„Ein Meilenstein für die Sichtbarkeit von Gotha als bedeutende kulturelle Stadt“

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Im Wallstein Verlag ist unter dem Titel „Aufklärung und Residenzstadt“ soeben ein neues Buch erschienen, das sich mit dem intellektuellen Gotha um 1800 beschäftigt. Für die beiden Herausgeber, Prof. Dr. Martin Mulsow und Dirk Sangmeister, ist der Band ein „Meilenstein für die Sichtbarkeit von Gotha als bedeutende kulturelle Stadt“. Im Interview für unseren Forschungsblog „WortMelder“ erklärt Martin Mulsow, warum… 

Herr Professor Mulsow das neue Buch „Aufklärung und Residenzstadt. Das intellektuelle Gotha um 1800“ ist ein sehr umfangreicher Band. Wie lange hat es gedauert, dieses Projekt zu realisieren, und was gab eigentlich den Anstoß dazu?
Der unmittelbare Anlass war der 300. Todestag von Rudolph Zacharias Becker, einem der herausragendsten unter den Gothaer Intellektuellen der Spätaufklärung. Dazu haben wir 2022 eine Tagung geplant und dabei war uns klar, dass wir die Gelegenheit nutzen wollten, ein Gesamtbild des geistigen Milieus in Gotha unter der Herrschaft von Ernst II. zu zeichnen, also der Zeit von 1772 bis 1804. Denn wir wussten seit Jahren, wie reich dieses Milieu gewesen ist. Seit mehr als zwölf Jahren forschen meine Mitarbeiter und ich zu Details dieser Epoche.

Sie haben das Buch als „Frucht vieler Jahre“ und sogar als „Meilenstein für die Sichtbarkeit von Gotha als bedeutende kulturelle Stadt“ bezeichnet – darüber wird sich der Oberbürgermeister als nimmermüder Werber für Gotha sicher freuen. Worin liegt denn für Sie persönlich die besondere Bedeutung dieser Publikation?
Es gibt mir eine tiefe Befriedigung, mit diesem Band erstmals ein Werk vorzulegen, das man der ewigen Betonung von Weimar entgegensetzen kann. Nicht dass ich das klassische Weimar geringschätzen würde. Aber immer nur Goethe, Schiller, Herder, Wieland? Gotha war die größere Stadt, hatte in der Breite ein viel umfangreicheres geistiges Leben; man hatte nur im Nachhinein das Pech, sozusagen auf die falschen Pferde gesetzt zu haben: Gotter war der Singspieldichter Nummer eins um 1800, aber die Gattung Singspiel war schon bald vergessen; Benda ein großartiger Komponist, aber von Mozart und Beethoven überflügelt; Ewald publizierte anonym und konnte deshalb nicht berühmt werden; Becker schrieb „nur“ für das einfache Volk, obwohl er dabei der erfolgreichste Autor in ganz Deutschland war. Immerhin: Mit diesem Band können wir jetzt ein 800 Seiten starkes Argument auf den Tisch legen gegenüber jedem, der nur Weimar kennt.

Prof. Dr. Martin Mulsow

Der Band ist thematisch unglaublich breit – von Publizistik, Dichtung und Theater, Musik, Kunst, Mode über die Illuminaten und Freimaurer, Numismatik und Theologie bis hin zu Naturwissenschaften beleuchtet er so viele Aspekte des intellektuellen Gotha um 1800. Wie bekommt man das „unter einen Hut“?
Das war eine große Herausforderung. Wir haben es mit dem Konzept „residenzstädtische Verdichtung“ versucht. Das meint zum einen, dass Städte wie Gotha, die um einen Hof herum strukturiert sind, sehr gute Ausgangsbedingungen für innovative Milieus besitzen, denn sie können große Bibliotheken, reichhaltige Sammlungen, Instrumentenparks und Archive vorweisen, dazu eine flexible Förderstruktur. Zum anderen meint es, dass die vielen klugen Leute auf engem Raum sich wechselseitig befruchten – der Verleger Ettinger schart Literaten um sich, um Zeitschriftenprojekte zu starten; der Astronom Zach kann den Geologen Hoff oder Schlotheim zeigen, wie man ein naturwissenschaftliches Journal aufzieht; der Theaterkritiker Reichard profitiert vom Hoftheater Ekhofs ebenso wie von den Verlegern.

Gotha steht bis heute oft im Schatten Weimars. Warum ist das eigentlich so und was übersieht man aus Ihrer Sicht, wenn man die Aufklärung um 1800 vor allem von Weimar aus denkt?
Man übersieht eine Menge. Vereinfacht gesagt: Weimar steht für Klassik, Gotha für Aufklärung. Weimar für Literatur, Gotha für Naturwissenschaft, Gelehrsamkeit, Volksaufklärung und Publizistik. In Gotha gab es eine gelungene Verbindung von aufgeklärtem Fürsten und einem Stadtbürgertum, das mit diesem Fürsten an einem Strang zog. Vermittlungsmedium war nicht zuletzt der Illuminatenbund, denn in der Gothaer Illuminatenfiliale sammelten sich die engagiertesten und hellsten Köpfe der Stadt, während der Herzog das Oberhaupt der Illuminaten in ganz Deutschland war – freilich ohne dass man das öffentlich machte.

Ihr neues Buch zeichnet Gotha als Zentrum einer erstaunlich breiten intellektuellen Landschaft. Was hat Sie bei der Beschäftigung mit dieser Vielfalt am meisten überrascht?
Überraschend fand ich immer wieder die Querverbindungen, die bei normalen Untersuchungen unter den Tisch fallen, etwa wenn man nur auf die Naturwissenschaftler schaut oder nur auf die Literaten. So waren etwa im Geheimen Archiv sowohl der Physiker Christian Ludwig Lichtenberg als auch der Schriftsteller Friedrich Wilhelm Gotter als auch der Geologe Karl Ernst Adolf von Hoff angestellt; sie verrichteten dort Schreibaufgaben, konnten sich aber nebenbei über ihre verschiedenen Leidenschaften unterhalten. Oder: Adam Weishaupt, der Illuminatengründer im Gothaer Exil, freundet sich mit dem Superintendenten Löffler an, der aus Berlin wegen seiner dort zu freien theologischen Ansichten geflohen war, und auch mit Becker, dem Volksaufklärer.

Sehen Sie Gotha eigentlich als Sonderfall – oder als Beispiel für andere bislang unterschätzte Residenzstädte?
Es gab ansatzweise auch noch andere Städte im Reich, in denen man gelungene residenzstädtische Verdichtung erkennen kann – wenn auch nicht viele. Jedesmal sind die Konstellationen und Umstände andere. Doch ich denke, dass unser Sammelband ein gutes Modell abgibt, wie man solche Fälle in den Griff bekommen kann. Es braucht dazu allerdings eine sehr gute Archivlage (wie wir sie in Gotha haben) und die vereinte Anstrengung vieler Forscher, um das alles aufzuarbeiten. In unserem Band waren es 24 Forscher, und jeder einzelne Beitrag benutzt bisher unbekannte handschriftliche Quellen, Briefe, Kleinschriften; viele betreten Neuland.

Viele heute weniger bekannte Figuren wie Rudolph Zacharias Becker oder Heinrich August Ottokar Reichard spielten damals in Gotha eine bedeutende Rolle. Warum sind sie dennoch aus dem kulturellen Gedächtnis weitgehend verschwunden?
Weil das kulturelle Gedächtnis sich auf wenige Persönlichkeiten konzentriert, und die, die bekannt sind, auch diejenigen sind, die immer weiter beforscht werden. Das führt zu einer Spirale, zu einer immer größeren Verzerrung des Bildes. Waren um 1800 die Bekanntheitsunterschiede zwischen einen Wieland oder Herder auf der einen Seite und einem Reichard oder Becker auf der anderen Seite noch nicht so gravierend – auch wenn sie schon da waren –, so hat sich das später immer weiter verstärkt und auseinanderentwickelt. Unsere Aufgabe als Historiker sehe ich darin, die Maßstäbe wieder zurechtzurücken und die zu Unrecht Vergessenen wieder ans Licht zu holen.

Gibt es eine Persönlichkeit aus dem Gothaer Umfeld um 1800, die Sie den Leser*innen des Bandes besonders ans Herz legen wollen würden?
Oh, da gibt es mehrere. Becker selbst ist ein enorm kluger Mann gewesen, das erkennt man, wenn man seine Auftritte bei den Illuminaten und Freimaurern verfolgt. Ewald ist noch völlig unterschätzt. Er war einer der ersten Propagatoren von Kant in Deutschland, hat anonym eine demokratische Reform der Reichsverfassung angeregt, die auf die Ideale von 1848 vorausweist; Schlotheim ringt seinem Hofbeamtendasein ein großartiges wissenschaftliches Werk ab, die Begründung der Disziplin der Paläobotanik. Und ich könnte so weitermachen: der Schulmann Friedrich Andreas Stroth, der Bibliothekar Friedrich Jacobs (beide nebenbei Romanschreiber) und so weiter, und so weiter.

Ein Kapitel des Buches widmet sich auch der Freimaurerei und dem Illuminatenorden, der in Gotha ein Zentrum hatte. Was sagt das über das geistige Klima der Stadt aus?
Wir haben uns gefragt, wie viel man in der Stadt vom Geheimbund der Illuminaten wusste, oder zumindest munkelte. Der Treffpunkt, so haben wir herausgefunden, war das Gärtnerhaus hinter dem Schloss, wo man kaum gesehen werden konnte. Die Geheimhaltung scheint größtenteils geklappt zu haben. Man sollte aber nicht glauben, dass das bedeuten würde, man habe in Gotha esoterische Themen und abseitige Spinnereien verfolgt. Nein, das Illuminatentum ging völlig in Aufklärung auf – weder in Revolutionsträumen noch in Unterwanderung. Man hatte ja den Fürsten auf seiner Seite.

Das Buch zeigt Aufklärung nicht nur als philosophisches Projekt, sondern als gelebte Praxis. Wie äußerte sich diese Aufklärung konkret im Alltag der Residenzstadt?
In den Illuminatenkreisen machte man alle paar Wochen Vorschläge, wie man die Landbevölkerung besser bilden könne, was bei Hochwasser zu tun sei und dass Fernrohre an die Schulen verteilt werden sollten. Herzog Ernst förderte die Wirtschaft; er stiftete eine Witwen- und Waisenunterstützung, Pastor Löffler eine Armenschule, Minister Franckenberg ein Krankenhaus. Gotha ging ins 19. Jahrhundert als eine sozial gut ausgewogene Stadt mit einem liberalen Bürgertum ein. 

War Gotha so etwas wie ein Experimentierraum für neue Formen von Wissen, Öffentlichkeit und Medien?
Ja, dieser Umstand ist wenig bekannt. Da Gotha in der Mitte Deutschlands liegt, mit Postverbindungen nach Nord und Süd, nach Ost und West, konnte es zum Medienstandort werden. Becker hat von hier aus den „Reichs-Anzeiger“ publiziert, ein Intelligenzblatt zum täglichen Austausch nützlicher Informationen (was heute das Internet übernimmt), und auch die „Deutsche Zeitung“; beides waren Deutschland-weite Organe, was damals völlig neu war. Die „Gothaische gelehrte Zeitung“ hatte einen guten Ruf und galt als eine der besten im Reich.

Und welche Rolle spielte seinerzeit der Herzog für die wissenschaftliche und kulturelle Blüte Gothas?
Herzog Ernst II. war ein hochgebildeter, bescheidener, aufklärerischer Herrscher, ein Förderer der Wissenschaften. Er war auch ein Mann, der es im Kreise seiner altgedienten Kanzler und hohen Hofchargen nicht immer einfach hatte und deshalb auf die Überholspur wollte: per Geheimbund an der Hofverwaltung vorbei. Sicherlich kann er als ein zentraler Motor der Entwicklung gelten. Aber was wäre er ohne die vielen Intellektuellen in der Stadt gewesen, die eigentlichen Träger dieser kulturellen Blüte? 

Sie kamen 2008 als Direktor des Forschungszentrums Gotha der Universität Erfurt in die Residenzstadt. Hat die Arbeit an diesem Band auch Ihren eigenen Blick auf den Ort verändert?
Absolut. Ich wusste 2008 sehr wenig über Gotha und hatte zunächst auch Beschäftigungen aus anderen Kontexten mitgebracht, vor allem zur Radikalaufklärung. Aber nach und nach habe immer mehr über Gotha gelernt, erst über die Zeit um 1700, dann, ab 2013, über die Illuminaten, danach, ab 2018, im Rahmen des Sammlungs- und Forschungsverbunds Gotha, über die Zeit um 1800, die er sich auf die Fahnen geschrieben hatte. Mein Blick ist sozusagen immer genauer und tiefenschärfer geworden, keineswegs nur durch eigene Arbeiten, sondern auch durch die meiner Kollegen und Doktoranden.

Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser nach der Lektüre über Gotha um 1800 neu oder anders sehen?
Ich wäre froh, wenn die Leserinnen und Leser neugierig würden und einen Sinn dafür bekämen, wie viel in Gotha immer noch zu erforschen ist.