Die Forschung zeigte, dass sich Kinder in Familien im Durchschnitt besser entwickelten – politisch erwünscht waren diese Ergebnisse jedoch nicht.“ PD Dr. Carolin Wiethoff
Wie erlebten Säuglinge und Kleinkinder den Alltag in den DDR-Krippen der 1950er- und 1960er-Jahre? Die Historikerin PD Dr. Carolin Wiethoff zeigt in dieser „WortMelder“-Podcastfolge, wie politische Ziele, Personalmangel und institutionelle Zwänge das Leben der jüngsten DDR-Bürger*innen prägten – und warum die Perspektive der Kinder lange übersehen wurde.
Auf Basis bislang wenig ausgewerteter Quellen wird deutlich, dass viele Kinder trotz großer Gruppen nur wenig individuelle Zuwendung erhielten und insbesondere in Wochenkrippen und Säuglingsheimen häufig lange von ihren Eltern getrennt waren. Gleichzeitig dokumentierten zeitgenössische Studien bei den Kindern bereits früh Entwicklungsverzögerungen und gesundheitliche Probleme.
Das Gespräch macht deutlich, wie eng der Ausbau des Krippensystems mit den politischen und wirtschaftlichen Zielen der DDR verbunden war. Die Einrichtungen sollten nicht nur die Erwerbstätigkeit von Frauen ermöglichen, sondern auch zur Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft beitragen. Forschungsergebnisse, die auf Probleme und Risiken für die Kinder hinwiesen, gerieten dadurch in Konflikt mit staatlichen Vorgaben und wurden zunehmend reglementiert.
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PD Dr. Carolin Wiethoff ist seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Erfurt. In Forschung und Lehre beschäftigt sie sich insbesondere mit der Geschichte von Bildung und Erziehung, reformpädagogischen Entwicklungen sowie Bildungsreformen im 19. und 20. Jahrhundert. Weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen in der historischen Kindheitsforschung und der Bildungsgeschichte der DDR. Sie promovierte an der Universität Potsdam mit einer Arbeit zur Rentenversicherung und beruflichen Rehabilitation in der DDR und war zuvor Stipendiatin des Forschungsnetzwerkes Alterssicherung (FNA) der Deutschen Rentenversicherung BUND.
Mit ihrem Buch „Allein unter vielen – Alltag, Ausbau und Krise der Kinderkrippen in der DDR 1950–1968“ beleuchtet Dr. Carolin Wiethoff die Entwicklung des Krippensystems in der frühen DDR und zeigt, wie politische Zielsetzungen, wissenschaftliche Debatten und die Realität des Betreuungsalltags aufeinandertrafen. Auf Grundlage umfangreicher historischer Quellen zeichnet sie nach, warum der staatlich vorangetriebene Ausbau der Kinderkrippen schon früh an personelle, organisatorische und pädagogische Grenzen stieß. Die Publikation liefert neue Einblicke in die Bildungs- und Sozialgeschichte der DDR und trägt zu einem differenzierten Verständnis frühkindlicher Betreuung unter den Bedingungen des sozialistischen Staates bei.
Das Buch ist im Rahmen eines Forschungsprojekts von Prof. Florian von Rosenberg an der Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Erfurt entstanden und 2025 im Verlag De Gruyter Oldenbourg in der Schriftenreihe „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ erschienen.