Wie sieht Ihr Jesus aus? Hübsch, blonde Mähne, blaue Augen, gepflegter Bart, mit Sandalen und auf jeden Fall mit weißer Hautfarbe. So zumindest sehen die meisten Jesusdarsteller in Filmen und auch der berühmteste Jesus unserer Zeit aus, der Schauspieler Ted Neeley, der durch seine Hauptrolle in der Verfilmung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ selbst zum Superstar wurde.
Es hat sich im Laufe der Jahrzehnte ein Fankult um ihn etabliert, der die Grenzen zwischen ihm und seiner Jesusrolle nicht immer scharf zu trennen vermochte und ihm besondere Eigenschaften und Fähigkeiten zuschrieb. Das liegt daran, dass Populärkultur in der Moderne immer von Ikonen, von Stars, von Berühmtheiten lebt. Diese Berühmtheiten erhalten dann durchaus so etwas wie einen sakralen Status, man kann sie in einer quasi-religiösen Rolle sehen. Der Clou hier ist nun, dass Neeley dadurch berühmt wurde, dass er eine religiöse Berühmtheit spielte. Natürlich distanzierte Neeley sich von diesem quasi-religiösen Status und legte stets bescheiden wert darauf, nicht mit dem historischen Jesus verwechselt zu werden. Bodenständigkeit steht auch Superstars gut zu Gesicht, sodass sie uns trotz ihrer Abgehobenheit eben doch als nahbar erscheinen, was bei Multimillionären und Milliardärinnen mitunter schon ein wenig skurril anmuten kann. Und genau das erleben wir nun nicht nur beim Jesus-Schauspieler, sondern auch beim historischen Jesus selbst: Er wird in den biblischen Darstellungen wie auch im Musical als nahbar für die einfachen Menschen dargestellt.
Trifft es also, wenn der historische Jesus im Musical als ‚Superstar‘ bezeichnet und besungen wird?
Der historische Jesus lebte zu einer Zeit, in der Jerusalem mit dem heutigen Israel von den Römern besetzt war und es Gruppen gab, die gewaltsame Aufstände gegen diese propagierten. Das Musical schildert hier Umstände, die im Detail so nicht immer belastbar sind, die Gesamtsituation wird aber doch richtig eingefangen. Es werden die letzten sieben Tage im Leben des Jesus von Nazareth verfolgt, wie wir sie aus den vier biblischen Evangelien kennen. Die vier Texte werden dabei zusammengemischt, es wird also eine Art „Best of“ generiert, dazu nimmt sich das Musical einige künstlerische Freiheit in der Ausgestaltung der Figuren und Szenen, aber insgesamt liegt doch eine klare Orientierung an den biblischen Erzählungen vor.
Was nicht vorliegt, ist eine Positionierung zu den dogmatischen Ausgestaltungen, die in der 2.000-jährigen Kirchengeschichte vorgenommen wurden. Das hat der Texter Timothy Rice explizit festgestellt: Nicht einmal die Frage, ob Jesus „Gottes Sohn“ ist, wird verhandelt. Die Auferstehung, das heißt der das Christentum überhaupt erst konstituierende Glaube an die Überwindung des Todes, wird bestenfalls angedeutet. Rice betont, dass es ihm nicht um den traditionellen christlichen Glauben geht, sondern um den bemerkenswerten Menschen Jesus. Die Bezeichnung von Jesus als „der Christus“ wird nicht in ihrem religiösen Sinn genutzt, sondern einfach als Name. Jesus wird dann schonmal als „Herr Christus“ angesprochen. Das ist insofern bemerkenswert, als ‚Christus‘ gerade die später verliehene Ehrenbezeichnung ist als ein ‚Gesalbter‘, was sein religiöses Königtum zum Ausdruck bringt. Die Ehrenbezeichnung des Musicals nun ist daher eine andere, eben die des „Superstars“.
Wir haben also einen ‚säkularisierten‘ Jesus vor uns. Es gibt einige wissenschaftliche Untersuchungen, die die Nähe des Kults um Superstars zu religiösen Vorstellungen aufzeigen. Wir verehren Superstars in einer Form, die durchaus Ähnlichkeiten mit religiösen Kulten hat. Und hier passt dieser Jesus in die moderne Pop- und Rock-Kultur genau hinein. Er hat etwas Rebellisches, er ist maximal authentisch, er steht für sich und unabhängig von einer gar sehr alten Institution wie der Kirche. Er ist hoch individualisiert, er steht und kämpf am Ende alleine für seine Sache, er ist originell.
Um eine Ikone der (Pop-)Kultur zu werden, braucht es genau solche Markierungspunkte. Hinzu kommt, dass die Jesusdarstellung sowohl in der Bibel als auch im Musical körperlich-sinnlich ist. Er wird auch verehrt, weil er sinnlich attraktiv ist – im Musical steht hierfür insbesondere Maria Magdalena. Und mehr Körperlichkeit als in den brutalen Endszenen der Geißelung und Kreuzigung ist kaum möglich. In „Jesus Christ Superstar“ wird das nicht überstrapaziert, aber denken Sie nur an Mel Gibsons blutberauschte „Passion Christi“ von 2003.
Jesus transportiert mit dieser seiner Individualität und seiner Körperlichkeit zentrale moderne Sehnsüchte. Obwohl und indem er derart singulär ist, ist er universal – und damit vermarktbar.
Die Figur des Jesus und das Musical über ihn passt also in die Moderne. Mit „Jesus Christ Superstar“ sind wir in den 1970er Jahren, einer Zeit, in der die Bee Gees und Abba in Mode sind. Die USA sind schon dabei, den Westen kulturell zu dominieren, hier startet auch das Musical seine Erfolgsgeschichte. Dass die USA damals und überhaupt religiöser als Europa sind, dürfte geholfen haben. Der für die USA traumatisierende Vietnam-Krieg ist noch am Laufen, die Friedensbewegung ist stark, es ist die Zeit der Hippies, die nun allerdings wenig christlich inspiriert sind. Der Film, mit dem Ted Neeley berühmt wurde, trägt viel Hippie-Ästhetik mit sich, lange Haare, alberne Sonnenbrillen, er startet und endet mit einem Hippiebus.
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Ist diese Ästhetik nicht wunderbar kompatibel mit unserem, mit Ihrem Jesusbild? Eine offensichtliche inhaltliche Überschneidung der Hippiebewegung zur biblischen Darstellung der letzten Tage Jesu liegt in der Thematisierung der Machtfrage. Wer hat Macht, was ist Macht, wird im Musical explizit gefragt. Sind es diejenigen mit den Soldaten und der Kriegsmaschinerie? Sind es die Eliten? Die Herrschenden? Es geht nicht zuletzt um Frieden, um Liebe und um Freiheit – also genau das, was auch die Hippiekultur ausmacht.
Sie werden im Musical entsprechend einige moralische Fragen aufgeworfen sehen. Da dürfen wir auch gespannt auf die Inszenierung sein, die diese Themen mehr oder weniger aktualisieren, verstärken und offenlegen kann. Es geht etwa um Solidarität mit den Schwachen, mit den Marginalisierten, mit den Unterdrückten. Das stellt manche Entwicklungen unserer Zeit in Frage, in der die Reichen immer reicher werden (gerade auch Superstars sind mitunter exorbitant reich), in der Stärke und Durchsetzungsvermögen zählen. Nur macht das weder die Tiefe der biblischen Erzählungen noch des Musicals aus – bei Religion geht es sicherlich auch, aber nicht vorrangig um Moral.
Im Musical werden wir alle Szenen finden, die uns direkt berühren, die das eigene Leben treffen. Wir können mit Petrus mitfühlen, der aus strategischen Gründen seine Ideale verleugnet. Wir können mit Maria Magdalena mitfühlen, die nach so vielen schwierigen Erfahrungen mit Männern fragt, wie sie überhaupt lieben kann und soll. Wir können mit den Männern mitfühlen, die zu den Waffen gegen die Unterdrückung greifen wollen. Wir können mit Judas mitfühlen, dem heimlichen Hauptprotagonisten des Musicals, der Jesus verrät, das aber aus der tiefen Überzeugung heraus, das richtige zu tun – und daran bitter zerbricht. Wir können auch die jüdische Elite verstehen, die Jesus aus berechtigter Angst vor Aufständen eliminieren lassen möchte. Wir erleben den Druck der Straße, dem der römische Statthalter und Richter Pontius Pilatus letztlich nachgibt. Wir verstehen, wie ein frustrierter König Herodes sich über Jesus lustig macht, weil er offensichtlich nicht so toll ist, wie die Massen von ihm behaupten. Wir erleben das innere Ringen Jesu, der das grausame Ende kommen sieht und letztlich doch annimmt.
Wir verstehen alle Seiten, alleine das ist eine packende Leistung des Musicals. Und doch steht am Ende die Katastrophe. Und damit die große Krise, nämlich die Sinnkrise. Was ist Macht? Was ist Wahrheit? Was zählt wirklich? Wofür lohnt es sich zu sterben? Was hat wirklich Sinn? Das sind die großen Fragen, an denen man in diesem Musical nicht umhinkommt. Die Person, die authentisch und konsequent den eigenen Weg bis zum bitteren Ende geht, ist Jesus Christus – das macht ihn zum Idol, zu einem, der für etwas steht und also anschlussfähig ist an so etwas wie einen Superstar.
Man kann das Musical als säkularisierte Fassung der biblischen Passionsgeschichte Jesu verstehen, insofern die Präsentation des Musicals modern ist und keine traditionell-religiösen Überzeugungen vorgegeben werden. Und doch stellt sich die Sinnfrage auf einer Ebene, die oberflächlich-weltliche Antworten ausschließt. Weltliche Macht ist nicht alles. Erfolg ist nicht alles. Geld ist nicht alles. Judas wird zunächst davon überzeugt, das Geld für den Verrat anzunehmen, weil er damit Gutes tun kann. Das klingt zwar sinnvoll – und doch schmeißt Judas das Geld am Ende weg, weil es für ihn wichtigeres gibt.
‚Macht‘, so die gemeinsame Botschaft der biblischen Passion wie des Musicals, ist letztlich nicht von dieser Welt. Es geht daher im Leben auch nicht nur um uns und unsere Selbstverwirklichung. Das ist übrigens eine Aporie, in der jeder Kult um Superstars steht: wir verehren den Superstar als Individuum, tun das aber in der kollektiven Erfahrung etwa des Konzerts. Wenn wir Superstars verehren, geht es uns selbst also gar nicht primär um das Individuelle, sondern um die Gemeinschaft im Kult.
Es lohnt sich also, weiter darüber nachzudenken, was ‚Superstars‘ wirklich ausmacht, warum sie für uns wichtig sind (und welche Ticketpreise wir für sie bereit sind zu akzeptieren). Die moralisch fragwürdigste Rolle im Musical haben nicht die offensichtlichen Gegner Jesu, die schwarz gekleideten Vertreter der jüdischen Elite, die in einer düster inszenierten Szene den Tod Jesu beschließen und danach betreiben. Man muss sie wohl moralisch dafür kritisieren, dass sie zu sehr auf die eigene Macht schauen und am eigenen Machterhalt interessiert sind. Das Verhindern eines Aufstandes mit der damit verbundenen Gewalt ist allerdings schon ein ehrenwertes Motiv, mit dem man ihr Handeln begründen kann. Man kann so auf fast alle Protagonistinnen und Protagonisten im Musical kritisch schauen, wird aber bei allen auch nachvollziehbare Motive finden – genau das habe ich bereits als eine Stärke des Musicals benannt.
Die einzig wirklich abstoßende Rolle übernimmt im Musical König Herodes. Man merkt das erst nicht, weil er fröhlich und bunt inszeniert wird. Sein Auftritt erinnert an eine Revue, tolle Musik, tolle Tanzeinlagen, da geht es nur um die Show. Und das Kriterium, nach dem er Jesus bemisst, ist, ob Jesus auch Show ‚kann‘. „Kannst du Wasser in Wein verwandeln“, lautet eine seiner biblisch inspirierten Fragen an Jesus – das wäre ein Showact. Doch Jesus reagiert nicht – also genau das, was man als bühnenaffiner Mensch nicht tun darf. Auf das Format ‚Show‘ lässt sich Jesus erst gar nicht ein, und das unterläuft dann doch zentral die Idee, er wäre ein Superstar. Er widersetzt sich der Logik der oberflächlichen Show, des Kommerzes, des scheinbaren Erfolgs.
Auch das haben der biblische Jesus und der des Musicals gemein: Wenn Jesus ein Superstar ist, dann deshalb, weil er keiner ist. Das ist die Aporie dieses Musicals, und sie sorgt dafür, dass wir uns nicht von der gefälligen Rockmusik einlullen lassen können, sondern von ihr zu den tiefen (Sinn-)Fragen getragen werden.
Patrick Becker ist Professor für Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft an unserer Fakultät. Weitere Informationen zu seiner Forschung finden Sie auf der Seite der Professur.