Wi(e)der die Moralisierung von Krankheit

Forschung & Wissenschaft
Bildausschnitte: Eine Frau in Laufkleidung schaut auf den Stand ihrer Smartwatch

von Prof. Dr. Katharina Klöcker und Dr. Katharina Mairinger-Immisch

Vor gut zehn Jahren sorgte die US-Schauspielerin Angelina Jolie mit einer medizinischen Entscheidung weltweit für Schlagzeilen: In einem persönlichen Gastbeitrag für die New York Times machte sie öffentlich, dass sie sich beide Brustdrüsen operativ entfernen ließ – nicht weil sie krank war, sondern weil ein Gentest ergeben hatte, dass sie Trägerin einer bestimmte Genveränderung (BRCA1) ist. Diese Mutation erhöhte ihr statistisches Brustkrebsrisiko auf bis zu 87 Prozent. Zwei Jahre später ließ sie sich auch die Eierstöcke entfernen. Jolie war gesund – und unterzog sich dennoch diesen prophylaktischen Operationen. Ihr Fall löste eine öffentliche Debatte darüber aus, was es bedeutet, das eigene Erkrankungsrisiko zu kennen und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.  

An diesem Fall lässt sich exemplarisch eine folgenreiche Verschiebung verdeutlichen. Genetische Tests und prädiktive Diagnoseverfahren machen es möglich, Erkrankungen vorherzusagen, lange bevor sie sich durch Symptome manifestieren, nicht nur bei so genannten monogenen Erkrankungen, die durch einzelne Genvarianten bedingt sind, sondern zunehmend auch bei multifaktoriellen Erkrankungen wie Herzerkrankungen, Krebs oder Alzheimer. Für letztere liefern so genannte Polygenic Risk Scores eine statistische Schätzung des individuellen Erkrankungsrisikos. Insbesondere umfassende Genomanalysen, die heute deutlich schneller und kostengünstiger verfügbar sind als noch vor wenigen Jahren, eröffnen neue Möglichkeiten, gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen und individuell einzuordnen. 

Noch gesund oder schon krank?

Diese Entwicklung wirft Fragen auf, die nicht nur die Medizin betreffen. Wer gilt noch als gesund? Ist ein Mensch bereits krank oder zumindest nicht mehr uneingeschränkt gesund, wenn eine Krankheit sich zwar noch nicht durch Symptome manifestiert, aber ein hohes genetisches Risiko bekannt ist? Solche Fragen verweisen auf einen grundlegenden Wandel des Verständnisses von Gesundheit und Krankheit. So verschiebt sich der Fokus von der Behandlung bereits bestehender Krankheiten hin zur frühzeitigen Erkennung und Vermeidung möglicher Erkrankungen. Individuelle Prädiktion und Prävention erhalten einen neuen, zentralen Stellenwert. 

Zugleich verknüpfen sich mit diesem Wissen um individuelle gesundheitliche Risiken Erwartungen an den Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Zukunft: Wer weiß, woran er mit hoher Wahrscheinlichkeit erkranken könnte, sollte er nicht alles dafür tun, das zu verhindern? 

Prävention droht zur moralischen Pflicht zu werden. In der Folge sehen sich kranke Gesunde, also Menschen ohne Symptome, die aber aufgrund von Risikoprofilen in den Fokus medizinischer Vorsorge rücken, mitunter mit dem Vorwurf konfrontiert, den Ausbruch ihrer Erkrankung nicht effektiv verhindert zu haben. Was sich hier abzeichnet, ist eine Tendenz zur Moralisierung von Krankheit. 

Mit den ethischen Folgen dieser Entwicklung befassen sich Prof. Dr. Katharina Klöcker und Dr. Katharina Mairinger-Immisch in einem soeben an der Professur für Moraltheologie gestarteten DFG-Projekt, das den Titel trägt: Wi(e)der die Moralisierung von Krankheit – Ein theologisch-ethischer Beitrag zu einer Ethik der Prävention im postgenomischen Zeitalter.

Die ethische Ambivalenz der Präventionsmedizin

Mit der Moralisierung von Krankheit, der Tendenz, gesundheitliche Risiken oder Erkrankungen nicht nur medizinisch zu deuten, sondern zugleich moralisch zu bewerten, berührt die moderne Präventionsmedizin einen empfindlichen Punkt. Wer erkrankt, gilt dann nicht mehr nur als Betroffene:r, sondern implizit auch als jemand, der Warnzeichen ignoriert, medizinische Eingriffe nicht genutzt und damit unzureichend für die eigene Gesundheit gesorgt hat. Hierin liegt die ethische Ambivalenz prädiktiver Medizin. Einerseits eröffnet sie zweifellos neue Spielräume für informierte Entscheidungen, gezielte Früherkennung und personalisierte Therapie. Andererseits kann sie den Druck verstärken, gesundheitliche Risiken permanent zu beobachten und möglichst umfassend zu überwachen und zu kontrollieren. Damit treten Fragen in den Vordergrund, die über das Medizinische hinausgehen: Wieviel Verantwortung tragen Einzelne für mögliche Erkrankungen? Wann wird aus Vorsorge eine moralische Erwartung? Und was ergibt sich daraus für Menschen, die mit einem Risikowissen leben, ohne tatsächlich krank zu sein?

Theologische Ethik als kritische Perspektive

Dass theologische Ethik einen Beitrag zu dieser Debatte leisten kann und worin dieser besteht, wollen wir in unserem Projekt zeigen. Denn die Vorstellung, Krankheit mit moralischen Urteilen zu verknüpfen, ist keineswegs neu. In der christlichen Tradition wurde Krankheit immer wieder auch als Zeichen Gottes, Sündenfolge oder läuternde Strafe gedeutet. Gleichzeitig lässt sich an Jesu Umgang mit Kranken ein Wandel im Verständnis von Krankheit erkennen, der moralisierende Deutungen unterläuft und Empathie sowie Solidarität in den Mittelpunkt rückt. Gerade weil die christliche Tradition sowohl moralisierende Krankheitsdeutungen als auch Ansätze zu deren Überwindung kennt, kann sie heute einen kritischen Blick auf drohende Moralisierungstendenzen in Medizin und Gesellschaft eröffnen.

Perspektiven für einen selbstbestimmten Umgang mit Risikowissen

Um diese Perspektive für die Gegenwartsdiagnose und ethische Reflexion fruchtbar zu machen, greift das Projekt insbesondere zwei Konzepte auf: Ambiguitätstoleranz und Vulnerabilitätsdenken. Ambiguitätstoleranz eröffnet die Möglichkeit, Mehrdeutigkeit und Unsicherheit im Umgang mit Krankheit anzuerkennen, anstatt vorschnell zu urteilen. Dies kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn Menschen mit komplexen Risikoaussagen oder widersprüchlichen Empfehlungen konfrontiert werden und lernen müssen, diese in ihren eigenen Lebensentwurf einzuordnen. Vulnerabilitätsdenken wiederum betont die grundlegende Verletzlichkeit des Menschen und lädt dazu ein, Krankheit nicht als individuelles Versagen, sondern als Teil menschlicher Existenz zu verstehen. 

Im Kontext des Projektes kann das Vulnerabilitätsdenken dazu beitragen, unrealistische Erwartungen an Prävention zu relativieren und einen empathischen, solidarischen Umgang mit Krankheit zu fördern – sowohl im persönlichen, vor allem aber auch im gesellschaftlichen Rahmen.

Von hier aus richtet sich der Blick auf das praktische Anliegen des Projekts: Menschen im Umgang mit prädiktiv-genetischem Wissen so zu unterstützen, dass sie informierte und selbstbestimmte Entscheidungen treffen können, ohne durch moralische Erwartungen oder gesellschaftlichen Präventionsdruck zusätzlich belastet zu werden. Zu erwarten sind damit nicht nur neue Impulse für die ethische Debatte über Krankheit und Prävention, sondern auch Perspektiven für einen Umgang mit Risikowissen, das Unsicherheit anerkennt, Verletzlichkeit ernst nimmt und die Entscheidungsautonomie der Betroffenen stärkt. 

Mit dem Start des Projekts an der Universität Erfurt wird eine Debatte aufgegriffen, die angesichts neuer Möglichkeiten der Genomdiagnostik weiter an Bedeutung gewinnen wird. Zugleich zeichnet sich bereits eine weitere Entwicklung innerhalb der prädiktiven Medizin ab: KI-basierte Anwendungen – etwa Verfahren kontinuierlicher Gesundheitsüberwachung durch Wearables – verändern die Bedingungen medizinischer Vorhersagen und erweitern die Verfügbarkeit gesundheitsbezogener Risikoinformationen. Dies dürfte die Diskussion über den Umgang mit Gesundheitsrisiken und die gesellschaftlichen Erwartungen an individuelles Gesundheitsverhalten zusätzlich beeinflussen.

Katharina Klöcker ist Professorin für Moraltheologie an unserer Fakultät. Katharina Mairinger-Immisch arbeitet mit ihr im Rahmen des DFG-Projekts Wi(e)der die Moralisierung von Krankheit – Ein theologisch-ethischer Beitrag zu einer Ethik der Prävention im postgenomischen Zeitalter zusammen. Weitere Informationen finden Sie auf der Seite der Professur. 

Zur Website