Wenn der Weg zum Abenteuer wird – Reisen in der Frühen Neuzeit

Podcast
links im Bild schwarz-weiß Kollage mit PD Dr. Astrid Ackermann, Richard Wacker und Nils Sobecki, gelber Hintergrund, Text: WORTMELDER der Wissenschaftspodcast der Universität Erfurt

In der Frühen Neuzeit mussten Reisende davon ausgehen, dass die Reise anders als geplant abläuft, dass es zu Verzögerungen oder kurzfristigen Planungsänderungen kommt und dass man wichtige Informationen erst unterwegs erhält.“ PD Dr. Astrid Ackermann

Reisen gilt als Inbegriff von Freiheit und Mobilität – ein Blick in die Frühe Neuzeit zeigt, dass Fortbewegung einst weit mehr war als bloße Ortsveränderung: Das Reisen war zugleich Wagnis, logistisches Experiment und auch mal Kampf ums Überleben.

Ein großes Risiko beim Reisen in der Frühen Neuzeit war die Dunkelheit. Es gab damals keinen elektrischen Strom, kein elektrisches Licht.“ Nils Sobecki, Geschichtsstudent

In dieser WortMelder-Folge sprechen die Historikerin PD Dr. Astrid Ackermann und die Geschichtsstudenten Nils Sobecki und Richard Wacker über ihre Forschungen und die gemeinsame Konzeption einer Ausstellung zum frühneuzeitlichen Reisen. Anhand von historischen Objekten und regionalen Quellen rekonstruieren sie, unter welchen sozialen, materiellen und infrastrukturellen Bedingungen das Reisen überhaupt möglich war. Im Zentrum stehen grundlegende Fragen einer historischen Mobilitätsforschung: Wer verfügte über die notwendigen Ressourcen, um zu reisen? Welche Strategien entwickelten Menschen, um sich in einer Welt ohne standardisierte Fahrpläne oder kartografische Präzision zu orientieren? Und wie ging man mit den omnipräsenten Risiken um – seien es Krankheiten, klimatische Extremereignisse oder Überfälle durch Räuberbanden?

Zum Starten des Players 1x auf die Schaltfläche klicken:

Please note: As soon as you start the podcast, personal data is transmitted to Podcasts der Universität Erfurt. For more information, please see the privacy policy of Podcasts der Universität Erfurt.

Alternativ auf Spotify streamen (1x auf die Schaltfläche klicken, dann auf Start):

Please note: As soon as you start the podcast, personal data is transmitted to Spotify. For more information, please see the privacy policy of Spotify.

Durch das wachsende Postwesen gab es mehr Planungssicherheit für Reisende. Poststationen haben zudem als Unterkünfte und Gasthäuser gedient, auch erschöpfte Pferde konnten dort gewechselt werden.“ Richard Wacker, Geschichtsstudent

Es geht auch um kulturelle Praktiken des Unterwegsseins: Empfehlungsschreiben fungierten als soziale Währung, Reiseapotheken als lebenswichtige Vorsorgeinstrumente, Poststationen letztlich bildeten Knotenpunkte eines zumeist fragilen Wege- oder gar Verkehrsnetzes. Zwischen organisierten Reisegesellschaften, improvisierten Routen und der oft prekären Suche nach Unterkünften wird deutlich, wie sehr Reisen von Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und sozialem Kapital abhing. Und deutlich wird auch, dass wir heute wohl unterschätzen, wie viele Menschen in der Frühen Neuzeit gereist sind. Adlige und Regenten reisten zu diplomatischen und politischen Zwecken, Kaufleute aus beruflichen Gründen. Es gab Brautreisen, Verwandtschaftsbesuche, Badekuren, Bildungs- und auch Forschungsreisen. Hinzu kommen die Wanderungen von Handwerkern oder von Bauern zu Märkten in der Umgebung.“ Überhaupt mobil zu sein, stand dabei im Fokus, ergänzt Nils Sobecki: „Eine Reise bestand größtenteils aus dem Weg irgendwohin, weil man viel länger unterwegs war.“

Nicht zuletzt zeigt sich, dass das Reisen trotz aller historischen Distanz erstaunlich vertraute Motive birgt: die Neugier auf das Fremde, das Bedürfnis nach Austausch und die Praxis, Erlebtes festzuhalten. Die Frühe Neuzeit erscheint so als Epoche, in der das Unterwegssein nicht nur physische Bewegung bedeutete, sondern auch eine spezifische Form der Welterfahrung hervorbrachte – zwischen Risiko, Erkenntnis und Abenteuer.


PD Dr. Astrid Ackermann ist Historikerin mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Neuzeit und derzeit Vertretungsprofessorin für Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit an der Universität Erfurt. Ihre Forschung bewegt sich an den Schnittstellen von Kultur-, Politik- und Infrastrukturgeschichte und richtet einen besonderen Blick auf Themen wie Reisen, Logistik und materielle Kultur.

Nils Sobecki studiert seit 2023 Geschichte und Literatur an der Universität Erfurt und ist in beiden Fachbereichen als studentische Hilfskraft tätig. Er ist außerdem studentisches Mitglied des BA-Prüfungsausschusses der Philosophischen Fakultät.

Richard Wacker studiert seit dem Wintersemester 2023/24 Geschichtswissenschaft und Kommunikationswissenschaft. Neben dem Studium ist er als Guide beim Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz tätig. Privat hegt er ein großes Interesse für Musik.

Ausstellung „Die Faszination des Reisens: (Über)Leben in der Frühen Neuzeit“

Die im Rahmen des Seminars zum Reisen in der Frühen Neuzeit konzipierte Ausstellung ist noch bis zum 30. September 2026 im Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt zu sehen. Interessierte können sich gern unter forschungszentrum.gotha@uni-erfurt.de oder unter der Telefonnummer 0361 737 1711 melden oder einfach zu den Veranstaltungen des Forschungszentrums vorbeischauen.
Am 6. November 2026 kann die Ausstellung dann im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften an der Universität Erfurt besucht werden.

Forschungszentrum Gotha: Wissensgeschichte der Neuzeit