"Mich lassen die herzlichen und offenen Menschen in Lateinamerika nicht mehr los."

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International
Bin dann mal weg: Jens in Argentinien

Ein Auslandsaufenthalt ist eine feine Sache. Man kann eine fremde Sprache vertiefen, bekommt Einblicke in eine andere Kultur, knüpft neue Kontakte, erweitert seinen Horizont und nebenbei macht es sich im Lebenslauf auch immer gut. Mehr als einhundert Studierende der Uni Erfurt wagen diesen Schritt alljährlich und absolvieren ein Auslandssemester. Wir haben Jens gefragt, wie er seine Studienzeit in Argentinien erlebt.

Jnes im Japanischen Gartne Buenos Aires

Wo bist du und für welchen Zeitraum wirst du dort sein?
Ich befinde mich momentan in Córdoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens. An der „Universidad Nacional de Córdoba“ studiere ich derzeit mein siebtes und letztes Bachelor-Fachsemester. Mein Semester begann am 3. August 2015, die offizielle Vorlesungszeit endete Mitte November. Inklusive aller Prüfungen und Hausarbeiten bin ich wohl ab Januar nächsten Jahres ein „freier Mensch“. Danach werde ich ein Praktikum in Córdoba machen und durch Lateinamerika reisen, so dass ich erst Ende März/Anfang April wieder zurück in Deutschland bin.

Wie begrüßt man sich dort?
Auf Spanisch und sehr herzlich. Frauen gibt man einen Kuss auf die Wange, unter Männern genügt ein lässiger Handschlag. Die unter jungen Menschen typische cordobesische Begrüßung ist „Que onda, ché?“ Im Deutschen wohl am passendsten übersetzt mit „Was geht, Alter?“

Warum hast du dich entschieden, dorthin zu gehen?
Aufgrund eines Freiwilligendienstes mit dem „weltwärts“-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung habe ich bereits nach dem Abitur im Jahr 2011/2012 ein Jahr lang in der Dominikanischen Republik gelebt und gearbeitet. Im Rahmen dieses Aufenthaltes hatte ich zudem die Chance, weitere mittelamerikanische Länder zu bereisen. Seitdem lassen mich der lateinamerikanische Kontinent und insbesondere die unglaublich lebensbejahenden, optimistischen, herzlichen, fröhlichen und offenen Menschen in Lateinamerika nicht mehr los. Ich wollte unbedingt zurückkehren und einen weiteren Teil im Süden dieses fantastischen Kontinents kennenlernen. Dafür schien mir Córdoba optimal. Córdoba (Spitzname: „la docta“ – die Gelehrte) zählt zudem mit circa 125.000 Studenten zu den größten Studentenstädten Lateinamerikas. Es gibt hier unglaublich viele junge und lebensfrohe Menschen. Die Universität feierte vor wenigen Jahren ihren 400. (!!!) Geburtstag. Alles in allem: „La ciudad tiene vida“ – Die Stadt lebt.

Welche Erwartungen hast du an deine Zeit im Ausland und werden sie bisher erfüllt?

Ich hatte natürlich in erster Linie die Erwartung, meine Perspektiven zu erweitern, ein anderes Land und viele neue Menschen kennenzulernen. Ich wollte sehen wie die Menschen dort leben, lieben, kochen, essen, wohnen, arbeiten, miteinander umgehen, wie sie denken, was für Probleme und was für Hoffnungen sie haben. All das hat sich bislang erfüllt. Ich fühle mich in Córdoba sehr, sehr wohl und bestens integriert. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht nur Zuschauer eines Theaterspiels bin, sondern auch das Drehbuch von dem lesen kann, was hier gespielt wird.

Ist es einfach, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen?
Das hängt ganz davon ab, ob man es möchte oder nicht. Es gibt europäische Studenten, die in Exklaven europäischer Studenten wohnen, sprich mit Deutschen, Franzosen, Spaniern etc. Es gibt Gruppen von Lateinamerikanern, die nur unter sich sind. Genauso gibt es aber auch viele Austauschstudenten, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, andere Wege zu gehen.
Warum sollte ich den Kontakt zu Deutschen aktiv suchen, wenn ich mich doch in Argentinien befinde? Für mich ist das also eine Frage der persönlichen Einstellung und der persönlichen Motivation, seine eigenen Perspektiven zu wechseln, sich auf andere Verhältnisse und Lebenseinstellungen einzulassen, sich anzupassen, von anderen dazu zu lernen oder eben nicht: Wenn man all das möchte und fördert, dann geht das Lernen eines Auslandssemesters in Córdoba weit über die spanische Sprache und den Unibetrieb hinaus. Natürlich lebt man als ausländischer Student zum Teil in einer „comunidad“ (Gemeinschaft) aller externen Studenten. Das ist auch gut so und dadurch lernt man viele Menschen aus diversen europäischen Ländern, aus den USA, Australien und aus dem gesamten lateinamerikanischen Raum von Mexiko über Kolumbien, Bolivien und Ecuador bis Brasilien kennen.
Für mich war es in Córdoba darüber hinaus aber nie ein Problem, den Draht zu Argentinier/innen zu finden. Ich lebe beispielsweise in meiner WG mit 6 Argentinier/innen, 2 Kolumbianern und einem Brasilianer zusammen. Durch die Kurse an der Universität, mittels Sport, Hobbys und Partys sowie über Freunde von Freunden erweitern sich deine Kontakte automatisch. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, sehr intensive Beziehungen zu Einheimischen aufzubauen.

Gibt es etwas im Studium oder täglichen Leben, das sich grundlegend von deinem Alltag in Erfurt unterscheidet? Falls ja, was und hat es dich überrascht?
Um ganz ehrlich zu sein, es hat sich so gut wie alles verändert: Der Tagesrhythmus, das Lebensgefühl, die Themen, über die man spricht. Auch der Unibetrieb, die Vorlesungen oder ein Besuch in der Mensa unterscheiden sich teilweise mehr und teilweise weniger von den Gewohnheiten an der Universität Erfurt. Das Leben hier ist insgesamt viel spontaner und entspannter. Meiner Auffassung nach gibt es weniger gesellschaftlichen Druck, sich in vorgepresste Schablonen einzuebnen oder vorgefertigte Lebensentwürfe nachzuahmen. In Mittelamerika und der Karibik war es ähnlich. Aber klar, Überraschungen unterschiedlicher Art erlebe ich jeden Tag aufs Neue.


Was würdest du anderen empfehlen, die sich auf einen Auslandsaufenthalt vorbereiten?
Ich kann Córdoba nur empfehlen und bin mir sicher, dass mich dieser Lebensabschnitt nachhaltig prägen wird. Die wichtigste Vorbereitung, um in das Leben hier voll und ganz eintauchen zu können, ist sicherlich die spanische Sprache. Natürlich wirst du viel dazu lernen, wenn du erst mal hier bist, aber je mehr du das Spanische bereits beherrscht, wenn du ankommst, desto weniger bist du gezwungen, dich in die europäische Exklave der Austauschstudenten einzunisten und umso unabhängiger bist du in Bezug auf ganz andere Erfahrungen. Sei stets offen, freundlich und hilfsbereit zu jedem und sprich so viel wie möglich mit den Menschen, mache Scherze, sei interessiert, so bekommst du das Hundertfache an Gastfreundschaft zurück.

Fotos: privat