Ein Semester im hohen Norden, zwischen historischen Gassen, wöchentlichen Essays und Karaoke-Abenden mit Studierenden aus ganz Europa: Als einer von jährlich insgesamt über 220 Studierenden der Universität Erfurt hat Tobias sein Wintersemester 2025/26 im Ausland verbracht – an der Universität Tartu in Estland. Tobias studiert im 4. Bachelor-Semester Internationale Beziehungen und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Erfurt. Warum ihn gerade das Baltikum gereizt hat, wie sich das Studium in Estland von dem in Deutschland unterscheidet – und weshalb er Tartu sofort wieder wählen würde, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Als Tobias sich für ein Erasmus-Semester bewarb, war für ihn schnell klar, wohin die Reise gehen sollte: Estland. Genauer gesagt an die Universität Tartu. Tobias wollte bewusst eine Region kennenlernen, die ihm bislang fremd war: „Bei den Bewerbungen war mir schnell klar, dass ich am liebsten nach Tartu gehen wollte, da ich zuvor noch nie im Baltikum war und eine für mich ganz neue Region Europas kennenlernen wollte“, berichtet er. Neben der Neugier auf das Baltikum überzeugten ihn vor allem die Universität und die Aussicht auf das Leben in einer überschaubaren Studentenstadt.
Gut organisiert ins Auslandssemester
Die Zusage für das Erasmus-Programm erhielt Tobias im März 2025. Viel Zeit bis zu den ersten administrativen Deadlines im April blieb nicht – doch die Organisation verlief reibungslos. Sowohl das Internationale Büro an der Universität Erfurt als auch das Study Abroad Center in Tartu unterstützten ihn umfassend.
Besonders hilfreich war für ihn die klare Kommunikation von estnischer Seite: „Die Universität in Tartu hat sich frühzeitig gemeldet und alles klar kommuniziert.“ Auch bei Detailfragen, etwa zur Bewerbung für das Studierendenwohnheim, wurden alle wichtigen Informationen rechtzeitig bereitgestellt.
Der aufwendigste Teil der Vorbereitung war für ihn, wie für viele andere Erasmus-Studierende, das Online Learning Agreement. Die Transparenz des Kurskatalogs der Universität Tartu und die zügige Anerkennung durch die Universität Erfurt halfen jedoch bei der Erstellung. Kurzfristige Änderungen zu Beginn des Semesters waren auch noch möglich.
Studium in Tartu: Kontinuierliche Leistung statt Endspurt
In Tartu belegte Tobias fünf englischsprachige Kurse im Umfang von 30 ECTS, von denen er sich vier an der Universität Erfurt anrechnen lassen konnte. Die Kursbelegung über das universitätseigene Study Information System hat er als unkompliziert wahrgenommen.
Besonders beeindruckt hat Tobias der Kurs „Russian Security Policy: Changes and Continuity“. In dem Seminar wurden verschiedene Aspekte russischer Sicherheitspolitik analysiert. „Der Kurs war anspruchsvoll und mit viel Literatur und wöchentlichen Aufgaben verbunden, aber es hat sich sehr gelohnt“, resümiert er. Interaktiver gestaltete sich der Kurs „Introduction to Social Stratification“: Diskussionen in den Sitzungen waren häufig und ermöglichten so einen intensiven Austausch über soziale Ungleichheit aus unterschiedlichen Perspektiven.
Am nachhaltigsten geprägt haben ihn jedoch zwei andere Lehrveranstaltungen, die sich Tobias im Rahmen des Studium Fundamentale (StuFu) anrechnen lassen konnte: „Estonian Literature and Culture“ und den Sprachkurs „Estonian for Beginners I“. Der Literatur- und Kulturkurs vermittelte ihm spannende Einblicke in die Geschichte und Kultur Estlands. Exkursionen in Museen oder Wanderungen ergänzten die theoretischen Inhalte. Der Sprachkurs half ihm, sich im Alltag besser zu verständigen: „Es war sehr gut, um zumindest kleine Unterhaltungen an der Kasse im Supermarkt bewältigen zu können.“
Ein wesentlicher Unterschied zum Studium in Erfurt bestand für Tobias in den Prüfungsleistungen. Statt einer großen Abschlussprüfung gab es in fast allen Kursen wöchentliche Abgaben: „Dadurch war der Workload unter der Woche deutlich höher, aber auch gut verteilt über das ganze Semester.“ Nachdem er seinen Wochenrhythmus gefunden hatte, sei es ihm leichtgefallen, die Aufgaben in den Alltag zu integrieren. Gleichzeitig habe er die Bewertungen als „sehr studierendenfreundlich“ erlebt.
Estnische Winterabende und Wohnen in Raatuse 22
Die Wohnungssuche verlief für Tobias unkompliziert. Anfang Juni 2025 bewarb er sich für einen Platz im Wohnheim Raatuse 22 – eine Woche später erhielt er die Zusage für ein Zweibettzimmer. In diesem Wohnheim lebt ein Großteil der Erasmus-Studierenden. „Es ist ein sehr sozialer Ort, wo man ständig auf bekannte Gesichter trifft.“ Spieleabende und Hauspartys erleichterten den Einstieg ins internationale Studierendenleben. Auch die Lage empfand Tobias als ideal: Fünf Minuten zu Fuß in die Innenstadt, rund zehn Minuten zu den meisten Universitätsgebäuden. Auch wenn das Zimmer schlicht eingerichtet war, bot es ausreichend Platz zum Arbeiten und Wohnen. „Auch wenn es ungewöhnlich war, sich das Zimmer mit jemand anderem zu teilen, habe ich mich daran gewöhnt und mich gut mit meinem Mitbewohner verstanden.“ Gekostet hat ihn die Unterkunft 276 Euro im Monat.
Langweilig wurde es Tobias in Tartu nie. Einen großen Anteil daran hatte das Erasmus Student Network (ESN) Tartu. Wöchentlich fanden mehrere Veranstaltungen statt – von Karaoke-Abenden über Filmnächte bis hin zu Ausflügen. „Diese Events waren immer sehr gut besucht und haben viele schöne Erinnerungen geschaffen“, erzählt er.
Darüber hinaus engagierte er sich selbst als freiwilliger Helfer bei ESN. „Auch wenn es nur ein Semester ist, kann ich das nur empfehlen. Es ist eine tolle Gemeinschaft und eine gute Abwechslung vom normalen Erasmus-Alltag.“
Auch außerhalb der organisierten Events bot Tartu vielfältige Möglichkeiten für Tobias. Cafés wie das traditionsreiche Café Werner oder das modernere Cruffin sind beliebte Treffpunkte von Studierenden. Zahlreiche Restaurants bieten preiswerte Mittagsmenüs an – eine gute Option, da es an der Universität Tartu keine klassische Mensa für Studierende gibt. Abends trafen sich die Studierenden häufig in Bars wie dem Möku. Ein besonderer Reiz der Kleinstadt liegt für Tobias in ihrer Kompaktheit: „Der Radius, in dem sich alles Wichtige befindet, ist mit 15 Gehminuten sehr komfortabel.“ Dadurch begegne man ständig bekannten Gesichtern – sei es auf dem Weg zur Uni oder beim Einkaufen.
Kulturell beeindruckt hat Tobias besonders das Estnische Nationalmuseum, das auf der Startbahn einer ehemaligen sowjetischen Militärbasis erbaut wurde und allein damit den Übergang zu einer freien estnischen Nation symbolisiert. Auch kleinere Museen der Stadt können von Studierenden kostenfrei besucht werden. Zur Winterzeit verwandelte sich der Rathausplatz in einen kleinen Weihnachtsmarkt mit Schlittschuhbahn. Passend dazu habe die früh einsetzende Dunkelheit der Stadt eine „sehr schöne Atmosphäre“ verliehen.
Naturerlebnisse und Ausflüge ins Baltikum
Neben dem Stadtleben nutzte Tobias die Gelegenheit, Estlands Natur zu erkunden. Tagesausflüge führten ihn unter anderem nach Elva, Otepää oder Viljandi. Besonders faszinierten ihn die estnischen Moore: Weite Landschaften mit Holzstegen, die zu ausgedehnten Wanderungen einluden. Auch größere Städte wie Tallinn oder Riga sind gut erreichbar und bieten sich für Wochenendtrips an. Trotz des kontinuierlichen Workloads blieb genügend Zeit, Land und Region zu entdecken.
Fazit: Ein kleines Land mit großer Wirkung
Rückblickend beschreibt Tobias sein Semester in Tartu als tolle Erfahrung. Die große Zahl internationaler Studierender, die Offenheit der estnischen Kommiliton*innen und die Vielzahl an Veranstaltungen haben ihm ermöglicht, „viele spannende Menschen kennenzulernen und einiges zu erleben“.
Besonders wichtig war für ihn die inhaltliche Auseinandersetzung mit Estland selbst: „Durch die Kurse und den Kontakt mit estnischen Studierenden konnte ich eine Menge über Estland und seine Menschen lernen, was meinen Horizont definitiv erweitert hat.“ Auch wenn Estland flächenmäßig klein ist, habe es für ihn viel zu bieten. Tartu sei dabei „mit seinen vielen positiven Überraschungen“ ein Ort, der in seinem Herzen bleiben werde.
Tobias‘ Rat an alle, die über ein Erasmus nachdenken, ist eindeutig: Wer Lust auf eine eng verbundene Studierendengemeinschaft, intensive Seminare und besondere Naturerlebnisse hat, sollte Estland unbedingt in Betracht ziehen.
Alle Fotos aus dem Beitrag gehören bzw. stammen von Tobias.
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