Seit 2018 hat die Kollegforschungsgruppe „Religion und Urbanität“ etablierte Sichtweisen auf städtische Strukturen, religiöse Gruppen und deren wechselseitige Beeinflussung hinterfragt. Mehr als 100 Stipendiaten sind dabei zu längeren und kürzeren Aufenthalten, Konferenzen, Workshops und Diskussionen zusammengekommen. Nach acht Jahren geht das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt nun zu Ende. Zeit, Bilanz zu ziehen. Für unseren Forschungsblog „WortMelder“ sprachen wir darüber mit Dr. Anke Blümm, der Koordinatorin der Kollegforschungsgruppe…
Für all diejenigen, die die Kollegforschungsgruppe „Religion und Urbanität: Wechselseitige Formierungen“ bislang nicht kannten: Woran genau arbeitet die Gruppe, was ist ihr Interesse?
Nehmen Sie einmal Erfurt – an jeder Ecke steht eine Kirche, der Domberg ist das sichtbare Zentrum. Friedhöfe bilden grüne Oasen in der Stadt. Und regelmäßig wiederkehrende Feste und Märkte auf dem Domplatz zu Weihnachten oder Ostern prägen das städtische Leben bis heute. Ob Sie der Kirche nun nahestehen oder nicht – Religion bildet den Ausgangspunkt dieser Entwicklungen, und zwar seit Jahrhunderten. Es waren unterschiedliche religiöse Gruppen, die nach Erfurt kamen, und für ihren Glauben Kirchen, Synagogen, Klöster oder Krankenhäuser errichteten. Religionen haben die Stadt zu dem gemacht, was sie ist – aber die Stadt selbst wirkt auch auf die Menschen wieder zurück.
Diese Beobachtung der wechselseitigen Beeinflussung von Stadt und Religion stand am Anfang des Projekts, das gemeinschaftlich von Prof. Dr. Susanne Rau und Prof. Dr. Jörg Rüpke initiiert wurde. Allerdings haben wir den Blick weit über Erfurt hinaus geöffnet: Denn neben Europa gehören auch Indien und der Mittelmeerraum zu unseren Forschungsschwerpunkten.
Jedes Semester kamen ca. acht bis zehn Forschende aus den unterschiedlichsten Disziplinen wie Geschichte, Soziologie, Religionswissenschaft oder Kultur- und Sprachwissenschaft zu uns. So beschäftigten sich indische Stipendiat*innen z.B. mit muslimischen Prozessionen in Kolkata, andere wiederum zeigten auf, wie Christen und Muslime gemeinschaftlich Heiligtümer nutzen, z.B. in Istanbul. Allerdings sind wir auch weit in die Geschichte zurückgegangen: Denn Rom war in der Antike das Zentrum der Christenheit, aber auch Schauplatz vieler weiterer religiöser Gruppen. Hiermit haben sich verschiedene unserer Kolleg*innen auseinandergesetzt.
Acht Jahre intensive Arbeit liegen nun hinter den Forscherinnen und Forschern. Was ist in diesen Jahren geschehen, können Sie uns die wichtigsten Ergebnisse der Forschung skizzieren?
Wie schon gesagt wurde, waren über 100 internationale Stipendiaten seit 2018 in Erfurt. Ein Ergebnis ist deshalb zunächst die enorme Vielfalt der Themen, die sich durch unseren Forschungsansatz ergeben hat. Aber es gibt auch übergreifende Berührungspunkte. Es lässt sich z.B. festhalten, dass das Element Wasser für Religion und Stadt überall eine große Bedeutung hat. In Indien ist es bis heute in tagtägliche religiöse Rituale eingebunden. Aber denken Sie auch an die Mikwe an der Krämerbrücke oder an den Dreiquellenbrunnen in Erfurt mit seinem heilenden Wasser.
Ein weiterer Gesichtspunkt sind beispielsweise Begräbnisrituale: Überall auf der Welt haben sich Praktiken entwickelt, wie die Toten in der Stadt zu bestatten sind. An erster Stelle wollte man ihnen ein angenehmes Leben nach dem Tod bereiten, wovon Grabsteine, Grabstätten, Sarkophage und Beigaben zeugen. Doch die toten Körper und ihre religiöser Umgang damit konnte auch Konflikte erzeugen, bezüglich Platz oder Hygiene. Das fand dann wieder Niederschlag in städtischen Regelwerken, die uns heute Aufschluss geben über das Leben in der Stadt damals.
Die Themenspektren lassen sich noch weiterführen: In vielen Beiträgen geht es z. B. um das Zusammenleben in der Stadt, Benutzung von urbanen Räumen durch verschiedene religiöse Gruppen bei Prozessionen oder Festen, was auch Konflikte hervorrufen konnte. Des Weiteren geht es um städtische Netzwerke und kirchliche Institutionen, um die Frage, wie religiösen Gruppen mit dem wirtschaftlichen Niedergang von städtischen Strukturen umgehen – daran lässt sich der große Umfang des Projekts ermessen.
Welche Bedeutung hat denn diese Forschung für die Gesellschaft?
Allein die Tatsache, dass die Religion ins Zentrum der historischen Stadtforschung gestellt wurde, füllt eine entscheidende Lücke. Aufgrund der Säkularisierung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, d.h. der Auflösung von Klöstern und Kirchen und die Trennung von Staat und Kirche, spielten die Religion und die Kirche als Institution zumindest in Europa eine immer geringere Rolle im öffentlichen Leben – auch in der Forschung. Deshalb können wir heute ihre Bedeutung so leicht vergessen.
Wichtig ist auch der internationale Blick, der uns zeigt: Einerseits lässt sich die wechselseitige Formierung von Stadt und Religion genauso in anderen Regionen der Welt beobachten, andererseits waren aber die Glaubensinhalte und Motivationen der Handelnden sehr unterschiedlich. Diese Vergleichbarkeit hilft uns, unsere eigene Geschichte besser zu verstehen, aber auch die Bedeutung zeitlich und räumlich ferner Glaubensgemeinschaften und ihre Aktivitäten ganz neu zu würdigen. Letztlich entwickeln sich dadurch auch wieder Fragen für die eigene Forschung.
Als drittes würde ich nennen, dass sich der Begriff „Urbanität“ als sehr fruchtbar herausgestellt hat. Es wurde eben nicht der Begriff „Stadt“ gewählt, der etwas Abgeschlossenes und fest Definiertes bedeuten könnte. „Urbanität“ ist dagegen ein offenes Konzept, dass die Veränderungsprozesse gleich miteinbezieht. Städtische Strukturen lassen sich auch in kleinen Orten finden und wirken zurück auf die Umgebung. Städte selbst sind immer in Veränderung und im Kontakt mit der Umwelt. Urbanität macht sich auch daran fest, wie sich die Bewohner selbst sahen und beschrieben, wie sie handelten und neue Ideen übernahmen.
Und mit Blick auf die wissenschaftliche Community: Inwieweit hat die Arbeit der Forschungsgruppe die Forschungslandschaft verändert?
Durch die Forschungsgruppe kamen Forschende aus unterschiedlichsten Regionen nach Erfurt – aber sie gingen auch wieder zurück und brachten unseren Forschungsansatz in die Welt. Urbanität und religiöse Praxis wird z.B. in Indien ganz anders verstanden und kann dort ganz andere Formen nehmen, aber mit diesem gemeinsamen Ansatz lassen sich die Unterschiede gut analysieren und vergleichen. Das sind erst einmal kleine Schritte. Aber über acht Jahre hinweg haben sich langjährige Beziehungen und Kontakt ergeben, die auch weiterwirken werden, z.B. sind noch diverse Dissertationen in Bearbeitung.
Außerdem haben wir eine Open-access-Datenbank mit mehr als 100 Aufsätzen, die noch weiter gefüllt wird, d.h. die Artikel können frei im Netz gefunden werden und dort weitere Forschung bereichern. Drei Bände mit beispielhaften Aufsätzen sind schon in Vorbereitung. Es gibt Pläne für weitere Forschungsprojekte auf kleineren Ebenen, z.B. Vorträge und Tagungen, aber auch längere Forschungsprojekte.
Wo sehen Sie noch weiteren Forschungsbedarf oder anders gefragt: Wie können diese Themen vertieft oder auf andere Bereiche übertragen werden?
Der Forschungsansatz lässt sich auf weitere Regionen wir Afrika, Südamerika oder Südasien übertragen, wie es für letztere Region Martin Christ in unserer Gruppe tut. Diese Länder und Regionen standen für uns erst einmal nicht im Zentrum. Daraus würden sich wieder andere Formen von Urbanität in Wechselwirkungen mit unterschiedlichsten religiösen Gemeinschaften ergeben. Doch auch andere Disziplinen wie die Umweltgeschichte können davon profitieren, wie es Sara Keller in unserem Projekt zeigt, gerade weil heute Klimaveränderung und z.B. Wasserknappheit Städte und das Leben in diesen Konglomeraten sehr verändert – und damit auch spirituelle Praktiken.
Letztlich kann man einen solchen Forschungsansatz wie „Religion und Urbanität“ gar nicht erschöpfend bearbeiten oder gar abschließen. Es geht eher darum, dass sich eine neue Forschungsperspektive etabliert und verstetigt, die die bisherige Forschung verändert und immer wieder zu neuen Fragestellungen führt."
Vom 1. bis 5. Juni trifft sich die Gruppe noch einmal zu einer großen Abschlusstagung unter dem Titel „Religion und Urbanität – Neue Forschungsparadigmen für eine globale Perspektive?“ Was erwartet die Teilnehmer in dieser Woche?
Für uns war es wichtig, den Abschluss des Projekts durch eine große Konferenz zu feiern. Mehr als 100 ehemaligen Fellows, Kolleg*innen und Unterstützer*innen des Projekts wurden angeschrieben und angefragt, einen Beitrag einzureichen. Daraus haben wir nun ein vielfältiges Programm für eine Woche mit über 60 Vorträgen zusammengestellt. Wir erwarten 80 Teilnehmende aus aller Welt, die Konferenzsprache wird Englisch sein. Wer Lust hat, kann gern teilnehmen, auch an einzelnen Vorträgen (Anmeldung: urbrel-conf@uni-erfurt.de) oder zu einer der öffentlichen Veranstaltungen kommen:
Am Dienstag zeigen wir in der Brunnenkirche um 19 Uhr eine Lecture-Performance der angesehenen indischen Tänzerin und Wissenschaftlerin Dr. Yashoda Thakore. Sie wird nicht nur tanzen, sondern die Elemente ihres Tanzes genauer erklären und in den religiösen historischen Kontext einordnen.
Am Mittwoch stellt unser früherer Fellow und bekannter französischer Geograf Jacques Lévy seinen aktuellen Film „Gare du Monde [World Station]“ vor. Auch hier geht es um Tänzer*innen, die einen der größten Verkehrsknotenpunkte in Frankreich, den „Gare du Nord“ in Bewegung erkunden und mit den Menschen interagieren. Jacques Lévy wird anwesend sein und mit dem Publikum ins Gespräch kommen.
Wer in die Brunnenkirche kommt, kann auch noch eine Ausstellung zu „Heiligem und heilenden Wasser“ sehen, die unsere Kollegin Sara Keller vorbereitet hat. Darin geht es um wichtige Orte in Erfurt, die mit der Bedeutung des Wassers über die Jahrhunderte zu tun haben. Auch den Ursprungsmythos der Brunnenkirche bildet eine heilige Quelle – das kann man vor Ort erfahren.