Anna-Lena Malter hat Geschichte und Kunst an der Universität Erfurt studiert – als neurodivergente Person. Nach dem Bachelor gings 2023 für den Master nach Japan, genauer gesagt an die Keio Universität in Tokyo – also möglichst weit weg, geografisch wie kulturell. Heute schreibt sie für ZEIT Campus, Stern und die Süddeutsche und betreibt den Substack-Newsletter „Fanthropologist", in dem sie Essays über Popkultur, Politik aber auch Neurodiversität veröffentlich. Im Juni kommt sie zurück auf den Campus – um beim „Dies Academicus" an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Für unseren Campusblog haben wir mit ihr gesprochen. Ein Blick auf ihr Studium, seine Hürden – und was sich für neurodivergente Menschen dringend ändern muss.
Manchmal trägt sie auch in Innenräumen oder im Winter eine Sonnenbrille. Und muss das dann erklären. Für Anna-Lena Malter ist die Brille aber keine Modeentscheidung, sondern ein Teil ihres Alltags als neurodivergente Person. Dass dieser Alltag an der Universität Erfurt funktioniert hat, liegt an einigen glücklichen Begebenheiten – und an Strukturen, die andernorts fehlen.
Dass sie in Erfurt studiert hat, hatte zunächst praktische Gründe. „Ich bin in Thüringen geboren und aufgewachsen.“ Entscheidend war aber vor allem das Fach: „Da ich unbedingt Geschichtswissenschaft aus einer globalen Perspektive studieren wollte, hat es mich sehr gereizt, dass ich in Erfurt Weltgeschichte studieren konnte.“ Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr die Seminare. „Dass ich mich in vielen Seminaren ausprobieren konnte“, sagt sie, habe ihr Studium geprägt.
Zwischen Unterstützung und Hürden
Gleichzeitig war das Studium nicht frei von Herausforderungen. Als neurodivergente Person musste sie im Alltag immer wieder erklären, was sie braucht. „Es ist nervig, immer und immer wieder Lehrpersonal oder Studierenden zu erklären, warum ich zum Beispiel eine Sonnenbrille auch im Winter tragen muss.“ Viele wissen schlicht nicht: Weniger Reizüberflutung kann für neurodivergente Menschen den Unterschied machen zwischen einem Tag, der funktioniert, und einem, der es nicht tut.
Solche Situationen zeigen, dass manche Bedürfnisse nicht sichtbar sind und oft erst verständlich gemacht werden müssen. Unterstützung hat Anna-Lena trotzdem erfahren. Beim Nachteilsausgleich zum Beispiel: „Ich fand den Antrag dafür an der Universität Erfurt vergleichsweise einfach.“ Gleichzeitig weiß sie durch ihre Recherchen für einen Artikel für das Magazin ZEIT Campus: „Das ist nicht selbstverständlich, da man ihn an vielen Unis immer wieder neu beantragen muss.“ Hinzu kommt ein Problem, das oft im Hintergrund bleibt: „Termine bei Fachpraxen zu bekommen ist sehr schwierig. Eine Diagnose zu erhalten ist oft ein langer Prozess, gerade für Frauen, die leider später diagnostiziert werden.“
Es ist nicht wie im Film
Je nach Definition gelten in Deutschland etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung als neurodivergent. Laut einer Befragung unter Erstsemestern im vergangenen Jahr gilt dies auch für die Universität Erfurt. Dennoch bleibt das Thema im Alltag weitgehend unsichtbar. Ein Grund mehr, dass sich die Universität anlässlich ihres „Dies Academicus” 2026 erstmals umfassend mit Neurodivergenz und Neurodiversität beschäftigt. Denn das Spektrum ist breit: AD(H)S, Autismus, Dyskalkulie, Dyslexie, Hochbegabung – das sind nur einige der Erscheinungsformen, die unter dem Begriff Neurodiversität zusammengefasst werden. In der Popkultur sind sie dabei oft auf Klischees reduziert: das hyperaktive Kind, das Genie mit Hang zur Sozialunfähigkeit – wer denkt da nicht gleich an den Hollywood-Erfolg „Rain Man”? Die Realität ist deutlich vielschichtiger. Das weiß auch Anna-Lena aus eigener Erfahrung.
Ein zentrales Anliegen ist ihr, wie über Neurodiversität gesprochen wird. „Das ist nicht wie in den Filmen. Wer einen neurodiversen Menschen kennt, kennt genau einen.“ Und das bedeutet auch: Es braucht individuelle Lösungen. Positiv erinnert sie sich daran, dass sie im Studium beim Antrag für den Nachteilsausgleich konkret gefragt wurde: „Was brauchst du? Was bedeutet das für dich während der Vorlesung?“ Aus ihren Recherchen weiß sie aber, dass viele Studierende diese Erfahrung nicht machen.
Was sich ändern sollte
Was braucht es also? Für Anna-Lena Malter vor allem mehr Wissen, mehr Austausch und die Bereitschaft, zuzuhören. „Ich würde mir verpflichtende Fortbildungen für Uni- und Lehrpersonal wünschen. Aber nicht nur für Neurodiversität, auch im Hinblick auf Menschen mit Beeinträchtigungen generell, oder zum Umgang mit Rassismus, Sexismus und andere Arten von Diskriminierung.“ Genauso wichtig ist ihr der direkte Dialog: „Was fehlt euch? Wo gibt es Probleme? Was ist euch negativ aufgefallen?“
Anna-Lena kommt ein weiterer Punkt oft zu kurz: dass die Erfahrungen und Bedarfe von neurodivergenten Personen ernstgenommen werden. „Die sollte man nicht einfach wegwischen nach dem Motto: ‚Das hat Prof. X nicht so gemeint‘ oder ‚Ist das wirklich so schwer?‘.“ Für sie ist klar: „Wer wirklich etwas verbessern will, muss sich zunächst eingestehen, dass es aktuell nicht gut läuft.“
Was alle davon haben
Ein Punkt, den Anna-Lena Malter besonders betont, ist, dass es bei mehr Sensibilität für Neurodivergenz nicht um einen Sonderstatus für Betroffene geht, sondern um bessere Bedingungen für alle. „Das Gleiche gilt ja auch für eine Rollstuhlrampe, die nicht nur Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen nutzen, sondern auch Leute mit Kinderwagen oder solche, die kurzzeitig auf Gehhilfen angewiesen sind“, sagt sie. Übertragen auf die Lehre bedeutet das: Strukturen, die für neurodivergente Studierende entwickelt werden, machen das Studium insgesamt zugänglicher. Klarere Abläufe, mehr Flexibilität und bessere Kommunikation helfen nicht nur einzelnen, sondern allen Studierenden. Oder, wie sie es selbst zusammenfasst: „Das sind keine Sonderleistungen – das ist gute Lehre.“
Termin: Mittwoch, 3. Juni 2026 | 14 bis 19 Uhr | Campus
Thema: Neurodiversität in Studium, Lehre und Forschung
Formate: Podiumsdiskussionen, Kurzvorträge, Workshops, Posterpräsentationen, Infostände, Vernetzung
Angesprochen sind: alle Universitätsangehörigen – ob neurodivergent oder neurotypisch, ob mit oder ohne Berührungspunkte zum Thema