Im Juni wird auf dem Campus der Universität Erfurt gefeiert: die Gründung der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät vor 25 Jahren. Wie damals alles angefangen hat, wie die Fakultät heute dasteht und mit welchen Ideen sie in die Zukunft gehen möchte – für unseren Campusblog haben wir darüber mit dem Dekan, Prof. Dr. Tilmann Betsch, gesprochen…
25 Jahre Erziehungswissenschaftliche Fakultät: Können Sie die DNA der Fakultät beschreiben? Was macht sie aus?
Die Zuwendung zum Menschen! Es als Berufung zu begreifen, individuelle Potenziale vom Kindesalter über die gesamte Lebensspanne hinweg zu entwickeln. Ich erlebe ein unglaubliches Engagement bei meinen Kolleginnen und Kollegen. Uns alle leitet die Überzeugung, dass Partizipation in der Gesellschaft, gelebte Demokratie und der Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit, wie beispielsweise KI, Klimawandel und Konflikte, einen ganzheitlich gebildeten Menschen voraussetzen. Dass Einschränkungen, seien sie psychischer oder körperlicher Art, keine Hindernisse für Teilhabe sein dürfen. Und dass es in unserer Verantwortung liegt, Personen auszubilden, die diesen Bildungsauftrag professionell und nachhaltig realisieren. Durch Maßnahmen, die wissenschaftlich fundiert sind.
Sie selbst kamen 2002 an die Universität Erfurt, richtig? Erinnern Sie sich an Ihren ersten Eindruck von der Fakultät?
Oh ja. Es war verstörend. Die Fakultät saß am Katzentisch. Mir wurde von Vertretern anderer Fakultäten und Einrichtungen sehr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass die Ausbildung zum Lehramt nicht zu einem „Harvard an der Gera“ passen würde. Man versuchte, die Fakultät klein zu halten, um einer „PH-isierung der Universität“ entgegenzuwirken. Was für ein arrogantes Narrativ! Die anderen Fakultäten und Kollegs als feine Elite, die nichts unversucht ließ, unsere Fakultät – den Paria – kleinzuhalten, weil sie aus der ehemaligen Pädagogischen Hochschule hervorgegangen war. Zudem wurde mir geraten, dass ich als experimentell forschender Psychologe doch besser gleich nach Jena gehen sollte. Denn zu allem Überfluss tobte in unserer Fakultät damals ein Grabenkampf der methodischen Ansätze. Die Verfechter historisch-hermeneutischer und qualitativer Ansätze zogen die Klingen blank gegen die „Quantitativen“, die den Menschen angeblich auf Zahlen reduzierten, weil sie Statistik trieben. Frisch berufen kam ich mir doppelt fehl am Platz vor: Quantitativer Forscher und Mitglied einer geschmähten Fakultät. Ich dachte, ich bin an Bord des falschen Schiffes gegangen.
Aber Sie sind noch immer da. Hat sich Ihr Eindruck von damals also verändert?
Ja, das hat sich merklich verändert. Die Fakultät ist zusammengewachsen. Gerade durch die Neuberufungen kamen viele aktive, offene Forschungspersönlichkeiten an Bord. Heute geht es nicht mehr um dogmatische Abgrenzung. Wir profitieren in unseren Forschungsverbünden und Nachwuchskollegs gerade von der Verbindung der Zugänge. Die Erkenntnisse zählen weit mehr als die Zugehörigkeit zu einem Feld oder einem wissenschaftlichen Camp. Interdisziplinäre Bildungsräume wie die Lernwerkstatt oder die Werkstatt für Medienbildung werden von vielen Kolleginnen und Kollegen getragen, die sich aktiv um die Realisierung innovativer Lernumwelten bemühen. Auch in der Universität hat sich das Bild der Fakultät enorm gewandelt. Einerseits wird anerkannt, dass wir einen Großteil der Landesmittel für unsere Universität einwerben. Wir haben mit Abstand die meisten Studierenden. Und dies schlägt sich in den Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit dem Land nieder. Das Präsidium hat sich dankenswerterweise in den vergangenen Jahren für unsere Fakultät immer eingesetzt. Was die Forschung betrifft, so sind wir in der Akquise von Drittmitteln kontinuierlich stärker geworden. Die Kolleginnen und Kollegen engagieren sich in fakultätsübergreifenden Forschungseinrichtungen wie dem Erfurt Laboratory of Empirical Research (ErfurtLab), dem Institute for Planetary Health Behaviour (IPB), vielen Nachwuchskollegs – darunter Bildungsqualität, Center for Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences (CEREB) und Sprachbeherrschung – sowie im Max-Weber-Kolleg.
Die Gründung der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät, die ja mit der Integration der ehemaligen Pädagogischen Hochschule in die Universität Erfurt einherging, war seinerzeit sicher eine enorme Herausforderung. Wie ist das gelungen?
Durch Leistung. Und zwar in Lehre und Forschung. Ich erinnere mich an eine Senatssitzung, ich glaube, die war im Jahr 2018. Dort wurden zum ersten Mal die Leistungskennzahlen der Fakultäten in einer PowerPoint-Präsentation unseres heutigen Kanzlers der gesamten Universität vor Augen geführt. Wir sorgten nicht nur für die meisten Abschlüsse und konnten die am stärksten nachgefragten BA- und MA-Programme vorweisen, sondern standen auch hinsichtlich der eingeworbenen Drittmittel sehr gut da. Durch die Strukturkommission des Senats wurde dies jüngst bestätigt. An diesen Fakten kam niemand mehr vorbei.
Wie viele Absolvent*innen hat die Fakultät denn seither hervorgebracht – haben Sie da eine Zahl parat?
Mehr als 10.000 seit 2005. Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass wir dies mit einem deutlich schlechteren Professorenschlüssel als die anderen Fakultäten erreichen. Mit weniger als einem Drittel aller Professuren bildet die Erziehungswissenschaftliche Fakultät fast die Hälfte aller Studierenden der Universität aus. Das ist eine beachtliche Bilanz.
Apropos Studierende: Viele denken bei der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Uni Erfurt zunächst an die Lehramtsausbildung, die ja auch einen wesentlichen Teil nicht nur der Fakultäts-DNA, sondern auch des Profils der Universität ausmacht. Aber wie sieht es mit der Forschung an Ihrer Fakultät aus – inwieweit trägt sie denn zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen und deren Lösungen bei?
Ich freue mich sehr über diese Frage! Bildung ist und bleibt eine zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft und das Bildungssystem ist eine ihrer Schlüsselinstitutionen. Unsere Fakultät trägt mit ihrer Forschung und konkreten Lösungsansätzen für nachhaltige Bildung bei. Über die gesamte Lebensspanne in schulischen und außerschulischen Kontexten und unter besonderer Berücksichtigung der Digitalisierung. Sowohl was die Grundlagen- als auch die Anwendungsforschung betrifft. Wenn man sich nur einmal die Themenvielfalt der Drittmittelprojekte anschaut, dann findet sich einerseits eine starke, international sichtbare Grundlagenforschung zu Themen aus den Bereichen Lernen, Kognition, Diagnostik, Potenzialentwicklung und Didaktik, aber auch zu grundlegenden Problemen der Mathematik, Statistik und Methoden der Forschung. Zu einem ebenso großen Anteil beschäftigen sich unsere drittmittelstarken Kolleginnen und Kollegen mit Forschungsthemen von unmittelbarer gesellschaftlicher Relevanz. Darunter Forschungen zu nachhaltiger Ausbildung im Beruf, zur kulturellen Bildung im ländlichen Raum, zur musischen Bildung in Multimedia-Kontexten, zur Kommunikation von wissenschaftlichen Befunden in die Gesellschaft, zur Entwicklung und Förderung von Entscheidungskompetenz und gesellschaftlicher Partizipation, über Ansätze zur Verbesserung der Inklusion von Menschen mit Handicaps bis hin zum Training des Schriftspracherwerbs und der Förderung der Gesprächskompetenz von angehenden Ärztinnen und Ärzten. Und das waren nur einige Beispiele.
Sie sind seit Oktober Dekan an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät: Wohin steuert das Schiff unter Kapitän Betsch?
Auf den weiteren Ausbau der Akademisierung. Wir sind nach wie vor innerhalb der Universität benachteiligt, was die Zeit für Forschung und die Qualifizierung des Nachwuchses betrifft. An unserer Fakultät sind die meisten Hochdeputatsstellen angesiedelt, weil wir sonst die schiere Menge an Studierenden nicht ausbilden könnten. Wir brauchen anteilig mehr professorale Lehre, mehr Qualifikationsstellen – vor allem auch im Bereich der Postdocs – und wir müssen unseren Nachwuchs stärker an die Praxis der kompetitiven Drittmitteleinwerbung heranführen. Dafür haben wir Programme zur Anhebung der Qualifikationsstellen, zur zielorientierten Deputatsreduktion für forschungsorientierte Mitglieder des Mittelbaus und ein Coaching für die Drittmitteleinwerbung aufgestellt. Zudem engagieren wir uns in der fakultätsübergreifenden Entwicklung neuer Studiengänge, die vor allem gesellschaftliche und technologische Herausforderungen adressieren.
Nun soll in diesem Jahr das Jubiläum natürlich auch gefeiert werden. Was ist geplant – können Sie uns dazu schon etwas verraten?
Wir werden es krachen lassen! Einen Monat lang. Im Juni wird eine Vielzahl von Veranstaltungen die ganze Bandbreite unserer Lehre und Forschung illustrieren. Unter dem Motto der „gläsernen Fakultät“ sind alle Angehörigen der Universität und die interessierte Öffentlichkeit herzlich eingeladen, uns zu besuchen. Das Programm wird derzeit zusammengestellt und rechtzeitig auf den Seiten der Universität und in den sozialen Netzwerken beworben. Den Abschluss bildet ein hochkarätig besetztes Symposium am 26. Juni 2026 mit dem Thema „Wie sichern wir Unterrichtsqualität?“. Mit dem Symposium möchten wir Vertreterinnen und Vertreter aller drei Phasen der Lehrkräftebildung, der Schulpraxis, der Bildungspolitik sowie Studierende und Schülerinnen und Schüler zusammenbringen, um zentrale Herausforderungen und Perspektiven der Lehrkräftebildung zu diskutieren. Danach werden wir gemeinsam auf 25 bewegte und erfolgreiche Jahre anstoßen.