„Wissenschaftsfreiheit ist ein Seismograf für demokratische Entwicklungen“

Einblicke
Bildkollage Porträtfoto Dr. Ilyas Saliba lächelnd, dunkle Haare, weißes Jacket auf blauem Hemd, Einblicke, rechts oben eins Grafik eines Wissenschaftlers in einem Käfig

Am Sonntag wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Angesichts aktueller Umfragewerte steht dabei auch die Frage im Raum, ob erstmals eine AfD-geführte Landesregierung entstehen könnte – mit möglichen weitreichenden Folgen für Hochschulen und Wissenschaftsfreiheit.
Wissenschaftsfreiheit ist eine zentrale Säule offener und demokratischer Gesellschaften. Sie ermöglicht ergebnisoffene Forschung, unabhängige Lehre und die kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Annahmen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Doch sie ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr: Weltweit steht die Wissenschaftsfreiheit zunehmend unter Druck – nicht nur in autoritären Staaten, sondern auch in scheinbar gefestigten Demokratien. Wie steht es aktuell um die Wissenschaftsfreiheit, welche Muster lassen sich bei ihren Einschränkungen erkennen und welche Rolle spielen Wissenschaftsverlage? Darüber haben wir für unseren Forschungsblog „WortMelder“ mit Dr. Ilyas Saliba, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Internationale Politik und Konfliktforschung der Universität Erfurt, gesprochen.

Herr Dr. Saliba, der Academic Freedom Index (AFI) misst regelmäßig den Stand der Wissenschaftsfreiheit weltweit. Wo stehen wir aktuell?
Die Wissenschaftsfreiheit geht weltweit seit gut einem Jahrzehnt leicht, aber kontinuierlich zurück. Seit 2023 lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Staaten, in denen sie stark eingeschränkt oder eingeschränkt ist – zuletzt war das Mitte der 1970er Jahre der Fall.
Deutschland gehört weiterhin zu den Staaten mit einem hohen Maß an Wissenschaftsfreiheit. Allerdings verzeichnet der Academic Freedom Index auch hier seit 2024 einen messbaren Rückgang. Deutschland ist damit aus der internationalen Spitzengruppe, den zehn Prozent der freiheitlichsten Staaten in Bezug auf Wissenschaft, herausgefallen.

Überrascht Sie diese Entwicklung?
Der globale Rückgang zeichnet sich schon länger ab. Auffällig ist allerdings, wie schnell und breit Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie inzwischen auch in etablierten Demokratien unter Druck geraten. Eingriffe in die Hochschulautonomie, politisierte Förderentscheidungen, die Delegitimierung ganzer Forschungsfelder oder Polizeieinsätze auf dem Campus wären in Ländern wie den USA oder Deutschland in diesem Ausmaß vor wenigen Jahren noch schwer vorstellbar gewesen.

Warum ist die Wissenschaftsfreiheit ein wichtiger Indikator für den Zustand einer Demokratie?
Universitäten sind zentrale Orte der Wissensproduktion und des kritischen Diskurses. Wer demokratische Strukturen abbauen will, versucht deshalb häufig früh, die Unabhängigkeit von Universitäten einzuschränken. Forschung zu Themen wie Gewalt, Ungleichheit oder Menschenrechten kann zudem offiziellen Darstellungen widersprechen und dadurch autoritäre Narrative stören. Studien zeigen, dass Rückgänge der Wissenschaftsfreiheit häufig mit dem Abbau von Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Strukturen einhergehen oder diese Entwicklungen sogar vorwegnehmen. Wissenschaftsfreiheit kann deshalb gewissermaßen als Seismograf für autoritäre Veränderungen dienen.

Welche Muster beobachten Sie bei den Angriffen auf Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie?
Weltweit sehen wir ähnliche Entwicklungen: Der politische Druck auf Universitäten nimmt zu, Hochschulen werden stärker in ihrer Selbstverwaltung eingeschränkt und ganze Disziplinen als „ideologisch“ oder „unwissenschaftlich“ delegitimiert. Hinzu kommen politische Eingriffe in Forschungsförderung und Lehrinhalte.
Besonders unter Druck geraten häufig jüngere oder kritische Forschungsfelder und Forschende. Dahinter steht oft ein Zusammenspiel aus Kulturkampf, politischem Finanzierungsdruck und Einflussnahme auf die Hochschulen – mit dem Ziel, unliebsame Forschungs- und Lehrbereiche oder einzelne Wissenschaftler*innen zum Schweigen zu bringen. In Ländern wie den USA, Ungarn oder der Türkei wurden etwa Gender‑, Konflikt‑ oder Regionalstudien als „nicht wissenschaftlich“ diffamiert und einzelne Einrichtungen durch Mittel- oder Akkreditierungsentzug zur Schließung gedrängt. 

Was bedeutet das für die wissenschaftliche Publikationslandschaft? Welche Rolle spielen dabei die Verlage?
Wissenschaftsverlage sind zentrale Infrastrukturen des wissenschaftlichen Austauschs und damit auch für die Wissenschaftsfreiheit relevant. Wenn Verlage aus Angst vor politischen Kontroversen bestimmte Forschungsfelder meiden oder Publikationen trotz positiver Begutachtung nicht veröffentlichen, kann sich der publizierte Wissenskanon zunehmend verengen.
Gerade deshalb sollten wir aufmerksam sein, wenn beispielsweise Gender Studies, Queer Studies, Postkoloniale Studien oder Disability Studies unter Druck geraten. Die Vielfalt wissenschaftlicher Disziplinen und Perspektiven ist ein wichtiger Bestandteil einer freien Wissenschaft. Ein Angriff auf eine Disziplin oder Forscher*in ist ein Angriff auf die Wissenschaft als Ganzes.

Was können Wissenschaftsverlage konkret tun?
Verlage sollten ihre redaktionelle Unabhängigkeit klar absichern und transparent machen. Dazu gehören u. a. unabhängige Ombudspersonen oder Beiräte für Wissenschaftsfreiheit, klare Regeln gegen politische Einflussnahme sowie sichere und ggf. anonymisierte Einreichungswege für gefährdete Autor*innen.
Auch Programme zur Unterstützung von Wissenschaftler*innen, die aufgrund von Krieg oder Verfolgung ihre akademische Heimat verlassen mussten (Scholars at Risk), sollten ausgebaut werden. Gleichzeitig braucht es faire Open-Access-Modelle, die Forschende aus dem Globalen Süden und konfliktbelasteten Kontexten nicht aufgrund fehlender finanzieller Mittel vom Publizieren ausschließen.

Sie sprechen sich für Ombudsstellen für akademische Freiheit in Verlagen aus. Wie könnten diese konkret arbeiten?
Unabhängige Ombudspersonen oder Gremien könnten Beschwerden über politische Einflussnahme, Drohungen gegen Autor*innen oder Druck auf Herausgeber*innen vertraulich aufnehmen und prüfen. Sie könnten Empfehlungen an die Verlagsleitung geben und dabei auf etablierte Standards und Daten zur Wissenschaftsfreiheit zurückgreifen.
Darüber hinaus könnten sie Verlage bei Fragen des Schutzes gefährdeter Autor*innen beraten, etwa bei anonymisierten Einreichungsverfahren und sicheren digitalen Infrastrukturen. Durch den Austausch von Erfahrungen und Best Practices könnten solche Stellen auch dazu beitragen, gemeinsame Standards für die Branche zu entwickeln.

Die Rolle der Verlage für die Wissenschaftsfreiheit war zuletzt u. a. bei der Frankfurter Buchmesse und der Konferenz „Academic Publishing Europe“ in Berlin ein Thema. Wird die Bedeutung der Wissenschaftsfreiheit von den Verlagen und ihre Verantwortung dabei inzwischen stärker wahrgenommen?
Das Problembewusstsein ist gewachsen. Viele Verlage sind sich ihrer Verantwortung inzwischen stärker bewusst. Es gibt bereits Instrumente – von Ombudsstrukturen über Open-Access-Politiken bis hin zu digitalen Sicherheitsstandards.
Was aber bislang fehlt, ist eine konsistente, branchenweite Praxis. Zwischen Problembewusstsein und konkreten gemeinsamen Standards klafft noch eine deutliche Lücke.


Dr. Ilyas Saliba

Dr. Ilyas Saliba ist Politikwissenschaftler und Postdoktorand an der Universität Erfurt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Autoritarismus, Menschenrechte, Zivilgesellschaft und internationale Politik mit einem regionalen Fokus auf Westasien und Nordafrika. Darüber hinaus beschäftigt er sich intensiv mit Wissenschaftsfreiheit, Hochschulautonomie und den politischen Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit.

Ilyas Saliba verfügt über langjährige Erfahrung in Forschung, Politikberatung und zivilgesellschaftlicher Arbeit. Unter anderem war er am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und beim Global Public Policy Institute tätig. Dort arbeitete er auch zum Academic Freedom Index. In seiner aktuellen Forschung untersucht er insbesondere politische Eingriffe in die Wissenschaft und die zunehmenden Einschränkungen akademischer Freiheit.