Bild: Vida Católica Mundial, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Als Robert Francis Prevost OSA am 8. Mai 2025 zum Papst gewählt wurde, brachte er einen Wahlspruch mit, der ihn bereits als Bischof in Chiclayo im Norden Perus und als Kurienkardinal in Rom begleitete: In illo uno unum – „In jenem einen [Christus] eins“. Die Worte stammen von Augustinus von Hippo, und sie stehen nicht am Rand seines Werkes, sondern in dessen Zentrum. Wer verstehen will, was der Papst mit seinem Wahlspruch theologisch sagt, muss den Satz in seinem Kontext aufsuchen: in einer Predigt über einen Pilgerpsalm, gehalten in der nordafrikanischen Küstenstadt Hippo Regius oder in Karthago, vor einer Gemeinde aus Handwerkern, Händlern und Klerikern, denen Augustinus die Schrift ‚aufzuschließen‘ versuchte.
Psalm 127 (LXX bzw. Vulg.; Ps 128 gemäß hebräischer Zählung) ist einer der sogenannten Gradualpsalmen, einer Gruppe von fünfzehn Psalmen, die Pilger beim Weg nach Jerusalem sangen. Sein Inhalt scheint nüchtern: Er preist den gottesfürchtigen Mann, dem die Früchte seiner Arbeit gehören, dessen Frau wie ein fruchtbarer Weinstock ist und dessen Kinder wie Ölbaumsprosse den Tisch umstehen. Eine Idylle häuslichen Segens, weiter nichts, so könnte man meinen. Augustinus aber verweilt nicht bei der Oberfläche. Er bemerkt etwas im Text, das ihn aufhorchen lässt: Der Psalm setzt im Plural an – beati omnes qui timent dominum, qui ambulant in uiis eius [Ps 127,1] („Selig sind alle, die den Herrn fürchten und auf seinen Wegen gehen“) – und wechselt dann unvermittelt in den Singular: labores fructum tuorum manducabis [Ps 127,2] („du wirst die Früchte deiner Arbeit essen“). Hat der Psalmist vergessen, dass er soeben zu vielen gesprochen hat? Augustinus verneint. Die Grammatik ist kein Versehen, sie ist eine Verheißung: Die vielen, die Gott fürchten, sind in Christus eine einzige Wirklichkeit. Weil sie es in ihm sind, kann der Psalm sie ansprechen wie einen einzigen Menschen.
Diese Beobachtung führt Augustinus zu einer Formulierung von großer Dichte: „Es handelt sich um eine Vielzahl von Menschen und zugleich um einen einzigen Menschen, denn obwohl es viele Christen gibt, ist Christus nur einer. Ein einziger Mensch, Christus, sind die Christen zusammen mit ihrem Haupt, das in den Himmel aufgefahren ist. Nicht er als einzelnes Individuum und wir als eine Vielzahl, sondern wir, die Vielzahl, sind eins geworden in ihm, der eins ist. Christus also, Haupt und Leib, ist ein einziger Mensch. Und was ist der Leib Christi? Seine Kirche“ (et multi homines sunt, et unus homo est: multi enim christiani, et unus Christus. ipsi christiani cum capite suo, quod adscendit in caelum, unus est Christus; non ille unus et nos multi, sed et nos multi in illo uno unum. unus ergo homo Christus, caput et corpus. quod est corpus eius? ecclesia eius, ... [Aug. en. Ps. 127,3; CCL 40,1869]).
Der päpstliche Wahlspruch zitiert das Schlussglied einer Antithese: Aus non ille unus et nos multi, sed et nos multi in illo uno unum wird die Abbreviatur in illo uno unum; die negative Folie ist weggelassen, die positive Aussage bleibt und steht nun für sich.
Um zu verstehen, was Augustinus mit dieser Formulierung meint, ist es hilfreich, eine Figur zu kennen, die sich hinter ihr findet: der Christus totus, der „ganze Christus“. Dieser augustinische Begriff beschreibt die mystische Einheit von Christus als Haupt und der Kirche als seinem Leib. Für Augustinus drängt sich dem Blick des Glaubens nicht so sehr jeder einzelne Bestandteil, sondern vielmehr die Gesamtheit aus Haupt und Leib als Erstes auf. Die Gläubigen sind demnach ein Teil Christi; die Kirche ist untrennbar mit ihm verbunden. Die Kirche ist nicht neben Christus, sie ist in ihm; er ist nicht getrennt von ihr, er lebt in ihr. Aus dieser Identifikation folgt alles Weitere:
Wenn Christus selbst unus ist, dann sind alle, die durch Taufe und Glaube in ihn eingegliedert sind, in ihm und durch ihn zur Einheit geworden. Die Einheit (unitas) der Kirche ist darum keine menschliche Leistung, kein Ergebnis organisatorischer Geschicklichkeit oder moralischer Anstrengung. Sie ist Partizipation – Teilhabe an der Einheit dessen, der selbst das unum ist.
Für den neuplatonischen Philosophen Plotin ist das Eine das höchste Prinzip, von dem alles ausgeht und zu dem alles zurückstrebt; die Seele findet ihre Vollendung im Aufstieg zu ihm. Augustinus’ „Philosophie des Einen“ ist jedoch von Grund auf christologisch: Das Eine, zu dem die Seele strebt, ist kein anonymes Prinzip, sondern der menschgewordene Gottessohn. Und der Rückweg zum Einen führt nicht primär durch innere Kontemplation, sondern durch Eingliederung in den Leib Christi, durch die Kirche, durch die Sakramente. Die Einheit ist nicht erklommen, sondern empfangen; sie ist Geschenk.
Dabei unterscheidet Augustinus sorgfältig, was er meint. Die Einheit in Christus ist keine Uniformität. Die Vielheit der Christen – nos multi – wird nicht aufgehoben, sondern bleibt bestehen. Was sich verändert, ist die Beziehung dieser Vielheit zu sich selbst: Sie erkennt sich als Leib eines einzigen Hauptes und gewinnt darin ihre Identität. Es ist eine einschließende Einheit, keine absorbierende. Dies ist der Grund, warum Augustinus den Satz so formuliert, wie er ihn formuliert: Nicht „wir sind eins“, sondern „wir viele sind in ihm, dem Einen, eins“. Die Vielzahl bleibt grammatisch sichtbar; die Einheit ist relational, nicht substanziell.
Dass diese Einheit eine trinitarische Verankerung hat, ist für Augustinus selbstverständlich. Gott ist, wie er in De Trinitate ausführt, das schlechthin Einfache (unum simplicissimum), in dem es keine Zusammensetzung, keine Spannung, keine Vielheit gibt. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind nicht drei Götter, sondern der eine Gott in drei Beziehungen. Der Geist ist dabei das Band der Liebe, das Vater und Sohn verbindet und das zugleich die Kirche zusammenhält. Die Einheit der Kirche ist darum Abbild und Teilhabe an der Einheit der Dreieinigkeit. Wenn die Kirche eins ist, dann deshalb, weil Gott, an dem sie teilhat, eins ist.
Augustinus hat diese Theologie gegen Widerstand erarbeitet und verteidigt. Die Donatisten, die die nordafrikanische Kirche tief gespalten hatten, behaupteten, die wahre Kirche sei die reine, die von Sündern freie – nicht die gemischte, von Schwachen und Starken, Heiligen und Sündern bevölkerte Catholica. Augustinus hat ihnen mit aller Kraft seines Denkens widersprochen. Die Einheit der Kirche, so seine Überzeugung, hängt nicht an der moralischen Makellosigkeit ihrer Mitglieder, sondern an der Zugehörigkeit zu Christus, die durch die Sakramente vermittelt wird.
Nos multi in illo uno unum – die Vielheit der Schwachen und Starken, der Bekehrten und der Ausharrenden, ist in Christus eine Einheit, die kein menschliches Versagen zerstören kann, weil sie nicht aus menschlicher Kraft stammt.
Seit Jahren ist für Leo XIV. sein Wahlspruch eine Art Lebensprogramm. Als Mitglied des Augustinerordens und „Sohn des heiligen Augustinus“, als den er sich bezeichnet, hat er dessen Regel, die gemeinsames Leben, Eintracht und Überwindung von Ichbezogenheit zum spirituellen Kern des Ordenslebens zählt, gehört und meditiert. Ein Papst, dessen Pontifikat an der Schwelle zum 1700. Jubiläum des ersten Ökumenischen Konzils von Nizäa begann, auf dem um die Formulierung des christlichen Glaubens gerungen wurde, unterstreicht mit diesem Wahlspruch: Einheit und Einmütigkeit entstehen in dem Maße, in dem sich die Gläubigen gemeinsam in demjenigen verbunden wissen, der selbst unus ist. Um nicht nur äußerlich zur Kirche zu gehören, fordert Augustinus dazu auf, lebendige Glieder (membra uiua) des Leibes Christi zu sein und in innerer geistlicher Verbindung zu Christus zu stehen. Die wahre Einheit des Leibes Christi übersteigt, was menschliche Organisation zu leisten vermag. Sie ist eschatologische Verheißung und sakramentale Wirklichkeit zugleich. Die Gemeinschaft des „ganzen Christus“ impliziert eine enge Zusammenfügung der Glieder des Leibes untereinander, wobei die verbindende Liebe durch das Haupt geschenkt wird. Hinter In illo uno unum steht eine Theologie, die Augustinus ein Leben lang durchdacht und durchbetet hat; eine Spiritualität, die Leo XIV. als Augustiner verinnerlicht hat; und eine Einladung an die Kirche des 21. Jahrhunderts, ihre Einheit als Geschenk zu begreifen, das sie empfangen darf – in illo uno, in dem einen, der Christus ist.
Notker Baumann ist Professor für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und christliche Archäologie an unserer Fakultät. Mehr Informationen zu seiner Forschung finden Sie auf der Seite der Professur.