Zerstören LLMs das Fundament universitärer Lehre?

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Thomas von Aquin zerschlägt den von Albertus Magnus konstruierten sprechenden Tonkopf

Für Lehrende und Forschende an einer Universität besteht heutzutage erheblicher Druck, künstliche Intelligenz und insbesondere LLMs in den Arbeitsalltag zu integrieren. Universitäten bewerben zunehmend ihr Angebot an Schulungsprogrammen und Software-Abonnements; bei Softwarepakete werden häufig die neuen KI-Fähigkeiten hervorgehoben; neue Projektfinanzierungen sind an das Einbinden von KI-Möglichkeiten geknüpft; und der Druck, wie am Fließband wissenschaftliche Publikationen und Anträge auf Drittmittel zu produzieren, nur um den Arbeitsplatz zu behalten, macht sie durch die Zeitersparnis zu einer verlockenden Option.

Auch wenn es manchmal leichter erscheint, sich von dieser Welle der Begeisterung mitreißen zu lassen, zwingt uns die Frage, ob und wie LLMs bewusst in die Lehre integriert werden sollen, dazu, darüber nachzudenken, worum es bei unserer Lehre wirklich geht und inwiefern diese Werkzeuge mit unseren grundlegendsten Werten und Zielen für unsere Studierenden und für die Gesellschaft, in der wir ihnen helfen wollen, einen Unterschied zu machen, im Einklang stehen – oder eben nicht.

Die Entwicklung didaktischer Prinzipien

Meine ersten Lehrerfahrungen an der Universität waren gleichermaßen aufregend und verwirrend. Nachdem ich im Sommer 2022 an der Universität zu Köln angefragt hatte, ob ich ein paar Kurse unterrichten könnte, hatte die Universität meine nur wenige Absätze umfassenden Vorschläge angenommen, mir eine Gruppe von Studierenden zugewiesen und mir im Grunde gesagt, ich solle einfach loslegen. Die Auswahl meiner Lehrmethoden lag, so schien es, ganz bei mir. Ebenso die Leistungsbewertung und Benotung. Ich konnte von Null anfangen und mit den Studierenden einen geteilten Erwartungshorizont entwickeln, eine eigene Lehrphilosophie entwerfen und entscheiden, worum es mir in der Hochschullehre wirklich ging. 

Nachdem ich mehrere Jahre lang als externer Gutachter in Großbritannien Lehrpläne und Prüfungsaufgaben begutachtet hatte, kam diese Freiheit für mich unerwartet. Sicherlich musste es doch irgendeine Art von detailliertem Bewertungsschema geben, irgendeinen Kontrollmechanismus, irgendwelche institutionellen Vorgaben, wie das Ganze eigentlich aussehen sollte. Mir wurde schnell klar, dass das deutsche Hochschulsystem nicht so funktioniert und dass wirklich ich allein mir ein Vorgehen überlegen konnte. Ich musste selbst entscheiden, welche Lerninhalte und Erfahrungen für meine Studierenden wirklich wichtig waren. 

Während ich die Freiheit hatte, den Lernprozess von vorne anzuleiten und zu begleiten, brachten die Studierenden ihre ganz eigenen Erfahrungen, Hoffnungen, Maßstäbe und Erwartungen mit. Wie viel sollte ich sie pro Woche lesen lassen? Sollten sie im Rahmen meiner Vorlesungen vor allem Inhalte vermittelt bekommen oder durch ausführliche Debatten und Diskussionen ihre eigenen Perspektiven einbringen? Waren sie bereit und motiviert, Feldforschung zu betreiben? Wie sollte eine Vielfalt an Perspektiven mit einem kohärenten inhaltlichen Bogen in Einklang gebracht werden? Wie konnten sie das Verfolgen ihrer eigenen Interessen mit der Aussicht auf eine gute Note am Ende des Kurses verbinden? 

Die Herangehensweise an solche Fragen unterscheidet sich oft von Lehrkraft zu Lehrkraft und kann auch für Studierende ganz unterschiedlich sein. Manche legen größeren Wert auf kritische Reflexion, während andere sich stärker auf die Inhalte fokussieren; manche sind an der Vorbereitung auf ein bestimmtes Berufsfeld interessiert, während andere an den Wert von Wissen um seiner selbst willen glauben; manche vertrauen eher auf den Wert und die Autorität von Traditionen, während andere es spannender finden, diese Traditionen in Frage zu stellen. Ich selbst hatte Erfahrungen an verschiedenen Einrichtungen und mit unterschiedlichen Arbeitsweisen gesammelt und es war nicht immer einfach herauszufinden, inwiefern sich die Erwartungen der Studierenden in einem mir fremden Hochschulsystem mit meinen eigenen vereinbaren ließen. 

Trotz dieser Herausforderungen wurde mir im Laufe der Zeit allmählich klar, welche Fähigkeiten ich fördern wollte und auf welchen Werten meine die Durchführung meiner Lehre beruhen sollte. Mir waren Entdeckungslust und Neugier wichtig; eine Verbindung herzustellen zwischen Kursinhalten, dem alltäglichen Leben und der Welt um uns herum; ich glaubte an kritisches Denken mit dem Potenzial, sozialen Wandel zu fördern; ich glaubte mehr an Raum für Diskussionen als an frontal gehaltene Vorlesungen; daran, über Ideen nachzudenken anstatt Fakten auswendig zu lernen und ich wollte, dass Studierende Projekte in Angriff nehmen, die einige ihrer eigenen Interessen aufgreifen, für die sie sich begeistern konnten und die ihnen die Chance gaben, diese in neue und kreative Richtungen weiterzuentwickeln. 

Thomas von Aquin zerstört den von Albertus Magnus konstruierten sprechenden Tonkopf. (Grafik von Daniel Mitsui: https://www.danielmitsui.com/)

Stimmen LLMs mit unseren Zielen überein?

Der Druck, LLMs in den Unterricht zu integrieren, zwingt uns erneut dazu, grundlegende und tiefere Fragen über das Kernanliegen unserer Lehre zu stellen. Worum geht es letztendlich? Und inwiefern unterstützen oder behindern diese Technologien diese Ziele?

Eine der grundlegendsten Fragen ist epistemologischer Natur. Wie erwerben wir Wissen über die Welt um uns herum, und auf welchen Grundlagen baut dieses Wissen auf? Bietet ein Modell, das auf der Vorhersage von Textmustern basiert, ein gutes Mittel für Erkenntnis und Einsicht? Was können wir auf dieser Art rechnerischer Grundlage wirklich wissen und herausfinden? Inwiefern könnte dies unser Denken erweitern oder einschränken? 

Eine zweite Frage ist struktureller und ethischer Natur. Ist es in Ordnung, wenn eine begrenzte Anzahl großer Unternehmen die Arbeit Millionen anderer Menschen ausbeutet und davon profitiert, um sie dann auf eine kleine Anzahl zentralisierter Modelle und Quellen zu verdichten? Zu welcher Art von Gesellschaft könnte es führen, wenn das zu unserem primären Modus der Interaktion mit Informationen wird? Wollen wir das? Wollen wir uns dagegen wehren?

Eine dritte Frage betrifft unsere eigenen Fähigkeiten und unsere Entwicklung. Helfen solche Werkzeuge uns und unseren Studierenden, durch die Interaktion mit diesen Modellen ihre eigenen Denk- und Reflexionsfähigkeiten zu entwickeln, oder lernen wir eine Form der Abhängigkeit, die wichtige Aspekte menschlicher Interaktion und Entwicklung umgeht? Hilft uns der Einsatz von LLMs dabei, uns zu der Art von Menschen und Gesellschaft zu entwickeln, die wir sein wollen, und trägt er zur Rolle, die Universitäten dabei spielen sollten?

Schließlich stellt sich für mich die Frage, ob diese Werkzeuge etwas wirklich Positives und Transformatives bieten. Eröffnet mir der Einsatz eines LLMs in meinem Unterricht spannende neue Lernmöglichkeiten für meine Studierenden? Bietet mir dessen Fähigkeit, Rollenspiele durchzuführen, Muster zu erkennen oder Texte zusammenzufassen, etwas, das mein Unterricht benötigt und erfordert?

Der Anspruch, über solche Fragen nachzudenken, ist wichtig. Unsere Lehrveranstaltungen und Studiengänge können im Laufe der Zeit oft zu starren Strukturen werden, die mit den Bedürfnissen einer sich wandelnden Welt um uns herum nicht Schritt halten können. Als Lehrende kann es leicht passieren, dass wir es uns in den vertrauten Vorgehensweisen zu bequem machen, anstatt zu hinterfragen, welchem Zweck diese Dinge letztendlich dienen. Wir können die zunehmende Präsenz von LLMs in der Welt um uns herum nicht ignorieren, und wie Thomas Bauer argumentiert hat, sind sie an unseren Universitäten präsent, ob es uns gefällt oder nicht. Wenn sie sich jedoch nicht mit unseren Kernzielen in Lehre und Bildung in Einklang bringen lassen und wenn sie uns nicht dabei helfen, die Welt so zu gestalten, wie wir sie wirklich mitgestalten wollen, dann gibt es gute Gründe, sie nicht in den Mittelpunkt unserer Didaktik zu stellen und dem Druck, dies zu tun, zu widerstehen. 

Für mich selbst ist klar, dass es erhebliche Spannungen zwischen dem gibt, was LLMs zu bieten haben, und den Werten, auf denen meine Lehre basiert. Ich bezweifle, dass sie auf soliden epistemologischen Grundlagen beruhen; ich bin skeptisch gegenüber der Art und Weise, wie KI-Modelle Informationen erfassen, auswerten und zusammenfassen; ich bin nicht davon überzeugt, dass sie uns dabei helfen, uns zu den Menschen und der Gesellschaft zu entwickeln, die ich mir wirklich wünsche; und ich habe noch kein Unterrichtsszenario gefunden, in dem ihr Einsatz wirklich innovativ und spannend ist.

Andere werden einige dieser Fragen anders beantworten, aber zumindest vorerst, zumindest in meinem Unterricht, verzichte ich (größtenteils) darauf.

Dr. Mark Porter ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft. Mehr Informationen zu seiner Forschung und seinen Publikationen finden Sie auf seiner persönlichen Website. 

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