Seit der Veröffentlichung von Magnifica Humanitas im Mai 2026, ist das Dokument bereits sehr ausführlich aus den unterschiedlichsten Fachperspektiven analysiert worden, so z. B. in den zwei Blog-Beiträgen “Die Enzyklika “Magnifica Humanitas” von Papst Leo XIV. Der Titel ist das Programm” von Elke Mack und Emotion, Körper, Beziehung. Liturgie und KI im Spiegel von “Magnifica Humanitas” von Benedikt Kranemann und Johanna Birkefeld. Ich möchte daher hier nicht noch einmal eine umfassende Analyse des Dokuments vorlegen, sondern einen einzelnen Aspekt der Enzyklika aufgreifen, der die Anschlussfähigkeit an aktuelle theologische Forschungen gut zeigt.
Ein Vorzug des Dokuments ist sicher, dass der Papst KI nicht grundsätzlich ablehnt, sondern die Vorzüge der Technik auch klar benennt. Mit Blick auf die private Nutzung warnt er jedoch besonders vor einem unreflektierten Gebrauch. Konkret sieht er dabei drei Gefahren (100): 1. Die Leichtigkeit, mit der Informationen abgerufen, Texte analysiert oder neue Inhalte mithilfe von KI erstellt werden können, erleichtert zwar das Leben, birgt aber die Gefahr, dass wir uns zu sehr auf die Ergebnisse der Technik verlassen und das persönliche Urteilsvermögen und die Kreativität verloren gehen. 2. Die vermeintliche Objektivität, die Ergebnisse von KI-Systemen suggerieren, verdeckt, dass diese Ergebnisse maßgeblich vom Wertesystem der Entwickler:innen geprägt sind. Allein durch die Auswahl und Gewichtung des Trainingsmaterials werden zentrale Vorentscheidungen getroffen, die die Antworten der jeweiligen KI maßgeblich beeinflussen. Das bei den großen Tech-Anbietern (und damit KI-Entwicklern) anzutreffende einseitig technokratische Weltbild kritisiert der Papst im Laufe des Dokuments daher ausführlich und zurecht (siehe bspw. 112-117). 3. Die Simulation menschlicher Kommunikation birgt schließlich die Gefahr, dass Menschen der Illusion erliegen, in einer echten Beziehung mit einem vermeintlichen Gegenüber zu stehen und dadurch der Wunsch nach echten Beziehungen zu anderen Personen verloren geht. Hinzu kommt die Gefahr – die der Papst nur indirekt anspricht –, dass wir durch diese Anthropomorphisierung auch dazu neigen, den Ergebnissen der KI mehr zu vertrauen. Sie verschleiert zusätzlich, wie diese Ergebnisse zustande kommen und gibt uns das Gefühl, einer echten Intelligenz gegenüberzustehen.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass der Papst die wichtige Rolle von Bildung, insbesondere von Schulen, hervorhebt (139-147). Wir müssen lernen, reflektiert mit den Chancen und Grenzen der Technik umzugehen, um diesen (und weiteren) Gefahren zu begegnen.
Gleichzeitig gibt es – vielleicht abgesehen von den bereits stattfindenden oder drohenden Umwälzungen in der Arbeitswelt – wohl kaum einen Ort, an dem der Einzug von KI zu so offensichtlichen Herausforderungen führt, wie die Schule. KI, insbesondere die Nutzung von Chatbots, ist fester Bestandteil des Alltags für viele Schüler:innen – nicht nur aber auch für schulische Aufgaben. Lehrer:innen stehen zunehmend vor der Herausforderung, die Chancen und die vom Papst genannten Gefahren mit den Schüler:innen zu reflektieren. Der Papst bringt die damit einhergehenden Schwierigkeiten gut auf den Punkt: „Viele Bildungssysteme haben Mühe, mit dem Wandel Schritt zu halten und die ganzheitliche Entwicklung der Schüler zu fördern. Der Fortschritt von Informationstechnologien und KI lässt Lehrpläne, die für eine andere Zeit konzipiert wurden, rasch überholt erscheinen, während die Organisation von Schulen, die Räumlichkeiten, die Bewertungsmethoden und selbst die Rolle des Lehrers im Hinblick auf eine wahrhaft ganzheitliche Bildung, die alle Dimensionen des Menschen berücksichtigt, neu zu überdenken sind. Lehrer benötigen während ihres gesamten Berufslebens eine kontinuierliche Weiterbildung, damit sie sich positiv mit neuen Technologien auseinandersetzen und den Schülern helfen können, sie verantwortungsbewusst, kritisch und kreativ zu nutzen statt sich passiv ihrem Einfluss zu unterwerfen.“ (145)
Diesen Herausforderungen müssen sich auch der Religionsunterricht und andere religiöse Bildungskontexte stellen. Welche Chancen und Gefahren bietet KI für religiöse Bildung und inwiefern kann diese wiederum einen Beitrag zum besseren Verständnis von und Umgang mit KI liefern? Einen kleinen Einblick in aktuell laufende Forschungsprojekte zum Einsatz von und der Auseinandersetzung mit KI in religiösen Bildungskontexten bot die diesjährige Konferenz der European Academy of Religion zum Thema „Religion and (In)equalities“ in Rom. Neben vielen Veranstaltungen unter anderem auch allgemein zum Thema Künstlicher Intelligenz, widmete sich das Panel „Envisioning Social Machines in Religious Learning Environments“ explizit der Frage, wie KI im Kontext des Religionsunterrichts und anderer religiöser Lernumgebungen genutzt und thematisiert werden kann. Dabei wurde deutlich, dass sich die drei vom Papst genannten Dimensionen als Hintergrundfolie eignen, um die Chancen und Ambivalenzen der Projekte genauer zu bestimmen. Ich möchte dies an einigen Aspekten aus zwei Vorträgen verdeutlichen.
Anja Holm ließ Schüler:innen einer 4. Klasse im Bistum München-Freising die KI-Plattform fobizz über ein Schuljahr hinweg immer wieder nutzen, um biblische Geschichten in Bildern darstellen zu lassen. Eine Wiederholung erfolgte in einer 3. Klasse. Als Interpretations- und Beurteilungsmethode der Bilder diente die Bibliologtradition des schwarzen und weißen Feuers (s.u.). An diesen KI-Bildern zeigt sich schnell die enge Verzahnung der beiden Dimensionen der leicht zu Erstellenden Ergebnisse und ihrer vermeintlichen Objektivität: Das grundsätzliche Erstellen der Bilder war den Schüler:innen auch ohne Hilfe schnell möglich und eröffnete so für den Unterricht viele Möglichkeiten. So stand direkt eine Vielzahl an visuellen Interpretationen einer einzelnen biblischen Geschichte zur Verfügung. Dies führte den Schüler:innen leichter vor Augen, welche Aspekte der Geschichte tatsächlich so im Text stehen (schwarzes Feuer) und was von den Schüler:innen bzw. der KI hineininterpretiert wird (weißes Feuer). Gerade bei den „Interpretationen“ der KI wurden Probleme ihrer vermeintlichen Objektivität sichtbar: Wenn nur wenige Anweisungen für die Erstellung der Bilder gegeben wurden, wurden die Geschichten häufig in moderne Settings übertragen und alle Figuren in den Bildern i.d.R. als weiße Personen dargestellt. Wenn dies im Unterricht gut reflektiert wird, lernen die Schüler:innen nicht nur etwas über die Schwierigkeit der Interpretation von Bibeltexten, sondern üben gleichzeitig einen kompetenteren Umgang mit KI ein, indem deren Möglichkeiten und Grenzen anschaulich verdeutlicht werden. Besonders interessant ist, dass die Schüler:innen der 3. Klasse trotz geringerer technischer Vorkenntnisse (das war die erste Post-Covid-Kohorte) gegenüber den KI-Ergebnissen kritischer waren. Diese Kritik wurde auch auf analoge Medien übertragen.
Einen weiteren Vorteil den der leichte Zugang zu (vermeintlichem) Wissen im Unterricht bieten kann, verdeutlicht ein Projekt von Steffi Fabricius und Martin Kutz. Sie setzten den Roboter Navel in je einer 6. Klasse in Siegen und Dresden in einer Unterrichtsreihe zum Thema Gebet ein. Navel diente dabei als Wissensgenerator: Die Schüler:innen konnten Fragen stellen, Navel lieferte Beispiele und Begriffserklärungen oder vereinfachte Aufgaben sprachlich. Die so ermöglichte inhaltliche Entlastung durch die KI gab den Lehrkräften mehr Zeit für Beziehungsarbeit mit den Schüler:innen. Das klassische didaktische Dreieck aus Lehrkraft, Schüler:innen und Thema wird dabei um Navel und die Dimension der Entwickler:innen erweitert. Damit entstehen nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neue Fragen nach Einfluss und Machtstrukturen im Unterricht. Für den klassischen Religionsunterricht ist hier aber eine zentrale Grenze zu berücksichtigen: Navel kann keine – wie von der Religionslehrkraft geforderte – Positionalität einnehmen. Die Informationen der KI sind eher religionskundlicher Art und werden weder aus der Innenperspektive eines Glaubenssystems noch aus einer biografisch verantworteten Position heraus vermittelt.
Das Projekt von Fabricius und Kutz bietet auch interessante Einblicke in die dritte Dimension der Simulation menschlicher Kommunikation. Da Navel körperlich im Unterrichtsraum anwesend ist und mit einer generierten Stimme zu den Schüler:innen spricht, treten die vom Papst genannten Gefahren besonders deutlich hervor. Interessant dabei war, dass die Wahrnehmung der Schüler:innen in Bezug auf Navel sehr unterschiedlich war. Es kam zum Teil zu der befürchteten Anthropomorphisierung, indem Navel als Lehrer oder Freund wahrgenommen wurde. Gleichzeitig gab es aber auch gegenteilige Reaktionen: So wurde Navel als „komisch“ beschrieben, weil er zwar kindlich aussieht, aber mehr weiß als ein Erwachsener. Die große Diskrepanz zeigte sich teilweise sogar innerhalb der Haltung einzelner Schüler:innen. Das Wissen darum, dass Navel programmiert ist und die Zuschreibung personaler Eigenschaften können offenbar nebeneinander bestehen. Dies ist ein Aspekt, der weiter erforscht und beobachtet werden muss. Die Vereinfachung des Zugangs durch natürliche Sprache darf nicht dazu führen, dass die Limitierungen der Technik verschleiert werden. Durch die physische Präsenz wird dies möglicherweise noch einmal verstärkt: Navel wirkt mehr wie ein echtes Gegenüber als eine vermeintlich körperlose KI – eine Problematik, die sich mit immer menschlicher aussehenden und verhaltenden Robotern in Zukunft weiter verschärfen wird.
Die begleitete und reflektierte Nutzung von KI in diesen und auch weiteren Projekten zeigt, dass KI große Chancen auch für religiöse Lernkontexte bieten kann. Zugleich wird deutlich, dass der Religionsunterricht nicht nur lernen muss, mit KI umzugehen. Seine hermeneutischen Verfahren, sein Anspruch auf die reflektierte Entwicklung einer eigenen Position und sein Nachdenken über die Bedeutung echter Beziehungen bieten besondere Möglichkeiten, die Grenzen der Technik sichtbar zu machen und so den vom Papst genannten Gefahren zu begegnen. Religiöse Bildung kann damit einen spezifischen Beitrag zur allgemeinen und dringend notwendigen Medienkompetenz der Schüler:innen leisten. Mehrere der vorgestellten Projekte deuten darauf hin, dass die didaktisch begleitete Auseinandersetzung mit KI zusätzliche Anlässe für Reflexion eröffnen kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Lehrkräfte die Technik selbst verstehen und ihnen geeignete Mittel wie etwa die Plattform fobizz zur Verfügung stehen. Die Warnungen und Forderungen des Papstes richten sich deshalb nicht nur an einzelne Lehrer:innen, sondern auch an diejenigen, die Fortbildung, Infrastruktur und geeignete Rahmenbedingungen für schulisches und pastorales Personal bereitstellen müssen. Nur dann können Bildungseinrichtungen auch einen wichtigen Beitrag zu einem reflektierten Umgang mit KI leisten.
Dominik Winter ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Moraltheologie unserer Fakultät. Mehr über seine Forschung und seinen Lebenslauf erfahren Sie auf der Seite der Professur.