Josef als "idealer Mann": Über die politische Instrumentalisierung einer biblischen Figur

Forschung & Wissenschaft , Kommentare & Meinungen
Überschrift der Presidential Message on the Feast of Saint Joseph
Prof. Dr. Benedikt Kranemann
Prof. Dr. Benedikt Kranemann

Die Verwendung religiöser Zeichen in der Inszenierung von Politik ist historisch betrachtet nichts Neues. Und doch fällt auf, dass sich die aktuelle US-Regierung hier derzeit besonders hervortut. Vor gut einem Jahr überraschte US-Außenminister Marco Rubio mit einem Aschekreuz auf der Stirn beim Interview in einem Fernsehstudio. Die Auseinandersetzung um ein Gebet von „Secretary of War“ Pete Hegseth sorgte jüngst für Diskussionen. Hegseth betet, dass die Kugeln amerikanischer Soldaten ihr Ziel treffen mögen. Im März 2026 ließ sich US-Präsident Donald Trump von evangelikalen Geistlichen im Oval Office segnen. Die Zeremonie war erkennbar medial inszeniert. US-Vizepräsident J.D. Vance stritt sich ebenfalls in den letzten Wochen mit Papst Leo um die Frage eines gerechten Krieges. Da immer wieder auch religiöse Rituale, Gebet, Segen, Heiligenverehrung im Spiel sind, wird der Liturgiewissenschaftler aufmerksam. Was geschieht hier? Ein Aufblühen von Christentum und Katholizismus oder eine problematische Funktionalisierung von Religion?

Kaum beachtet worden ist, dass US-Präsident Donald Trump auf der Homepage des Weißen Hauses, also nicht auf seiner persönlichen Seite, am Festtag des hl. Josef (19. März 2026) “best wishes to Catholics and other Christians celebrating the Feast of Saint Joseph” veröffentlicht hat.1 Das Fest und die Verehrung des Heiligen werden dabei in ganz bestimmter politischer Richtung genutzt. Trump bedient sich christlicher Hagiographie und münzt diese für seine Politik um. Josef ist für ihn eine herausragende Gestalt der Heilsgeschichte und christlicher Frömmigkeit: „the earthly father of Jesus Christ and one of the most revered figures in the Bible.“ Ob die Bemerkung zur Verehrung in der Bibel zutrifft, wäre zu diskutieren. 

In seiner „Presidential Message“ entwirft Trump ein Bild des Heiligen, das gängigen Vorstellungen entspricht: Er war „model father, husband, and worker, as well as a living embodiment of Christian virtue“. Josef arbeitete ohne Unterlass und ohne auf Anerkennung aus zu sein, beschützte seine Familie und zog den „Son of God“ auf. Josef steht für Würde, Stärke, moralische Courage, Glaube, Standhaftigkeit, Demut und Gehorsam. Er unterwarf sich „God’s will“ vor allem in Situationen der Gefahr. Ein strahlendes Bild des Heiligen, das weniger biblisch als frömmigkeitsgeschichtlich untersetzt ist. 

Nach der Eröffnung der Grußbotschaft, die ganz von der Verehrung des Heiligen geprägt ist, wird es schnell politisch: „Saint Joseph also holds a distinct place in American culture“. Wo Josefs-Verehrung und amerikanische Kultur so miteinander verwoben sind, fällt es leicht, die Heiligenverehrung in politische Münze umzuprägen. Und schnell wird sichtbar, wie problematisch die Verwendung dieser Art von religiöser Bildwelt im politischen Kontext ist. 

Die Aussage von Trump: Der hl. Josef ist mit uns und wir sind mit ihm innig verbunden. Trump entwirft über die Figur des Josef ein klares Männlichkeitsideal: „He is recognized as the head of the Holy Family, the patron saint of workers, and the ‘Terror of Demons’”. Er fährt dann fort: “he remains revered by countless citizens for his tremendous example of what it means to be a man, father, and husband.“ Josef steht für ein klar umrissenes Modell von Männlichkeit, zugleich für eine bestimmte Politik. Die jetzt folgenden Sätze sind Ausdruck kultureller Auseinandersetzungen und tragen eine kulturkämpferische Attitude: „In recent years, our Nation has witnessed the rise of an extremist cultural movement that has sought to weaken the values championed by Saint Joseph.“ Die Werte, für die Josef nach dieser Botschaft steht, sind durch extremistische Umtriebe zerstört worden. Es ist liegt auf der Hand, wem dieser Vorwurf gilt. Damit ist die „American culture“ beschädigt worden. Doch die Wende kam mit der Trump-Regierung, sie hat sich wieder auf die Werte des Heiligen besonnen: „But my Administration is offering a much brighter vision for our rising generation. Instead of indoctrinating our young men with radicalism and hate, we must encourage them to embrace faith, get married, start a family, and raise the next generation of proud, freedom-loving, God-fearing American citizens.“ 

KI-generiertes Bild des heiligen Josef in einer Tischlerwerkstatt mit dem Weißen Haus und einer amerikanischen Fahre im Hintergrund
Ein von Chat GPT auf Basis des Textes erstelltes Bild von Josef zeigt deutlich die Verzerrung gegenüber der biblischen Figur und dessen politische Instrumentalisierung. (Erstellt mit Chat GPT)

Nichts gegen Glauben, Heirat, Familie, amerikanischen Stolz oder stolze Amerikaner – aber seit einigen Wochen sieht man, in welche Richtung die Entwicklung verläuft, und zwar im Land wie im Ausland. Hier wird Politik mit religiösen Bildern und Gestalten aufgeladen und gerechtfertigt. Eine politische ‚Theologie‘ eigener Prägung, für die der Heilige herhalten muss. Eine Regierung verzweckt den Heiligen, um ihre politischen Perspektiven zu vermitteln. Und sie wird dies fortsetzen: „Guided by his example, we will never stop fighting for Saint Joseph’s legacy in our homes, churches, culture, and public square.“ Unausgesprochen schwingt hier ein Frauenbild mit, unwillkürlich fällt einem das Bild der „Tradwife“ ein. 

Der Schlusssatz der „Presidential Message“ ist gleich mehrfach problematisch. Unverhohlen werden Religion und Politik vermischt: „On his feast day, we honor Saint Joseph’s incredible life, we pay tribute to his countless silent sacrifices, and we vow to forge a radiant American future marked by the timeless values of faith in God, love of family, and devotion to human freedom.“ Ist es Aufgabe einer Regierung, „Saint Joseph’s incredible life“ zu ehren? Die Heiligenverehrung wird auf eine Nation enggeführt: Josef-Verehrung und „American future“ werden als zwei Seiten einer Medaille beschrieben. Und man stockt bei der programmatischen Aussage, die amerikanische Zukunft solle geprägt sein von den „timeless values of faith in God“. Wer entscheidet, was diese „timeless values of faith“ sind, wenn nicht die Regierung, die die Zukunft gestaltet? 

Theologisch ist das besorgniserregend. Es handelt sich nicht um Marginalien, sondern um einen Text immerhin auf einer Website der US-Regierung. Hier und andernorts wird mit religiöser Symbolsprache eine politische Botschaft verkündet. Eine Regierung geriert sich als Streiterin für das wahre Christentum – und will eben dieses Christentum als Legitimation für ihre Politik verstanden wissen. Seit dem April 2026 weiß man, dass sie auch dem Papst erklären will, wie ein solches Christentum auszusehen hat. Sie wählt aus dem Ritualhaushalt des (katholischen) Christentums das aus, was der religiösen Legitimation von Politik und Macht dient. Eine nationale, ja nationalistische Umdeutung findet statt. Zugleich finden sich klare Züge des Machismus, so auch in der zum Teil brachialen Gebetssprache von Hegseth. Religion wird missbraucht, aber sie wird auch beschädigt, weil sie für die Politik einer einzelnen Partei herhalten muss.

Die Gefahr, sich Religion gefügig machen und sie damit in ihrer eigentlich kritischen Aufgabe domestizieren zu wollen, ist nicht zu übersehen. Das Christentum wird okkupiert für eine problematische, ja imperialistische Politik. Wer die kritische Kraft von Religion und Glauben in der Öffentlichkeit bewahren will, muss einem solchen Umgang mit religiösen oder pseudoreligiösen Zeichen und Botschaften in der Öffentlichkeit entgegentreten. Eine solche parteipolitische oder nationalistische Funktionalisierung ist weder im Sinne der Glaubensbotschaft noch einer auf Frieden und Gerechtigkeit ausgerichteten Politik.

1Alle Zitate: www.whitehouse.gov/briefings-statements/2026/03/presidential-message-on-the-feast-of-saint-joseph/ [28.04.2026].

Benedikt Kranemann ist Professor für Liturgiewissenschaft an unserer Fakultät. Mehr Informationen zu seiner Forschung finden Sie auf der Seite der Professur.

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