„Dieses Gefühl, meine Forschung verläuft sich nicht…!“

Engagement , On Campus , Vorgestellt
Leonie Otten

Wer sich an der Universität Erfurt irgendwie für das Thema Gesundheit interessiert, kommt an Leonie Otten nicht so einfach vorbei: Sie hat ihren Master in Gesundheitskommunikation gemacht, gibt darin jetzt Lehrveranstaltungen für ihre nachfolgenden Kommilitoninnen und Kommilitonen, ist Mitbegründerin der Hochschulgruppe CampusWELTEN, die sich mit studentischem Gesundheitsmanagement beschäftigt, promoviert zu diesem Thema und engagiert sich darüber hinaus im Universitären Gesundheitsmanagement. „Es gibt so viele Synergien“, sagt Leonie Otten und muss in dem Moment, in dem sie darüber spricht, selbst staunen. Eine Vielzahl zusammenhängender Kräfte machen ihren Alltag zwischen Wissenschaft, Lehre und Ehrenamt aus. Für unseren Campusleben-Blog haben wir mit ihr über ihre Forschung und ebendiese Synergien gesprochen.

Wenn man sich mit einem Thema wie Gesundheit beschäftigt, fällt es häufig schwer, einfach mal abzuschalten. Das geht auch Leonie Otten so. Ob beim Einkaufen, Kochen, Gärtnern oder in Gesprächen mit Freunden und Familie – Gesundheit ist ein allgegenwärtiges Thema. Selbst beim Spazierengehen mit ihrem Hund oder beim Ausritt kommen ihr immer wieder Gedanken dazu – aber auch die besten Ideen. „Es ist eben nicht nur ein Job für mich“, sagt sie. „Ich bin da immer am Ball.“ Ihr Alltag ist deshalb auch voll mit Forschungsideen, nicht alle realisiere sie, aber insgesamt gehöre das eben zu ihrem Leben. Wie gesellschaftsrelevant ihr Untersuchungsgegenstand ist, erkannte sie bereits bei den Seminaren über Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), die sie im Rahmen ihres Studiums absolvierte, und anschließend auch während ihres Engagements bei CampusWELTEN. Schnell lag für sie auf der Hand: „Dazu möchte ich auch forschen.“ So studierte sie nach ihrem Bachelor in Lehr-, Lern- und Trainingspsychologie in der ersten Kohorte des Master-Studiengangs Gesundheitskommunikation. Dieser beinhaltet auch die Option einer Fast-Track-Promotion und damit die Möglichkeit, schon während des Master-Studiums Doktoranden-Kolloquien zu besuchen und die Forschung für die Masterarbeit so auszugestalten, dass sie zur Promotion erweitert werden konnte. Leonie Otten wollte darin zum Thema Studierendengesundheit in Krisensituationen forschen. Ihre zentrale Frage dabei: Wie kann die Gesundheit von Studierenden im Kontext des Hochschulsettings verbessert werden? Eigentlich wollte die Psychologin diese Frage vor allem vor dem Hintergrund des Klimawandels untersuchen. Doch wie bei vielen anderen auch stellte der Pandemiebeginn im Frühjahr 2020 ihr Vorhaben erst einmal auf den Kopf. „Gleich zu Beginn meiner Promotion kam Corona und es war eigentlich klar, dass ich dann erst einmal Corona-Forschung betreibe.“ Denn nie zuvor hatte eine globale Krise so unmittelbare Folgen für den Hochschulbetrieb und damit für die Studierenden, vor allem für Studienanfänger*innen: Online-Lehre, kein Campusleben, keine Lerngruppen, keine Studentenpartys, kein Mensa-Besuch, kein gemeinsames Kaffeetrinken zwischen den Lehrveranstaltungen, kein persönlicher Kontakt zu den Dozierenden. Dazu ein Gefühl der Überforderung und finanzielle Nöte wegen weggefallener Nebenjobs in Branchen wie der Gastronomie. Einige mussten sogar ihr WG-Zimmer aufgeben und wieder zu den Eltern ziehen. Die Einschränkungen waren enorm und beeinfluss(t)en die physische und psychische Gesundheit von vielen Studierenden.

Das fehlende Campusleben aber wirkte nachhaltig auf hohem Niveau über alle Altersgruppen und Geschlechter hinweg."

Leonie Otten startete vier Studien, in denen sie diese Einflüsse genauer untersuchen wollte. Was waren diese Belastungen genau? Und was würde den Studierenden helfen, besser mit diesen Belastungen umzugehen? „Was immer eine große Rolle spielte und zwar egal ob angespannter Winter oder gelockerter Sommer, waren die fehlenden Kontakte, die damit verbundene Einsamkeit, ein hoher Workload, den man allein bewältigen musste, gepaart mit einer fehlenden Lernmotivation. Das hatte große Auswirkungen auf die körperliche, vor allem aber auf die mentale Gesundheit der Studierenden. Andere Faktoren, die am Anfang der Pandemie noch eine Rolle spielten, flauten mit der Zeit ab, wie beispielsweise die Angst vor Ansteckung oder selbst die finanzielle Belastung. Das fehlende Campusleben aber wirkte nachhaltig auf hohem Niveau über alle Altersgruppen und Geschlechter hinweg.“ Während einige sich recht gut damit arrangieren konnten, fielen andere in ein Loch. „Faktoren wie Resilienz, soziale Unterstützung und positives Denken sorgen dafür, mit dieser Krisensituation besser umzugehen“, fand die Nachwuchswissenschaftlerin heraus und beschloss, diese Schutzfaktoren proaktiv zu fördern, um Studierenden zu helfen. Sie organsierte Online-Vernetzungstreffen, „schob Dienst“ am neu gegründeten Sorgentelefon der Uni und organsierte Impftermine für Studierende. So gingen Forschung, ehrenamtliches Engagement und irgendwie auch Alltag für sie nahtlos ineinander über. Gar nicht schlimm, findet sie: „Dieses Gefühl, meine Forschung verläuft sich nicht, sondern ich kann einen Beitrag leisten und Menschen helfen, das ist es, was mich antreibt – und was letztlich auch immer wieder zu diesen Synergien führt.“

...ein gutes Beispiel dafür, wie beim Thema Gesundheitsforschung vieles ineinandergreift."

Das habe sie ganz besonders in ihrer letzten Studie für ihre Doktorarbeit gemerkt, die sie im vergangenen Sommersemester dann doch noch im Bereich Klimagesundheit durchführen konnte. Gemeinsam mit dem Gesundheitsmanagement der Uni Erfurt hat sie für Studierende ein Wissensbuffet zum Thema klimaverträgliche Ernährung veranstaltet. Dabei hat sie gemeinsam mit einer Ernährungsberaterin gekocht und während des Essens mit den Teilnehmenden „Wissenshappen“ verteilt. „Die Veranstaltung habe ich dann verbunden mit Diskussionen zum Thema und mit einer Datenerhebung für meine Studie. Das heißt, ich habe die Studierenden vor dem Wissensbuffet, direkt danach und vier Wochen später zu ihrem Wissen, ihren Einstellungen und der Umsetzung von Handlungsempfehlungen für eine klimaverträgliche Ernährung befragt.“ Die evaluierten Daten kann sie nun für ihre Dissertation nutzen. Und mit ihrer Lehrtätigkeit im Bereich Gesundheitskommunikation konnte sie das Wissensbuffet auch gleich noch verbinden: In ihrem Seminar zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement haben Studierende selbst Wissenshappen geschrieben, haben Infomaterial designt, haben gelernt, wie man Finanzierungsanträge für solche Projekte bei den Krankenkassen schreibt und wie solche Maßnahmen ausgewertet werden. „Das Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, wie beim Thema Gesundheitsforschung vieles ineinandergreift.“ Das haben auch immer mehr Akteure in der Wirtschaft erkannt. Bisher gibt es dort jedoch noch wenig Forschung zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Leonie Otten kann sich vorstellen, dass sich das bald ändert und dass auch das Interesse daran, wie man Verhalten beeinflusst, steigen wird. Zukunftsängste plagen sie deshalb nicht, einen Plan B wird es ganz bestimmt geben, wenn Sie ihren Doktortitel spätestens Ende 2023 in der Tasche hat. Mit Abstand ihre erste Wahl wäre aber eine akademische Karriere mit der Leitung eines Postdoc-Projektes an der Uni Erfurt. „Mein Herz schlägt einfach für die Wissenschaft“, bekräftigt sie und schiebt ihren Laptop in den Rucksack. Sie muss für ihre Studierenden noch Notenbescheinigungen ausstellen, bevor sie ein paar Tage Urlaub machen kann. Ob sie diesmal etwas abschaltet oder ihr doch wieder lauter Forschungsideen kommen? Wer weiß…   

Kontakt:

Doktorandin
(Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft)
LG4/213