Ein breites Bündnis aus 15 deutschlandweit aktiven Organisationen fordert: Wer Lehrerin oder Lehrer werden will, soll lernen, wie man Kinder schützt – vor Vernachlässigung, psychischer, körperliche und sexuelle Gewalt. An der Universität Erfurt ist das bereits gelebte Praxis...
Stell dir vor, du bist Lehrerin oder Lehrer. Ein Kind in deiner Klasse wirkt seit Wochen verändert: still, unkonzentriert, vielleicht immer müde oder ohne Pausenbrot. Was tust du? Wen sprichst du an? Und was darfst du rechtlich überhaupt? Diese Fragen sind der Kern von Kinderschutz in der Schule. Und genau darauf werden angehende Lehrkräfte in Deutschland oft nicht systematisch vorbereitet. Ein breites Bündnis aus 15 Organisationen, darunter Studierendenvertretungen, Gewerkschaften sowie Eltern- und Betroffenenverbände, spricht deshalb von einem „blinden Fleck“ der Lehrkräftebildung. Wer heute ein Lehramtsstudium abschließt, kann die Hochschule verlassen, ohne je gelernt zu haben, wie man Anzeichen von Gewalterfahrungen erkennt und rechtssicher handelt. Ob ein betroffenes Kind auf eine handlungssichere Lehrkraft trifft, ist dann oft Glückssache.
Am Mittwoch, 14. Oktober 2026, stellt das Bündnis in Berlin ein bundesweites Forderungspapier vor. Auf dem Podium sitzen unter anderem Noah Dejanović, Initiator des Projekts „Kinderschutz im Studium“, und Tabea Herbst vom Studierendenverband fzs.
Alarmierende Zahlen
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen für sich: Im Jahr 2025 stellten die Jugendämter bei rund 79.800 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung fest. Das ist der vierte Höchststand in Folge. Seit Beginn der Zählung 2012 hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Hinzu kommen rund 268.300 Verdachtsfälle, die die Jugendämter geprüft haben. Dabei geht es am häufigsten um Vernachlässigung und psychische Gewalt, aber auch körperliche und sexuelle Gewalt. Viele Kinder sind sogar von mehreren Formen gleichzeitig betroffen. Die Tatsache, dass heute genauer hingeschaut und häufiger gemeldet wird als früher, mag ein Grund für den Anstieg der Fallzahlen sein. Zugleich erfasst die Statistik nur Fälle, die den Behörden bekannt werden. Wie viele unerkannt bleiben, zeigt sie dagegen nicht.
Hier kommt die Schule ins Spiel: Lehrkräfte sehen Kinder beinahe jeden Tag. So kommen auch rund 16 Prozent der Hinweise an die Jugendämter von Schulen und Kindertagesbetreuungen. Je besser Lehrkräfte vorbereitet sind, desto eher kann ein Kind Hilfe bekommen.
An der Universität Erfurt werden Lehrkräfte für Grund-, Regel- und Berufsbildende Schulen sowie Förderpädagoginnen und Förderpädagogen ausgebildet. Für sie ist Kinderschutz kein „blinder Fleck“, sondern Teil der Ausbildung.
Pflicht-Begleitkurs im Komplexen Schulpraktikum
„Im Komplexen Schulpraktikum, in dem unsere Studierenden ihre bis dahin im Studium erworbenen fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Kompetenzen mit der Schulpraxis verbinden, absolvieren die angehenden Grund- und Regelschullehrkräfte auch einen Begleitkurs zum Thema Kinderschutz“, sagt PD Dr. habil. Benjamin Dreer-Göthe, wissenschaftlicher Geschäftsführer der Erfurt School of Education, die an der Universität Erfurt für die Lehrer*innenausbildung verantwortlich ist. Geleitet wird der Kurs von Victoria Eckardt vom Kinder- und Jugendschutzdienst HAUT-NAH, also von einer Praktikerin, die im Alltag genau mit diesen Situationen zu tun hat. Im Kurs vermittelt sie nicht nur, welche Arten von Kindeswohlgefährdung es gibt und wie man sie erkennt, sondern auch, welche Handlungsmöglichkeiten Lehrkräfte in solchen Fällen haben und vor allem wie man präventiv mit Kindern und Jugendlichen arbeiten kann. Im geschützten Raum haben die Studierenden dabei überdies die Möglichkeit, Fragen zu stellen, bekommen Einblicke in Fallbeispiele und lernen zugleich, sich auch selbst für herausfordernde Situationen im schulischen Umfeld zu wappnen. „Kinderschutz kann Lehrkräfte vor Situationen stellen, die emotional belasten und in denen es keine einfachen Antworten gibt. Zweifel, Sorgen vor Fehlentscheidungen und Konflikte mit Beteiligten können dazugehören. Deshalb kommt es nicht allein auf Wissen und individuelle Handlungskompetenz an, sondern auch auf klare Verfahren, verlässliche Teamarbeit und Unterstützung im schulischen Umfeld. Unser Begleitkurs schafft dafür eine erste Grundlage: Er sensibilisiert angehende Lehrkräfte für die Herausforderungen des Kinderschutzes und bietet Raum, sich mit Handlungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen. Zugleich bleibt es eine Aufgabe der Schulen und Schulverwaltung, die notwendigen Unterstützungsstrukturen zu schaffen und das Wohlbefinden der Lehrkräfte im schulischen Alltag im Blick zu behalten“, erklärt Benjamin Dreer-Göthe. Er beschäftigt sich seit Langem wissenschaftlich mit dem Wohlbefinden von Lehrkräften, einem Thema, das ebenfalls zunehmend an Bedeutung gewinnt. Denn so schön der Beruf ist, so viele Herausforderungen – nicht zuletzt für die mentale Gesundheit – bringt er für Lehrer*innen mit sich.
Dissertationsprojekt
Auch Kati Unger, selbst ehemalige Lehramtsstudentin in Erfurt, beschäftigt sich mit dem Thema und promoviert aktuell an der Universität Erfurt über „Kinderschutz als Anforderung und Ressource von Lehrkräften“. Sie fragt, was Kinderschutzprozesse von Lehrkräften verlangen und was ihnen hilft, damit professionell umzugehen. „Dabei schaue ich zum einen, welche Anforderungen der Kinderschutz an Lehrkräfte stellt, und zum anderen, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen, um diese Herausforderungen professionell bewältigen zu können“, erklärt sie. Ein besonderer Fokus liegt darauf, wie sich diese Prozesse auf das persönliche und berufliche Wohlbefinden der Lehrkräfte auswirken und welche Bedingungen dazu beitragen, Kinderschutz nachhaltig, verantwortungsvoll und zugleich gesundheitsförderlich in den schulischen Alltag zu integrieren. Ein internationaler Forschungsüberblick, den Kati Unger und Benjamin Dreer-Göthe veröffentlicht haben, bündelt erstmals systematisch die bisherigen Erkenntnisse zu den Anforderungen, emotionalen Belastungen und Unterstützungsbedarfen von Lehrkräften im Kinderschutz. Im Ergebnis konnten verschiedene Handlungsfelder identifiziert werden, anhand derer sich die spezifischen Anforderungen und Ressourcen von Lehrkräften in der schulischen Kinderschutzarbeit differenziert untersuchen lassen. Diese bieten eine Grundlage, um besser zu verstehen, welche Herausforderungen in den unterschiedlichen Bereichen der Kinderschutzarbeit entstehen und welche Ressourcen Lehrkräfte benötigen, um ihnen professionell begegnen zu können. Darauf aufbauend lassen sich Ansatzpunkte für eine gezieltere Unterstützung von Lehrkräften entwickeln, die über die übliche Wissensvermittlung in Fortbildungen hinaus gehen.
Vorlesungsreihe für Studierende aller Fächer
Aber nicht nur Lehramtsstudierende beschäftigen sich an der Universität Erfurt mit dem Thema Kinderschutz und Kindeswohl: Im Studium Fundamentale, einem festen Bestandteil des Bachelor-Studiums an der Uni Erfurt ist, können Studierende aller Fächer die Veranstaltung „Kindeswohl: Förderung – Schutz – Recht“ besuchen, die regelmäßig von der Professur für Kirchenrecht angeboten wird. Das Kindeswohl wird darin aus rechtlicher, medizinischer, sozialer, psychologischer, theologischer und ethischer Sicht betrachtet. Jede Woche gibt es Vorträge von Fachleuten – Therapeut*innen und Ärzt*innen – und die Möglichkeit zum Austausch mit Praktiker*innen aus der Schule, der Jugendarbeit und Krisenintervention. Die Reihe wurde bereits mit dem „Preis für Internationalisierung“ der Universität Erfurt ausgezeichnet und 2023 in die Best-Practice-Liste des Projekts HRK ADVANCE aufgenommen.
Publikation
Passend zur Vorlesungsreihe haben Prof. Dr. Myriam Wijlens und Dr. Yeshica Marianne Umaña Calderón von der Universität Erfurt im Dezember 2025 im LIT Verlag das englischsprachige Fach- und Lehrbuch „The Wellbeing of the Child: Promotion – Protection – Rights“ veröffentlicht. Führende Expert*innen aus UN-Institutionen, akademischen und kirchlichen Einrichtungen sowie aus der beruflichen Praxis befassen sich darin mit Themen wie der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Kindern, mit Wahrheitsmechanismen und Schutzmaßnahmen gegen wiederholte Fälle systematischen Missbrauchs, der Beteiligung von Kindern an öffentlichen Entscheidungsprozessen, ethischen Fragen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz, psychologischen und medizinischen Auswirkungen der Corona-Pandemie sowie aktuellen Schutzbestimmungen, auch innerhalb der katholischen Kirche. „Die weltweiten Bemühungen um die Schaffung einer Welt, in der die Rechte der Kinder geachtet werden, sind noch nicht abgeschlossen und erfordern in der Tat mehr kritisches Denken aus verschiedenen Disziplinen. Die Beiträge in diesem Buch leisten einen wichtigen Beitrag zur Erfüllung dieser Notwendigkeit“, schreibt Benyam Dawit Mezmur, Mitglied und ehemaliger Vorsitzender des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes.
„Die genannten Beispiele zeigen, dass Lehre, Praxis und Forschung in Erfurt gut ineinandergreifen“, erklärt Benjamin Dreer-Göthe. „Angehende Lehrkräfte lernen die Grundlagen, üben mit Fachleuten aus der Praxis und profitieren von Forschung, die genau ihre künftigen Herausforderungen untersucht. Das ist genau das, was das Bündnis jetzt bundesweit fordert. Wir sind stolz, dass die Universität Erfurt hier vorangeht. Und wir hoffen, dass dieser Weg bald an vielen Hochschulen selbstverständlich ist, damit jedes Kind in der Schule auf eine Lehrkraft trifft, die weiß, was im Ernstfall zu tun ist.“