Es war eines der einschneidendsten und folgenreichsten Ereignisse der jüngsten Neuzeit: der Anschlag des 11. September 2001 in den USA. Vor 25 Jahren verübte eine Gruppe islamistischer Terroristen innerhalb weniger Stunden mehrere koordinierte Selbstmordattentate mit mehr als 3.000 Todesopfern – und traf die bis dahin scheinbar unverwundbare Supermacht mitten ins Herz.
Als die Bilder der brennenden Türme in New York um die Welt gingen, war Sophia Hoffmann 22 Jahre alt und studierte Internationale Beziehungen. Sie saß in Südengland vor einem Fernseher. Ihre erste Reaktion auf die Anschläge, schreibt sie heute, habe sie im Rückblick selbst erschreckt. 25 Jahre später blickt die Professorin für Internationale Politik und Konfliktforschung an der Universität Erfurt auf diesen Moment zurück – und auf die politischen Folgen, die der 11. September für ihre Generation hatte. In ihrem persönlichen Rückblick geht es Sophia Hoffmann deshalb nicht nur um die Anschläge selbst. Sie fragt, was der „War on Terror“, der Krieg gegen den Terror, mit der internationalen Politik gemacht hat – und mit ihrem eigenen Blick auf Gewalt. Ihre Erinnerung an die damalige Faszination für die Symbolik der Anschläge wird dabei zum Ausgangspunkt einer selbstkritischen Betrachtung: Wie leicht, so ihre zentrale Frage, wird das Leid einzelner Menschen unsichtbar, wenn Gewalt im Namen eines größeren politischen Ziels gerechtfertigt wird?
Am 11. September 2001, einem Dienstag, befand ich mich in den sanften Hügeln Südenglands. Devon ist eine milde, von Brombeerhecken gesäumte Gegend, die dem berühmten „Der Herr-der-Ringe“-Autoren J. R. R. Tolkien die Inspiration für „The Shire“ gab, der wohlhabenden, gesättigten Heimat des zufriedenen Hobbits Bilbo Beutlin. In diese Welt platzten die vier mit Kerosin betankten Passagierflugzeuge, die von den Attentätern entführt worden waren. Zwei von ihnen schlugen in New York in die Türme des World Trade Centers ein, eines in das Pentagon bei Washington, D. C., das vierte stürzte nach dem Eingreifen von Fluggästen in Pennsylvania ab. Wir haben die Explosionen an einem kleinen Fernseher im Wohnzimmer verfolgt. Gemeinsam mit Millionen weiterer Menschen waren wir über die Fernsehbilder live in Downtown Manhattan dabei, und starrten zusammen mit den Bewohner*innen dieser wunderbaren Metropole New York auf die flugzeugförmigen Löcher in den Twin Towers, auf die von Todesangst getriebenen Menschen, die sich aus großer Höhe in den Tod stürzten, um der Feuersbrunst zu entkommen. Wir waren zusammen mit ihnen fassungslos, als die beiden gigantischen Türme aus Stahl und Beton in sich zusammensackten, hinunterrauschten und dabei Tausende von Menschen mit in den Tod rissen.
Damals, vor dem Fernseher, war ich so elektrisiert vom ‚Charisma‘ dieser Tat, dass mir die Grausamkeit, das persönliche Leid der sterbenden Menschen und ihrer Angehörigen nicht ins Blickfeld rückten. Ich kann es heute zugeben: Als 22-jährige Studentin der Internationalen Beziehungen, zutiefst beschäftigt mit den ungerechten Machtverhältnissen der Welt, war mein erster, sofortiger Gedanke: „Sie haben das Herz des Imperiums getroffen. Unfassbar.“ Mein damaliger Freund, der englische Literatur studierte, war schockiert von meiner Reaktion. Wir stritten uns.
Der 11. September 2001 – ‚9/11‘ im US-amerikanisierten Sprachgebrauch – war der politisch folgenreichste Tag im Leben meiner Generation. Der mit Flugzeugturbinen dynamisierte Flügelschlag eines Schmetterlings, der ein weltweit spürbares Erdbeben auslöste. Die Entwicklungen, die dieser einzige Tag in der Weltgeschichte freisetzte, wirken auch heute nach. Eine analytische Verbindung zu einem der großen politischen Themen unserer Zeit – dem Aufstieg und Erfolg der AfD – ließe sich leicht ziehen: die nach ‚9/11‘ durch die USA losgetretenen Kriege im Nahen Osten; die daraus resultierende Destabilisierung des Irak, die Schwächung der Diktatur in Syrien und die Erschütterung des gesamten regionalen Gefüges, die darauf einsetzenden Massenfluchten, zunächst aus dem Irak, später aus Syrien; die mit Jahren Verzögerung auch in Deutschland ankommenden Menschen; und schließlich der Aufstieg der AfD mit dem Thema ‚Migration‘. Mit der Darstellung einzelner Auswirkungen diesen einen Tages, aber auch ihrer Gesamtschau, ließen sich Bücher füllen.
Die US-Regierung unter dem gerade gewählten George W. Bush begann einen bespiellosen weitweiten Feldzug gegen einen Gegner, der weitestgehend unsichtbar blieb. Auch unter dem folgenden Präsidenten Barack Obama wurde dieser Kampf fortgeführt und teils neu ausgerichtet. Der Feind hatte zwar einen Namen – al-Qaida – und auch ein Gesicht: das prophetenartige Antlitz des bald meistgesuchten Mannes der Welt, Osama bin Laden, mit langem weißen Bart, dunklen Augen und weißem Gewand.
Aber der Feind hatte keinen Staat, keine Armee, keine Atombomben, keine Infrastruktur und kein Territorium, und damit auch keine Grenze. Und da die Natur eines Feindes auch darüber bestimmt, wie man ihn bekämpft, wurde auch der Krieg gegen den Terrorismus zu einem grenzenlosen, amorphen und weitestgehend im verborgenen stattfindenden Krieg.“
Neben den beiden großen kinetischen Feldzügen gegen Afghanistan und gegen den Irak setzten die USA eine beispiellose, globale Geheimdienstoperation in Gang, die mit der Tötung Osama bin Ladens im Jahr 2011 einen dramatischen Höhepunkt erreichte. Zehn Jahre „War on Terror“ hatten es geschafft, den gewalttätigsten Widerstand gegen die von der USA geführten Globalisierung, denn nichts anderes waren al-Qaida und der sogenannte ‚islamische Terrorismus‘, zu brechen. Dieser Terrorismus hatte auch in Europa hunderte von Zivilisten das Leben gekostet – man denke an die Anschläge in Madrid (2004), London (2005) und Paris (2015). Doch der Krieg hatte im Gesicht von „Uncle Sam“ tiefe Spuren hinterlassen – man könnte sogar sagen: Er hatte die Fratze des Jokers enthüllt. Zu den Spuren der Verwüstung, die der „War on Terror“ im Nahen Osten, aber auch darüber hinaus hinterlassen hatte, gehörten die geheimen „Dark Sites“ in Polen und anderswo, das Foltergefängnis Abu Ghraib und Bagram, das globale Entführungsprogramm der „extraordinary rendition“ sowie die Gefangenen in Guantánamo Bay, die jahrelang ohne reguläres Gerichtsverfahren in einem extraterritorialen Niemandsland festgehalten wurden. Dazu zählten auch die US-geführten Schlachten um Falludscha und Mossul im Irak, die unzähligen Verbrechen US-amerikanischer Soldaten gegen die irakische und afghanische Zivilbevölkerung, sowie nicht zuletzt die vielen Einzelschicksale Hunderter unschuldiger Menschen, die durch Verwechslung oder andere Fehler ins Visier des Militärs oder der Nachrichtendienste gerieten. Die USA hatten die „liberale Weltordnung“ verteidigt. Doch der Preis war die Entzauberung vor aller Augen: die Enthüllung der Gewalt und Brutalität, auf denen diese Weltordnung immer gefußt hatte. Denn die Grausamkeit der Attentäter des 11. September war ein Echo auf die Gewalt, welche insbesondere die Gesellschaften im Nahen Osten seit Jahrzehnten erlitten hatten, durch erbarmungslose, mit Unterstützung der USA aufrechterhaltene Diktaturen und Gewaltherrschaften.
Der 11. September 2001 war somit zugleich ein Angriff auf die Globalisierung und einer ihrer Höhepunkte.
Die damals auch in Europa populäre demokratische Anti-Globalisierungsbewegung war damals im Aufschwung. Mit Weltsozialforen, Protesten gegen internationale Gipfeltreffen und Forderungen nach einer neuen globalen Finanzarchitektur formulierte sie ein Gegennarrativ zum Neoliberalismus: Kampf gegen zunehmende, wirtschaftliche Ungleichheit, Entschuldung, Solidarität mit den ärmsten Ländern, der Umbau internationaler Institutionen. Diese Bewegung mobilisierte die Jugend in aller Welt – und fand mit ‚9/11‘ ihr Ende. Denn nun war man „mit uns oder gegen uns“, wie George W. Bush formulierte. Kritik am Westen erschien als Nestbeschmutzung oder gar eine Verhöhnung der Opfer – oder wurde schlicht irrelevant. Die global koordinierten Proteste gegen den Irakkrieg am 15. Februar 2003 waren das letzte beeindruckende Aufbäumen dieser Bewegung.
In einer heute kaum vorstellbaren internationalen zivilgesellschaftlichen Koordination gelang es, weltweite Proteste zu organisieren, die sich mit der aufgehenden Sonne über den Globus von Ozeanien bis nach Südamerika ausbreiteten. Weltweit gingen an diesem Tag schätzungsweise 30 Millionen Menschen gegen den bevorstehenden Irakkrieg auf die Straße. Ihre Stimme verhallte völlig ohne Effekt. Einen Monat später begann der Krieg. Die Anti-Globalisierungsbewegung und ihre Hoffnung auf eine andere Welt war verloren, auch eine Folge von ‚9/11‘. An ihre Stelle trat die Klimaschutzbewegung. Vor allem diese bestimmte über die folgenden Jahrzehnte die Zukunftsvisionen und den Widerstandsgeist vor allem der westlichen Jugend: Sie prägte über lange Zeit die Zukunftsvorstellungen und den politischen Protest vieler junger Menschen, insbesondere im Westen. Zugleich unterschied sie sich in einem entscheidenden Punkt von der früheren Globalisierungskritik: Während diese unmittelbare politische und wirtschaftliche Veränderungen forderte, richteten sich die Ziele der Klimabewegung auf eine entfernte Zukunft („fossilfrei bis 2035“). Über lange Zeit ließen sich die Forderungen der Klimabewegung zudem problemlos in neoliberale Wirtschaftsmodelle integrieren, bis die Widersprüche des „Grünen Wachstums“ (erst in den letzten Jahren) zu offensichtlich, und daher konflikthaft wurden.
Die Erinnerung an meine Reaktion auf den nunmehr 25 Jahre zurückliegenden Terroranschlag ist mein persönliches Mahnmal gegen die Entmenschlichung der Opfer von Gewalt und Krieg. Unterschiedliche Formen der Distanz ermöglichen es uns, das Leid anderer auszublenden oder als bedauernswerte Folge vermeintlich unvermeidbarer Gewalt zu akzeptieren. Doch die Akzeptanz von Tod und Leid als einen Kollateralschaden im Kampf um ein vorgeblich größeres Ziel führt in die Barbarei!
Die Lehren und die Hoffnung, die im Attentat von ‚9/11‘ stecken, sind die des Humanismus, an dem kein Weg in Richtung einer besseren Welt vorbeiführt.
Prof. Dr. Sophia Hoffmann ist Politikwissenschaftlerin und Inhaberin der Professur für Internationale Politik und Konfliktforschung an der Universität Erfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen internationale Sicherheitspolitik, Nachrichtendienste, internationale Beziehungen des Nahen Ostens, Flüchtlingspolitik sowie humanitäre Hilfe und Entwicklungspolitik.
Sophia Hoffmann verfügt über langjährige internationale Forschungs- und Felderfahrung. Sie forschte u. a. in Syrien, Jordanien und dem Libanon und war vor ihrer Berufung nach Erfurt am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin, an der Universität Bremen sowie am Geneva Graduate Institute tätig. Zu ihren wissenschaftlichen Arbeiten zählen Forschungen zu deutsch-arabischen Geheimdienstbeziehungen, irakischer Migration und humanitärer Hilfe im Nahen Osten. In ihrer aktuellen Forschung beschäftigt sie sich insbesondere mit Nachrichtendiensten, internationaler Sicherheitspolitik und den politischen Dynamiken im Nahen Osten.