20 Jahre Katholisch-Theologische Fakultät: Die Integration in die Universität aus der Perspektive eines damaligen Studenten mit Dr. Martin Fischer

Forschung & Wissenschaft , Personalia
Ein Bild der Villa Martin im Frühling mit dem Schriftzug #20JahreKThF an der Universität Erfurt

Vor 20 Jahren wurde die Katholisch-Theologische Fakultät in die Universität Erfurt integriert. Wir haben mit denjenigen gesprochen, die diesen Prozess als Studierende, Professor*innen, Mitarbeiter*innen der Verwaltung oder aus der Perspektive der Kirche erlebt haben. 

Beginnen möchten wir mit Dr. Martin Fischer, heute Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, der die Integration der Fakultät als Student miterlebt hat. 

Dr. Martin Fischer
Dr. Martin Fischer

Lieber Herr Fischer, Sie haben die Integration der Fakultät in die Universität damals als Student erlebt. Wieviel haben die Studierenden damals von diesem Integrationsprozess mitbekommen und wie war die Stimmung – zuversichtlich oder vielleicht eher skeptisch?

Ich bin im Sommersemester 2000 zum Theologie-Studium nach Erfurt gekommen, an die „Theologische Fakultät Erfurt“ – eine rein kirchliche Hochschule. Sie wurde 1952 als „Philosophisch-Theologisches Studium“ gegründet und war die einzige Ausbildungsstätte für katholische Theologie in der DDR. Im Mai 1999 erhielt das „Studium“, wie die Einrichtung umgangssprachlich hieß, kirchlicherseits den Status einer Hochschule mit allen Rechten (facultas ecclesiastica - Kirchliche Theologische Fakultät) und in diesem Zusammenhang einen neuen Namen: Theologische Fakultät Erfurt.

Die Stimmung unter der Fachschaft war unterschiedlich. Zum einen wussten wir als Studenten, dass es bereits mit der Mitte der 1990er Jahre erfolgten Wiedergründung der Universität Erfurt von Anfang an Bestrebungen gab, dass die katholische Theologie Bestandteil dieser geisteswissenschaftlich angelegten Uni sein sollte.

Doch hatte im Sommer 1998 der Vatikan diesem Vorhaben eine Absage erteilt und sich lediglich für eine enge Kooperation ausgesprochen. Also der erste Versuch einer Integration war bereits gescheitert gewesen, so dass es durchaus Skepsis gab, ob es denn bei einem zweiten Anlauf gelingen würde.

Auf der anderen Seite war diese enge Kooperation ja bereits mit Leben gefüllt. Mit dem Wintersemester 1999/2000 hatte die Uni auf dem Campus ihren Lehrbetrieb gestartet und es sollte fortan gemeinsame Lehrveranstaltungen wie z.B. Ringvorlesungen oder Seminare geben, bei denen Studenten von der Uni nun zu Gast in unserer kirchlichen Hochschule in der Domstraße waren. Diese Erfahrung nährte natürlich die Zuversicht, dass diese Integration klappen würde, weil wir ja erlebt hatten, dass wir keine geschlossene Einrichtung waren, sondern mitten in der Altstadt ein Teil der Wissenschaftslandschaft Erfurts waren. Außerdem gab es auch einige rein praktische Erfahrungen, die uns eine gewisse Nähe zur Uni haben spüren lassen: Auch wir hatten ein Semesterticket und fuhren damit zum Campus um mittags in der Mensa zu essen oder uns Bücher aus der Unibibliothek zu holen.

Nicht zuletzt fiel die Integration am 1.1.2003 ja nicht aus dem heiteren Himmel, sondern die Studenten und Professoren hatten ja jeden Schritt der vergangenen Jahre mitverfolgt und in den Pausen diskutiert. Da wurde z.B. schon mit Spannung mitgefiebert, wie im Thüringer Landtag die Diskussion zu den Staats-Kirche-Verträgen verlief oder auch wie sich der Hl. Stuhl diesmal positionierte.

 

Inwieweit hat sich durch die Integration in die Universität der Alltag für Sie als Studenten verändert? Gibt es bestimmte Erlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Im ersten Moment hatte sich erstmal nichts geändert. Die Integration war ja im laufenden Wintersemester erfolgt. Der Ablauf der Lehrveranstaltungen lief normal weiter, auf dem Campus waren wir ohnehin in Mensa, UB und natürlich bei Studentenparties präsent. Die eigentlichen Änderungen kamen dann aber nach und nach.

Eine erste, sehr plötzliche Änderung, die wir als Studenten zu spüren bekamen, sollte sich zum Ende des Semesters einstellen. Die Semesterlaufzeit wäre an der Theologischen Fakultät bis zum 28.2. gewesen, an der Uni ging sie aber bis 31.3. Unsere bisherigen Immatrikulationsnachweise trugen das Datum bis Februar, das Sommersemester würde aber erst – da mit der Integration nun der Semesterplan der Universität galt – im April losgehen. De facto wären die Studenten ein Monat lang exmatrikuliert gewesen, was Auswirkungen auf Bafög, Krankenversicherung und andere Dingen gehabt hätte. Daran hatte bei der Vorbereitung der Integration keiner gedacht. Glücklicherweise fiel es noch vor Vorlesungsende auf und unsere Sekretärin, Frau Blech, stellte für alle Studenten der Fakultät neue Nachweise aus, nachdem kurzfristig die Semesterlaufzeit geändert wurde.

Eine spürbare Veränderung brachte auch das wissenschaftliche Arbeiten mit sich. Als kirchliche Hochschule hatten wir auch eine eigene Hochschulbibliothek, die auf verschiedene Räume verteilt war. Das Magazin und die Ausleihe waren in dem Gebäude in der Domstraße 9, ein Freihandbestand befand sich in den Seminarräumen in der Domstraße 10. Jede Fachrichtung hatte einen eigenen kleinen Seminarraum mit den entsprechenden Büchern zu dem jeweiligen Fach. In den Folgemonaten sollte unsere Bibliothek schrittweise aufgelöst und in die Universitätsbibliothek auf den Campus integriert werden. Einige Bücher waren da natürlich zeitweise nicht verfügbar.

Vor allem ist mir aber ein Ereignis in Erinnerung geblieben: In den Semesterferien saß ich gerade an einer Hausarbeit und hatte dafür aus einem der Seminarräume Bücher ausgeliehen. Irgendwie hatte ich den Termin, wann der Umzugstrupp kommt und die Bücher einpackt nicht mitbekommen und lief den Herrschaften genau in die Arme, als ich die Bücher abgeben wollte, ich hatte es also gerade so noch geschafft.

Ein ganz positiver Aspekt der Integration stellte sich dann schließlich in den Folgejahren ein. Aufgrund der beengten Verhältnisse in der Domstraße, wo im wesentlichen nur Vorlesungs- und Seminarräume vorhanden waren, hatten die Professoren keine Büros – sie arbeiteten hauptsächlich von Zuhause aus. Zudem gab es nur ganz wenige wissenschaftliche Mitarbeiter. Dies änderte sich ab 2005, als die „Villa Martin“ nach aufwendiger Sanierung bezugsfertig war und die Fakultät mit Verwaltung und Büros der Professuren auf dem Campus präsent wurde. Auch konnten für die meisten Lehrstühle, die bisher ohne Mitarbeiter auskommen mussten, zumindest mit einer halben Stelle, Mitarbeiterstellen geschaffen werden, die sich dann z.B. mit einem Stufu oder einem Seminar auch in der Lehre einbrachten. Das brachte auch mehr Vielfalt in das Lehrangebot.

 

Wie denken Sie aus Ihrer heutigen Perspektive, 20 Jahre später, an diese Zeit zurück?

Ich bin jetzt 22 Jahre an der Fakultät. Die ersten zwei Jahre war sie noch kirchliche Hochschule, die restlichen 20 Jahre habe ich eine Katholisch-Theologische Fakultät erleben dürfen, die ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Universität Erfurt geworden ist und diese durchaus bereichert. Ich fühle mich daher dieser Universität verbunden. Hier habe ich studiert und danach promoviert und durfte im Anschluss in verschiedenen Projekten als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig sein – so dass ich natürlich dankbar auf die Integration zurückschaue.

 

Fragen und redaktionelle Bearbeitung: Sophie v. Kalckreuth