Vor anderthalb Jahren saß Jona noch selbst im Klassenraum. Heute steht er vorne – als angehender Lehrer im Rahmen seines dualen Lehramtsstudiums Regelschule an der Universität Erfurt. Montags und freitags unterrichtet er an seiner Ausbildungsschule, an den anderen drei Tagen studiert er am Uni-Campus in Erfurt. Bereits seit seinem ersten Praktikum wusste er, dass er Lehrer werden würde und bereut hat er seine Entscheidung bis heute nicht. Ein Alltag zwischen Hörsaal, Klassenzimmer und Pendelstrecke. Und ein Gespräch über frühzeitige Unterrichtserfahrungen, klare Regeln, die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis – und darüber, warum ihn jubelnde Sechstklässler mehr motivieren als jede Semesterpause.
Dass er Lehrer werden möchte, zeichnete sich bei Jona schon früh ab – auch wenn der Weg dorthin nicht ganz geradlinig war. „Ich habe schon in der Schulzeit gemerkt, dass ich anderen gern etwas erkläre“, erzählt er. Mitschüler*innen bei Aufgaben helfen, Inhalte verständlich machen – das habe ihm immer Spaß gemacht. Geprägt habe ihn vor allem ein Lehrer: „Mit ihm konnte man auf Augenhöhe sprechen. Er hat einem Vertrauen entgegengebracht. So wollte ich später auch einmal sein.“
Bewusst dual: Schule ab dem ersten Semester
Auf das duale Studium Lehramt Regelschule wurde Jona durch eine Lehrerin aufmerksam. Der Gedanke, von Beginn an fest an einer Schule eingebunden zu sein, überzeugte ihn sofort: „Ich wollte nicht erst nach drei oder vier Jahren merken, ob der Beruf wirklich zu mir passt.“
Viele Studierende kämen im regulären Lehramtsstudium erst spät intensiv in Kontakt mit dem Schulalltag. Wenn dann Zweifel aufkommen, sei das frustrierend. Das duale Modell setzt genau hier an: frühe Praxis, kontinuierliche Einbindung, echte Verantwortung. Für Jona bedeutet das konkret: feste Tage an der Schule, steigender Stundenumfang, enge Zusammenarbeit mit seinen Mentor*innen. Anfangs hospitierte er noch viel, saß also bei Unterrichtsstunden anderer Lehrer*innen hinten im Klassenraum und schaute zu. Inzwischen übernimmt er zunehmend eigene Sequenzen, hilft den Schüler*innen bei Aufgaben und unterrichtet auch selbst ganze Stunden:
In einer Klasse begleite ich noch viel, in der anderen bin ich längst nicht mehr nur Hospitant. Ich gehe durch die Reihen, erkläre, beantworte Fragen – und plane auch selbst.“
Schulunterricht zwischen Struktur und Kreativität
Jonas Fächer sind Deutsch und Technik – wie es zu dieser Fächerkombination kam, fragen wir ihn: „Deutsch mochte ich immer, weil man dort kreativ arbeiten kann. Es gibt viele Wege, Inhalte zu vermitteln.“ Technik wiederum verbinde Theorie mit Handwerklichem, mit Lebensnähe. Gerade der Lebensweltbezug ist Jona ohnehin wichtig: „Ich versuche, Aufgaben so zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler etwas damit anfangen können.“ Manchmal arbeitet er mit humorvollen Beispielen, nutzt kreative Namen in Arbeitsaufträgen oder erstellt unterstützende Materialien digital. In einer achten Klasse unterrichtete er beispielsweise zu „Rechtsfähigkeit und Geschäftsfähigkeit“ – kein leichtes Thema. „Da muss man sich überlegen: Wie bringe ich das so rüber, dass es greifbar wird?“
Besonders wohl fühlt er sich, wenn er eine Klasse eigenständig führen darf: „Ich bin offener und sicherer, wenn ich die Klasse allein habe.“ Weil er seinen Stil dann vollständig umsetzen kann. „Wenn hinten noch jemand sitzt, ist man doch anders. Man will Erwartungen erfüllen. Wenn ich allein bin, kann ich mich freier entfalten.“
Für einen respektvollen Umgang in der Klasse: Konsequenz und Vertrauen
Dass er selbst noch relativ jung ist, empfindet Jona nicht als Nachteil. Entscheidend sei die innere Haltung: „Die Schülerinnen und Schüler müssen merken: Da steht jemand vorne, der weiß, was er tut.“ Selbstbewusstsein und Klarheit seien zentral – verbunden mit einer professionellen Autorität, die nicht auf Lautstärke oder Einschüchterung basiert. Stattdessen sei ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe entscheidend, bei dem Kommunikation im Vordergrund steht und gegenseitiger Respekt gefördert wird.
Eine zentrale Lernerfahrung der vergangenen Monate ist für Jona eindeutig Konsequenz. „Es braucht klare Regeln. Wenn man von Anfang an deutlich macht, was gilt, dann entstehen viele Konflikte gar nicht erst“, ist er überzeugt. Gleichzeitig betont Jona die Beziehungsebene. Gerade bei „seiner“ sechsten Klasse sei inzwischen ein besonderes Vertrauensverhältnis entstanden. „Die freuen sich, wenn ich komme. Sie klatschen manchmal nach der Stunde oder sagen, ich soll ihr Klassenlehrer werden.“
Solche Momente geben ihm Energie, denn: „Man bekommt unglaublich viel zurück“.
Ein Balanceakt zwischen Anforderungen und Organisation
So begeistert Jona vom Schulalltag spricht, so differenziert blickt er auf das Studium. Er weiß, dass fachliche Tiefe wichtig ist – gleichzeitig erlebt er so manche Diskrepanz zwischen universitären Inhalten und schulischer Praxis. In einigen fachwissenschaftlichen Modulen – etwa in technischen Bereichen mit sehr anspruchsvollen Inhalten – fragt er sich, wie viel davon später tatsächlich im Unterricht Anwendung findet: „Man eignet sich vieles für Prüfungen an. Aber im Schulalltag braucht man davon nur einen gewissen Teil.“
Als besonders wertvoll empfindet er hingegen die bildungswissenschaftlichen Module: Unterrichtsführung, Konfliktmanagement, kooperative Lernformen. Auch Supervisionsformate, in denen Erfahrungen aus dem Klassenzimmer gemeinsam reflektiert werden, schätzt er sehr, denn „da merkt man wirklich, wie Theorie und Praxis zusammenkommen“. Für Jona liegt hier ein großes Potenzial, um die Verzahnung weiter auszubauen und die Praxis stärker mitzudenken.
Das duale Studium bringt Vorteile – aber auch hohe Anforderungen. Klassische Semesterferien gibt es kaum, stattdessen wechseln sich Schule, Universität und Prüfungsphasen kontinuierlich ab. Hinzu kommt die Pendelei zwischen Wohnort, Schule und Erfurt. Jona resümiert nach knapp anderthalb Jahren: „In manchen Wochen ist man fast jeden Tag unterwegs. Das ist schon belastend.“ Zeitmanagement wird hier zur Schlüsselkompetenz. Jona lernt vor allem im Zug, auf den Fahrten nach und von Erfurt, Hausarbeiten schreibt er zwischen Bandprobe, Fußballtraining und den Treffen mit seiner Freundin. „Ohne Struktur geht es nicht. Aber ich komme gut damit klar“, sagt Jona. Er weiß jedoch auch, dass dieses Modell nicht für alle geeignet ist: „Man muss belastbar sein und sich selbst organisieren können.“
Warum es sich trotzdem lohnt
Bei der Frage, was Studieninteressierte am Lehrerberuf häufig unterschätzen, nennt Jona vor allem die persönliche Komponente: „Man muss sich trauen, vor einer Klasse zu stehen. Das klingt banal, ist es aber ganz und gar nicht.“ Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten umzugehen – das seien entscheidende Faktoren. Fachwissen allein reiche nicht aus.
Trotz voller Wochen, langer Tage und kritischer Reflexion über einzelne Studieninhalte ist für Jona klar: Er würde diesen Weg wieder wählen: „Wenn die Schülerinnen und Schüler merken, dass man sich wirklich für sie interessiert, entsteht etwas Besonderes.“ Dieses „Besondere“ beschreibt Jona als gegenseitiges Vertrauen, als gemeinsames Wachsen. Auch als Gefühl, gebraucht zu werden. Und vielleicht ist genau das der Kern seiner Motivation: Nicht nur Stoff zu vermitteln – sondern junge Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten.
Der Platz vorne im Klassenzimmer fühlt sich für ihn jedenfalls längst selbstverständlich an.
Das duale Studium für das Regelschullehramt in Thüringen verbindet das Lehramtsstudium an der Universität Erfurt mit einer festen schulischen Praxis an einer Ausbildungsschule. Ab dem dritten Semester wechseln sich wöchentlich drei Tage Universität und zwei feste Praxistage an der Schule ab. Studiert werden zwei Unterrichtsfächer sowie Bildungswissenschaften und Fachdidaktik. Während des Studiums erhalten die Studierenden eine monatliche Vergütung von ca. 1.550 Euro im Bachelor und ca. 1.800 Euro im Master. Nach Abschluss des Studiums verpflichten sich Absolvent*innen für fünf Jahre für eine Tätigkeit im Thüringer Schuldienst.
„Mit dem Start unseres dualen Lehramtsstudiengangs haben wir 2024 als Universität einen wichtigen Schritt getan, um dem Lehrkräftemangel an Thüringer Regelschulen zu begegnen“, sagt Prof. Dr. Julia Knop, Vizepräsidentin für Studienangelegenheiten an der Universität Erfurt. „Dabei sind wir mit unseren Studierenden und den Ausbildungsschulen im engen Austausch – nicht zuletzt, um sicherstellen zu können, dass sich alle auf diesem neuen Weg gut unterstützt fühlen. Wir freuen uns sehr, dass wir in diesem Jahr bereits den dritten Jahrgang dual Studierender bei uns begrüßen dürfen. Dieser Erfolg zeigt einmal mehr, dass die Universität Erfurt ein verlässlicher Partner bei der Ausbildung angehender Lehrer*innen in Thüringen ist.“