In diesen Tagen ist es wieder wuseliger auf dem Campus – das Wintersemester hat begonnen. Für manch einen ist es das erste Semester an der Uni Erfurt, andere kennen das Semesterstartgefühl schon seit vielen Jahren: ein bisschen Neubeginn, ein bisschen Unsicherheit was kommt, jede Menge Informationen, manchmal auch Zeitdruck und vor allem: jede Menge Arbeit – ob nun im Studium, in der Lehre oder der Forschung. Wie kommt man gut durch diese Zeit, ach überhaupt durch einen Alltag, der zunehmend von Hektik und Stress geprägt zu sein scheint? Mit Achtsamkeit zum Beispiel – einem Thema, das auch an der Universität Erfurt seinen Platz hat. Für unseren Campusblog haben wir mit Dr. Birgit Jäpelt und Dr. Nancy Quittenbaum gesprochen, zwei Dozentinnen, die sich damit auskennen…
Was genau meint eigentlich Achtsamkeit?
Dr. Birgt Jäpelt: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Heutzutage hat ja fast jede*r irgendeine Vorstellung davon. Ich habe in letzter Zeit oft gedacht, dass die Herausforderung zunehmend darin besteht, die Klischees zu dekonstruieren, die medial hergestellt werden, wenn etwa ein Buch mit dem Titel: „Achtsam morden“ erscheint und als Serie bei einem Streaming-Dienst verfilmt wird. Achtsamkeit ist ursprünglich ein im Buddhismus tief verwurzeltes Konzept, das eben über das Thema „Work-Life-Balance“ hinausreicht. Aber das wird im Diskurs um Achtsamkeit häufig nicht thematisiert. Das ist auch ein Grund, warum ich denke, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema einen Platz im universitären Kontext einnehmen sollte. Dafür wurden in den vergangenen Jahren spezifische Curricula für verschiedene Gruppen entwickelt, z.B. MBST (Minfulness Based Student Training). Studierende unserer Uni haben immer im Sommersemester die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Gemeinsam mit meiner Kollegin Elisabeth Mantel biete ich dieses Training bereits seit einigen Jahren in der Lehre an.
Aber zurück zur Definition: Laut John Kabat-Zinn, dem Begründer der Achtsamkeitspraxis des MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction), einem etablierten Programm zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion, ist Achtsamkeit „eine besondere Art der Aufmerksamkeit, die wir Gewahrsein nennen (…) Achtsamkeit lehrt uns, vertraute Probleme in neuem Licht zu sehen und zu erkennen, wie alles miteinander zusammenhängt“.
Das Thema wurde ja lange Zeit eher belächelt. Bis in die 1970er-Jahre hinein hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können, dass diese ursprünglich von buddhistischen Mönchen geprägte Haltung einmal eine solche Präsenz bekommen und ja, sogar Eingang in die Lehrbücher der Verhaltenstherapie finden würde. Wie kam das, haben Sie eine Idee?
Dr. Birgit Jäpelt: Zur Wirkung von Achtsamkeit wurde viel geforscht und belegt, dass diese Praxis auch einen therapeutischen Wert besitzt, vornehmlich in der Behandlung von Stress, Burnout, Depressionen, Sucht, Angst- und Schlafstörungen. In unserer westlichen Kultur sind solche Ergebnisse sehr beeindruckend, weil sie messbar und damit objektiv sind bzw. erscheinen. Die Haltung von buddhistischen Mönchen wird damit allerdings nicht erfasst, weil sie sich in dieser Weise auch nicht erfassen lässt.
Für alle, die mit dem Thema selbst noch keine Erfahrungen gemacht haben: Wie lernt man, achtsam zu sein?
Dr. Birgit Jäpelt: Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft täglich zu üben. Dabei können heutzutage auch unterstützende Apps genutzt werden, in denen Übungen angeleitet werden. Davon gibt es eine ganze Reihe, die zum Teil auch kostenlos genutzt werden können. Auch John Kabat-Zinn hat einigen seiner Bücher zum Einstieg in die Achtsamkeitspraxis geführte Übungen als mp3 angefügt. Ich selbst würde empfehlen, darüber hinaus auch mit anderen gemeinsam zu meditieren. Erfahrungen in einer Gruppe zu machen und diese zu teilen, hilft dabei, sich immer wieder an die Achtsamkeit zu erinnern. Eine Möglichkeit, dies an unserer Uni zu tun, ist übrigens die wöchentliche Mittagsmeditation im “Raum der Stille”. Schließlich durchdringt eine achtsame Haltung irgendwann den gesamten Alltag – den persönlichen genauso wie den beruflichen.
Achtsamkeit spielt auch in der Lehrerbildung eine zunehmende Rolle – jedenfalls an der Universität Erfurt. Frau Dr. Quittenbaum, Sie bieten dazu neben ihrer Tätikeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik auch Kurse für Lehramtsstudierende an. Warum ist das gerade für angehende Lehrkräfte so ein Thema?
Dr. Nancy Quittenbaum: Der Lehrerberuf ist ein sehr anspruchsvoller Beruf, der neben fachlichen und didaktischen Kompetenzen auch ein hohes Maß an emotionaler und sozialer Kompetenz erfordert. Lehrkräfte müssen täglich eine Vielzahl von Entscheidungen treffen, auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen und auch in herausfordernden Situationen handlungsfähig bleiben. Hinzu kommen Zeitdruck, hohe Erwartungen und die Verantwortung für die Entwicklung junger Menschen. Deshalb halte ich es für besonders wichtig, bereits angehende Lehrkräfte dafür zu sensibilisieren, wie sie mit Belastungen umgehen und ihre eigenen Ressourcen stärken können. Denn wir bereiten unsere Studierenden nicht nur darauf vor, guten Unterricht zu gestalten, sondern auch darauf, langfristig gesund und mit Freude in ihrem Beruf tätig zu sein. Achtsamkeit setzt genau hier an: Sie lädt dazu ein, innezuhalten, sich selbst bewusster wahrzunehmen und einen reflektierten Umgang mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Reaktionen zu entwickeln. Dabei geht es nicht darum, Stress grundsätzlich zu vermeiden, sondern einen gesünderen und bewussteren Umgang damit zu finden.
Und was kann Achtsamkeit hier konkret leisten?
Dr. Nancy Quittenbaum: Achtsamkeit kann helfen, eigene Stressmuster frühzeitig zu erkennen und in herausfordernden Situationen bewusster statt impulsiv zu reagieren. Gerade im oft turbulenten Schulalltag ist diese Fähigkeit besonders wertvoll. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen das Stresserleben von Lehrkräften reduzieren und ihr psychisches Wohlbefinden fördern können. Mir ist aber noch ein weiterer Aspekt wichtig: Achtsamkeit ist nicht nur Selbstfürsorge, sondern auch eine Grundlage für einen wertschätzenden Umgang mit anderen Menschen. Wer die eigenen Emotionen bewusster wahrnimmt, kann auch Schülerinnen und Schülern mit mehr Geduld, Offenheit und Empathie begegnen. In meinen Trainings verbinden wir deshalb Achtsamkeits- und Meditationsübungen mit der Reflexion pädagogischer Alltagssituationen. So erfahren die Studierenden, wie eine achtsame Haltung ihr späteres berufliches Handeln unterstützen kann.
Hört sich so an, als würden Sie Achtsamkeit gern fest im (Lehramts-)Studium verankert wissen…
Dr. Nancy Quittenbaum: Ja, unbedingt! Ich bin davon überzeugt, dass Selbstreflexion, emotionale Kompetenz und ein bewusster Umgang mit Belastungen selbstverständliche Bestandteile einer zeitgemäßen Lehrerbildung sein sollten. Denn neben fachlichem und didaktischem Wissen prägen auch die eigene Haltung und das persönliche Wohlbefinden das pädagogische Handeln. Dabei ist mir wichtig: Achtsamkeit lässt sich nicht allein durch Wissen vermitteln – sie muss erfahren und regelmäßig geübt werden. Deshalb wünschen wir uns an der Universität Erfurt Räume und Möglichkeiten, in denen Studierende innehalten, zur Ruhe kommen und Achtsamkeit praktizieren können.
Deshalb sind die genannten Trainingskurse auch nicht das einzige Angebot der Universität in Sachen Achtsamkeit…
Dr. Birgit Jäpelt: Genau, da gibt es an der Universität eine ganze Reihe weiterer Dinge. Der Unisportverein beispielsweise bietet regelmäßig Yoga- und Achtsamkeitskurse an. Die Uni beteiligt sich an den jährlichen Mental Health Days mit einem Programm. Das Universitäre Gesundheitsmanagement organisiert die kleine Morgenmeditation “Entspannt in den Tag” und darüber hinaus gibt es Angebote im Studium Fundamentale. In unserem oben bereits erwähnten “Raum der Stille” findet während der Vorlesungszeit immer donnerstags von 11.50 bis 12.10 Uhr eine angeleitete Mittagsmeditation statt. Dort gibt es auch Zen-Meditation – immer donnerstags von 18.15 bis 20.15 Uhr. Der Raum kann natürlich auch für die eigene Meditationspraxis und für Stille-Übungen genutzt werden. Und erst jüngst haben Studierende im Master “Gesundheitskommunikation” den Green Health Campus Audio-Guide entwickelt, der an fünf verschiedenen Stationen auf unserem grünen Campus Audio-Files zum Thema Achtsamkeit und Entspannung bietet. Es kommen also auch immer wieder neue Angebote dazu…
Haben Sie für uns eine kleine Achtsamkeitsübung für den Alltag parat – sozusagen als „Einstieg“ in das Thema?
Dr. Nany Quittenbaum: Eine einfache Übung für den Einstieg sind drei bewusste Atemzüge. Halten Sie dafür einen Moment inne und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem. Spüren Sie, wie die Luft ein- und wieder ausströmt, ohne den Atem bewusst zu verändern. Nehmen Sie drei Atemzüge lang einfach wahr, was gerade da ist – vielleicht Gedanken, Gefühle oder körperliche Empfindungen, ohne diese zu bewerten. Anschließend richten Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder auf das, was vor Ihnen liegt. Diese kleine Übung lässt sich jederzeit in den Alltag integrieren. Es geht dabei nicht darum, sofort entspannt zu sein, sondern darum, für einen Moment bewusst im Hier und Jetzt anzukommen.