Wertschätzen, nicht verurteilen!

Zwischen Mensa und Hörsaal
Teaserbild mit Puzzleteilen

Die Universität Erfurt lädt am 3. Juni 2026 erneut zu einem „Dies Academicus“ ein. Diesmal soll es um das Thema „Neurodiversität auf dem Campus“ gehen. Für unseren Campusblog sprachen wir im Vorfeld mit Prof. Dr. Julia Knop, der Vizepräsidentin für Studienangelegenheiten an der Universität Erfurt, die die Veranstaltung zusammen mit einem kleinen Team vorbereitet…

Frau Prof. Knop, was genau ist ein „Dies Academicus“?
Das ist ein Tag, der allen Mitgliedern der Hochschule Gelegenheit bietet, gemeinsam zu einem bestimmten Anlass oder Thema zu arbeiten, sich auszutauschen, Neues zu lernen, zu diskutieren – außerhalb der regulären Lehre, ohne Prüfungsdruck und quer zu den Fächern, Studiengängen, Studienphasen und Statusgruppen. 

Eine solche Veranstaltung soll nun am 3. Juni 2026 erneut an der Universität Erfurt stattfinden. Der „Dies Academicus“ 2023 stand sehr unter dem Eindruck der Corona-Pandemie und der seinerzeitigen Energiekrise. Beides hat die Stimmung auf dem Campus massiv beeinflusst. Es gab großen Redebedarf. Diesmal soll es um etwas ganz anderes gehen?
Ja, der „Dies Academicus“ 2026 steht unter der Überschrift „Neurodiversität auf dem Campus“. Im Rahmen unseres Engagements für eine diversitätssensible Kultur auf dem Campus wollen wir in diesem Jahr eine Dimension von Diversität besonders in den Fokus stellen: Neurodiversität bzw. Neurodivergenz.

Was ist denn alles unter dem Überbegriff Neurodiversität/Neurodivergenz zu verstehen?
Neurodiversität meint, dass die Art und Weise, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen, wie sie (akustische, visuelle, …) Reize und Informationen verarbeiten, divers, also unterschiedlich und vielfältig ist – und dass diese Unterschiedlichkeit normal ist. Es ist ein Konzept, das davon absieht, bestimmte Unterschiede als pathologisch oder defizitär zu beurteilen. Der Begriff Neurodivergenz hingegen wird für Varianten der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung verwendet, die vom statistischen Durchschnitt abweichen. Dazu zählt man beispielsweise AD(H)S, Autismus, aber auch Dyslexie und Dyskalkulie, Synästhesie und Hochbegabung. Neurodivergente Menschen „ticken“ anders als die meisten anderen (die so genannten „neurotypischen“) – nicht aufgrund einer psychischen Störung oder neurologischen Erkrankung, sondern aufgrund ihrer spezifischen „Verdrahtung“. 

Warum gerade dieses Thema?
Weil es eine durchaus erhebliche Gruppe neurodivergenter Menschen gibt, die viel zu oft durchs Raster fällt. Neurodivergenz ist kein Defizit – aber neurodivergente Menschen haben es dennoch in mancher Hinsicht schwerer als neurotypische Menschen. Unsere Welt ist nicht für sie gemacht. Sie ist zu laut, zu grell, zu chaotisch. Es herrschen soziale Codes, die aber nirgendwo aufgeschrieben sind. Kommunikation verläuft oft indirekt; wesentliche Informationen stehen im Subtext. Dinge undiplomatisch anzusprechen, gilt als rüde. Eine souveräne Verarbeitung von Texten, Mengen und Zahlen wird bei normaler Intelligenz vorausgesetzt, ebenso Konzentration, Fokus und Selbstregulation über die jeweiligen Lehr-Lern-Einheiten hinweg.

Wie anstrengend es für neurodivergente Menschen ist, in der Schule, im Studium oder im Beruf eine „normale“ Leistung zu erbringen, sieht man ihnen meist nicht an. Menschen mit AD(H)S und Autist*innen beispielsweise haben oft von klein auf Strategien entwickelt, um nicht als merkwürdig zu gelten, und geben alles, um sich an die sozialen und kommunikativen Erwartungen der anderen anzupassen. Nicht zuletzt deshalb bekommen viele, insbesondere Mädchen und Frauen, keine oder erst im Erwachsenenalter eine Diagnose – sie funktionieren einfach zu gut und fallen zu wenig auf. Doch das erzeugt oft große Erschöpfung und Einsamkeit. Auch das bleibt unsichtbar. 

Haben Sie einen Überblick, wie viele Personen an der Universität Erfurt in diesem Spektrum „unterwegs“ sind?
Bisher wurde das nicht systematisch erfasst. Aber zum Wintersemester 2025/26 haben wir erstmals die Erstsemester-Studierenden im Bachelor um eine entsprechende Selbsteinschätzung gebeten. Von gut 900 Rückläufen (85% der Befragten) haben 12% ein Kreuzchen bei Neurodivergenz gesetzt. Die größte Gruppe darunter stellen Studierende mit AD(H)S (61%), gefolgt von Autist*innen (21%), Studierenden mit Dyslexie (15%), Dyskalkulie (14%) sowie Hochsensibilität (14%). Das dürfte in etwa der Normalverteilung in der Bevölkerung entsprechen. Gut möglich, dass der Anteil neurodivergenter Menschen an einer Hochschule sogar höher ist, weil die Arbeitsbedingungen von Forschung und Lehre den Bedürfnissen, Fähigkeiten und Spezialinteressen vieler neurodivergenter Personen entgegenkommen.

Nun könnte man ja sagen „ok, für die betroffenen Personen gibt’s Anlaufstellen außerhalb des Campus‘ – Beratungsstellen, Gruppen, in denen sie sich austauschen können“. Warum ist es Ihnen ein Anliegen, das auf dem Campus zu thematisieren und sich darum zu kümmern?
Weil Neurodivergenz eben doch so „normal“ und verbreitet ist. Biografische Schwellen wie der Übergang von der Schule an die Universität oder von der Universität in den Beruf sind besonders sensibel und krisenanfällig. Spezielle Beratung ist natürlich nötig. Individuelle Unterstützung ist wichtig. Vernetzung in Selbsthilfegruppen ist super. Aber man kann die Auseinandersetzung mit Dyslexie oder ADHS nicht in bestimmte Zeitfenster oder Gruppen auslagern oder beispielsweise eine Reizfilterschwäche wegtrainieren, um das Mittagessen in der lauten, geruchsintensiven Mensa aushalten zu können. Neurodivergenz prägt die betroffenen Personen in allen Facetten und allen Phasen ihres Lebens. Das „wächst sich nicht aus“ – aus neurodivergenten Kindern werden neurodivergente Erwachsene. Und am Ende gilt es immer, in der neurotypischen Welt klarzukommen. Mir ist wichtig, dass wir als Universität daran mitwirken, dass das leichter wird. Dass die Last der Anpassung nicht nur bei neurodivergenten Studierenden, Lehrenden und Mitarbeitenden liegt – sondern dass wir uns immer wieder bewusst machen, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben und unterschiedlich schwere Herausforderungen stemmen. Auch wenn man es ihnen nicht ansieht. 

Was kann die Universität Erfurt denn für Menschen im Neuro-Spektrum leisten – und was aber auch nicht?
Vielleicht zunächst, was wir als Universität nicht leisten können: eigene Beratungsstellen oder gar eine valide Diagnostik anzubieten. Das übersteigt sowohl die Möglichkeiten als auch die Kompetenzen einer Universität. Was wir aber leisten können: im Rahmen der speziellen Studienberatung individuelle Unterstützungsbedarfe ausloten – bis hin zum Nachteilsausgleich. Geräuscharme Lern- und Prüfungsumgebungen, Pausen- und Sozialräume schaffen. In der Lehre: Neurodivergenz (nicht nur) in der Lehrkräftebildung thematisieren. Uns hochschuldidaktisch fortbilden. Good-Practice-Beispiele hilfreicher Binnendifferenzierung und selbstgesteuerten Lernens sammeln. Gruppenarbeit ist nicht für alle der Schlüssel zum Glück. Vereinbarungen für individuelle Zeitpläne, etwa bei der Erstellung einer Hausarbeit, treffen. Den Blick dafür schulen, wie sich z.B. Dyslexie äußert – und einer entsprechend „auffälligen“ Klausur keine intellektuelle Fehlleistung attestieren. Klar kommunizieren – nicht nur in der Aufgabenstellung einer Prüfung. In der Forschung: neue Projekte anstoßen und vorhandene Forschung, vorhandenes Wissen auf dem Campus sichtbar machen. Im Alltag: uns fortbilden und uns interessieren für das Thema Neurodivergenz. Klischees vom nerdigen Computerfreak mit Ausnahmebegabung überwinden. Nachfragen, was gebraucht wird. Normalitätsstandards hinterfragen. Internalisierten Ableismus hinterfragen. Diversität wertschätzen, nicht verurteilen. 

Was ist denn für den „Dies Academicus“ im Juni geplant und an wen genau richtet sich die Veranstaltung?
Der „Dies“ findet von 14 bis etwa 19 Uhr statt. Zu Beginn gibt es einen Impulsvortrag mit wichtigen Informationen zu Neurodivergenz. Danach werden auf einem Podium verschiedene neurodivergente Menschen unserer Universität zu Wort kommen. Alle Hochschulangehörigen – Studierende, Docs, PostDocs, Profs, Mitarbeitende aus Technik und Verwaltung – sind adressiert, ob neurodivergent oder neurotypisch. Niemand soll sich outen (müssen). Alle sollen Gelegenheit zu Gespräch und Weiterbildung haben. Außerdem sind parallele Workshops für unterschiedliche Zielgruppen geplant: für Menschen, die in der (Studien-)Beratung tätig sind, für Lehrende, die sich hochschuldidaktisch fortbilden möchten, für Lehramts-Studierende mit besonderem Blick auf die Schulpraxis, für Studierende aller Fächer, die sich untereinander austauschen möchten. Wir hoffen außerdem noch, eine interessante Person für eine etwas gesprächigere Abendveranstaltung im Café „Hörsaal 7“ zu gewinnen. Parallel zu diesen Einheiten wird es im Foyer des KIZ einen „Marktplatz“ geben, auf dem sich einschlägige Beratungs- und Selbsthilfeinitiativen, Netzwerke und Verbände aus der Region präsentieren. Flankiert wird der Nachmittag durch Lehrveranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit jetzt im Winter- und dann im Sommersemester. Auf unserer Website und im Veranstaltungskalender der Universität gibts dann auch jeweils rechtzeitig noch mehr Informationen zum Programm.

Wenn jemand dieses Interview liest und sich gern noch einbringen würde – wäre das möglich? Und wenn ja: An wen soll er sich dafür wenden, an Sie?
Ja natürlich, sehr gern sogar! 

Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten?
Darauf und darüber, dass neurodivergente Menschen unserer Universität sichtbar und hörbar werden (können): dass sie sich trauen, von sich zu erzählen, erkennbar zu werden. Das finde ich sehr mutig und das braucht eine respektvolle Atmosphäre.

Wenn sie sich etwas wünschen könnten: Was soll am Ende des „Dies Academicus“ 2026 stehen, was soll „hängenbleiben“?
Ich erwarte zunächst einmal einen institutionellen Bildungsschub in Sachen Neurodivergenz. Und dann ganz praktische Ergebnisse, beispielsweise Leitfäden oder Best-Practice-Beispiele, die wir in der Beratung, in der Lehre und der Gestaltung des Campus nutzen können. Mittel- und langfristig hoffe ich auf ein breiteres Bewusstsein dafür, wie unterschiedlich Menschen „ticken“ und wie unterschiedlich Belastungen verteilt sind. Ich wünsche mir größere Aufmerksamkeit für die individuellen Bedürfnisse und Grenzen von Menschen. Eine neue Behutsamkeit im Umgang miteinander. Denn am besten wäre es doch, wenn sich niemand als irgendetwas „outen“ müsste, um in seinem So-Sein, seinen Begabungen und Grenzen wahrgenommen und anerkannt zu werden.

Weitere Informationen / Kontakt:

Vizepräsidentin für Studienangelegenheiten
(Präsidium)
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