Wissenschaft und Journalismus teilen ein gemeinsames Ziel: Orientierung geben in einer zunehmend komplexen Welt. Und doch sprechen sie oft unterschiedliche Sprachen, arbeiten nach eigenen Logiken und begegnen einander mit Erwartungen, die nicht immer zusammenpassen. Zwischen Zeitdruck und Erkenntnisprozess, öffentlichem Interesse und wissenschaftlicher Sorgfalt entsteht ein Spannungsfeld, in dem Missverständnisse fast zwangsläufig sind. Genau hier setzt der Journalist Stephan Beuting an – mit der Frage, wie beide Seiten wieder besser ins Gespräch kommen können.
Weil Forschende am Institute for Planetary Health Behaviour (IPB) der Universität Erfurt die Frage umtreibt, wie sie wirksam mit Journalist*innen zusammenarbeiten können, um ihr Wissen mit einem breiteren Publikum teilen zu können, hat das IPB Stephan Beuting als „Journalist in Residence“ eingeladen. Drei Monate war er hier an der Universität Erfurt zu Gast, um mit Forschenden daran zu arbeiten, wie sie ihre Ergebnisse klarer und wirkungsvoller kommunizieren können. Wenn Stephan Beuting über seine Arbeit spricht, wirkt er gleichermaßen offen, reflektiert und selbstkritisch. Seit 2008 arbeitet er als freier Journalist – unter anderem für den Deutschlandfunk. Wir sprachen mit ihm über Objektivität, Storytelling, die wachsende Komplexität öffentlicher Kommunikation und darüber, warum „Auf-der-Suche-Sein“ heute ehrlicher ist als der Anspruch auf absolute Gewissheiten.
Herausforderungen des Journalismus und seine Pläne am IPB der Universität Erfurt
Gleich zu Beginn wird Stephan Beuting nachdenklich. Die Frage, wie sich Journalismus in den vergangenen Jahren verändert hat und was heute noch als neutral oder objektiv gelten kann, ist für ihn nicht leicht zu beantworten. Journalistische Arbeit bewege sich längst zwischen Bauchgefühl und Analyse, zwischen dem Freilegen von Fakten einerseits und andererseits der Frage, was sich unter der Oberfläche eines Themas verbirgt. Vertrauen in Medien stehe dabei ebenso auf dem Spiel wie die eigene Haltung. Nähe herzustellen, ohne zu vereinfachen, und Zwischentöne hörbar zu machen, ohne beliebig zu werden – genau in diesem Spannungsfeld verortet Stephan Beuting seine Arbeit.
Als er 2008 beim Deutschlandfunk als Journalist begann, galt Objektivität im Journalismus noch als weitgehend unangefochtenes Ideal. Mittlerweile blickt er differenzierter darauf:
Damals hat man noch geglaubt, dass Journalist*innen einen komplett neutralen Standpunkt einnehmen können, dass ich als Subjekt eine pure Objektivität liefern kann oder ich mich als sogenannter ‚German Narrator‘ einer solchen zumindest annähern kann. Heute sehen wir, dass es das nicht gibt.“
Stattdessen braucht es aus seiner Sicht Transparenz über die eigene Perspektive. Das bedeute jedoch nicht, sich selbst ins Zentrum zu stellen, sondern vielmehr die eigene Position einzuordnen, also sich seiner Perspektive und Motive bewusst zu werden und sie transparent zu machen.
Es fällt auf, dass Stephan Beuting in seinen Radioreportagen oft über einen persönlichen Bezug einsteigt. Versucht er damit, gleich zu Beginn eine stärkere Nähe oder Nahbarkeit zum Thema für die Zuhörenden zu erzeugen? „Wenn es wirklich etwas mit mir zu tun hat und ich bereit bin, offen damit umzugehen, wenn ich beispielsweise einen Wandel erfahre – vorher wusste ich über dieses Thema nichts, hinterher aber weiß ich etwas Neues – dann ergibt ein erzählendes „Ich“ Sinn. Und gleichzeitig gilt: so viel Ich wie nötig, so wenig Ich wie möglich.“ Gerade in politisch aufgeladenen Themenfeldern – Nahost, Ukraine, Klimapolitik – sei die Vorstellung eines allwissenden, über allem schwebenden Erzählers überholt. Letztlich seien wir alle auf der Suche und dieses Auf-der-Suche-sein macht Stephan Beuting eben auch in seiner Arbeit transparent, denn trotz größter Recherche und vielen angesammelten Informationen kann er, wie er sagt, „nicht behaupten, immer weiter zu sein, immer mehr zu wissen als die Leute, die mir zuhören.“
Dass er sich selbst für Themen öffnet und berührbar macht, helfe ihm letztlich bei seiner Suche nach spannenden Protagonist*innen und ihren Geschichten, denn diese würden ihn dann viel eher finden können. Sich als Journalist auf seine Intuition zu verlassen, sei das Wichtigste, was er gelernt habe: „Mein Bauch ist viel schneller als mein Kopf. Da kommt ein Gefühl: Hier ist etwas. Und der Kopf hat dann die Funktion: Erklär das, überprüf das.“ Das Bauchgefühl als Motor – eine Art Seismograf für Themen, die sich zu recherchieren lohnen. Oft sind es solche Momente, in denen er sofort weiß, dass sich unter der Oberfläche einer Geschichte noch etwas weitaus Spannenderes verbirgt – selbst wenn er mit der eigentlichen Recherche noch gar nicht begonnen hat. So war es für ihn, als Donald Trumps Anhänger das Kapitol stürmten oder wenn er die Geschichte vom Walfangschiff „Essex“ erzählt, in der ein Pottwal den Spieß umdreht und die Vorlage liefert für Herman Melvilles „Moby Dick“. Erspüren, wenn hinter dem Offensichtlichen mehr ist. Dieses Zusammenspiel aus Intuition und journalistischem Handwerk beschreibt Stephan Beuting als Herzstück seiner Arbeit:
Eine gute Geschichte berührt im Innersten. Viele Geschichten kommen unvermittelt zu dir, aber du spürst, dass es da etwas gibt, das es wert ist, erzählt zu werden. Dann geht es darum, handwerklich sauber herauszuarbeiten, was mich da berührt – und warum das für andere relevant ist.“
Digitaler Druck: Wie reagiert Journalismus auf Social Media, KI und fragmentierte Öffentlichkeiten
Verantwortlicher Journalismus steht aktuell vor vielen Herausforderungen und Fragen: Wie beschleunigen Soziale Medien die Abläufe? Welche Chancen und Risiken birgt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz? Wie verändert sich der Journalismus und welche Dynamiken entstehen mit Blick auf Finanzierbarkeit und Stellenabbau sowie das zunehmende Arbeiten im Homeoffice während und nach der Corona-Pandemie? Stephan Beuting sagt, er begegne in der direkten Kommunikation mit Hörer*innen immer häufiger dem sogenannten Hostile-Media-Effekt demzufolge Menschen die Berichterstattung oft als feindlich gegenüber ihrer eigenen Position wahrnehmen – selbst wenn sie objektiv ausgewogen zu sein versucht. „Die Menschen schauen mit einer sehr persönlichen Perspektive auf Medien. Selbst wenn ein Thema aufgegriffen wird, das ihnen wichtig ist, scheint sie die Berichterstattung nicht zu überzeugen und ist dann aus ihrer Sicht oft nicht tiefgründig oder entschieden genug.“ Damit schwinde auch das Vertrauen in die Medien. Durch Soziale Medien und personalisierte Algorithmen wird diese Wahrnehmung nach Beutings Ansicht weiter verstärkt: „Die Plattformen zeigen und bestätigen vor allem das, was Nutzer*innen ohnehin schon denken: ‚Seid mehr links! Seid mehr rechts! Macht dieses! Lasst jenes!‘ Erwartungen an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die so nicht erfüllbar sind. Und trotzdem brauchen wir eine gemeinsame Informationsbasis.“ Gerade deshalb hält der Journalist Erzählungen mit echten Menschen und ihren Erfahrungen für zentral: „Wenn wir es nicht schaffen, Menschen hinter einer wahrhaftigen Erzählung zu versammeln, dann haben wir schon aufgegeben.“
Journalismus trifft Wissenschaft – ein Verhältnis voller Missverständnisse
In seinen Workshops an der Universität Erfurt geht es Stephan Beuting um das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Journalismus – einem Spannungsfeld, das aus seiner Sicht weniger von grundsätzlichen Gegensätzen als von Missverständnissen geprägt ist. Viele dieser Reibungen ließen sich auflösen, so seine zentrale Beobachtung, wenn beide Seiten offener miteinander kommunizieren und ihre jeweiligen Rollen klar benennen würden. Stephan Beuting formuliert drei Grundsätze, die insbesondere Forschenden helfen sollen, sicherer im Umgang mit Medien zu werden:
Was eine gute Science-Story ausmacht: Komplexität vereinfachen, ohne zu verfälschen
Überraschend deutlich grenzt er sich von einem weitverbreiteten Missverständnis ab: Wissenschaft müsse nicht künstlich emotionalisiert werden. „Emotionalisieren musst du gar nichts“, sagt er. Stattdessen gehe es darum, ehrlich über innere Konflikte und den Prozess des Forschens zu sprechen. Besonders dann werde es interessant, wenn Forschende von Momenten erzählen, in denen alles „Spitz auf Knopf“ steht – Situationen, die viele Menschen aus ihrem eigenen Leben kennen. Spannend sei dann oft weniger das Ergebnis als die Frage, warum jemand weitermacht: Welche Werte tragen die Forschung? Welche Zweifel begleiten sie? Was treibt Forschende an, auch wenn es schwierig wird? Erst diese Ebene mache wissenschaftliche Erkenntnisse erfahrbar – und damit erzählbar und spannend.
Wissenschaftskommunikation bedeutet für den Journalisten nicht, Komplexität grundsätzlich zu reduzieren, sondern sie bewusst zu steuern. Seine dramaturgische Empfehlung:
Komplexität an der richtigen Stelle zulassen, aber am Anfang und am Ende so weit wie möglich zu Gunsten einer soliden Orientierung sparen.“
Die inhaltlich anspruchsvollen Passagen dürften durchaus in der Mitte einer Geschichte liegen. Entscheidend sei, dass jede Antwort wieder eine neue Frage eröffne und so ein natürlicher Erzählfluss entstehe, der das Publikum mitnehme, statt es zu überfordern.
Warum das IPB ihn interessiert und wie sich Wissenschaftskommunikation verändern wird
Dass Stephan Beuting für mehrere Tage nach Erfurt kommt, hängt eng mit den Themen des IPB zusammen: Klimaanpassung, Resilienz und verhaltenswissenschaftliche Forschung. „Das sind existenzielle Fragen unserer Zeit. Hier kann Wissenschaft etwas tun – für sehr viele Menschen.“ Besonders neugierig war er darauf, wie Forschende am IPB individuelle und gemeinsame Haltungen zu den großen Klimafragen entwickeln – zwischen Optimismus, Pragmatismus und Überforderung. „Ich bin sehr gespannt, wie ihr das hier diskutiert – und welche Narrative daraus entstehen,“ sagt er gleich am ersten Tag seines Besuchs an der Universität Erfurt.
Beuting beobachtet eine deutliche Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation. „Ich sehe viele Menschen, die gut und gern über ihre Forschung sprechen.“ Zugleich sieht er ungenutztes Potenzial: „Ein kleiner Prozentsatz, unter ihnen immer noch viele ältere Männer, macht 90 Prozent der Interviews aus.“ Er wünscht sich, dass deutlich mehr Wissenschaftlerinnen, insbesondere Nachwuchswissenschaftlerinnen, sichtbar werden, bereit sind, zu sprechen und Verantwortung im öffentlichen Diskurs zu übernehmen. Dazu sollten seine Workshop beitragen.
Am Ende geht es für den Journalisten um Haltung – auf beiden Seiten. Wissenschaft und Journalismus seien zwei Systeme, die sich gegenseitig stärken können, wenn sie lernen, offener zusammenzuarbeiten und Geschichten zu erzählen, die Menschen erreichen. Oder, wie Stephan Beuting es formuliert: „Wir sind doch alle auf der Suche. Und ehrlicher als die Pose des allwissenden Erzählers ist es doch, dieses auf der Suche-Sein transparent zu machen.“
Mit seinem Fellowship-Programm öffnet das Institute for Planetary Health Behaviour seine Türen für engagierte Wissenschaftsjournalist*innen. Es bietet ihnen die Möglichkeit, als „Journalist in Residence“ Teil des interdisziplinären IPB-Teams zu werden und gemeinsam mit Forschenden an Themen wie Klima und Gesundheit zu arbeiten.
Das Fellowship-Programm ist Teil des Engagements des IPB, Brücken zwischen Wissenschaft, Medien und Gesellschaft zu bauen und neue Wege der Wissenschaftskommunikation zu gehen.