Welche Rolle spielen Emotionen und Erfahrungen für unsere moralische Urteilsfindung? Ein Interview mit Dominik Winter

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Die Villa Martin an einem sonnigen Herbsttag
Dominik Winter
Dominik Winter

Lieber Herr Winter, Sie beschäftigen sich innerhalb der Moraltheologie mit einer Vielzahl von Themen, von Emotionen über Moral Enhancement und Transhumanismus bis hin zu Künstlicher Intelligenz. Welchen Fokus haben Sie für Ihre Dissertation gewählt und warum haben Sie sich für dieses spezifische Thema entschieden?

Meine Dissertation beschäftigt sich mit der Rolle von Erfahrung in Ethik und Moraltheologie. Dabei schaue ich mir zunächst an, wie verschiedene moraltheologische Ansätze Erfahrung überhaupt verstehen und welche Funktion sie ihr für moralisches Erkennen und Urteilen zuschreiben. Diese Ansätze möchte ich anschließend mit der Moralphilosophie John McDowells ins Gespräch bringen.

McDowell ist für mich dabei vor allem deshalb interessant, weil er sehr grundsätzlich danach fragt, wie unser Denken auf die Welt bezogen ist. Für die Ethik ist das insofern spannend, als sich damit genauer darüber nachdenken lässt, wie moralische Erfahrung überhaupt möglich ist. Die Frage ist ja, wie uns Situationen, andere Menschen oder konkrete Handlungszusammenhänge etwas moralisch Relevantes sagen können, ohne dass Erfahrung einfach als subjektives Erleben verstanden wird oder umgekehrt aus ihr direkt fertige moralische Normen abgeleitet werden. Ich möchte zeigen, dass McDowells Überlegungen dabei helfen können und so auch die Rolle von Erfahrung innerhalb der Moraltheologie systematischer bestimmt werden kann.

Umgekehrt gibt es aber auch Fragen, die in der Moraltheologie sehr viel stärker reflektiert worden sind als bei McDowell, bei dem sie eher unterbelichtet bleiben. Dazu gehören beispielsweise die Bedeutung von Leiderfahrungen oder die Frage, wie Macht und Machtmissbrauch unsere Erfahrungen und damit auch unser moralisches Wahrnehmen prägen können. Deshalb geht es mir nicht darum, einen philosophischen Ansatz einfach auf die Moraltheologie zu übertragen, sondern beide Denkrichtungen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Dass ich schließlich bei diesem Thema gelandet bin, hängt auch mit den unterschiedlichen Forschungsinteressen zusammen, die Sie in der Frage schon genannt haben. Ursprünglich wollte ich tatsächlich über Moral Enhancement promovieren, da ich dazu bereits meine Magisterarbeit geschrieben habe und noch weitere offene Fragen hatte. Bei der Beschäftigung damit bin ich aber immer stärker auf die Frage gestoßen, welche Rolle Emotionen für moralisches Handeln spielen und schließlich noch grundsätzlicher darauf, welche Bedeutung Erfahrung überhaupt für moralisches Erkennen hat. Die Dissertation ist insofern für mich auch eine Art systematische Grundlegung vieler Fragen, mit denen ich mich zuvor an konkreteren Themen beschäftigt habe und das auch immer noch tue. Gerade bei neuen technischen Entwicklungen wie Künstlicher Intelligenz oder Enhancement stellt sich ja beispielsweise die Frage, ob sie unsere Möglichkeiten, relevante Erfahrungen zu machen und moralisch wahrzunehmen, erweitern oder eher verengen. Oder ob, bspw. Künstliche Intelligenz überhaupt in der Lage ist, moralisch zu handeln, wenn ihr diese grundlegende Dimension der Erfahrung fehlt.

In Ihrer Bachelorarbeit haben Sie die Frage gestellt, welche Philosophie die Theologie will. Wie sehen Sie heute das Verhältnis dieser beiden Fächer, gerade auch in Bezug auf Ihre Forschungsthemen?

Die Philosophie ist für mich ein unverzichtbarer Gesprächspartner der Moraltheologie. Wenn man den Grundgedanken einer autonomen Moral ernst nimmt, können moralische Urteile nicht einfach deshalb Geltung beanspruchen, weil sie sich aus dem christlichen Glauben oder einer kirchlichen Lehre ableiten lassen, sondern sie müssen sich auch unabhängig davon vernünftig begründen lassen. Das ist gerade in einer zunehmend säkularen und weltanschaulich pluralen Gesellschaft entscheidend: Wenn Moraltheologie über den binnenkirchlichen Raum hinaus etwas Relevantes zu gesellschaftlichen und ethischen Debatten beitragen will, muss sie ihre Argumente so formulieren und begründen können, dass sie prinzipiell auch ohne geteilte Glaubensvoraussetzungen nachvollziehbar sind. Dafür ist die Philosophie ein unverzichtbarer Gesprächspartner.

Das zeigt sich auch bei vielen meiner konkreteren Forschungsthemen. Fragen nach Moral Enhancement, Transhumanismus oder Künstlicher Intelligenz setzen zunächst einmal sehr grundlegende philosophische Klärungen voraus: etwa was wir unter Freiheit und Verantwortung verstehen, welche Rolle Leiblichkeit und Emotionen für moralisches Handeln spielen oder was überhaupt als moralische Verbesserung gelten kann. Gleichzeitig reicht eine rein philosophische Perspektive für mich nicht aus. 

Wenn Erfahrung tatsächlich eine so zentrale Rolle für moralisches Erkennen spielt, wie ich es in meiner Dissertation untersuche, dann ist auch die Perspektive von Bedeutung, aus der wir Erfahrungen machen und diese deuten. Der christliche Glaube eröffnet hier bestimmte Deutungshorizonte und prägt, wie Menschen sich selbst, andere und die Welt wahrnehmen.

Interessant ist aber, dass Sie als Aufhänger für die Frage gerade meine Bachelorarbeit gewählt haben, denn sie zeigt noch einen zweiten Gesprächspartner, der in meiner Arbeit zumindest punktuell eine Rolle spielt: die Sozialwissenschaften. Zwar deutet der Titel eine Frage zum Verhältnis von Theologie und Philosophie an, aber tatsächlich habe ich dazu qualitative Interviews mit verschiedenen systematischen Theologieprofessor:innen geführt. Dazu musste ich mich natürlich auch in die entsprechenden Methoden der Sozialwissenschaften einarbeiten.

Das hat jetzt zwar längere Zeit in meiner Arbeit keine größere Rolle mehr gespielt, aber interessanterweise ändert sich das gerade. Ich bin aktuell an einem Projekt zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Religionsunterricht beteiligt. Ich untersuche dort mit einem Kollegen, inwiefern KI von Schüler:innen im Unterricht genutzt wird und wie das ihren Lernerfolg beeinflusst. In ethischer Hinsicht stellt sich hier vor allem die Frage, ob durch die Nutzung von KI neue Ungerechtigkeiten zwischen den Schüler:innen entstehen und welche Faktoren dies begünstigen. Das Projekt zeigt ein Problem, das immer mal wieder etwas Aufmerksamkeit innerhalb der Moraltheologie bekommt, nämlich dass bereits vorhandene empirische Studien nicht immer auch geeignet sind, die für uns interessanten ethischen Fragen zu beantworten. Es schadet also grundsätzlich nicht, sich auch als Moraltheolog:in selbst einmal in das Feld der empirischen Forschung vorzuwagen, wodurch natürlich auch ein vermehrtes Gespräch mit den Sozialwissenschaften nötig ist.

Sie sind im letzten Herbst von der Ruhr-Universität Bochum an die Universität Erfurt gewechselt. War das eine große Umstellung? Und wie gefällt es Ihnen bisher in Erfurt?

Die größte Umstellung ist für mich tatsächlich weniger der Wechsel der Universität als das Pendeln. Ich wohne weiterhin im Ruhrgebiet und bin deshalb während des Semesters ungefähr die halbe Woche in Erfurt – mit entsprechend längeren Zugfahrten und natürlich auch damit, regelmäßig einige Tage nicht zu Hause zu sein. Daran musste und muss ich mich sicherlich am meisten gewöhnen.

Der Wechsel von Bochum nach Erfurt selbst war dagegen gar nicht so groß, wie man vielleicht denken könnte. Die Katholisch-Theologische Fakultät in Bochum ist ebenfalls relativ klein, sodass sich das Arbeiten im Fakultätskontext gar nicht grundlegend verändert hat. Ein paar Unterschiede merkt man aber schon. Allein der Lehrort direkt am Erfurter Dom ist natürlich etwas Besonderes – da kann Bochum mit seinem Brutalismus nur schwer mithalten. 

Vor allem habe ich aber den Eindruck, dass das Verhältnis zu den Studierenden hier noch einmal etwas enger ist. Schon nach relativ kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, einen großen Teil der Studierenden zumindest einmal gesehen zu haben und viele auch schon ein wenig zu kennen. 

Dazu trägt sicher auch bei, dass ein nicht geringer Teil gemeinsam im Priesterseminar wohnt, in dem ich während meiner Zeit in Erfurt ebenfalls unterkomme. Dadurch entsteht schon eine besondere Gemeinschaft.

Was sich dagegen deutlicher unterscheidet, ist der gesellschaftliche Kontext, in dem hier Theologie betrieben wird. Thüringen ist deutlich säkularer geprägt als das Ruhrgebiet, und das macht sich natürlich auch bemerkbar. Theologie steht hier noch einmal anders vor der Frage, wie sie ihre Themen verständlich machen und gesellschaftlich anschlussfähig bleiben kann. Das finde ich für die eigene Arbeit durchaus spannend, gerade weil man dadurch manche Selbstverständlichkeiten noch einmal anders wahrnimmt.

Und auch die Stadt selbst hat mich positiv überrascht. Erfurt wirkt für mich viel kleiner, als es angesichts seiner Größe eigentlich ist. Fast alles ist schnell erreichbar, und ein großer Teil des Lebens konzentriert sich auf den wirklich wunderschönen Stadtkern. Das ist ein völlig anderes Stadtgefühl als im Ruhrgebiet, wo Städte viel stärker ineinander übergehen und sich das Leben auf eine viel größere Fläche verteilt. Das sehr von der Industrialisierung und dem Kohleabbau geprägte Ruhrgebiet sieht natürlich auch sehr anders aus, als das sehr idyllische Erfurt – wobei ich beidem seinen je eigenen Charme durchaus abgewinnen kann.

Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?

Der größte Teil meiner freien Zeit gehört natürlich meiner Familie. Mein Sohn wird demnächst zwei Jahre alt, und in diesem Alter passiert gefühlt ständig etwas Neues. Das ist sehr schön und sorgt gleichzeitig dafür, dass für andere Dinge deutlich weniger Zeit bleibt als früher.

Wenn daneben Zeit bleibt, dreht sich bei mir dann viel um Musik. Besonders wichtig ist mir dabei das Schreiben eigener Musik und Texte. Das ist für mich eine ganz andere Form, mich auszudrücken und mit Themen auseinanderzusetzen, als die wissenschaftliche Arbeit. Natürlich gibt es dabei auch inhaltliche Überschneidungen und ähnliche Fragen tauchen an unterschiedlichen Stellen wieder auf. Es sind zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen an dieselbe Wirklichkeit, wodurch die Musik für mich sowas wie ein Ausgleich zu der Arbeit an der Uni ist.

Mindestens genauso wichtig für mich ist dann aber das Livespielen. Auf der Bühne bekommt die Musik noch einmal eine ganz andere Unmittelbarkeit. Obwohl man dort natürlich sehr exponiert ist, ist es für mich zugleich ein Ort, an dem man alles andere vergessen und sich ganz auf den Moment und die Musik konzentrieren kann. Das ist jedes Mal etwas ganz Besonderes.

Weitere Informationen zu Dominik Winters Forschung und Biographie finden Sie auf der Website der Professur für Moraltheologie.

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