Warum Deutschland jetzt eine Fernuniversität für Krisenländer braucht

Gastbeiträge
Mann vor Computerbildschirm

Nicht erst der Krieg in der Ukraine hat es gezeigt, auch Myanmar und Afghanistan sind jüngere Beispiel dafür, dass kritische unabhängige Universitäten durch Autokratie und Diktatur ernsthaft bedroht sind. Immer mehr Stimmen werden laut, die nach Möglichkeiten rufen, gefährdete Wissenschaftler*innen zu schützen, sie institutionell auch in Deutschland anzudocken und so die Möglichkeiten zu erhalten, ihre Forschung fortzuführen. In unserem Gastbeitrag erklärt Achim Kemmerling, Inhaber der Gerhard Haniel Professur für Public Policy and International Development an der Willy Brandt School der Universität Erfurt, warum es seiner Meinung nach in Deutschland jetzt eine "Fernuniversität für Krisenländer" braucht...

"Allein im vergangenen Jahr haben uns mehrere Schlüsselereignisse gezeigt: Wir brauchen unabhängige, kritische Universitäten gerade im Bereich Sozial- und Geisteswissenschaften. Der grausame Militärputsch in Myanmar hat es vorgemacht. Zur Erinnerung: Das Land hatte sich 2010 gerade vorsichtig geöffnet und unter anderem sozialwissenschaftliche Programme, die für Jahrzehnte verboten waren, wieder zugelassen. All dies wurde im Februar 2021 durch den Putsch zunichtegemacht. Der Grund dafür ist klar: Diktaturen fürchten kritische Wissenschaften.

Der Kollaps der westlich unterstützten Regierung in Afghanistan war das nächste deutliche Alarmzeichen. Alumni der Universität Erfurt mussten entweder aus dem Land fliehen oder ihre Zeugnisse verbrennen. Sonst galten sie als Kollaborateure. In einem Regime, das Frauen am liebsten zu Hause einsperren möchte, sind unabhängige Wissenschaften undenkbar.

Jetzt Russlands Krieg in der Ukraine. Die Folgen für russische Hochschulen sind dramatisch. Dissidenz wird nicht geduldet. Studierende, die sich an Protestkundgebungen beteiligen, werden exmatrikuliert, viele werden inhaftiert. Es wird immer deutlicher, dass kritische unabhängige Universitäten durch die Autokratiewelle ernsthaft bedroht sind. Was kann man tun?

Für internationale Kooperationen im Hochschulbereich gibt es generell drei Möglichkeiten. Erstens: Man bringt Studierende und Dozent*innen nach Deutschland. Generell ist Studierendenaustausch auch immer für Völkerverständigung hilfreich und wertvoll. Konkret auf die Lage in der Ukraine angewandt ist die Aufnahme von Flüchtenden an Universitäten eine enorm wichtige Nothilfemaßnahme. Jedoch kommt man mit solchen Maßnahmen nur begrenzt weiter, weil sie auf Einzelförderung hinauslaufen und deshalb die Multiplikatoreneffekte nicht besonders groß sind.

Zweitens: Man hilft beim Aufbau von Hochschulen in Krisenländern, etwa indem man Mittel und Expert*innen in diese Länder schickt. In der Entwicklungszusammenarbeit wird dies bisweilen und teilweise auch zurecht argwöhnisch beäugt, denn man fördert ja zunächst v.a. deutsche Expertise. Das Ganze hat auch schnell einen Hauch von Paternalismus und Eurozentrismus, nach dem Motto: Wir Deutschen wissen alles besser. Dennoch ist eine solche Kooperation eine gute Maßnahme, wenn auch nicht ganz einfach. In Myanmar haben wir zwischenzeitlich damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Potenziell sind die Multiplikatoreffekte viel größer, weil die Mittel vor Ort vielen Leuten dienen können. In wirklichen Krisen- und Kriegsländern geht das natürlich nicht mehr.

Deshalb bietet sich drittens an, für Studierende (und Dozent*innen) aus Krisenländern Möglichkeiten zu schaffen, ihr Studium oder ihre Weiterbildung aus der Distanz in Deutschland zu beginnen oder fortzusetzen. Logistisch ist dies natürlich keinesfalls trivial. Russland beispielsweise baut sich selbst eine digitale, vom Westen abgeschottete Infrastruktur (Internet, Soziale Medien), um sich von ausländischen Einflüssen unabhängig zu machen. Dennoch: Es gibt selbst für burmesische und russische Studierende immer bessere Möglichkeiten, von den dortigen Behörden unerkannt, Studien aufzunehmen. Und die Nachfrage ist groß. 

Diese dritte Option ist, wie gesagt, nicht ganz einfach. Aber es gibt Möglichkeiten. Und wir können dazulernen. Ich denke, Deutschland sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Was wir brauchen, ist eine Mischung aus Radio Free Europe und einer Distanzuniversität, vor allem für Krisenländer und für gefährdete Disziplinen. Deutschland kann das. Institutionen wie die Fernuniversität Hagen haben jahrzehntelange Erfahrung in der Distanzausbildung. Wir sind sehr gut in der Ausbildung einer großen Zahl an Studierenden. Wir schaffen das mit vernachlässigbaren Studiengebühren.

Natürlich kosten Universitäten Steuergelder. Aber dies sollte es uns wert sein, ganz davon abgesehen, dass wir gegenüber Ländern wie z.B. Afghanistan eine moralische Bringschuld haben. Generell gibt es gute Gründe, Gelder aus dem Entwicklungs- und Bildungsetat der Bundesregierung für ein solches Projekt zu mobilisieren. Auch aus außen- und sicherheitspolitischen Gründen müssen wir solche Initiativen fördern.

Eine solche Universität hätte ganz andere Multiplikatorenwirkung. Sie würde dazu beitragen, Studierenden vor Ort Wahlmöglichkeiten zu bieten. Sie würde dazu führen, Strukturen und Menschen zu stärken, die vor Ort etwas aufbauen und verändern möchten. Und sie würde nebenbei vermitteln, für welche Werte die Bundesrepublik steht: Bildung für alle, egal welchen Geschlechts oder welcher Herkunft.

Was wir dafür brauchen, ist politischer Wille, so etwas zu fördern. Wir leben in neuen Zeiten. Zeiten, in denen für selbstverständlich gehaltene Dinge, etwa die Bedeutung von Demokratie und Menschenrechte, das friedliche Zusammenleben von Menschen in Europa, nicht mehr gelten. Deshalb müssen wir alles dafür tun, Menschen zu kritischem unabhängigem Denken zu animieren und für eine tolerantere Welt einzutreten. Eine Distanzuniversität könnte hier neue Wege beschreiten."

Kontakt:

Inhaber der Gerhard Haniel Professor für Public Policy and International Development
(Willy Brandt School of Public Policy)
Nordhäuser Straße 84 / Raum 0206
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Die Sprechstunde findet auf Webex statt.
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