannte Erfurt schon punktuell von privaten Besuchen, habe aber noch viel zu erkunden. Mich interessieren die verschiedenen historischen Schichtungen, die sich im Stadtbild zeigen. Besonders sympathisch finde ich das Leben der Erfurter am und im Fluss und ich freue mich auf sommerliche Flusswanderungen in der Gera mit meiner Familie – im Juli ziehen wir von München nach Erfurt.
Was interessiert die Forscherin Sandra Fluhrer an ihrem Fachgebiet besonders und woran arbeiten Sie aktuell?
Literatur und andere Künste sind für mich Ausdrucksformen historischer Erfahrung und gehören damit zum wichtigsten und wertvollsten, was wir besitzen. Mehr denn je bedürfen wir derzeit dieses Reservoirs, für dessen Erkundung es allerdings hohe Aufmerksamkeit und Geduld braucht. Die von den literarischen Gegenständen eingeforderte Notwendigkeit zur Langsamkeit und zum Innehalten gegen die Logiken gegenwärtiger dominanter Kommunikationssysteme zu verteidigen, ist für mich die große Aufgabe der Philologie im 21. Jahrhundert.
Im Anschluss an frühere Forschungsprojekte – etwa ein DFG-Netzwerk zu Formen der Berührung in der und durch die Literatur – beschäftigt mich weiterhin die Frage, wie genau wir sinnliche Erfahrungen mit Literatur machen und wie diese Erfahrungen sich philologisch so darstellen lassen, dass sie wirksam bleiben. Dafür interessiert mich u. a. die Schreibform des Essays.
Ein zweites großes Forschungsfeld bildet der Komplex „Literatur und Landwirtschaft“. Hier interessieren mich Momente in der Literaturgeschichte, in denen Dichtkunst und Landwirtschaft tatsächlich einmal eng zusammengedacht wurden, besonders in den antiken agrarischen Lehrgedichten von Hesiod und Vergil, aber etwa auch bei Johann Peter Hebel im frühen 19. und noch bei Heiner Müller im mittleren 20. Jahrhundert. Weiter würde ich gerne aus literaturwissenschaftlicher Perspektive an der Erforschung einer europäischen und v. a. auch einer deutsch-deutschen Erfahrungsgeschichte der Landwirtschaft mitwirken. Ich erhoffe mir davon, genauer zu verstehen, wie der Bereich der Landwirtschaft, der noch vor nicht allzu langer Zeit einen Großteil der Arbeits- und Lebenswelten im Globalen Norden unmittelbar prägte, den meisten Menschen hier ferngerückt ist – und was es für uns auch mit Blick auf Fragen der globalen Gerechtigkeit bedeutet, so viel Distanz zu den Prozessen der Herstellung unserer Lebensgrundlagen zu besitzen.
Was werden Themen in Ihren Lehrveranstaltungen sein?
Ich biete in der Regel Seminare aus dem Horizont meiner Forschungsprojekte an, im Moment etwa eines zur ästhetischen Erfahrung. Regelmäßig möchte ich außerdem Kurse anbieten, die sich einem besonders anspruchsvollen literarischen oder kulturtheoretischen Text im Detail widmen. Es geht dabei um Lektüren, die ungemein gewinnbringend sind, manchmal sogar lebensverändernd, die sich aber allein nicht so leicht erarbeiten lassen. Dazu gehören etwa die „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid, zu denen ich in diesem Semester ein Seminar anbiete. Ovids Text liefert auf ungeheuer witzige und atemberaubend poetische Weise eine literarische Erfahrungsgeschichte, die mich bei jeder Lektüre aufs Neue fasziniert.
Und was machen Sie, wenn Sie gerade nicht Professorin sind?
Ich habe eine dreijährige Tochter und verbringe viel glückliche Zeit auf Spielplätzen, mit Vorlesen, Malen, Singen und Höhlenbau. Und vor knapp sechs Jahren habe ich gemeinsam mit meinem Mann ein 200 Jahre altes Kleinbauernhaus im Fichtelgebirge (Oberfranken) gekauft, das wir seither, wann immer wir Zeit dafür finden, in so mühevoller wie erfüllender Kleinarbeit sanieren. Dabei sind wir zu Hobbyhistorikern für ländliche Baukultur geworden.
Herzlich willkommen an der Universität Erfurt!