„… aber das war auch ’n bisschen schön bei dem Traum“ – Wie Kinder lernen, über Emotionen zu sprechen

Einblicke
Porträtfoto von Stephanie Kurtenbach, deutliches Lächelns, blonde lange Locken, oben rechts Junge mit zwei emotionalen gezeichneten Emojis, Einblicke als Text

Kinder empfinden Gefühle und Emotionen – lange bevor sie Worte dafür finden. Schon junge Kinder zeigen Freude, Angst oder Unsicherheit über Mimik, Gestik und Stimme. Im Animationsfilm „Alles steht Kopf“ wird die Gefühlswelt der jungen Riley ganz und gar lebendig: Die Charaktere Freude, Kummer, Angst, Wut und Ekel steuern die Gedanken, Erinnerungen und Reaktionen der Hauptfigur – und zeigen, wie sehr Emotionen ihr Handeln prägen können. Auch im zweiten Teil der Pixar-Produktion, wenn sich das Spektrum an Gefühlen zunehmend erweitert – Zweifel, Scham, Neid und Langeweile kommen bei der jugendlichen Riley hinzu – wird deutlich, dass Kinder Gefühle nicht nur erleben, sondern auch erst einmal lernen müssen, sie zu verstehen und auszudrücken.
Doch wie gelingt das? Wie lernen Kinder, über ihre Emotionen zu sprechen, und wie können Erwachsene sie dabei unterstützen? Antworten auf diese Fragen gibt Dr. Stephanie Kurtenbach von der Universität Erfurt in diesem „WortMelder“-Beitrag. Die Sprachtherapeutin und Sprechwissenschaftlerin forscht zu Sprach- und Kommunikationsentwicklung bei Kindern und ist Leiterin von KOMPASS Sprache, dem Lehr- und Forschungs-Lab der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät. Dort erhalten Eltern und pädagogische Fachkräfte Anregungen, wie Kinder sprachlich und emotional unterstützt werden können – etwa auch beim Sprechen über Gefühle.

Emotionen auszudrücken, fällt durchaus auch Erwachsenen nicht immer leicht, also Worte für das zu finden, was sie empfinden. Wie ist das bei Kindern? Zunächst: Ab wann wird Kindern überhaupt erst einmal bewusst, wann nehmen sie wahr, dass sie Emotionen haben und wie drücken sie diese nonverbal aus?
Kinder beginnen bereits sehr früh, Emotionen bei anderen wahrzunehmen und diese auch zu deuten, aber natürlich noch nicht sprachlich. Das beginnt bereits im ersten Lebensjahr. Schon in den ersten Lebensmonaten reagieren die Kinder auf Gesichtsausdrücke, Gesten und stimmliche Nuancen ihrer erwachsenen Bezugspersonen. Das erste sogenannte soziale Lächeln findet sich bei vielen Babys bereits mit sechs bis acht Wochen. Das bedeutet, dass sie vor allem auf nonverbale (Gestik, Mimik) und paraverbale kommunikative Signale ihrer Eltern (Stimmklang und Melodie) reagieren. Und das tun sie deshalb, weil es in erster Linie die Eltern sind, die viele Impulse ihrer Kinder mit dem sogenannten Babytalk aufgreifen und darauf eingehen. So entsteht ein wechselhafter Dialog von emotionsgeladenen stimmlichen und lautlichen Äußerungen, der von gegenseitiger Imitation geprägt ist. Drei bis sechs Monate alte Babys reagieren zunehmend stärker auf Emotionen anderer durch Lächeln, Weinen und Veränderung der Stimme. Mit sechs bis zwölf Monaten zeigen sie stimmlich und mimisch Freude, Ärger und auch Angst.

Und in welchem Alter beginnt es typischerweise, dass Kinder in der Lage sind, ihre Emotionen auch sprachlich auszudrücken?
Das passiert ein bisschen später, denn erst mit dem ersten Geburtstag, also im zweiten Lebensjahr, steigen die Kinder in die Welt der Wörter ein. Außerdem ist die Fähigkeit, die eigenen Emotionen sprachlich zum Ausdruck zu bringen, kognitiv auch anspruchsvoller als z. B. über die gegenständliche Umwelt zu sprechen. Die Fähigkeit, über Emotionen – wir nennen es auch Innerpsychisches – sprechen zu können, setzt nämlich voraus, dass ein Kind das eigene innere Erleben und dasjenige anderer Personen wahrnehmen und darüber reflektieren kann. Wörter und Ausdrücke mit innerpsychischem oder emotionalem Inhalt weisen also einen höheren Grad an Abstraktheit auf als etwas ganz konkret Wahrnehmbares. Dazu kommt, dass unser emotionales Vokabular sehr komplex ist und in verschiedene Bereiche eingeteilt wird. Die Versprachlichung von Emotionen gehört ebenso dazu wie die von Wahrnehmungen (z. B. Geruchs- und Tastempfindungen), physiologischen Zuständen (z. B. Hunger, Durst), Volitionen (z. B. Wünsche, Bedürfnisse, Fähigkeiten), Kognitionen (z. B. Wissen, Denken, Unsicherheit) und moralischen Bewertungen. Das bedeutet also, dass es nicht nur konkrete emotionale Begriffe sind, die wir zu unserem emotionalen Vokabular zählen. Das macht eine Untersuchung darüber, ab wann die Kinder Emotionen versprachlichen, auch so komplex. Ein paar Dinge aber wissen wir schon! Wörter oder Ausdrücke, die sich auf innerpsychische Zustände beziehen, werden bei Kindern ab einem Alter von anderthalb Jahren beobachtet. Der Anteil dieser Wörter am Gesamtvokabular ist jedoch noch sehr gering. Anfangs sprechen Kinder vor allem über körperliche Zustände wie Hunger oder Durst und über ihre Wünsche. Dann kommen mehr und mehr konkrete Emotionswörter („Lina Angst“, „Papa traurig“). Es folgen volitionale Ausdrücke („Paula selbst“ [für: „Paula kann das“] oder „darf nicht“). Zuletzt erscheinen mentale Wörter, die auf kognitive Zustände wie Denken, Glauben oder Vorstellen verweisen. Vom dritten bis zum fünften Lebensjahr nimmt das Emotionsvokabular sprunghaft zu und verdoppelt sich bis zum Alter von elf Jahren alle zwei Jahre. Vorschulkinder können eigene und fremde Gefühlszustände aus den Bereichen Schmerz, Müdigkeit, Abscheu, Liebe oder moralische Gefühle benennen, über vergangene und zukünftige Emotionen sowie deren Konsequenzen sprechen und imaginierte Emotionen in fiktiven Kontexten spielerisch ausdrücken.

In Ihrem Gesprächskreisprojekt „Stolpersteine und Wunschsterne“ haben Sie Gesprächsprozesse in Kitas untersucht: Sind Ihnen dort Muster im Sprechen über Gefühle bei den Kindern aufgefallen oder anders formuliert: Welche Strategien nutzen Kinder, um über ihre Emotionen zu sprechen?
In diesem Gesprächskreisprojekt erleben wir die Kinder in ihren kommunikativen Fähigkeiten als äußerst kompetent. Vor allem, wenn es darum geht, ihre Gefühle zu äußern. Das hat insbesondere mit dem Gesprächsformat zu tun. Regelmäßig kommen die Kinder hier zusammen, um über ihre Wünsche – also Wunschsterne – (z. B. „Besuch in den Zoo“ oder „wieder mal bei Jona schlafen“) und Probleme – Stolpersteine – (z. B. „schlimme Träume“ oder „Schubsen auf der Treppe“) zu reden. So erzählt die sechsjährige Pauline, wie aus dem Titel dieses Beitrags hervorgeht, von ihrem schlimmen Traum über einen Streit mit ihrer Freundin Julia. Dieser Traum sei „aber auch ein bisschen schön“ gewesen, denn sie hätten sich wieder vertragen. Diese Gespräche werden von den pädagogischen Fachkräften moderiert. Es geht immer darum, dass die Kinder mit Unterstützung der Pädagoginnen Lösungen kommunikativ herausarbeiten, die dann von der Kita zeitnah umgesetzt werden. So ist es also gesprächsimmanent, dass hier miteinander über Wünsche, Bedürfnisse, Probleme, Sorgen oder Ärger gesprochen wird. Im Laufe der Gesprächskreise (der Zeitraum umfasst immer ein ganzes Kitajahr der Vorschulkinder) können wir einen Zuwachs an Emotionsvokabular bei den Kindern beobachten. Es finden sich ganz konkrete Emotionswörter („schlimm“, „schön“, „gruselig“), aber auch andere Kategorien in den Äußerungen der Kinder wie z. B. Volitionen („ich wünsche mir“, „ich möchte“, „du könntest ja“), viele Bewertungen („nett“, „klasse“, „schöner“, „sehr“) und weniger häufig auch Kognitionswörter („weißt du“, „ich kann mir vorstellen“, „geträumt“). Es verlangt von den frühpädagogischen Fachkräften eine einfühlsame Gesprächsleitung und stellt hohe kognitive und kommunikative Anforderungen an die Kinder. Sie üben Reflexions- und Analysefähigkeiten wie Erzählen, Erklären, Schildern, Berichten und Begründen, aber auch Fähigkeiten wie Empathie und Perspektivenübernahme.

Und wie können Eltern, Erziehende und Lehrende bspw. die Kinder dabei unterstützen, über ihre Gefühle zu sprechen?  
Sie hatten es eingangs ja bereits erwähnt: Es fällt uns Erwachsenen oft auch nicht leicht, über unsere Emotionen zu sprechen. Das ist ein wichtiger Punkt. Die Kinder lernen von uns als Vorbilder. In Untersuchungen ist deutlich geworden, dass es einen großen Zusammenhang zwischen dem Emotionsvokabular von Eltern und Kindern gibt. Je mehr also Eltern ihre inneren Zustände ihren Kindern gegenüber sprachlich zum Ausdruck bringen, desto größer wird auch das Vokabular der Kinder, über ihre eigenen Gefühle zu sprechen. Auch als Eltern dürfen wir mal traurig, wütend, unsicher, ratlos, verzweifelt, aber natürlich auch glücklich, froh und lustig sein. Wichtig ist jedoch, das mit den Kindern auch kommunikativ zu teilen, z. B. in Erlebnisberichten vom Tag, in denen man ganz bewusst auch über die Gefühle spricht, die in bestimmten Situationen aufkamen.

In Kitaforschungen ist eine Sprachlehrstrategie als besonders wirkungsvoll entdeckt worden, um mit Kindern in intensive Gesprächsprozesse zu kommen: Sie wird „sustained shared thinking“ genannt. Damit ist gemeint, mit Kindern in einen intensiven Gedankenaustausch zu kommen. Das können wir z. B. anregen, indem wir unsere eigene Unsicherheit sprachlich deutlich machen, wenn es etwa darum geht, ein Problem zu lösen:

  • „Da hab‘ ich gerade keine Idee, weißt du vielleicht, wie wir das Problem lösen könnten?“
  • „Das weiß ich im Moment nicht, hast du vielleicht eine Idee?“
  • „Wem fällt dazu was ein? …“

Das hat natürlich auch ganz viel mit unseren Emotionen zu tun und noch einen tollen Nebeneffekt: Die Kinder erleben sich als kompetente Gesprächspartner*innen.

Was kann helfen, wenn Kinder sich verschließen sollten, eben kaum noch darüber sprechen, was sie bewegt und wie sie sich fühlen?
Wir können hier Verschiedenes tun:

  • Noch mehr Wert darauf legen, regelmäßig die eigenen Gefühle mit den Kindern zu reflektieren.
  • Bücher mit den Kindern anschauen, in denen es um Gefühle geht. Wenn wir über die Gefühle von anderen reden, dann lernen wir auch einen Zugang zu unseren eigenen Gefühlen. Hier lohnt sich ein Besuch in der Kinderbibliothek und das Gespräch mit den erfahrenen Bibliothekar*innen über passende Bücher.
  • Gemeinsam Kinderfilme ansehen und über emotionale Situationen ins Gespräch kommen.
  • Wenn sich Kinder aber trotz all dieser Gesprächsangebote nicht öffnen und man ihnen anmerkt, dass es ihnen nicht gut geht, sollte man professionellen kinderpsychologischen Rat einholen.

Warum ist es so wichtig, mit Kindern über ihre Emotionen zu sprechen und diese ernst zu nehmen?
Die Fähigkeit, über eigene und fremde Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse, Absichten und Gedanken zu sprechen, aber auch diejenigen anderer zu deuten und darüber ins Gespräch zu kommen, ist ein wichtiger Schritt in der kindlichen Kommunikationsentwicklung.

Über Emotionen zu sprechen ist wichtig, weil es

  • das emotionale Verständnis fördert: Kinder lernen, eigene und fremde Gefühle zu erkennen, zu benennen und zu unterscheiden.
  • die Emotionsregulation unterstützt: Durch Sprache können Kinder kommunizieren, was sie brauchen, statt impulsiv zu reagieren.
  • Bindung und Vertrauen stärkt: Offener Dialog über Gefühle fördert Nähe zu Bezugspersonen und Sicherheit.
  • soziale Kompetenzen verbessert: Empathie, Konfliktlösung und verständnisvolle Kommunikation entstehen, wenn wir über Gefühle sprechen.
  • Stress und Belastungen reduziert: Benennen von Emotionen erleichtert die Verarbeitung von Ängsten, Wut oder Traurigkeit.
  • frühförderliche Entwicklung unterstützt: Die frühkindliche Sprach- und Kognitionsentwicklung profitiert davon, Gefühle angemessen zu beschreiben.

Und schlussendlich: Wie kann Sprachförderung dabei helfen, dass Kinder leichter über ihre Emotionen sprechen können? Gibt es gute Beispiele aus der Praxis?
Das bereits erwähnte Gesprächskreisprojekt „Stolpersteine und Wunschsterne“ ist in diesem Zusammenhang ein tolles Beispiel aus der Praxis. Wenn pädagogische Fachkräfte Kindern einen Raum geben, regelmäßig über Wünsche und Probleme ins Gespräch zu kommen sowie gemeinsam Lösungen zu finden und umzusetzen, erleben die Kinder nicht nur Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Teilhabe, sondern entwickeln auch ihr Emotionsvokabular weiter.

Kitas, aber auch Familien können sich auf die Suche nach Büchern, Geschichten, Bildern oder Filmen begeben, in denen Gefühlswelten eine bedeutsame Rolle spielen. Diese Gesprächsanlässe dürfen zu Routinen werden, damit die Kinder zunehmend ein eigenes Emotionsvokabular aufbauen.

Schließlich gehört dazu, auch das eigene kommunikative Verhalten immer wieder zu reflektieren: Wie sehr spreche ich als Erwachsener über meine inneren Zustände mit den Kindern? Mache ich das regelmäßig? Traue ich mich vor meinen Kindern, auch einmal schwach und unsicher zu sein? Wenn wir Eltern darin unterstützen – wie bei uns im KOMPASS Sprache –, dann sind wir auf dem richtigen Weg.


Foto von Kurtenbach Stephanie Erziwhungswissenschaftliche Fakultaet der Universitaet Erfurt, lächelnd, lange blonde Locken
Dr. Stephanie Kurtenbach

Stephanie Kurtenbach ist Sprechwissenschaftlerin und Sprachtherapeutin mit langjähriger Erfahrung in Forschung, Lehre und Praxis. Seit 2025 leitet sie das Lehr- und ForschungsLab KOMPASS Sprache an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt.

Zuvor war sie viele Jahre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig und promovierte dort 2008 zum Thema sensorische Integration in der sprachtherapeutischen Praxis.

Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in der Sprachbildung und Sprachförderung im Kindesalter sowie in den Zusammenhängen zwischen sensomotorischer Entwicklung, Lernen, Verhalten und Sprache.

Lehr- und ForschungsLab KOMPASS Sprache

KOMPASS Sprache ist das Lehr- und ForschungsLab für Sprache, Sprechen und Kommunikation der Universität Erfurt. Es verbindet Forschung, Lehre und Praxis und unterstützt Kinder und Jugendliche mit Sprach- und Kommunikationsbeeinträchtigungen sowie deren Familien und Fachkräfte. Im Mittelpunkt stehen Fragen der sprachlichen Entwicklung, Diagnostik, Förderung und inklusiven Teilhabe. Das interdisziplinäre Team aus Wissenschaft und Praxis bietet u. a. Beratung, Fortbildungen und praxisnahe Unterstützungsangebote für Kitas, Schulen und therapeutische Einrichtungen an. Zugleich dient KOMPASS Sprache als Forschungs- und Ausbildungsort für Studierende und Fachkräfte. Untersucht wird u. a., wie Sprach- und Kommunikationsstörungen Bildung, soziale Teilhabe und Wohlbefinden beeinflussen und wie Betroffene besser unterstützt werden können.

Noch bis 1. Juli 2026 bietet KOMPASS Sprache sogenannte „Infohäppchen“ an, teils digital, teils vor Ort in der Andreasstraße 37c: Diese Veranstaltungen richten sich an Studierende, Lehrkräfte, Erzieher*innen, Therapeut*innen, Mediziner*innen sowie Sorgeberechtigte. Thematisch reichen die Angebote von Sprachförderung in der Kita über kommunikative Partizipation und Autismus-Spektrum-Störungen bis hin zu Emotionen in der Sprachentwicklung oder Kinderschutz in der Sprachtherapie. Ergänzt wird das Programm durch offene Termine zum Kennenlernen des Labs. Wer mehr zum Thema dieses Beitrags erfahren möchte, sollte Stephanie Kurtenbachs Online-Info-Vortrag „Wie fühle ich mich? Wie lernen Kinder, über Emotionen zu sprechen und wie können wir sie dabei unterstützen?“ am 17. Juni von 17 bis 18:30 Uhr nicht verpassen.

Programm des Lehr- und ForschungsLab KOMPASS Sprache im Sommersemester 2026