Cristian kam vor zwei Jahren nach Erfurt – heute ist die Stadt für ihn weit mehr als nur ein Studienort. Der Master-Student der Willy Brandt School of Public Policy hat hier nicht nur seinen akademischen Schwerpunkt gefunden, sondern auch einen persönlichen und kulturellen Anker. Neben dem Studium und seinem Sprachunterricht an der Volkshochschule gestaltet er seinen Alltag auf vielfältige Weise. Mit seinem Tango-Kollektiv „Tango No Limits“ bringt er internationale Tanz- und Performanceprojekte nach Erfurt und verbindet dabei Kunst, Diversität und gesellschaftliche Themen.
Als Cristian vor zwei Jahren nach Erfurt kam, wusste er zunächst kaum etwas über die Stadt. „Selbst viele Deutsche wissen nicht genau, wo Erfurt liegt“, sagt er lachend. Heute ist die Thüringer Landeshauptstadt für ihn weit mehr als nur ein Studienort: „Ich glaube, Erfurt ist mein Ruhepol geworden.“
Cristian studiert an der Willy Brandt School of Public Policy der Universität Erfurt im Master-Studiengang Public Policy. Vorher studierte er Sozialkommunikation an der Universidad de Buenos Aires. Geboren wurde er in Peru, aufgewachsen ist er größtenteils in Argentinien. Deutschland sei deshalb bereits seine „zweite Erfahrung mit Migration“.
Bis er sich für Erfurt entschied, hatte Cristian sich an Universitäten in England, Kanada und der Schweiz beworben. Viele Bewerbungsverfahren empfand er als anonym und teuer. Die Universität Erfurt habe ihn dagegen überrascht: „Hier gab es ein Videointerview, ein wirklich sorgfältiges Auswahlverfahren. Das war einzigartig. Da habe ich gemerkt: Das ist eine gute Entscheidung, weil sie sich wirklich um die Auswahl der Studierenden kümmern.“
Damit steht Cristian exemplarisch für viele internationale Studierende, die Deutschland inzwischen bewusst für ihr Studium auswählen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) beschreibt deutsche Hochschulen als attraktiv für internationale Studierende – unter anderem wegen der vielfältigen Studienangebote, vergleichsweise niedrigen Kosten und der engen Betreuung durch International Offices und Unterstützungsprogramme. Auch die Rolle von sogenannten „Study in Germany“-Ambassadors gewinnt dabei an Bedeutung. Cristian ist einer von ihnen: In Videos auf sozialen Netzwerken zeigt er seine liebsten Lernorte auf dem Campus der Universität Erfurt und spricht darüber, was sein Ankommen erleichtert hat. Damit übernimmt er eine Aufgabe, die der DAAD gezielt fördert: Internationale Studierende sollen ihre Erfahrungen weitergeben und anderen Orientierung bieten – von der Studienorganisation bis zum Leben in Deutschland. Besonders lobt Cristian dabei die Unterstützung durch das Team des International Office: „Sie waren immer unglaublich engagiert. Ich schätze ihre Arbeit wirklich sehr.“
In Cristians Videos, aber auch im Gespräch mit uns, wird schnell klar, dass er die Atmosphäre auf dem Campus der Uni Erfurt sehr schätzt. Im Vergleich zu Buenos Aires sei das Studium in Erfurt persönlicher und familiärer: „Hier gibt es einen Campus mit Grünflächen. Man kann zusammen grillen, Zeit mit Kommiliton*innen verbringen. Das fühlt sich gemütlich und nahbar an.“ Gleichzeitig müsse man sich manchmal daran gewöhnen, ständig bekannten Gesichtern zu begegnen: „Manchmal will ich mich einfach verstecken“, sagt er scherzend.
In seinem Studium beschäftigt sich Cristian inhaltlich besonders mit politischen Kommunikationsformen und Rechtspopulismus. Spannend findet er dabei vor allem die Verbindung zwischen Politik und sozialen Medien: „Mich interessiert, wie rechtspopulistische Diskurse nicht nur in der Politik auftauchen, sondern auch in kulturellen Produkten oder vermeintlich lustigen Videos auf Social Media.“
Neben dem Studium arbeitet Cristian als Sprachdozent an der Volkshochschule, dort unterrichtet er Spanisch und Portugiesisch. „Ich genieße den Unterricht sehr, weil er einfach Spaß macht“, erzählt er. Besonders wichtig sei ihm dabei der interkulturelle Austausch mit Menschen aus Erfurt: „Die Leute interessieren sich wirklich für Sprache und die Multikulturalität.“
Tango als kulturelle Brücke und gesellschaftliches Projekt
Noch sichtbarer in Erfurt ist Cristian allerdings schon jetzt durch seine Tango-Projekte geworden. Gemeinsam mit seinem Partner gründete er das transnationale Kollektiv „Tango No Limits“, das innovative Tango-Shows, Workshops und Cabarets organisiert. Die Veranstaltungen verbinden Tanz, Diversität und gesellschaftliche Fragen. „Wir wollten nicht einfach nur Tango unterrichten. Wir wollten eigene Projekte schaffen“, sagt Cristian, der für die Produktion und Koordination zuständig ist.
Die Produktionen des Kollektivs verbinden unterschiedliche Tango-Stile mit Elementen aus zeitgenössischem Tanz, Folklore und Bühnenkunst. Im Mittelpunkt stehen dabei oft Geschichten über Beziehungen, gesellschaftliche Rollenbilder und emotionale Konflikte. Cristian beschreibt Tango nicht nur als Tanzform, sondern als Möglichkeit, kulturelle Erfahrungen und persönliche Perspektiven sichtbar zu machen. Gerade die Mischung aus klassischem Tango, modernen Choreografien und erzählerischen Szenen schaffe einen Zugang für Menschen, die bisher wenig Berührung mit argentinischer Kultur hatten.
Die Idee entstand auch aus einer Not heraus: „Die Tangoszene hier ist klein, und es gab bereits Tango-Lehrende. Deshalb mussten wir unsere eigenen Formate entwickeln.“ Besonders wichtig sei ihnen dabei die Verbindung von lokalen und internationalen Menschen: Bei unserer letzten Show waren Studierende und Erfurter Bürger*innen gemeinsam im Publikum. Das war wunderschön.“
Cristian sieht darin auch eine Bereicherung für die Kulturszene der Stadt. Internationale Tanz- und Performanceformate seien in Erfurt bislang eher selten vertreten. Die Projekte seines Kollektivs bringen Künstler*innen aus verschiedenen Ländern zusammen und verbinden lokale Initiativen mit internationalen Perspektiven. So entstünden neue Möglichkeiten für Austausch und Zusammenarbeit.
Dabei geht es Cristian nicht nur um Tanz als Kunstform, sondern auch um gesellschaftliche Sichtbarkeit. Besonders stolz ist er auf eine Queer-Tango-Show, die durch die Unterstützung des Diversitäts- und Migrationsbüros der Stadt möglich wurde. „Ich habe dort erklärt, warum so ein Projekt wichtig ist – in Bezug auf Diversität und gesellschaftliche Wirkung.“ Genau bei solchen Fragen kann Cristian Inhalte aus seinem Studium praktisch anwenden: „Das ist die beste Verbindung zwischen meinem Master-Studium und meiner Arbeit.“
Erfurt als kleine Großstadt mit überraschender kultureller Vielfalt
Als schwuler internationaler Student erlebt Cristian Erfurt dabei als überraschend offen. Vor seiner Ankunft habe er durchaus Vorurteile über ostdeutsche Städte gehört. „Vielleicht denken manche Leute, dass es hier schwierig sein könnte“, sagt er. „Aber ich habe solche Erfahrungen nie gemacht.“
Besonders schätzt er die Möglichkeiten, die kleinere Städte bieten. „Alle wollen nach Berlin oder in andere große Städte. Aber ich glaube nicht, dass wir dort mit unserem Tango-Projekt so hätten anfangen können.“ In Erfurt seien kulturelle Projekte leichter umsetzbar, Wege kürzer und Netzwerke persönlicher. „Hier kann man Künstler*innen ‚unterbringen‘, alles ist miteinander verbunden und die Distanzen sind kurz.“
Auch wenn die Organisation der Veranstaltungen viel Arbeit bedeutet, macht Cristian genau das glücklich: „Es ist stressig, das muss ich ehrlich zugeben. Ich muss Flyer gestalten, Kontakte knüpfen, alles koordinieren.“ Gleichzeitig liebe er genau diese kreative Arbeit. „Ich mag wirklich, was ich da mache.“
Und wie sieht die Zukunft aus? Cristian möchte bleiben – zumindest vorerst. „Die Stadt bietet viele Chancen, auch wenn es Herausforderungen gibt. Vor allem kulturelle Projekte sehe ich als gute Möglichkeit, um gesellschaftlich etwas zu bewegen: Wandel passiert nicht nur durch politische Debatten oder Proteste. Kultur kann ebenfalls eine wichtige Wirkung entfalten. Das ist eine Form von Soft Power.“