Die Enzyklika “Magnifica Humanitas” von Papst Leo XIV. Der Titel ist das Programm

Forschung & Wissenschaft , Kommentare & Meinungen
Die Zeigefinger einer Roboterhand und einer menschlichen Hand berühren sich und an dem Punkt, an dem sie sich berühren erscheint ein Licht.
Prof. Dr. Elke Mack
Prof. Dr. Elke Mack

Die erste Sozialenzyklika von Papst Leo überrascht in verschiedener Hinsicht als höchst aktuell, ethisch klug und kirchenpolitisch wegweisend. Hier drei Stichworte: kritisch gegenüber KI, aber offen - besorgt um den Frieden in der Welt - eine neue Sozialethik für die Kirche.

1. Eine technikkritische Ethik für die digitale Revolution durch KI

Papst Leo sieht die Welt angesichts der KI an einer Wegscheide, die er mit zwei biblischen Wegen beschreibt: dem Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9) und dem Aufbau des neuen Jerusalems (Neh 1-2). Ersteres endete im Chaos, weil der technische Erfolg verabsolutiert wurde. Nehemia hingegen begleitete eine Gemeinschaftsarbeit in Respekt vor Gott und war erfolgreich. Welchen Weg die Welt gehen sollte, liegt für den Papst auf der Hand. 

Um die Herausforderungen der digitalen Transformation, der künstlichen Intelligenz (KI) und Robotik erfolgreich bewältigen zu können, ist gemäß Papst Leo eine Ethik der KI erforderlich. Denn der „technische Fortschritt, der an sich wertvoll ist“ (MH92), entwickle sich so schnell, dass die moralischen, anthropologischen und sozialen Grundwerte, die das Leben der Menschheit erst wertvoll machen, nicht in der erforderlichen Geschwindigkeit mitwachsen. Ebenso ist zu befürchten, dass sie im Design der digitalen Technologie nicht ausreichend berücksichtigt werden oder in der Anwendung durch die betroffenen Menschen übersehen werden. 

Kritik an der Wirtschaft und Technik

Bemerkenswert ist, dass Papst Leo vor allem die Steuerung und die Kontrolle von KI problematisiert, näher hin auch die machtvollen wirtschaftlichen Akteure (MH95), welche sich häufig der öffentlichen Kontrolle entziehen, so dass erhebliche „Machtkonzentrationen“ (MH96) bei Unternehmen entstehen. 

Der Papst plädiert deshalb für sinnvolle Arten der Regulierung und staatlichen Kontrolle. Er sagt in der begleitenden Pressekonferenz am 25.5.26 sogar, dass man die KI „entwaffnen“ müsse. Die katholische Kirche argumentiert hier wissenschaftlich ethisch, davon überzeugt, dass politische Regulierung Erfolg verspricht. Ob dieser Weg über die politischen Rahmenbedingungen angesichts fehlender transnationaler Steuerungsmöglichkeiten realistisch ist, wird die Zukunft zeigen. Diese alleinige Verankerung von Sozialethik in staatlichen Institutionen spiegelt die tiefsitzende Skepsis der Kirche gegenüber der Marktwirtschaft wider. Ein funktionierender Wettbewerb wird nicht als Entmachtungsinstrument für schlechte unternehmerische Praxis und deren Produkte erkannt. Die Kirche traut den Unternehmen und den Entwicklern der KI selbst nicht wirklich einen Prozess ethischer Selbstregulierung zu, wenn Papst Leo die KI der „Logik des bewaffneten Wettbewerbs (…) entziehen will (MH110). Die staatliche Regulierung von KI-Märkten ist zwar unbestritten notwendig, bleibt aber aus Erfahrung immer unvollkommen, rechtlich unklar und partiell interventionistisch. Ohne Unterstützung aus der Wirtschaft wird eine Ethik der KI nur die halbe Kraft haben. Wenn die Enzyklika an einer Stelle zu kritisieren ist, dann hier.

Denn nur an einer Stelle der Enzyklika richtet sich der Papst an die KI-Entwickler und Unternehmer selbst und fordert sie zur ethischen Selbstregulierung auf. Sie sollen nämlich Werte in ihre Projekte einfließen lassen sowie mit Verantwortung prüfen, was wirklich zum Guten führt (MH111). Hier hätte man sich mit der Enzyklika den Auftakt eines Dialoges mit den Big-Tech-Unternehmen und Unternehmern gewünscht, denn es gibt außer der katholischen Weltkirche keine wirklichen Partner auf Augenhöhe, die derart transnational unterwegs sind, um einen solchen weltweiten Reflexionsprozess zu initiieren und zu begleiten. 

Ethische Impulse der Menschlichkeit für die KI

Die Stärke des Papstes liegt in seinen ethischen Impulsen, wenn er die Frage beantwortet, was es bedeutet, das Menschliche in der KI zu bewahren (MH112). Nicht materieller Reichtum, Effizienz, eine bessere Kontrolle bzw. Optimierung würden die Fülle des Lebens bedeuten (MH112). Technische Macht müsse dem Leben und den Menschen dienen (MH 113), denn „die Qualität einer Zivilisation misst sich (…) an der Fürsorge, die sie zu bieten vermag“ (MH114) – auch auf einer gesellschaftlichen Ebene. Es ist eines der wichtigsten Anliegen dieses Papstes diese Zivilisation der Menschlichkeit, Liebe und Fürsorge auch im Rahmen der KI zu bewahren. 

Intellektuelle Wege, die der Papst im Umgang mit KI explizit zurückweist, sind Transhumanismus und Posthumanismus. Denn diese wollen entweder das Menschliche in seiner Unvollkommenheit technologisch überwinden oder eine Hybridisierung zwischen Mensch, Maschine und Umwelt schaffen (MH116). Bei beiden Ansätzen werde der Mensch zum Objekt gemacht, das man überwinden oder optimieren müsse (MH117). Dies richte sich aber „letztlich gegen den Menschen selbst“ (MH117). 

An Freiheit und Wahrheit festhalten

Einer der stärksten Passagen der Enzyklika ist, wenn der Papst feststellt: „Freiheit [ist] im digitalen Zeitalter nicht nur eine innere Angelegenheit: Sie ist auch eine öffentliche Frage (…), damit die Technik im Dienst des Menschen bleibt und nicht zu einer Form der Bewusstseinsbeherrschung wird“ (MH171). Papst Leo erfasst hiermit das eigentliche psychologische Problem dieser Generation der Menschheit, welche sich so willig und unreflektiert auf digitale bzw. soziale Medien und KI einlässt, dass sie nicht erkennt, wie stark diese ihr eigenes Bewusstsein verändern. Zurecht wird deshalb nicht nur die Freiheitserweiterung von Menschen aufgrund des neuen digitalen Wissenszugangs anerkannt, sondern auch auf die Freiheitsbedrohung hingewiesen, die durch den Konsum digitaler Medien und KI auftreten kann.

Angesichts der Unsicherheit dieser Lage verwundert es nicht, dass Papst Leo erkenntnistheoretisch daran festhält, dass wir auch in postmodernen Kontexten die Frage nach der Wahrheit beantworten sollen, obwohl eine Diversität von Meinungen gewichtig ist. Papst Leo geht nicht davon aus, dass Wahrheit zugunsten konträrer Meinungen perspektivisch, interkulturell und individuell geworden ist. Zugegeben, die Kirche war sich in Wahrheitsfragen in der Geschichte oft zu schnell sicher, die Wahrheit tatsächlich erfasst zu haben. Wenn demokratische Gesellschaften jedoch, der Toleranz der Vielfalt geschuldet, meinen, sich jeglicher Suche nach Wahrheit enthalten zu müssen, besteht die Gefahr, dass Unrecht nicht mehr als solches bezeichnet wird und universale Normen nicht mehr als begründbar gelten. Dies führt, ethisch betrachtet, dann aber langfristig zu inhumanen Ergebnissen. Deshalb hält auch Papst Leo an der Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit fest, insbesondere im Bereich ethischen Entscheidens und Handelns – auch in Zeiten einer digitalen Revolution durch KI.

Der Einsatz für das Gute ist unverzichtbar

Papst Leo setzt sich im Sinne dieser Wahrheitserkenntnis vor allem für das Gute und Gerechte ein. Denn, wo ihm in jedem Falle Recht zu geben ist, ist bei seinem engagierten Kampf gegen neue Formen der Sklaverei, insbesondere der des Menschenhandels. Diese neue Sklaverei führt zu Gräueltaten, die denen in der Vergangenheit in nichts nachstehen (MH174-177). Insbesondere der Menschenhandel von Frauen muss als schwerste Verletzung der Würde von Menschen geahndet werden und sollte konkrete Akte der Prävention, des Schutzes, der Befreiung und der Rehabilitation (MH177) nach sich ziehen. Nur durch eine begleitende „ethische und humanisierende Reflexion“ (MH174) sei eine Möglichkeit gegeben, derartige Formen der neuen Sklaverei zu verhindern. 

Hier handelt es sich um eine differenzierte Sozialethik für die Weltgesellschaft, nicht nur der KI und der digitalen Revolution, sondern generell gegen Unrecht und Unterdrückung. 

Sie ist theologisch und philosophisch reflektiert und geht in die existenzielle Tiefe. Papst Leo stellt jedoch klar, dass sich seine Kritik nicht gegen den Einsatz von digitaler Technik und KI selbst richtet, sondern gegen eine Praxis, die eine rein technische „Erlösung“ (MH117) verspricht. Er weist theologisch auf die natürlichen Grenzen des Menschlichen hin, welche technisch nur kompensiert, jedoch in ihrer Unvollkommenheit und Kontingenz nicht ausgelöscht werden können. Seine sozialethische Ethik der KI bleibt insofern grundsätzlich theologisch im Sinn eines christlichen Humanismus.

2. Eine friedensethische Zivilisation der Liebe

Papst Leo diagnostiziert unserer Zeit eine Krise des Multilateralismus zugunsten eines kaum steuerbaren Multipolarismus (MH201), verbunden mit dem Erstarken neuer hegemonial agierender Mächte, die eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellen. Zudem fürchtet er einen „Paradigmenwechsel (…) der besorgniserregenden Rehabilitierung des Krieges als Instrument der internationalen Politik“ (MH190), was an den gegenwärtigen Mitteln zur Konfliktlösung abzulesen sei: der erneuten Aufrüstung vieler Staaten, der gewaltsamen territorialen Expansionen mancher und der vielfältigen Drohungen politischer Akteure als Ersatz für friedfertigen interkulturellen Dialog. Papst Leo sorgt sich auch um einen Verlust des historischen Gedächtnisses bezüglich des Holocaust und der beiden Weltkriege (MH191). 

Digitale Technik und KI beschleunigen diesen Prozess, weil sie in Echtzeit Entscheidungen weltweit zugänglich machen und Entscheidungen an einem Ort, an einem anderen spürbar werden lassen. Papst Leo schlägt angesichts dieses Faktums digitaler Globalisierung folgendes Leitkriterium für KI vor: Sie müsse dazu beitragen, die Welt von der faktischen Abhängigkeit der Menschheit in eine „gewollte und gewählte Solidarität zu verwandeln“ (MH187). Der Erfolg der KI müsse daran gemessen werden, inwieweit sie sich für die „Menschheitsfamilie“ (MH187) positiv auswirkt, denn das Gemeinwohl habe zusehends eine universelle Dimension.

Autonome KI-Waffen sind ein ethisches Problem

Der Papst warnt besonders vor einer digitalen Verharmlosung Ki-gesteuerter Waffensysteme, weil so Krieg und Gewalt wieder kulturell akzeptabler und durch eine „gewalttätige Machtkultur“ (MH192) politisch vorbereitet werden könnten. Denn Autonome bzw. KI-gestützte Waffen machen, laut Papst Leo, den Krieg wieder „durchführbarer“ (MH197), und er sei weniger der direkten menschlichen Kontrolle (MH197) unterworfen. Dies widerspricht jedoch dem Grundsatz, dass der „Einsatz von Waffengewalt nur als letzte Option in Fällen legitimer Verteidigung“ (MH197) erfolgen darf. Insofern müssten sowohl die Entwicklung als auch der Einsatz von KI im Krieg „strengsten ethischen Auflagen hinsichtlich der Achtung der Menschenwürde und der Unantastbarkeit des Lebens unterliegen“ (MH197). Ein Wettrüsten sei auf alle Fälle zu vermeiden, ebenso wie Waffen, die nicht mehr von Menschen in einer klaren Verantwortungskette gesteuert werden. 

Der Widerstand gegen das Böse 

Der Papst ruft dazu auf, einer Welt im permanenten Kriegszustand zu entkommen, indem man generell Widerstand gegen das Böse leistet. Er ermutigt insbesondere die Gläubigen hierzu und spricht in der Tat sogar Einzelpersonen und -persönlichkeiten an, die den Mut haben, sich nicht zu fügen und am Guten festzuhalten. Er spricht zu „Menschen, die die Schwachen beschützen und Wege der Versöhnung eröffnen“ (MH211). Der Papst erwartet nämlich von Christen einen tatkräftigen Widerstand gegen das Böse und die aktive Bereitschaft, dem Guten zu dienen. 

Diese direkte Ansprache von Menschen mit der päpstlichen Aufforderung zur gewaltfreien Zivilcourage im Sinne des Guten ist ungewöhnlich und einzigartig. Von den Gläubigen wird eine aktive Entscheidung und Haltung erwartet, sich im Dienst für den Frieden, die Gerechtigkeit und das Gute einzusetzen. Theologisch bedeutet dies, dass Papst Leo den Glauben mit seinem zentralen Liebesgebot nicht nur spirituell und im direkten face-to-face Kontakt versteht, sondern seine politische Dimension stark hervorhebt. 

Der christliche Glaube sei nämlich eine Verpflichtung zur Verantwortung, auch im gesellschaftlichen und politischen Kontext. Papst Leo ruft alle Menschen guten Willens dazu auf, in ihrem eigenen Leben zu unterscheiden, ob sie einer Logik der Gewalt oder einer Logik des Friedens folgen wollen (MH211). Eine Zivilisation der Liebe entstehe nämlich aus der Summe der vielen kleinen Taten, in denen Menschen aktiv „der Entmenschlichung Einhalt gebieten“ (MH213).

Der Papst schlägt fünf maßgebliche Wege vor: 

  1. seine eigenen Worte entwaffnen (a) durch Wahrheitstreue und Ausrichten auf das Gute (MH214),

  2. den Frieden in Gerechtigkeit schaffen: d.h. gerecht im eigenen Handeln sein, bspw. auch nicht schlecht über andere reden (MH215),

  3. den Blick der Opfer einnehmen: d.h. eintreten gegen objektives Unrecht, sich die Stimme der Toten und der Lebenden zu eigen machen (MH 216+17) ,

  4. einen gesunden Realismus pflegen: d.h. kein Zynismus; Kritik klar formulieren, Politik nicht auf Moral reduzieren (MH218), sondern reales Handeln fordern,

  5. den Dialog wiederbeleben: Bindungen aufbauen, eine Kultur der Verhandlung entwickeln, die Menschheit von der Spirale der Gewalt befreien; niemanden hassen; im Dialog den Frieden schaffen (MH219-223), denn „die Anderen sind nicht zuerst unsere Feinde, sondern unsere Mitmenschen; sie sind keine Verbrecher, die man hassen muss, sondern Männer und Frauen, mit denen wir sprechen können“ (MH222).

Derartige zivile Tugenden werden heute selten in der globalen Öffentlichkeit formuliert. Es ist dem Papst hoch anzurechnen, dass er es gegen den Zeitgeist dennoch tut. Denn dies ist kein ethischer Paternalismus, sondern spricht die generelle Weisheit eines friedfertigen Umgangs zwischen Menschen aller Völker und Kulturen aus, die nicht nur als religiöse zu verstehen ist, sondern auch eine Basis für eine universale Zivilmoral darstellt.

Eine globale Zivilisation der Liebe

Der Papst hebt hervor, dass die theologische Vision der „Zivilisation der Liebe“ (MH186) auch im digitalen Zeitalter keine Utopie ist, sondern das wichtigste Projekt der zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit. Im christlichen Humanismus geht es darum „Nächstenliebe in Strukturen der Gerechtigkeit zu verwandeln [italienisches Original: „zu übersetzen“]“ (MH186). Dies setzt voraus, dass wir alle „anderen“ anerkennen, seien es Einzelpersonen oder Völker, und sie als potenzielle Verbündete betrachten (MH186). Erst eine solche solidarische Haltung ermöglicht es der Weltgemeinschaft, auf eine internationale Ordnung hinzuarbeiten, die alle Menschen als „Schicksalsgemeinschaft“ (MH186) betrachtet.

Mit dieser Zielsetzung entspricht Papst Leo sowohl der Tradition der Katholischen Soziallehre als auch dem Stand der Forschung in der modernen politischen Philosophie, welche seit Ende des 20. Jahrhunderts die Gerechtigkeitsfrage als zentrales Projekt einer normativen politischen Ethik ansieht. 

Er rezipiert gleichermaßen spätmoderne philosophische Anerkennungstheorien, lehnt jedoch identitäre oder relativistische Theorien ab. Denn er hält im Sinne eines ethischen Realismus daran fest, dass die Liebe zu den Menschen auch in pluralen Welten durch gerechte Institutionen und Strukturen bewahrt werden kann - selbst im Kontext einer digitalen Revolution. Zudem betrachtet er die Weltgesellschaft nicht als eine zusammenhanglose Vielfalt, sondern - der katholischen Tradition der Soziallehre entsprechend - als Weltgemeinschaft bzw. sogar als Menschheitsfamilie.

Papst Leo XIV. zeigt in dieser Enzyklika auf, wie auch in einem digitalen Zeitalter eine globale Zivilisation der Liebe reifen kann, so dass sich die Barmherzigkeit der Menschheit als wahr erweist (MH245). Er fordert mit seiner ersten großartigen Enzyklika nämlich die Menschheit nicht mehr und nicht weniger dazu auf, die Welt zu einem Ort zu machen, an dem Gott selbst wohnen möchte (MH15) - welch eine große Aufgabe für die Verheißung der Liebe unter den Menschen.

3. Eine neue Sozialethik für die Kirche 

Etwas ganz Neues für die Politik der Kirche ist in dieser Enzyklika zu bemerken. Papst Leo überträgt die Sozialprinzipien der Katholischen Soziallehre zum ersten Mal in der Geschichte des Lehramtes nicht nur auf die Welt, sondern auch nach innen, also auf die eigene Kirche selbst. Dies ist fast revolutionär zu nennen, weil seine Vorgänger dies bislang nicht getan haben. 

Die Katholische Kirche müsse ihr eigenes Gewissen prüfen. So sei das Gemeinwohl entsprechend der Weltsynode auszulegen als Leitfaden der Synodalität (MH86). Papst Leo fordert deshalb von der Kirche eine Selbstreflexion darin, wie sie Entscheidungen trifft und wie sie Verantwortung ausübt. Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine grundlegend neue Politik für die kirchliche Selbstorganisation. In der Applikation des Subsidiaritätsprinzips sieht Papst Leo die Notwendigkeit einer missionarischen und synodalen Umgestaltung von kirchlichen Strukturen und Entscheidungsprozessen, nämlich beispielsweise von Kriterien der Transparenz, von eigener Rechenschaftslegung und einer kritischen (Selbst-)Bewertung (MH86). Subsidiarität für die Leitung und die Pastoral der Kirche bedeutet gemäß Papst Leo, die Verantwortung der Gläubigen tatsächlich anzuerkennen, ihre Charismen und Kompetenzen wertzuschätzen und jede Form des Paternalismus zugunsten der Freiheit des Evangeliums zu vermeiden (MH87). Er hält die solidarische politische Mitwirkung der Getauften an Entscheidungsprozessen und die Berücksichtigung von realen Mitwirkungsgremien für unverzichtbar (MH87). 

Wenn seine Worte ernst genommen werden, bedeutet dies für die Zukunft eine deutlich partizipativere und demokratischere Katholische Kirche, was allerdings langfristig auch einer kirchenrechtlichen Berücksichtigung bedürfte, um nachhaltig zu sein.

Der Mut, den Papst Leo hier an den Tag legt, ist bewundernswert, denn die Akteure der Verharrungskräfte in der amtskirchlichen Weltkirche werden diese Passagen der Enzyklika nicht gerne lesen. Sie müssen ihm aber zugestehen, dass er katholisch bleibt, denn er würdigt den Reichtum starker pluraler Überzeugungen und unterschiedlicher Wahrnehmungen, insofern „sie in der Gewissheit der Einheit verankert bleiben“ (MH88). 

Gerechtigkeit in der Kirche selbst sieht Papst Leo dann erst gegeben, wenn jene strukturellen Verzerrungen beseitigt werden, die Ungleichheiten, Undurchsichtigkeiten und Machtmissbrauch hervorrufen (MH89). Was dies für Laienpartizipation und gleichrangige Frauenintegration im Amt bedeutet, liegt bei einer neutralen ethischen Betrachtung auf der Hand und muss jetzt gemäß einer authentischen Rezeption dieser Passagen der Enzyklika geschehen. Papst Leo forderte sogar, es müsse den Opfern zugehört werden, der Schaden anerkannt werden, eine gerechte Wiedergutmachung erfolgen und eine geeignete Prävention vorgenommen werden. Papst Leo fordert in diesem selbstkritischen Geist von seinen eigenen Amtsbrüdern „regelmäßige Formen der Bewertung der Ausübung der Amtsverantwortung“, so dass die Kirche zu Orten „des Lernens und der Korrektur“ (MH89) findet. Wenn die Kirche diese Kriterien und die Prinzipien ihrer eigenen Soziallehre bei sich selbst tatsächlich anwendet, wird sie nach Einschätzung des Papstes ihre eigene Glaubwürdigkeit bewahren und durch die gelebte Geschwisterlichkeit ihrer eigenen Botschaft mehr denn je treu sein. 

Denn Papst Leo sagt explizit: „Macht steht im Dienst der Gemeinschaft (…). Und jede Autorität steht im Dienst des Volkes Gottes.“ (MH89) Dies sind absolut erstaunliche und sehr wirkmächtige Worte für einen Papst, die so noch nie von einem seiner Amtsvorgänger gehört wurden, und an denen sich die reale Kirche und ihr Amt in der Zukunft messen lassen müssen. Denn eine Enzyklika hat langfristigen Bestand und dient immer wieder als Grundlage für kirchliches Handeln und Entscheiden, insbesondere wenn überfällige Strukturreformen für die Weltkirche anstehen.

Die Enzyklika “Magnifica Humanitas” in mehreren Sprachen finden Sie hier.

Elke Mack ist Professorin für Christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik an unserer Fakultät. Mehr Informationen zu ihrer Forschung finden Sie auf der Seite der Professur. 

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