Gebärdensprache lernen, Gehörlosenkultur verstehen und echte Begegnungen schaffen: Die neue Hochschulgruppe (HSG) „Sprechende Hände“ möchte an der Universität Erfurt einen offenen Raum für gelebte Inklusion schaffen. Im Interview erzählt Mitgründer Felix Möller, wie aus einem Sprachkurs eine Hochschulgruppe wurde – und warum Deutsche Gebärdensprache (DGS) weit mehr ist als ein Kommunikationsmittel.
An der Universität Erfurt gibt es eine Vielzahl an Hochschulgruppen. Für Studierende eine gute Gelegenheit, sich über das Studium hinaus auf dem Campus und in der Stadt zu engagieren, neue Leute – jenseits der eigenen Fachrichtung – kennenzulernen, sich für studentische Anliegen einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Nun hat sich mit „Sprechende Hände“ eine neue Hochschulgruppe gegründet, die sich bereits regelmäßig trifft und über Interessierte und neue Mitglieder freut.
Aber wie entsteht eigentlich eine Hochschulgruppe? Manchmal aus einem gemeinsamen Interesse, manchmal aus persönlicher Betroffenheit – und manchmal dann, wenn Studierende feststellen, dass noch etwas Wichtiges fehlt. Bei der neu gegründeten Hochschulgruppe „Sprechende Hände“ war es eine Mischung aus all dem. Seit Dezember 2025 gibt es an der Universität Erfurt einen offenen Treffpunkt für alle, die sich für Deutsche Gebärdensprache, Gehörlosenkultur und Inklusion interessieren.
Vom Sprachkurs zur Hochschulgruppe
Der Ausgangspunkt war ein DGS-Sprachkurs am Sprachenzentrum der Universität Erfurt. Felix Möller, Student der Germanistik und Kunst, hat zunächst einen Grundkurs, später auch einen Fortgeschrittenenkurs besucht. Doch schnell wurde klar: Der Wunsch nach Austausch, Übung und Begegnung reichte über den Kursrahmen hinaus. „Ich habe gemerkt, dass viele gerne mehr machen würden als nur einmal pro Woche Unterricht“, erzählt Felix. Auf Nachfrage von Dr. Brigit Jäpelt innerhalb des Kurses, ob Interesse an einem DGS-Stammtisch bestehe, meldete sich zunächst niemand außer Felix. Davon ließ er sich aber nicht entmutigen und nahm die Organisation schließlich selbst in die Hand.
Durch Kontakte zu Teilnehmer*innen der DGS-Sprachkurse an der Universität Erfurt, der Volkshochschule und zu weiteren Interessierten entstand mit der Zeit eine kleine Gruppe. Hörende und gehörlose Menschen kamen zusammen, einige mit Vorerfahrung, andere ganz neu in der Welt der Gebärdensprache. Anfang Dezember 2025 wurde die Gruppe dann auch offiziell als Hochschulgruppe anerkannt.
Heute zählt „Sprechende Hände“ rund zehn aktive Personen – mit steigender Tendenz. Besonders wichtig ist den Mitgliedern, dass die Gruppe nicht exklusiv ist: Auch externe Interessierte, die nicht an der Universität Erfurt eingeschrieben sind, können an den Treffen teilnehmen.
Persönliche Motivation: Inklusion erlebbar machen
Für Felix ist das Engagement mehr als ein Hobby. Sein Interesse an Gehörlosenkultur begann bereits während der Schulzeit, doch passende Angebote waren damals rar. Erst später – über die genannten geeigneten Angebote wie Stammtische und Sprachkurse – fand er einen Zugang zur DGS. Hinzu kommen bei Felix berufliche und persönliche Erfahrungen: Unter anderem arbeitet er im Einzelhandel und hatte dort immer wieder Kontakt mit gehörlosen Kund*innen. Schon einfache Gebärden oder ein kleines gemeinsames Vokabular sorgten jedes Mal für besondere Momente:
Man sieht richtig, wie in den Augen etwas aufleuchtet, wenn jemand merkt: Hier kann ich verstanden werden“,
beschreibt er diese Begegnungen. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie stark viele Lebensbereiche noch immer auf Lautsprache ausgerichtet sind – und wie viele Barrieren dadurch entstehen. Ähnliche Erfahrungen und Erlebnisse schilderten auch andere Teilnehmer*innen der HSG.
Auch sein pädagogisches Interesse spielen eine große Rolle. Als angehender Lehrer möchte Felix Inklusion nicht nur theoretisch vermitteln, sondern auch ganz praktisch leben. Einige Mitglieder der Hochschulgruppe sind selbst gehörlos oder haben einen persönlichen Bezug zur Gehörlosigkeit – genau diese Vielfalt prägt die Gruppe.
Kurz- und langfristige Ziele der neuen Hochschulgruppe
Als Hochschulgruppe kann „Sprechende Hände“ – wie andere Hochschulgruppen auch – gewisse Vorteile in Anspruch nehmen: Etwa Räume nutzen, Förderanträge stellen und langfristige Kooperationen aufbauen, bspw. mit der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät oder inklusionspädagogischen Arbeitsgruppen an der Universität Erfurt.
Geplant sind nicht nur regelmäßige Treffen zum Üben der Gebärdensprache, sondern auch Workshops, Vorträge und kulturelle Veranstaltungen. Denkbar wären genauso Kooperationen mit dem Thüringer Gehörlosenverband, mit Dolmetschenden oder mit gehörlosen Künstler*innen und Expert*innen.
„Uns geht es nicht nur darum, Gebärden zu lernen, sondern wirklich in die Kultur einzutauchen“, betont Felix. Langfristig soll die HSG auch dazu beitragen, den Campus inklusiver und barrierefreier zu gestalten. Kurzfristig möchte die Hochschulgruppe vor allem einen offenen, niedrigschwelligen Begegnungsraum schaffen. Egal ob Anfänger*in ohne Vorkenntnisse oder fortgeschrittene DGS-Nutzende – alle sind willkommen. Gerade in Thüringen sind DGS-Angebote begrenzt, Universitätskurse oft schnell ausgebucht.
Daher geht es in erster Linie auch um Vernetzung: Zwischen hörenden, schwerhörigen und gehörlosen Menschen, zwischen Studierenden, Lehrenden und externen Fachpersonen. Ein Beispiel dafür ist der Kontakt zu Dirk Senebald, einem Mitarbeiter des IT-Support der Universität Erfurt, der taub geboren ist und bereits in DGS-Kursen eingebunden war. Solche Begegnungen sollen Perspektiven erweitern und Vorurteile abbauen.
Mehr als Sprache: Gehörlosenkultur entdecken
Ein zentrales Anliegen der HSG ist es, deutlich zu machen, dass DGS nicht nur eine Sprache ist, sondern Teil einer eigenständigen Kultur. Rituale, Traditionen und Ausdrucksformen unterscheiden sich teils deutlich von der hörenden Mehrheitsgesellschaft. Felix nennt ein einfaches Beispiel: Applaus. In der Gehörlosenkultur wird nicht geklatscht, sondern mit erhobenen, sich drehenden Händen applaudiert. Auch Kunst, Theater, Film und Tanz sind oft visuell und performativ ausgerichtet – und für viele Hörende noch weitgehend unbekannt.
Viele denken, gehörlose Menschen seien einfach eingeschränkt – dabei übersieht man, wie reich diese Kultur ist“,
sagt Felix. Die eigentlichen Einschränkungen entstünden oft erst durch eine Gesellschaft, die fast ausschließlich auf Lautsprache setze.
Die Hochschulgruppe trifft sich regelmäßig einmal in der Woche
Die Gruppe trifft sich aktuell, auch in der vorlesungsfreien Zeit, immer dienstags um 18 Uhr im Lehrgebäude C07 (Raum 106) auf dem Campus der Universität Erfurt. Langfristig sind ein bis zwei Treffen pro Woche angedacht – je nach Interesse und Kapazitäten.
Die Treffen reichen von einem lockeren Austausch über gemeinsames Üben bis hin zu thematischen Abenden. Neue Interessierte können sich vorab per E-Mail melden oder einfach vorbeikommen. Außerdem ist die HSG auch auf Instagram zu finden.
Ob absolute Anfänger*in oder bereits mit DGS vertraut – bei „Sprechende Hände“ zählt vor allem die Offenheit. Die Hochschulgruppe versteht sich als Lernraum, Begegnungsort und Gemeinschaft zugleich. Oder, wie Felix es zusammenfasst:
„Inklusion beginnt dort, wo Menschen einander wirklich begegnen – und manchmal reicht dafür schon eine einfache Gebärde.“