„Ich habe immer wieder neue Themen angepackt“

Vorgestellt
Prof. Dr. Anja Rathmann-Lutz

Mit ihrem Studium der Kunstgeschichte und des Museumsmanagements in Hamburg hätte sie auch Leiterin eines Museums werden können. Sie entschied sich anders – für eine akademische Karriere. Zum Glück für die Universität Erfurt. Zum 1. März hat Anja Rathmann-Lutz hier die Professur für die „Geschichte der Materialitäten“ an der Philosophischen Fakultät übernommen. Wie das kam und was sie in Erfurt vorhat – für unseren Forschungsblog „WortMelder“ haben wir mit der gebürtigen Heidelbergerin darüber gesprochen…

Was man sich unter „Geschichte der Materialitäten“ vorstellen muss und was genau sie an dieser Professur gereizt hat, fragen wir Anja Rathmann-Lutz, die nicht lange überlegen muss. „Ich habe immer schon interdisziplinär zwischen Geschichtswissenschaft und Kunstgeschichte gearbeitet mich dabei sehr viel mit Objekten und Materialien beschäftigt – nicht nur im Museumsbereich. Ich frage danach, mit welchen Materialien, z.B. Holz, Textilien, Metall usw., sich Menschen umgeben, wie sie im Mittelalter ihre Welt wahrnahmen und gestalteten. Mich interessieren ihre Zeitvorstellungen, ihr Umgang mit Verlust, wie Wissen gesammelt und weitergegeben wurde. Damit befasse ich mich in verschiedenen Projekten – nicht allein, sondern gemeinsam mit vielen tollen Kolleg*innen aus unterschiedlichen Fächern. Und dann arbeite ich noch an einem größeren Projekt, das mich schon länger beschäftigt: Vielleicht kennen Sie die Metapher vom ‚body politic‘, das Bild eines Staates oder Gemeinwesens, das aus verschiedenen Körperteilen zusammengesetzt ist und damit auch die Ordnung dieser Gemeinschaft abbildet? Der König ist der Kopf usw. In der Forschung zur Geschichte der politischen Ideen war dieser Körper immer abstrakt. Mich interessiert nun, wie physische Körper, ‚Leiber‘ könnte man auch sagen, und der Diskurs über sie z.B. in Recht, Medizin und Kunst Einfluss auf dieses Bild und die damit verbundenen Politiken haben. Sie sehen: Der Forschungsbereich ist unglaublich breit und die Denomination meiner Professur ‚Geschichte der Materialitäten‘ umfasst eben genau diese Breite. Das hat mich angesprochen. Dieses Feld jetzt konkret zu bestellen und mit den Kolleg*innen (nicht nur) im Historischen Seminar, an die das alles sehr anschlussfähig ist, zusammenzuarbeiten, ist für mich eine wunderbare Perspektive.“ 

Dass die Welterbe-Stadt Erfurt mit ihren mittelalterlichen jüdischen Stätten für die Historikerin mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance die Professur zusätzlich interessant gemacht hat, daraus macht sie keinen Hehl: „Ich freue mich sehr darauf, an der Forschung und Vermittlung dieses ‚Schatzes‘ mitwirken zu können.“

Im Gespräch wird schnell deutlich, die Thüringer Landeshauptstadt, die sie bereits aus früheren privaten Besuchen und von Tagungen kennt, hat es Anja Rathmann-Lutz wirklich angetan: urbaner als Ansbach, wo ihre Familie wohnt, aber deutlich überschaubarer als Hamburg, wo sie ebenfalls viele Jahre verbracht hat, dazu die mittelalterliche Altstadt, das grüne „Drumherum“ und die guten Verkehrsverbindungen in alle Richtungen – all das hat ihr die Entscheidung, nach Erfurt zu kommen, leicht gemacht. Der Unicampus mit seinen kurzen Wegen, die vielen Möglichkeiten, mit Kolleginnen und Kollegen auch interdisziplinär zusammenzuarbeiten und nicht zuletzt der reiche Fundus an Objekten in den Gothaer Sammlungen – „es fügt sich einfach alles wunderbar zusammen“, sagt die Historikerin. 

Die 49-Jährige muss es wissen, denn sie ist schon ziemlich viel „herumgekommen“: Studium und Promotion in Hamburg; Post-doc im Bereich Mittelalter und Renaissance an der Universität Basel, wo sie sich auch habilitierte; fünf Jahre Aufenthalt in Schweden; Akademische Oberrätin an der Universität Bielefeld; Professur-Vertretung in Tübingen; Projektmitarbeit an der Universität Oldenburg und nun: Erfurt.

Als Professorin möchte Anja Rathmann-Lutz hier nicht nur ihre Forschungserfahrung, sondern auch die Erfahrungen aus zahlreichen Lehr- und Lernsituationen einbringen. „Im Sommersemester starte ich mit einer Vorlesung zu Menschen, Tieren und Monstern im Mittelalter und mit Seminaren zu Textilien und den vier Elementen. Außerdem werde ich zu ‚meinen Themen‘ lehren, z. B. Stadtgeschichte, Körpergeschichte, Geschichte Westeuropas, Mittelalterfilme, u.v.m., hoffe aber auch, dass die Studierenden eigene, neue Themen einfordern, in die ich mich dann einarbeiten kann“, erklärt sie. „Ich habe immer wieder neue Themen angepackt, mich nicht auf eine Spezialisierung versteift, auch das passt denke ich gut zu der jungen, alten Uni Erfurt: eine gute fachliche Basis zu haben und offen für Neues zu sein.“

Wir sagen: Herzlich willkommen!

Kontakt:

Prof. Dr. Anja Rathmann-Lutz
E-Mail: anja.rathmann-lutz@uni-erfurt.de