Den Krieg aus der Ferne erleben. Ein Interview mit dem ukrainischen Theologen Dr. Andriy Mykhaleyko

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Verwüstung in der Stadt Irpin in der Ukraine

Bild: Drop of Light / Shutterstock

 Dr. Andriy Mykhaleyko ist Privatdozent am Lehrstuhl Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Im Wintersemester 2022/23 war er Lehrbeauftragter an der Professur für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie unserer Fakultät. 

In diesem Beitrag beantwortet er Fragen darüber, wie er als Ukrainer, der in Deutschland lebt, den Ausbruch des russischen Angriffkrieges erlebt hat und inwiefern sich dein Leben und seine Arbeit seit Beginn des Krieges verändert haben. 

Lieber Herr Dr. Mykhaleyko, Sie sind seit 2012 an der Katholischen Universität Eichstätt tätig und leben in Deutschland. Wie haben Sie den Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine am 24. Februar 2022 erlebt? 

Wie alle anderen, war ich von der Nachricht geschockt. Man wusste schon Monate vorher, dass die Lage an der ukrainisch-russischen Grenze angespannt ist, keiner hat aber damit gerechnet, dass Russland die Ukraine angreifen wird. Die Nachricht über den russischen Angriff habe ich von meiner Tochter erfahren. Jeden Morgen, wenn meine Kinder zur Schule gehen, mache ich einen längeren Spaziergang und mein Handy bleibt so lange ausgeschaltet. Als ich an jenem Morgen mein Smartphone anmachte, bekam ich viele Nachrichten von meiner ältesten Tochter mit den schrecklichen Bildern, die die ersten russischen Luftangriffe zeigten. Und ein paar Minuten später rief mich eine Journalistin vom Bayerischen Rundfunk an und bat um ein Interview. Eine Stunde später stand ich vor der Kamera. Das Interview war mit Abstand das schwierigste, das ich je gemacht habe. Mir fehlten die Worte, um die neue Situation in meiner Heimat oder meine Gefühle zu beschreiben.

 

Sie haben nicht nur Familie und Freunde in der Ukraine, sondern arbeiten auch eng mit der Ukrainischen Katholischen Universität in Lviv zusammen und sind durch Ihr Priesteramt mit der Kirche in der Ukraine verbunden. Was hat sich in diesen Bereichen seit dem Ausbruch des Krieges für Sie verändert?

Bereits am Donnerstag, den 24. Februar 2022, habe ich mit meiner Familie und mit meinen Kollegen an der Universität mehrmals telefoniert. Mein Bruder und meine Mutter schilderten mir, wie sie früh von den Sirenen geweckt wurden. Alle haben sofort verstanden: Krieg. Man schaltete Radio, Fernsehen, Computer ein, versuchte, sich auf die neue Situation einzustellen. Mein Bruder war sofort am Geldautomaten, wo die Menschen Schlange standen. Die Kollegen an der Uni überlegten: Was tun mit den Studierenden, sollen wir sie nach Hause schicken?

Seit dem Kriegsausbruch hat sich vieles verändert. Man setzt Prioritäten anderes.

Zu einem haben wir in Eichstätt und in meiner Gemeinde in der Nähe von Eichstätt viele soziale Projekte gestartet. Wir haben sowohl humanitäre Hilfe für die Ukraine gesammelt als auch uns um die Aufnahme der schutzsuchenden Personen aus der Ukraine gekümmert. Regelmäßig helfe ich auch als Dolmetscher bei den Behördengängen oder in den Schulen, in denen ukrainische Kinder aufgenommen werden. Außerdem organisierte und beteiligte ich mich an mehreren Friedensgebeten.

Mit den Kollegen an der Universität in Lviv führen wir gemeinsame Projekte durch, die sich in erster Linie mit dem Thema der Rolle der Religion und Kirchen im Krieg Russlands gegen die Ukraine befassen. Ich selbst habe im ersten Jahr des Krieges an verschiedenen Orten in Deutschland und der Schweiz mehr als 30 Vorträge zu dieser Thematik gehalten. 

 

In Medienberichten zum Krieg ist auch immer wieder von dem russischen Patriarchen Kyrill I. die Rede und von dessen Versuchen, den Angriff auf die Ukraine mit religiösen Argumenten zu rechtfertigen. Welche Bedeutung hat diese Art der Kriegspropaganda und wie schätzen Sie deren Wirkung auf die russische Bevölkerung ein?

Die Rolle des Patriarchen Kyrill wird in der Ukraine sehr kritisch beurteilt. Viele Gläubige in der Ukraine, die zu seiner Jurisdiktion gehörten, haben erwartet, dass er den Krieg verurteilen und zum Frieden aufrufen würde. Nichts ist daraus geworden. Wie es scheint, ist Patriarch Kyrill in diesem Krieg seitens der russischen Propaganda eine klare Rolle zugeteilt: der Patriarch von Moskau steht auf der Seite Putins. Seine Aufgabe besteht darin, den Krieg mit theologischen Argumenten zu rechtfertigen. Denn nur so kann man seine Worte des Kampfes gegen „das Böse“ einordnen. Viele seiner Äußerungen lösen in der Ukraine Befremden aus. Es ist pervers, wenn im Namen Jesu Christi Gewalt angewendet wird. In Russland sollen seine Aufrufe dagegen die gesellschaftliche Meinung im Sinne der staatlichen Politik einstimmen.

Die Orthodoxe Kirche sei für ihn jene Kraft, die das Kommen des Antichristen auf die Erde abwehre. Oft spricht Kyrill in Übereinstimmung mit der staatlichen russischen Propaganda von einer angeblichen Bedrohung Russlands. Es sei daher erforderlich, das Heimatland und die „wahre Unabhängigkeit unseres Landes“ zu verteidigen. Russinnen und Russen müssten „aufwachen“, denn in dieser besonderen Zeit entscheide sich „das historische Schicksal“ des Volkes. Fassungslos war ich gegenüber Kyrills Worten im Frühjahr 2022. Während er vom „ukrainischen Brudervolk“ sprach, lagen die Toten auf Butschas Straßen, umgebracht von Soldaten, die er selbst segnete. Ich empfand es als zynisch, den Patriarchen von seiner Sorge „für alle Menschen in den Orten der militärischen Auseinandersetzungen“ reden zu hören.

Immer wieder drängte sich mir die Frage auf: Wenn Kyrill behauptet, als oberster Hirte auch für die Orthodoxe Kirche in der Ukraine verantwortlich zu sein, wo ist sein Aufschrei für die leidenden Menschen dort, für diejenigen, die er als seine „geistlichen Kinder“ ausgibt? Nichts davon. Stattdessen agiert die Kirche als Dienerin des Staates.

 

Wie haben Sie die deutsche Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Politik, in der Kirche und auch in ihrem persönlichen Umfeld erlebt?

In meinem unmittelbaren Umfeld habe ich am Anfang des Krieges eine große Solidarität und Unterstützung erfahren. Viele Menschen haben sich für die Ukraine engagiert, sei es durch Spenden oder sei es durch ihre Bereitschaft, geflüchtete Personen aus der Ukraine aufzunehmen. Das hat mich persönlich aufgebaut und gestärkt.

Ebenfalls freute mich die allgemeine deutsche Reaktion auf den Krieg Russlands. In ihrer Mehrheit solidarisierten sich die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft mit den unter der Aggression Russlands leidenden Menschen. Ich glaube, die meisten haben verstanden, dass es um mehr als bloß einen Konflikt irgendwo im Osten Europas geht. Es geht um die Frage, wie die Friedensordnung in der Zukunft in Europa und darüber hinaus aussehen wird.

 

Welche Art der Unterstützung würden Sie sich für die Menschen in der Ukraine wünschen?

Wir wissen leider nicht, wie lange dieser Krieg noch dauern wird. Man wird irgendwann vom Krieg müde. Irgendwann will man auch keine Berichte darüber mehr hören. So wünsche ich mir, dass die Unterstützung jeglicher Art nicht aufhört, dass die Menschen in Deutschland für das Thema Krieg weiter sensibel bleiben. Wir alle sehnen uns nach und wünschen uns den Frieden. Ich wünsche mir sehr, dass friedliche Zeiten möglichst bald wiedereinkehren. Es ist mir zugleich wohl bewusst, dass wir es im Fall von Russlands Krieg gegen die Ukraine mit einer sehr komplexen und komplizierten Angelegenheit zu tun haben. Daher gibt es keine einfachen Antworten darauf, wie dieser Krieg zu Ende gehen kann und wie die Friedensordnung wiederhergestellt werden kann. Ich hoffe sehr, dass bei allen Überlegungen die Interessen der Menschen in der Ukraine nicht übergangen werden.

Fragen und Redaktion: Sophie v. Kalckreuth