Die Toten beeinflussten Stadtplanung, Infrastruktur und Hygiene – sie waren alles andere als machtlos.“ PD Dr. Martin Christ
Wir gehen einkaufen, laufen an Baustellen vorbei oder fahren Straßenbahn – dabei bewegen wir uns oft über jahrhundertealte Gräber. Friedhöfe und Begräbnisorte waren lange Zeit keine Randzonen der Stadt, sondern zentrale Orte urbanen Lebens. Anhand von Testamentsakten, Grabsteinen, Stadtplänen und zeitgenössischen Berichten zeigt Martin Christ, wie eng das Leben der Lebenden zwischen 1550 und 1870 mit den Toten verwoben war: Leichenprozessionen zogen durch die Städte, wie wir es heute nur noch von Fernsehübertragungen royaler Begräbnisse kennen, auch Friedhöfe waren multifunktional und dienten als Markt- und Versammlungsorte. Pest- und Cholera-Epidemien zwangen Städte zu radikalen Umbrüchen im Umgang mit Verstorbenen: „Momente, in denen sichtbar wird, wie sehr der Umgang mit den Toten eine Stadt überfordern konnte.“ Die Toten waren keineswegs stumme Hinterlassenschaften, sondern wirkten aktiv auf Stadtentwicklung, Hygienevorstellungen und Machtverhältnisse. Im Zentrum der Folge steht die Frage, wie sich diese „Macht der Toten“ historisch greifen lässt. Mit Rückgriff auf Theorien von Michel Foucault und Achille Mbembe beschreibt Christ Friedhöfe als „Deathscapes“ – als Räume, in denen sich Religion, Politik, Ökonomie und Erinnerung überlagern. Der Vergleich zwischen dem katholischen München und dem protestantisch geprägten London macht sichtbar, wie unterschiedlich – und zugleich wie ähnlich – europäische Städte mit ihren Toten umgingen. Eine Folge über Friedhöfe und Begräbnisse, die zeigt, warum Städte ohne ihre Toten nicht zu verstehen sind und warum wir ihnen bis heute näher sind, als wir denken.
Please note: As soon as you start the podcast, personal data is transmitted to Podcasts der Universität Erfurt. For more information, please see the privacy policy of Podcasts der Universität Erfurt.
Please note: As soon as you start the podcast, personal data is transmitted to Spotify. For more information, please see the privacy policy of Spotify.
PD Dr. Martin Christ ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Kollegforschungsgruppe „Religion und Urbanität: Wechselseitige Formierungen“ am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. Er wurde 2018 an der University of Oxford zur Reformation in der Oberlausitz promoviert. In seinem Habilitationsprojekt, Thema dieser Folge, beschäftigte er sich mit urbanen Begräbnissen in München und London im Zeitraum ca. 1550–1870. Weitere Forschungsinteressen sind religiöse Koexistenz, südostasiatische Geschichte und Konversionsforschung.