Zurück in den Hörsaal – Wie sich drei berufstätige Lehrer an der Uni Erfurt fit für die Zukunft machen

On Campus , Vorgestellt
Studierende im Hörsaal 3

„Also einfach mal in der letzten Reihe fünf Minuten die Augen zumachen und wegdösen ist hier nicht“, sagt Jürgen Kohl und lacht. „Im Gegenteil, die Seminare erfordern unsere ganze Konzentration. Wir sind immer im Gespräch. Das ist zuweilen anstrengend, aber das intensive Arbeiten in einer so überschaubaren Gruppe bringt auch richtig was. Ich nehme da jedes Mal etwas für mich mit.“

Mit seinen 42 Jahren ist Kohl einer der älteren Studenten an der Uni Erfurt und eigentlich steht er auch längst mitten im Beruf: Seit 14 Jahren unterrichtet der gelernte Sozialpädagoge an der Katholischen Fachschule für Sozialpädagogik (Bergschule St. Elisabeth) in Heiligenstadt. Was ihm jedoch fehlt, ist ein Universitätsabschluss. Und den will er jetzt nachholen. Dafür sitzt er jeden Freitag im Hörsaal oder Seminarraum.

Zusammen mit Franziska Heyder und einer handvoll weiterer Berufstätiger studiert er den neuen weiterbildenden Zertifikatsfernstudiengang Sozialkunde, mit dem die Uni Erfurt im Oktober 2015 gestartet ist. Wie Jürgen Kohl will auch Franziska Heyder sich beruflich breiter aufstellen und für mögliche Veränderungen und neue Anforderungen im Job gewappnet sein. Heyder ist 31, Lehrerin an einer Regelschule und studiert mit der Sozialkunde nun ein drittes Fach. „Ich habe versucht, das Ganze regulär neben meinem Beruf zu stemmen, aber das ging einfach nicht. Mit dem neuen Angebot der Uni Erfurt komme ich nun prima zurecht – die Präsenzzeiten sind überschaubar und in den Selbstlernphasen zu Hause kann ich mir prima einteilen, wann ich die videobasierten Vorlesungen höre und mir den Stoff erarbeite.“

Auch für Yvonne Bischoff ist das Angebot ein Segen. Die 35-jährige Mutter arbeitet seit 2004 an einer berufsbildenden Schule – um mit ihren Kollegen „auf Augenhöhe“ zu sein, hat ihr jedoch immer ein zweites Unterrichtsfach gefehlt. An dem arbeitet sie jetzt: Mathematik, ebenfalls ein Zertifikatsfernstudium, das seit dem Wintersemester 2015/16 an der Uni Erfurt angeboten wird. „Ich bin so froh, dass ich diese Möglichkeit jetzt habe“, sagt Yvonne Bischoff. „Ich hatte es fast aufgegeben, beruflich noch einmal etwas für mich tun zu können. Mir hat in Thüringen einfach die Perspektive gefehlt, jetzt bin ich natürlich umso motivierter, das Studium zu packen.“

Wenn alles glatt läuft, hat sie 2017 das Zertifikat in der Tasche – genau wie ihre Kommilitonen Jürgen Kohl und Franziska Heyder. Das erste Semester ist so gut wie geschafft, bereits in wenigen Tagen stehen die ersten Prüfungen an. Für alle drei eine Art Rollenwechsel, denn bislang waren sie es, bei denen die Schüler zur Prüfung antraten. Jetzt sind sie selbst die „Prüflinge“. Aber auch das habe etwas für sich, erklärt Jürgen Kohl. Auf diese Weise könne er sich noch einmal ganz neu in seine Schüler hineinversetzen. Und noch einen weiteren Vorteil habe das Studium neben dem Beruf: „Ich kann vieles von dem, was ich gerade lerne, unmittelbar in meinem Unterricht umsetzen und auf Praxistauglichkeit prüfen. Das ist ein echter Gewinn.“

Und wenn es doch mal hakt im Studium? Franziska Heyder winkt ab: „Das ist kein Problem, denn wir werden intensiv begleitet und durch die kleine Gruppe ist es auch möglich, die Dozenten jederzeit zu kontaktieren und die Dinge direkt anzusprechen. Für mich war das bei meiner Studienentscheidung sehr wichtig.“ „Natürlich bieten wir auch Feedback-Gespräche an, in denen es darum geht, zu schauen, ob die Konzeption unseres Studienangebots aufgeht oder ob es vielleicht noch irgendwo hakt – da ist der persönliche Kontakt sehr hilfreich“, ergänzt Marion Wadewitz, die Beauftragte für Weiterbildung an der Uni Erfurt, die maßgeblich am Konzept der Studiengänge beteiligt war und den Studierenden bei Fragen und Problemen zur Seite steht. Für die Diplom-Ingenieurin ist klar: Weiterbildung ist für die Hochschulen ein echter Zukunftsmarkt. „Mit unseren berufsbegleitenden Angeboten öffnen wir uns einer weiteren Zielgruppe, die nichts zuletzt angesichts des demografischen Wandels von erheblicher Bedeutung für uns werden könnte.“

Hintergrund

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes „NOW – Nachfrage- und adressatenorientierte akademische Weiterbildung“ war die Universität Erfurt mit zwei neuen weiterbildenden kostenpflichtigen Zertifikatsstudienkursen – „Mathematik“ und „Sozialkunde“ – ins Wintersemester 2015/16 gestartet. Das Studium ist jeweils berufsbegleitend über zwei Jahre (vier Semester) angelegt. Am Ende erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat. Es ermöglicht den Studierenden den Erwerb der fachlichen Voraussetzungen zum Beantragen einer Lehrbefähigung für das Unterrichtsfach „Mathematik“ bzw. „Sozialkunde“ in einer Regel- oder berufsbildenden Schule und schafft gleichzeitig eine Voraussetzung für die Zulassung zu einem Master-Studium Lehramt berufsbildende Schulen (MEd). Das Studium ist neben einer Erwerbstätigkeit oder z.B. familiären Verpflichtungen möglich. Es beinhaltet deshalb weniger Präsenzzeiten und einen höheren Anteil an Selbstlernphasen.