250 Jahre USA: Warum der Mythos von 1776 bis heute umkämpft ist

Einblicke
Bildmontage: Porträtfoto Prof. Dr. Jürgen Martschukat vor grauem Hintergrund und angedeuteter USA-Flagge, links eine schwarzweiße Zeichnung von versklavten Schwarzen Menschen, links oben weiße Schrift auf gelbem Hintergrund: Einblicke

Die Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 gilt als Gründungsdokument der Vereinigten Staaten. Doch wer erzählt die Geschichte dieses Landes – und wessen Perspektiven werden vernachlässigt? Im Interview erklärt Prof. Dr. Jürgen Martschukat, warum der „Mythos 1776“ bis heute die politische Kultur der USA prägt, weshalb die Geschichte der Sklaverei untrennbar zur Staatsgründung gehört und welche Verantwortung die Geschichtswissenschaft im Umgang mit nationalen Erzählungen trägt.

Sie sprechen vom „Mythos 1776“ – Welche Ereignisse gelten als Ausgangspunkt der US-amerikanischen Geschichte?
Da ist zunächst die Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 zu nennen. Sie erklärt „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ zu unveräußerlichen Rechten aller Menschen und verankert dieses Ideal im Zentrum einer politischen Ordnung. Der „Mythos 1776“ ist ein doppelter:
Erstens wird suggeriert, Freiheit sei eine genuin US-amerikanische Erfindung. Über Freiheit wurde jedoch bereits seit Langem umfänglich in der europäischen Aufklärung diskutiert. Zudem hat Sarah M.S. Pearsall jüngst in ihrem Buch „Freedom Round the Globe“ gezeigt, dass Ideen politischer Freiheit an zahlreichen Orten der Welt gährten – von Indien über Schottland bis in die Karibik. 
Zweitens brachte die Gründung der USA keineswegs allen Menschen, die dort lebten, Freiheit, Gleichberechtigung oder gar politische und gesellschaftliche Teilhabe. Frauen waren weitgehend von politischer Teilhabe ausgeschlossen, Schwarze Menschen konnten weiterhin versklavt werden, für Native Americans bzw. indigene Menschen bedeutete die Gründung der USA eine Beschleunigung des siedlerkolonialen Genozids. Aber ich will auf Ihre Frage auch noch mit dem Verweis auf ein zweites Ereignis antworten: Nämlich mit der Verschleppung der ersten Schwarzen Sklaven in die Kolonie Virginia im Jahr 1619. Neben dem Jahr 1776 gibt es deshalb mit 1619 noch ein zweites Datum, das als Beginn der US-amerikanischen Geschichte verstanden werden kann. Das betont etwa Nikole Hannah-Jones, die die treibende Kraft des sogenannten 1619-Projektes des New York Times Magazins.

Warum ist 1776 bis heute so ein wichtiger Bezugspunkt der US-amerikanischen Identität? Welche Rolle spielen aktuelle politische Konflikte dabei?
Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass der 4. Juli 1776 und die Unabhängigkeitserklärung auch für viele der ausgeschlossenen Gruppen ein zentraler Bezugspunkt in ihrem Kampf um politische Gleichberechtigung war. Dies galt für Frauen, die sich beispielsweise in der sogenannten „Declaration of Sentiments“ von 1848 ausdrücklich auf die Unabhängigkeitserklärung bezogen, deren Wortlaut aber anpassten und statt des englischen Königs die Männer als illegitime Herrscher anklagten. Dies galt auch für Schwarze Intellektuelle oder Politiker wie Phillis Wheatley, David Walker oder Frederick Douglass, die die Einlösung der Versprechen der Unabhängigkeitserklärung auch für Schwarze Amerikaner*innen einforderten und die deren Heuchelei anklagten. Sie sind vielleicht die eigentlichen Kämpfer*innen für Freiheit, gleichberechtigte politische und gesellschaftliche Teilhabe – und nicht die Gründerväter, von denen viele von Freiheit redeten und zugleich selbst Menschen versklavten. Die gegenwärtige US-Regierung hält diese Kritik an den Gründervätern für unpatriotisch und fordert stattdessen eine weißgewaschene nationale Geschichtserzählung.   

Welche Perspektiven fehlen Ihnen im aktuellen öffentlichen Diskurs über 1776 – und welche Stimmen werden zu wenig gehört?
Kritische Stimmen – sowohl im wissenschaftlichen als auch im öffentlichen Diskurs – sind und waren in den USA sehr wohl hörbar. Da wäre z. B. der Erinnerungsort des „President’s House“ zu nennen. Dort wird in Philadelphia direkt neben der „Independence Hall“, wo die sogenannten Gründerväter die Unabhängigkeit der Kolonien von England erklärten, die Geschichte von neun Sklav*innen des ersten US-Präsidenten George Washington erzählt. Sie waren Washington immer dann zu Diensten, wenn er als Präsident in der damaligen Hauptstadt Philadelphia war, und nicht auf seiner Plantage in Virginia, wo er mehr als 300 Menschen versklavte. Da Pennsylvania seit 1780 die dauerhafte Versklavung von Menschen untersagt hatte, hatten dort versklavte Menschen nach sechs Monaten einen rechtlichen Anspruch auf Freiheit. Washington aber umging das dort geltende Recht und ließ versklavte Menschen regelmäßig für nur kurze Zeit aus Pennsylvania wegbringen, damit sie dort nie sechs Monate am Stück waren. Und auch hier ist das bereits erwähnte 1619-Projekt des New York Times Magazins zu nennen, das ein großes öffentliches Echo erfahren hat. Vielleicht ist gerade die Tatsache, dass diese Korrekturen des historischen Narrativs in den vergangenen Jahren auch in einer breiteren Öffentlichkeit so erfolgreich waren, der Grund dafür, dass die derzeitige US-Regierung sie so vehement bekämpft. Trump hat schon im März 2025 eine Executive Order erlassen, die eine solche kritische Geschichte aus US-amerikanischen Museen und Gedenkstätten verbannen soll. Zum 250-jährigen Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung soll es Wrestling-Shows, Autorennen und eine Militärparade in Washington, D.C., geben, aber keine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die Ausstellung zur Sklaverei im „President’s House“ in Philadelphia musste abgebaut werden, ein Rechtsstreit zu deren Wiederherstellung wird sicher in die nächste Runde gehen.

Braucht eine demokratische Gesellschaft überhaupt Gründungsmythen? Welche Verantwortung tragen Historiker*innen im Umgang mit politisierten Geschichtserzählungen?
Mythen machen Geschichte zu etwas Unhinterfragbarem. Sie verbergen die Ambivalenzen und Widersprüche von Geschichte hinter einer emotional aufgeladenen, unkritischen Version von Vergangenheit. Eine demokratische Gesellschaft sollte solche Widersprüche aushalten können und wollen und sich ihnen auch öffentlich stellen wollen. Gerade die Geschichte der USA zeigt, dass Demokratie davon lebt, eigenes Unrecht anzuerkennen und unnachgiebig daran zu arbeiten, ihre eigenen Versprechen von Freiheit und Gleichheit einzulösen.


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Prof. Dr. Jürgen Martschukat

Jürgen Martschukat ist Historiker mit dem Schwerpunkt Nordamerikanische Geschichte. Nach seinem Studium der Geschichte, Anglistik und Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln schloss er 1993 an der Universität Hamburg mit einer Arbeit zur Nationalisierung der Anglo-Iranian Oil Company im Iran seine Promotion ab. 1999 habilitierte er sich dort mit einer Studie zur Geschichte der Todesstrafe und war anschließend als wissenschaftlicher Assistent, Privatdozent sowie Heisenberg-Professor an der Universität Hamburg tätig.

Seit 2006 ist Jürgen Martschukat Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der US-amerikanischen und europäischen Geschichte, der Körper- und Geschlechtergeschichte, der Geschichte von Gewalt und Strafe sowie der Geschichtstheorie. Mit seinen Arbeiten untersucht er u. a. Fragen von Freiheit, Demokratie, Macht und gesellschaftlichen Ungleichheiten in historischer Perspektive.

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Grundlage des Beitrags ist die Sammlung deutscher Auswandererbriefe in den Vereinigten Staaten, die in den 1980er Jahren an der Ruhr-Universität Bochum begründet wurde. Seit 2002 wird sie in der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt aufbewahrt und kontinuierlich erweitert. Sie eröffnet Einblicke in die Erfahrungen von Menschen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Heimat verließen und in den USA ein neues Leben suchten.

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