Vier Monate Südkorea, viele neue Perspektiven – und ein Alltag, der sich deutlich von dem in Deutschland unterscheidet: Jule-Marie, Master-Studentin der Staatswissenschaften an der Universität Erfurt, verbrachte ein Semester an der Chungnam National University (CNU) in Daejeon. In unserem Gespräch berichtet sie von Visahürden, Wohnheimregeln mit Punktesystem und spannenden Seminaren. Kurz vor dem Ende ihres Master-Studiums wollte die Studentin der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften noch einmal in eine andere Kultur eintauchen. Ein ganzes Jahr an der CNU zu verbringen, hätte sie im Nachhinein besser gefunden, aber jetzt steht das Verfassen der Master-Arbeit an.
Jule-Marie, warum hast du dich für Südkorea und speziell für die Chungnam National University entschieden?
Ich wollte mein Master-Studium mit einer internationalen Erfahrung abschließen, die sich stark von dem abhebt, was ich bislang kannte – und Südkorea hat mich schon lange gereizt. Daejeon ist mit rund 1,5 Millionen Einwohner*innen eine der größten Städte des Landes und gleichzeitig wenig touristisch. Genau das fand ich spannend. Man erlebt dort die koreanische Kultur ungefiltert. Außerdem ist die Chungnam National University eine renommierte staatliche Universität (auch in den kleinsten Städten Südkoreas ist sie den Menschen ein Begriff) mit starkem Schwerpunkt im Engineering-Bereich. Sie liegt direkt neben dem Korean Advanced Institute of Science and Technology (KAIST) – überhaupt spielen Wissenschaft und Forschung in Daejeon eine große Rolle. Mit 25.000 Studierenden gehört die CNU zu den flächenmäßig größten Universitäten des Landes, der Anteil internationaler Studierender macht dabei mit fünf Prozent aber eher einen kleinen Teil aus.
Was war in der Vorbereitung auf das Auslandssemester besonders herausfordernd für dich?
Die zwei größten Hürden lagen für mich beim Studentenvisum und beim verpflichtenden Tuberkulosetest für das Wohnheim. Für das Visum musste ich mich über das Korean Visa Application Center in Berlin bewerben. Die Bearbeitungszeit war in meinem Fall zwar überraschend kurz – selbst im Sommer nur etwa ein bis zwei Wochen –, aber darauf sollte man sich nicht verlassen. Sowohl die CNU als auch das Visa-Center lassen sich bei Dokumenten gern etwas Zeit. Mein Tipp: so früh wie möglich beantragen und genügend Puffer einplanen.
Der Tuberkulosetest war ebenfalls verpflichtend. Nach Rücksprache wurde bei mir aber auch ein Bluttest akzeptiert. Zusätzlich habe ich mich über empfohlene Reiseimpfungen informiert.
Eine weitere Herausforderung war die sogenannte Alien Registration Card (ARC), also der koreanische Ausweis. Eigentlich sollte die nach drei Wochen da sein, bei mir hat es aber acht Wochen gedauert. Das war organisatorisch schwierig, weil man viele Dinge – etwa Verträge abschließen oder Accounts eröffnen – ohne ARC nicht erledigen kann. Außerdem darf man während des laufenden Prozesses das Land offiziell nicht verlassen.
Wie hast du die Organisation und Kommunikation mit der Gasthochschule erlebt?
Durchwachsen. Es gibt unterschiedliche Koordinator*innen für verschiedene Regionen, und deren Zuverlässigkeit variiert stark. Teilweise gingen Mitteilungen unter oder ich bekam sehr kurze Fristen gesetzt.
Ich habe gelernt: E-Mails unbedingt parallel an die allgemeine Adresse des International Office (OIA) und an die zuständigen Koordinator*innen schreiben – und wenn möglich persönlich nachfragen. Mit Geduld und einer gewissen Hartnäckigkeit konnte ich am Ende dann doch alle Angelegenheiten klären.
Generell würde ich sagen: In Südkorea braucht man ein gewisses Maß an Flexibilität. Wenn man das mitbringt, lassen sich die meisten Probleme lösen.
Wie sehr hat sich das Studium an der CNU vom Studium an der Universität Erfurt unterschieden?
Da ich bereits am Ende meines Master-Studiums bin, empfand ich das englischsprachige Kursangebot auf Master-Niveau leider als ziemlich eingeschränkt. Die Liste der angebotenen englischsprachigen Kurse sollte man außerdem mit Vorsicht genießen, denn es gibt häufig Änderungen. Außerdem ist das Credit-System ein anderes: Ein koreanischer Credit entspricht ungefähr zwei ECTS-Punkten. Auch bei der Anrechnung gilt es, flexibel zu sein.
Was mich besonders überrascht hat, war die strikte Anwesenheitspflicht – selbst in Online-Kursen. Die Anwesenheit fließt sogar in die Endnote ein. Je nach Professor*in gibt es Zwischen- und Abschlussprüfungen oder zusätzliche Aufgaben wie Essays, Diskussionen, Quiz oder Präsentationen.
Gab es trotz des eingeschränkten Angebots Kurse, die du gern besucht hast?
Ja, auf jeden Fall. Der Kurs „Comparative Political Economy“ war sehr interessant und hat viele unterschiedliche Aspekte zusammengeführt. Sehr empfehlen kann ich auch die Kurse von Professor Park Honggyue im Bereich International Trade – inhaltlich anspruchsvoll und sehr tiefgründig – sowie die Veranstaltungen von Professorin Lee Hyobin. Sie ist sehr offen für Diskussionen und legt – eher untypisch für asiatische Bildung – Wert darauf, dass Studierende sich eine eigene Meinung bilden. Ihre Kurse haben mich motiviert, auch im Selbststudium weiter über die Themen aus dem Seminar nachzudenken.
Mit dem Aufenthalt in einem anderen Land ist oft auch die Kommunikation in einer anderen Sprache verbunden. Auch wenn deine Kurse an der CNU auf Englisch waren, welche Rolle hat die koreanische Sprache in deinem Alltag gespielt?
Eine sehr große. Ich empfehle allen Austauschstudierenden den Koreanisch-Intensivkurs, denn schon grundlegende Sprachkenntnisse helfen enorm, sei es im Alltag oder an der Universität. In Daejeon sprechen viele Menschen kaum Englisch. Mit ein paar koreanischen Sätzen kommt man oft deutlich weiter – gerade in Büros oder kleineren Geschäften. Außerdem fühlt man sich weniger überfordert von der Beschilderung und versteht auch englischsprachige Kurse, die von Koreaner*innen gegeben werden, teilweise besser.
Und wie gestaltete sich das Leben im Wohnheim?
Ich würde allen Austauschstudierenden empfehlen, im Wohnheim zu wohnen. Dort lernt man am schnellsten Leute kennen und ist mitten auf dem Campus verortet. Allerdings gibt es strikte Regeln, die durch ein Punktesystem kontrolliert werden. Bei zehn Minuspunkten wird man des Wohnheims verwiesen. Es gibt Ruhezeiten, Geschlechtertrennung, Besuchsregeln und Alarmübungen.
Das Gebäude 2, in dem viele Austauschstudierende untergebracht werden, ist allerdings recht alt. Einige hatten mit Schimmel oder Kakerlaken zu kämpfen. Mit Geduld und Druck über das International Office waren aber Zimmerwechsel möglich.
In der Regel teilt man sich ein Zimmer mit einer Person des gleichen Geschlechts, über die Koordinator*innen kann man versuchen, Wünsche bezüglich der Person zu äußern, die mit einem das Zimmer bewohnt.
Trotz allem war das Wohnheim für mich die beste Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und spontan mit anderen etwas zu unternehmen. In der Nähe, rund um das Campusgelände, gibt es einige Geschäfte, zahlreiche kleine Convenience Stores für Essen und Getränke, Cafés, Fitnessstudios, die teils kostenfrei genutzt werden können (man sollte also die Indoor-Turnschuhe nicht vergessen), und einen kleinen Wanderpfad, der zu einem schön gelegenen Pavillon und einer Sternwarte führt.
Wie sah dein Alltag in Daejeon aus?
Nach den Kursen habe ich mich meistens mit anderen zum Essen getroffen. In Korea ist es üblich, zusammen essen zu gehen oder Cafés zu besuchen – dafür sollte man etwas mehr Budget einplanen, auch wenn die Speisen im Vergleich zu Deutschland wesentlich günstiger sind.
Die Gerichte sind sehr lecker und auch für Vegetarier*innen gibt es ein gewisses, wenn auch eingeschränktes, Angebot. Frisches Obst und Gemüse dagegen sind sehr teuer. Beliebte Freizeitaktivitäten sind auch Besuche von Coin-Karaoke-Räumen, Board-Game-Cafés oder Fotoautomaten. Sehr bekannt ist die Bäckerei Sungsimdang in Daejeon, für die Menschen aus ganz Südkorea anreisen. Allerdings sollte man wissen: Nach deutschen Maßstäben sind viele Backwaren sehr süß – besonders beim Knoblauchbrot ist Vorsicht geboten, das wird in der Regel kräftig in Zuckersirup getränkt!
Die Stadt Daejeon wird von Koreaner*innen aufgrund fehlender Themenparks (den Freizeit- und Zoopark O-World mal ausgenommen) oder größerer historischer Anlagen gern als „no jam“ bezeichnet – also „no fun“. Ich sehe das aber anders. Die Stadt ist vielleicht nicht so spektakulär wie Seoul oder Busan, aber sie hat ihren eigenen Charme.
Auch wenn es dir in Daejeon gut gefallen hat, wie gut eignet sich die Stadt als Ausgangspunkt für Reisen?
Perfekt. Daejeon ist ein Verkehrsknotenpunkt. Man kommt schnell in viele andere Städte und Regionen, auch in weniger touristische Gebiete im Westen und Süden des Landes. In der Nähe liegt außerdem der Flughafen Cheongju, von dem aus man unkompliziert auf die Insel Jeju fliegen kann.
Wichtig zu wissen: Während der großen Feiertage Seollal (Neujahr nach dem Mondkalender, meist Januar/Februar) und Chuseok (Erntedankfest, im September/Oktober) reisen viele Koreaner*innen durchs gesamte Land, entsprechend sind viele Flüge, Züge und Unterkünfte ausgebucht, auch die Arbeit ruht und die Geschäfte sind geschlossen.
Und noch ein praktischer Tipp: In Südkorea läuft unglaublich viel über Apps. Besonders wichtig sind KakaoTalk (das koreanische WhatsApp), Papago als Übersetzer und Naver Map, weil Google Maps in Südkorea kaum funktioniert. Das Handy sollte also möglichst immer geladen sein.
Dein persönliches Fazit?
Alles in allem hatte ich eine sehr schöne, eindrucksvolle Zeit in Daejeon. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, viel gelernt – fachlich wie persönlich – und die koreanische Kultur intensiv erlebt. Die CNU war für mich die ideale Universität, um neue Perspektiven zu gewinnen und Freundschaften zu schließen. Es gab eine gute Balance zwischen Lern- und Frei- bzw. Ruhezeit in einer der größten Städte Südkoreas.
Alle Fotos aus dem Beitrag gehören bzw. stammen von Jule-Marie.
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