„Ich wollte mir einen weiteren Blickwinkel auf Sprache erschließen.“

Zwischen Mensa und Hörsaal
Kollage Zwischen Mensa und Hörsaal - Kim Porträtfoto lange blond-brünett gestreifte Haare, Lächeln in Kamera, gelber Hintergrund, Master-Studiengang Angewandte Linguistik

Kim hat bereits einen Master in Germanistik abgeschlossen – und sich für ein zweites Master-Studium an der Uni Erfurt entschieden. Im Studiengang Angewandte Linguistik erweitert sie ihren Blick auf Sprache um kognitions-, neuro- und psycholinguistische Perspektiven. Besonders reizvoll ist für die Master-Studentin die Verbindung von Theorie und empirischer Forschung: Experimente, Datenanalyse und interdisziplinäre Ansätze sind feste Bestandteile ihres Studiums. Auch die übersichtliche und engagierte Studierendengruppe prägt ihre Erfahrung positiv. Für Kim steht fest: Wer sich wirklich für Sprachwissenschaft begeistert, ist hier genau richtig.

Warum hast du dich für ein zweites Master-Studium entschieden, und konkret für den Master „Angewandte Linguistik“ an der Universität Erfurt?
In meinem Master-Studium der Germanistik an der Universität Leipzig habe ich mich viel mit Grammatiktheorien beschäftigt. Besonders gegen Ende meines Studiums stellte ich mir immer häufiger die Frage, ob die Kategorien und Prozesse, die den meisten dieser Theorien zugrunde liegen, aus kognitions- und neurowissenschaftlicher sowie psycholinguistischer Perspektive überhaupt Bestand haben. Kurzum: Ich wollte mir einen weiteren Blickwinkel auf den Gegenstand Sprache erschließen. Ein angenehmer Nebeneffekt – den ich zwar im Hinterkopf hatte, der aber nicht ausschlaggebend war – ist, dass ich durch die Angewandte Linguistik, insbesondere im Rahmen der Module zur Neuro- und Psycholinguistik, meine Methodenkompetenz und mein fachspezifisches Wissen erweitern konnte. Dabei habe ich Dinge gelernt, die vor allem für eine wissenschaftliche Karriere in diesem Bereich von Bedeutung sind und mir nun eine solide Grundlage bieten, um mich gezielt auf entsprechende Promotionsstellen bewerben zu können. Hinzu kam der Wunsch, das Abenteuer einer völlig neuen Stadt anzunehmen. Und was soll ich sagen? Es hat alles genau so geklappt, wie ich es mir erhofft hatte!

Kannst du ein Projekt oder Seminar beschreiben, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist? 
Wenn man sich für sein Studium und die Inhalte seines Studienfachs interessiert – so hoffe ich – erinnert man sich an alles (mehr oder weniger). Egal ob Seminare zur Wortprosodie, erworbenen Sprachstörungen, quantitativen Methoden oder experimentelle Psycholinguistik – weil alles derart miteinander verwoben und in die wissenschaftliche Praxis integriert ist, wird man auch zwangsläufig immer wieder daran erinnert. Und das ist etwas, das ich in meinem Studium sehr zu schätzen weiß! 

Dein Forschungsschwerpunkt ist die Sprachverarbeitung – was gehört alles dazu, wenn man sich damit auseinandersetzt?
Der Schwerpunkt ist ein Zusammenspiel aus Psycholinguistik, Neurolinguistik und Klinischer Linguistik. Daraus lässt sich bereits erkennen, dass viel interdisziplinär gearbeitet und geforscht wird. Entsprechend sollten Studieninteressierte keine Angst vor medizinisch bzw. naturwissenschaftlich geprägten Perspektiven und Methoden haben. Für mich ist das die ideale Ergänzung zu meinem Wissen aus der Germanistik. Ein netter Nebeneffekt ist, dass man, sobald man Begriffe wie N400 oder postzentraler Gyrus nicht nur aussprechen, sondern auch erklären kann, andere Menschen einen für wahnsinnig schlau halten. Aber bekanntermaßen geht großes Wissen auch mit großer Verantwortung einher. ;)

Gibt es praktische oder technische Anwendungen, mit denen du arbeitest, um Interviews und Experimente zu analysieren?
Zurzeit arbeite ich im Rahmen meiner Master-Arbeit vor allem mit LimeSurvey, OpenSesame und RStudio. Das sind alles Tools, in die ich entweder durch Seminare eingeführt wurde oder die mir von der Universität Erfurt zur Verfügung gestellt werden. In diesem Semester wird auch eine Einführung zum Eye-Tracking für uns Linguist*innen angeboten. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen! Vor allem, da es sich um eine Methode handelt, die nicht allen Studierenden und nicht an jeder Universität zur Verfügung steht.

Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Studierenden – eher individuell oder teamorientiert? 
Dadurch dass wir ein relativ kleiner Studiengang sind, kennen wir uns alle untereinander. Das schafft eine sehr angenehme Atmosphäre, die ich aus meinem Germanistik-Studium mit gefühlt drei Millionen Kommiliton*innen nicht kenne. Hinzu kommt: Wir sind alle Nerds. Das geteilte Interesse an Sprache, die verschiedenen sprachwissenschaftlichen (oder auch anderen) Hintergründe und die Größe der Kohorte sorgen zwangsläufig dafür, dass wir uns viel untereinander austauschen und – meiner Erfahrung nach – auch unterstützen; soweit es eben geht, weil manche Forschungsinteressen einfach so speziell sind, dass man irgendwann nicht mehr mithalten kann, ohne gleich selbst zum Experten oder zur Expertin zu werden.

Für wen würdest du den Studiengang besonders empfehlen? 
Ich empfehle den Studiengang vor allem den Menschen, die sich im Bachelor-Studium erprobt und selbst versichert haben, dass Sprachwissenschaft wirklich ihr Ding ist. Wer nur „irgendeinen“ Master-Studiengang sucht, wird sicherlich unglücklich. Wer verschiedene Facetten der Angewandten Linguistik mit wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit kennenlernen möchte – für die ist das genau das Richtige! Ich denke, wie bei allen Fachwissenschaften ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass man mehr oder weniger auf den Beruf der Wissenschaftlerin ausgebildet wird – was auch immer man damit am Ende machen will. Bezüglich der Vorkenntnisse würde ich behaupten, dass man mit ausreichend Neugier und Interesse am Gegenstand Sprache alles aufholen kann, was notwendig ist, um den Studiengang am Ende erfolgreich abzuschließen.

Du forschst in deiner Master-Arbeit zur Wirkung von Reimen. Dazu führst du auch Experimente durch. Was genau untersuchst du und welche Ergebnisse erhoffst du dir?
Leider kann ich noch nicht alles verraten, da das Experiment derzeit noch läuft. Mich beschäftigt aber schon seit einigen Jahren die Frage, was „Alltagssprache" von lyrischer Sprache unterscheidet – vor allem angesichts der Tatsache, dass in lyrischer Sprache zahlreiche „Verletzungen" grammatischer Regeln erlaubt sind, über die man sich in der konventionellen Alltagssprache die Haare raufen würde. Für meine Master-Arbeit habe ich mir ein Phänomen herausgesucht, das mir vor allem zu Schulzeiten Kopfschmerzen bereitet hat: unreine Reime. Ob unreine Reime überhaupt als reimend wahrgenommen werden, ist gar nicht so eindeutig, wie man meinen könnte. Das scheint von verschiedenen Faktoren abzuhängen, von denen ich versuche, einige in meiner Abschlussarbeit aufzudecken. Dazu führe ich gemeinsam mit einer Kommilitonin ein Experiment durch, dessen statistische Auswertung am Ende ein wenig Licht ins Dunkel der unreinen Reime bringen soll. Ich bin selbst schon sehr gespannt, was ich zutage fördern kann.

Je nachdem, was du im Anschluss vorhast – wie gut fühlst du dich auf den Arbeitsmarkt oder eine Promotion vorbereitet?
Ich würde sagen, dass der Studiengang – vor allem mein Schwerpunkt – stark wissenschaftlich ausgerichtet ist. Entsprechend fühle ich mich auf eine Promotion sehr gut vorbereitet und habe stets das Gefühl, dass die Lehrenden mich auf diesem Weg unterstützen. Für Berufsfelder außerhalb der akademischen Welt empfiehlt es sich, das Pflichtpraktikum gut zu nutzen. Außerdem würde ich jedem Studierenden ans Herz legen, auch im Rahmen eines Werkstudierendenjobs Praxiserfahrungen zu sammeln – idealerweise in einem Bereich, der einen wirklich interessiert. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Vereinbarkeit von Studium und Arbeit oft ein ziemlich schwieriger Spagat ist. Für mich persönlich hat es sich ausgezahlt, nach bestem Wissen und Gewissen beides miteinander zu verbinden – auch wenn es dazu geführt hat, dass nicht jede Prüfungsleistung mit einer 1,0 abgeschlossen werden konnte. Ich denke, am Ende kommt es darauf an, welche Fähigkeiten und Erfahrungen man gesammelt hat, und weniger auf das perfekte Abschlusszeugnis – ganz gleich, ob man eine Promotion oder eine Karriere außerhalb der Wissenschaft anstrebt.