Nicht alle Menschen lernen, kommunizieren oder arbeiten auf dieselbe Weise – Hochschulen orientieren sich jedoch häufig an neurotypischen Erwartungen. Für neurodivergente Studierende können solche Strukturen zur Herausforderung werden. Dr. Mechthild Richter und Dr. Cedric Steinert von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt sprechen im Interview darüber, wie neuroinklusive Hochschulen entstehen können – und warum davon letztlich alle profitieren. Im Rahmen des „Dies Academicus“ am 3. Juni 2026 halten beide einen Impulsvortrag. Interessierte Hochschulangehörige sind am 3. Juni ab 13.30 Uhr eingeladen, sich bei einem vielfältigen Programm – Podiumsdiskussion, Lesung und Mitmachangeboten – im Forschungsbau „Weltbeziehungen“ rund um neurodivergente Perspektiven im universitären Alltag zu informieren und auszutauschen.
Der Begriff „Neurodiversität“ wird inzwischen häufig verwendet – was bedeutet er aus pädagogischer Perspektive bzw. welche Rolle spielt er im aktuellen pädagogischen Diskurs?
Neurodiversität bedeutet für uns zunächst einmal grundlegend, dass alle Menschen unterschiedlich Reize wahrnehmen und verarbeiten – mit Auswirkungen auf ihr Fühlen, Denken und Handeln. Der Begriff entstand ursprünglich in politischen und aktivistischen Kontexten und wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert, insbesondere im Spannungsfeld zwischen medizinischer und sozialer Perspektive. Im pädagogischen Kontext eröffnet der Begriff die Möglichkeit, individuelle Stärken und Unterstützungsbedarfe wahrzunehmen und Unterschiede nicht primär als Defizite, sondern als Ausdruck von Vielfalt zu verstehen.
Selbst wenn das Wissen über Neurodivergenz zunimmt, sehen sich Schüler*innen und Studierende mit neuro-normativen Erwartungen und Herausforderungen im Alltag und damit auch an ihren Lernorten konfrontiert. Auch wenn pauschale Aussagen kaum möglich sind: Welche Hürden treten insbesondere beim Lernen und bei Prüfungen auf und welche Lösungen gibt es dafür?
Häufig bereiten nicht das Lernen oder die Prüfung selbst Schwierigkeiten, sondern die Erwartungen an Lernwege, Ergebnispräsentationen, oder auch Lern- und Prüfungsumgebungen, die barrierereich sind. Viele neurodivergente Schüler*innen entwickeln eigene Lernwege, die von den vorgeschlagenen abweichen. Manche können sich nur konzentrieren, wenn mehrere Sinneskanäle angesprochen werden: Sie summen, schauen aus dem Fenster – und gelten schnell als unaufmerksam, obwohl sie zuhören und reflektieren. Menschen, die nicht verbal kommunizieren, werden oft stark unterschätzt. Aber auch für verbalsprachlich kommunizierende Menschen sind Kommunikationssituationen in Bildungskontexten von impliziten Regeln geprägt und sehr unklar: Wer darf wann wie lange worüber sprechen? Die Barrieren sind so individuell wie jede Person, deshalb lohnt es sich mit den betreffenden Personen über die Barrieren zu sprechen, die sie individuell betreffen.
Gibt es Beispiele oder Ansätze aus dem Ausland, von denen deutsche Universitäten lernen können im Umgang mit neurodivergenten Studierenden?
Viele Universitäten, insbesondere im englischsprachigen Raum, setzen inzwischen stärker auf neuroinklusive Hochschulstrukturen. Ausgangspunkt ist häufig die Erkenntnis, dass viele neurodivergente Studierende fachlich sehr leistungsfähig sind, ihr Potenzial unter den bestehenden Studienbedingungen aber nicht vollständig entfalten können. Viele brechen ihr Studium vorzeitig ab oder belasten ihre mentale Gesundheit stark, obwohl sie mit den Studieninhalten meist gut zurechtkommen. Schwierigkeiten entstehen stattdessen häufig durch Anforderungen an Selbstorganisation, unausgesprochene Erwartungen an das Studieren, die Umstellung von Alltagsgewohnheiten oder fehlende passende Unterstützungsangebote. Ein wichtiger Ansatz besteht deshalb darin, strukturelle Barrieren abzubauen: durch transparente und ausführliche Informationen, geschultes Universitätspersonal, niedrigschwellige Unterstützungsangebote und generell mehr Sichtbarkeit und Bewusstsein für neurodivergente Perspektiven. Einige Hochschulen erproben zudem flexiblere Lern- und Prüfungsformate. Wichtig ist dabei, dass solche Maßnahmen nicht nur für neurodivergente Personen entwickelt, sondern partizipativ mit ihnen geplant, umgesetzt und evaluiert werden.
Warum kann das Eingehen auf die Bedürfnisse neurodivergenter Personen an Hochschulen zu einem Klima einer möglichst inklusiven Hochschulkultur beitragen und so auch als Ausdruck menschlicher Vielfalt verstanden werden?
Die Bedürfnisse neurodivergenter Personen sind oft auch Bedürfnisse neurotypischer Personen, wenn auch in Intensität und Notwendigkeit anders. Klare Strukturen, zuverlässige Informationen bei gleichzeitiger Flexibilität, um auf individuelle Bedarfslagen einzugehen, kommen vermutlich fast allen Universitätsangehörigen zugute. Neuroinklusive Strukturen verbessern deshalb nicht nur die Teilhabe einzelner Gruppen, sondern die Studien- und Arbeitsbedingungen insgesamt.
Wenn bestimmten Menschen die Möglichkeit fehlt, sich an Hochschulen einzubringen und diese mitzugestalten, gehen uns Kreativität, Innovationspotenzial und neue Perspektiven verloren. Hochschulen leben von unterschiedlichen Perspektiven, Denkweisen und Arbeitsformen.
Der bewusste Umgang mit Neurodiversität kann deshalb zu einer Hochschulkultur beitragen, die menschliche Vielfalt nicht als Abweichung, sondern als selbstverständlichen Teil akademischen Lebens versteht.“
Welche Veränderungen könnten Hochschulen schnell und unkompliziert umsetzen, um Studium und Lehre inklusiver zu gestalten?
Auf vielen Ebenen können bereits kleinere Veränderungen Studium und Lehre deutlich inklusiver machen. Entscheidend ist vor allem, neurodivergenten Studierenden und Mitarbeitenden zuzuhören, Herausforderungen anzusprechen, ihre Lösungsideen aufzugreifen und gemeinsam umzusetzen. Viele Veränderungen scheitern weniger an fehlenden Ressourcen als daran, dass bestimmte Bedürfnisse bislang nicht mitgedacht werden. Lehrveranstaltungen können so gestaltet werden, dass Studierende Inhalte auf unterschiedlichen Wegen aufnehmen und bearbeiten können: in Gruppenarbeit im Seminar, in Paararbeit mit Text, allein zu Hause usw. Und auch ihre Erkenntnisse sollten sie auf vielfältigen Wegen teilen können: mündlich, schriftlich, als klassische Präsentation oder als Poster. Oft helfen schon mehr Flexibilität und Wahlmöglichkeiten, ohne dass Lehrveranstaltungen komplett umgestaltet werden müssen. Wir können sprachlich darauf achten, klarer zu kommunizieren und sachlich, statt genervt auf Detailfragen zu antworten. Nachteilsausgleiche sind der Ausgleich eines Nachteils und sollten nicht als Privileg für einzelne betrachtet werden. Ein Studium ist nicht selbsterklärend, sondern besteht aus vielen impliziten Anforderungen, die viele, aber eben nicht alle, intuitiv erfassen. Das gilt auch für den Arbeitsplatz Universität, der für neurodivergente Mitarbeitende häufig schwieriger zu navigieren ist. Gerade deshalb können transparente Abläufe, klare Zuständigkeiten und verlässliche Kommunikation bereits einen großen Unterschied machen.
Mechthild Richter ist Sonderpädagogin und Wissenschaftlerin mit internationalen Erfahrungen in Forschung und Lehre im Bereich inklusiver Bildung. Seit 2025 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Inklusive Bildungsprozesse bei kognitiver und komplexer Beeinträchtigung an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt tätig.
Zuvor arbeitete sie u. a. an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie an der Universität Straßburg. Dort promovierte sie 2019 zum Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule bei Schüler*innen im Autismus-Spektrum.
Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in der Pädagogik im Autismus-Spektrum, der Neurodiversität im pädagogischen Diskurs, schulischen Übergängen sowie in internationalen und vergleichenden Perspektiven auf Inklusion.
Cedric Steinert ist Sonderpädagoge und Wissenschaftler mit langjähriger Erfahrung in Forschung, Hochschullehre und inklusiver Bildungsarbeit. Seit 2021 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Inklusive Bildungsprozesse mit dem Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt.
Zuvor war er im Kompetenz- und Entwicklungszentrum für Inklusion in der Lehrerbildung der Universität Erfurt tätig und arbeitete mehrere Jahre als Autismuspädagoge in der Praxis. Seine Promotion schloss er 2024 zum Thema Co-Teaching in der Hochschullehre und dessen Bedeutung für die Kompetenzentwicklung von Lehramtsstudierenden im Bereich Inklusion ab.
Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in der heterogenitätssensiblen und diskriminierungskritischen Pädagogik, der Pädagogik im Autismus-Spektrum, kreativen Förderansätzen bei psychosozialen Beeinträchtigungen sowie in Fragen digitaler Teilhabe und inklusiver Hochschullehre.
Wie unterschiedlich Menschen denken, lernen und kommunizieren, wird an Hochschulen noch immer zu selten mitgedacht. Genau hier setzt der diesjährige „Dies Academicus“ der Universität Erfurt an: Zum Thema Neurodiversität in Studium, Lehre und Forschung lädt die Universität am lehr- und gremienfreien Nachmittag des 3. Juni 2026 dazu ein, neurodivergente Perspektiven näher kennenzuzlernen und gemeinsam über eine inklusivere Hochschulkultur ins Gespräch zu kommen.
Schätzungen zufolge gelten fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung als neurodivergent – etwa Menschen mit AD(H)S, Autismus, Dyslexie, Dyskalkulie oder Hochbegabung. Gleichzeitig sind neurodivergente Erfahrungen im Hochschulalltag oft wenig sichtbar und noch immer von Vorurteilen oder fehlendem Wissen begleitet. Der „Dies Academicus“ möchte deshalb nicht nur informieren, sondern Begegnung, Austausch und Perspektivwechsel ermöglichen.
Das Programm verbindet wissenschaftliche Impulse mit persönlichen Erfahrungen und interaktiven Formaten: Neben einem Impulsvortrag von Dr. Mechthild Richter und Dr. Cedric Steinert, den Expert*innen dieses Beitrags, stehen eine Podiumsdiskussion mit Betroffenen, Workshops zu Neurodiversität in Studium, Schule, Beratung und Verwaltung sowie Mitmachangebote, Posterpräsentationen und Infostände auf dem „Marktplatz“ im Forschungsbau „Weltbeziehungen“ auf dem Programm. Den Abschluss bildet eine Lesung mit dem Autor Aleksander Knauerhase im Café „Hörsaal 7“.
Die Veranstaltung richtet sich ausdrücklich an alle Hochschulangehörigen – unabhängig davon, ob sie selbst neurodivergent sind oder bisher kaum Berührung mit dem Thema hatten. Ziel ist es, Neurodiversität nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil universitärer Vielfalt sichtbar zu machen.