Emotion, Körper, Beziehung. Liturgie und KI im Spiegel von "Magnifica Humanitas"

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Ein futuristisch aussehender Gang mit Neon-Leuchtröhren und Lampen in Form von Kreuzen

Die Künstliche Intelligenz hat längst die Liturgie erreicht. Wie sollte es auch anders sein, wenn die KI mittlerweile in fast allen Lebensbereichen präsent ist? Ein Gebet oder Fürbitten durch ChatGPT, Le Chat oder Gemini bearbeiten oder eine Predigt digital verfassen zu lassen – längst ist das nicht mehr ausgeschlossen und wird auch offen kommuniziert. Vor wenigen Wochen erst hat Papst Leo Priester ermahnt, auf solche Predigtvorbereitung zu verzichten – ein sicheres Zeichen, dass das längst geschieht. Eine Predigt müsse den Glauben weitergeben, so der Papst, genau das aber könne die KI nicht.

In der jüngst veröffentlichten ersten Enzyklika des Papstes mit dem sprechenden Titel „Magnifica Humanitas“ ist das Verhältnis von Liturgie und KI allerdings kein Thema. Schade eigentlich, denn die Fragen, die für den Gottesdienst anstehen und die diskutiert werden müssten, sind weitreichend. Wenn über KI und Liturgie diskutiert wird, geht es nicht um Fragen des Liturgierechts: Wer darf Orationen, Hochgebete usw. verfassen? Hier darf auch nicht allein im Vordergrund stehen, ob die KI zur Zeitersparnis immer gestresster Verantwortlicher in der Pastoral beitragen kann. Wobei zu fragen wäre, wieviel Zeit in die Bearbeitung KI-generierter Texte noch investiert werden muss. Es geht vielmehr um Herausforderungen für Theologie und Spiritualität der Liturgie: Kann eine Technik zu einem Geschehen beitragen, das „Dialog zwischen Gott und Mensch“ oder besser noch „zwischen Gott und Schöpfung“ sein soll? Wie weit reichen Large Language Models für die Gestaltung von Liturgie, wenn sie, weil ohne Leiblichkeit, von Endlichkeit und damit von Sterben und Tod keine Vorstellung entwickeln können? Wie brauchbar ist ein KI-Kommunikationspartner in liturgischen Fragen, für den Leid kein ihn umtreibender Aspekt ist? Doch welche innovativen Perspektiven werden auch durch die Verwendung diverser KI-Tools für die Vorbereitung von Gottesdiensten eröffnet?

Der Papst gibt viele Anstöße, ohne sofort die weitere Diskussion einhegen zu wollen. Wie notwendig eine solche Debatte auch für die Liturgie ist, hat eine gemeinsame überkonfessionelle Veranstaltung von Theologinnen und Theologen aus Erfurt und Leipzig im April 2026 gezeigt, die knapp formuliert gefragt hat: Passt die KI zur Liturgie, und wenn ja, wo und wie? Das Ergebnis: hinreichend komplex, keine klare Ablehnung, manche Chancen bei kritischen Rückfragen.

„Magnifica Humanitas“ ist in der Öffentlichkeit begrüßt worden, weil die Enzyklika ein differenziertes Bild der KI zeichnet und neben den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Risiken auch die Chancen benennt. Schon die Hinweise des Papstes, dass hinter der KI eine Machtkonzentration von einigen wenigen Konzernen und Milliardären stecke, können mit Blick auf die Liturgie nicht einfach übergangen werden. Eine solche Technik ist kein unschuldiges Werkzeug. Das gilt auch für die Feststellung des Papstes, dass die KI ambivalent sei und reguliert werden müsse. Die Enzyklika beschränkt sich dabei nicht allein auf individuelle Fragen der technischen Innovation, sondern nimmt insbesondere die sozialethischen Implikationen für das gesellschaftliche Zusammenleben in den Blick. Auch die Debatte um KI und Liturgie kann daher nicht bei der Frage stehen bleiben, welche Nutzung erlaubt oder sinnvoll ist. Vielmehr ist zu bedenken, welche Vorstellung vom Menschen und vom gesellschaftlichen Zusammenleben durch die Integration von KI gefördert oder verdrängt wird. 

Dass den Papst ein Liturgieverständnis umtreibt, das anders als von der Anwendung einer ‚kalten‘ Technik bestimmt ist, wird deutlich, wo er über die Eucharistie schreibt: Sie sensibilisiere gegen Ungerechtigkeit und für Solidarität und motiviere zu entsprechendem Handeln – Liturgiefeier als Alternative zur Machtkonzentration mancher KI-Konzerne (235). 

Aber es gibt weitreichendere Anfragen, denen man sich vor allem dann stellen muss, wenn man bereit ist, die KI gar nicht grundsätzlich aus der Liturgie heraushalten zu wollen. Für Papst Leo handelt es sich bei der KI um ein leistungsfähiges Instrument, das zu einer Kultur beitragen kann, in der „innere Freiheit und kritisches Denken gedeihen können.“ (136) Sie ist, so eine Zwischenüberschrift, „ein wertvolles Hilfsmittel, das Vorsicht erfordert“ (100). Der Papst würdigt die Möglichkeiten der KI: „Die Schnelligkeit und Einfachheit, mit der es möglich ist, Informationen, komplexe Analysen, Medieninhalte und konkrete Hilfestellungen zu erhalten, vereinfachen unser Leben.“ (100) Für die Forschung zur Liturgie gäbe es hier also Möglichkeiten. Informationen und Hilfestellungen könnten, folgt man den Ausführungen im Grundsätzlichen, in der Vorbereitung von Gottesdiensten genutzt werden. Aber die KI „muss entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden“ (110). Vor allem gelte es, „das Menschsein zu bewahren“ (112).

Die Anwendung der KI, so der Papst, müsse von Wahrheit und Achtung vor der Menschenwürde geprägt sein. Für ihn ist die KI eine Technik ohne Erfahrung und Leiblichkeit, ohne Emotionalität und Beziehung (99). Die KI kann imitieren und simulieren, aber sie bewegt sich nicht „in jenem affektiven, relationalen und geistigen Horizont, in dem der Mensch zur Weisheit gelangt.“ Es gehe, so wörtlich, um „eine statistische Anpassung auf der Grundlage von Daten und Rückmeldungen, die zwar sehr effektiv sein kann, aber kein inneres Wachstum impliziert.“ (99) Damit sind Dimensionen benannt, die für die Liturgie vorausgesetzt werden müssen, auch wenn die Realisierung längst nicht immer gelingt. Liturgie setzt Beziehung voraus, sonst ist weder eine Feier in Gemeinschaft noch eine Gebetskommunikation mit Gott denkbar. Sie braucht Erfahrung und Emotion, um etwa in Grenzsituationen menschlichen Lebens am Platz zu sein. Durch die KI entstehe keine Beziehung, sondern lediglich der Anschein einer solchen, so der Papst. Die KI ist deshalb für den Papst eine soziale und spirituelle Herausforderung. Es geht ihm weniger um konkrete Maßnahmen als um das Framing der mit der KI verbundenen Probleme. Sie kann den Menschen nicht ersetzen, vielmehr verdeutlicht die Auseinandersetzung mit der KI die fundamentalen Unterschiede von Mensch und Maschine. Der Mensch ist Geschöpf und muss gerade in der digitalen Welt menschlich bleiben (238). 

Dafür braucht es Orte, auch spirituell geprägte Orte, „Andersorte“ – und ein solcher Ort könnte die Liturgie sein. Oder die Liturgie müsste zumindest das Nachsinnen über solche Orte provozieren. Diese Folgerung lässt jedenfalls die Enzyklika zu. Liturgie ist – technisch formuliert – Ort physischer Begegnung. In einer Zeit, in der die digitale Kultur Verbindungen zwar vervielfacht und vereinfacht, aber auch zu Isolation führen kann, betont die Enzyklika die Notwendigkeit von Orten physischer Anwesenheit (234). Die „christliche Gemeinschaft, die sich versammelt“, und zwar auch in der Liturgie, wird als Zeichen einer Menschlichkeit angeführt, die weiterhin an die Bedeutung der Nähe des menschlichen Körpers glaubt (239). Zugleich könnte die Liturgie als alternativer Entwurf zu einer Kultur der Beschleunigung verstanden werden, wie sie durch digitale Technologien und KI-Systeme vielfach gefördert wird. Während diese auf permanente Verfügbarkeit und Effizienz ausgerichtet sind, lebt Liturgie von Wiederholung, Ausharren und Unterbrechung. Wenn eine problematische Anwendung von KI in der Gefahr steht, den Menschen auf Produktivität und Verwertbarkeit zu reduzieren, dann allerdings kann eine gut gefeierte, qualitätvolle Liturgie in eine deutlich andere Richtung weisen. Mehr noch: Dann ist Liturgie in ihrem Kern betroffen und gleichsam ein Gegenentwurf. Liturgie erinnert in allen ihren Facetten und Formen an Dimensionen, die sich weder automatisieren noch optimieren lassen: Sie kann eine andere Erfahrung von Zeit eröffnen, die sich dem Zwang ständiger Optimierung entzieht. 

Allein schon der verschwenderische Umgang von Liturgie mit Zeit, das Moment einer Stille, die nichts ‚bringt‘, oder das ‚unproduktive‘ Spiel mit Zeit und Raum stehen gegen eine Ökonomisierung und Entpersonalisierung menschlichen Lebens. Die Enzyklika zeigt, dass es notwendig ist und lohnt, für den Menschen einzutreten, weil er ein Mensch ist. 

KI und Liturgie – Die Enzyklika wendet sich gegen dominante Macht- und Verwertungslogiken. Diesen Logiken lassen sich klassische Motive christlicher Liturgie gegenüberstellen: die unabsprechbare Würde des Menschen, Verantwortung des Subjekts vor Gott und den Mitmenschen, die Bedeutung von Emotion, Körper, Beziehung, die Möglichkeit zum Mit-Leid und zur Klage. Die Reihe könnte fortgesetzt werden. Die Liturgie bietet die Chance, wenn sie sinnvoll gefeiert wird, den Menschen in all seiner Kontingenz und Fragilität zu Wort kommen zu lassen. Damit unterscheidet sie sich von Charakteristika der KI und kann ihr als kritischer Spiegel entgegengehalten werden. 

Aber bedeutet das auch, dass die KI in der Vorbereitung einer Liturgie keinen Platz hat? Soll die KI Fürbitten schreiben oder lieber nicht? Oder soll sie grob vorgegebene Texte überarbeiten? Soll sie eine Predigt entwerfen? Besteht zukünftig die Kunst der Vorbereitung einer Liturgie oder von einzelnen Teilen möglicherweise darin, einen möglichst gelungenen Prompt zu schreiben? Versuche zeigen, dass durch die üblichen Tools durchaus brauchbare, theologisch gute Gebetstexte entstehen können. Kann man sie nutzen, wenn die Technik Grundvoraussetzungen jeglicher Liturgie nicht erfüllt? Oder muss man die Rezeption solcher Texte von ihrer Produktion unterscheiden, weil die fehlende Emotion und Erfahrung durch die Beterinnen und Beter eingebracht werden? Was bedeutet es, wenn KI-generierte Texte von menschengemachten nicht mehr zu unterscheiden sind? Und welche Konsequenzen hat all dies am Ende des Tages für menschliche Kreativität? Die Enzyklika beantwortet diese Fragen nicht, sie warnt vor einer leichtfertigen Ablehnung wie einem unreflektierten Gebrauch der KI und sie gibt deutliche Markierungen vor. Nicht nur für die Liturgie muss die Debatte fortgeführt werden.

Die Enzyklika “Magnifica Humanitas” in mehreren Sprachen finden Sie hier.

Benedikt Kranemann ist Professor für Liturgiewissenschaft an unserer Fakultät und Johanna Birkefeld Wissenschaftliche Mitarbeiterin an seiner Professur. Mehr Informationen zu ihrer Forschung finden Sie auf der Seite der Professur. 

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