Pauline studiert im Master-Studiengang „Angewandte Linguistik“ mit dem Schwerpunkt Sprachverarbeitung. Im Interview erzählt sie, warum sie sich in die Linguistik „verliebt“ hat, welche Rolle Eyetracking und andere psycholinguistische Experimente im Studium spielen – und weshalb Erfurt für sie die perfekte „Einsteiger-Großstadt“ ist.
Warum hast du dich für den Master „Angewandte Linguistik“ an der Universität Erfurt entschieden?
Ich wollte eigentlich Erziehungswissenschaften studieren, habe mich aber während des Bachelor-Studiums an der Uni Bayreuth sofort in die Linguistik verliebt. Mir war klar, dass es für mich unbedingt in dieser Richtung weitergehen soll. Auf den Master-Studiengang an der Universität Erfurt bin ich schon relativ früh gestoßen und war total begeistert von den Inhalten bezüglich Sprachverarbeitung und -erwerb. Das klang nach einer idealen Ergänzung und Erweiterung meiner bisherigen Studieninhalte. Außerdem hat mich die Aufteilung des Masters in verschiedene Schwerpunkte (Sprachverwendung, Sprachverarbeitung, Spracherwerb), aber auch die Option, verschiedene Richtungen vertiefen zu können, überzeugt. Da ich aus Thüringen komme und schon öfter in Erfurt war, lag die Entscheidung nah, hier zu studieren – auch weil sich die Stadt schon ein bisschen nach Zuhause angefühlt hat. Dadurch war die Umstellung nach dem „Corona-Bachelor“ und von der Heimat-Kleinstadt heraus nicht zu überfordernd. Auch wenn mir Erfurt am Anfang riesig vorkam, war es für mich eine sehr gute „Einsteiger-Großstadt“ (für viele ist Erfurt wahrscheinlich eher klein als groß :D). Ich entdecke hier immer noch neue wunderschöne Orte.
Was interessiert dich besonders an Psycholinguistik?
Ich glaube, uns ist gar nicht bewusst, welche komplexen sprachbezogenen Vorgänge wir tagtäglich und scheinbar mühelos absolvieren und was eigentlich auch alles dabei schiefgehen kann. Zudem steckt hinter Sprache weit mehr als man auf den ersten Blick annimmt: Natürlich geht es oft um Sprechen und Hören/Verstehen, Lesen, Schreiben, Gebärden, Begreifen, aber auch um so viel mehr. Sprache ist nicht nur Kommunikation – Sprache ist Denken, Sprache ist Leben. Sprachliche Vorgänge und Verarbeitungswege mit psycho- und neurolinguistischen Methoden zu untersuchen, fasziniert mich ungemein, weil es noch immer so viele ungeklärte Fragen und spannende Aspekte zu erforschen gibt – immerhin ist es ja gar nicht so leicht, jemandem „in den Kopf zu schauen“. Die schiere Bandbreite an Fragestellungen und Forschungsgebieten macht es meiner Meinung nach recht schwer, Langeweile zu empfinden. Vielmehr ist es oft schwierig, die eigene Neugier im Zaum zu halten und sich auf ein Thema zu beschränken.
Welche Inhalte oder Methoden der Linguistik findest du am spannendsten?
Mein gewählter Studienschwerpunkt setzt sich aus Psycho-, Neuro- und Klinischer Linguistik zusammen. Aus der Perspektive dieser Bereiche finde ich insbesondere den ersten Laut-sowie Schrifterstspracherwerb, Gebärdensprachen, Prosodie (Prosodie bezeichnet die rhythmischen und melodischen Eigenschaften gesprochener Sprache z. B. Intonation, Betonung, Lautstärke, Dehnung, Pausen usw.) sowie gestörten Spracherwerb und erworbene Sprachstörungen interessant. Diese Themen dann mit experimentellen Online-Methoden wie z. B. Eyetracking zu untersuchen, ist besonders spannend und eröffnet noch einmal ganz neue Perspektiven.
Hast du an Experimenten mitgewirkt oder selbst welche durchgeführt? Wenn ja, wie lief das ab?
Ja, ich konnte als Wissenschaftliche Hilfskraft, aber auch in Lehrveranstaltungen an Experimenten mitwirken. Einmal ging es um Eyetracking – dabei werden die Blickbewegungen von Teilnehmer*innen aufgezeichnet und anschließend verschiedene Muster untersucht. In dem konkreten Experiment ging es um den Einfluss von betonten Silben beim Lesen. Ich konnte hierbei das Eyetracking mit Studierenden durchführen – das war ziemlich cool! In einem anderen psycholinguistischen Experiment wurden ebenfalls Wortakzentmarkierungen beim Lesen untersucht – allerdings sollten Teilnehmende dabei Wörter laut vorlesen. Hier habe ich ebenfalls an der Datenerhebung und teilweise auch an der Auswertung der Tonaufnahmen mitgewirkt. Für ein Gruppenprojekt konnte ich ein Experiment zum Priming von Kollokationen durchführen. Beim Priming untersucht man, ob durch ein vorausgehendes „Prime-Element“ die Wahrnehmung, Verarbeitung und Erwartung eines nachfolgenden Zielelements beeinflusst wird. Kollokationen sind typische Wortpaare bzw. häufig gemeinsam auftretende Wortverbindungen wie z. B. „starker Kaffee“ oder „eine Entscheidung treffen“.
Im Rahmen meines Praktikums habe ich außerdem bei psycho-/neurolinguistischen EEG-Experimenten assistieren können. Da kamen nochmal ganz neue Erfahrungen dazu. Über das ErfurtLab habe ich auch immer mal in andere, teils fachfremde Studien reingeschnuppert und an Experimenten teilgenommen. Das kann ich wirklich empfehlen, um einen Einblick in unterschiedliche Datenerhebungen und Forschungsmethoden zu erhalten (und sich ein bisschen was dazu zu verdienen ;-)).
Wie würdest du die Betreuung durch die Dozierenden in deinem Master-Studium beschreiben?
Wir sind ein recht kleiner Master, deshalb sind wir Studierenden nicht anonym und kennen die Dozierenden persönlich – das finde ich sehr schön. Man hat so auch die Möglichkeit, fast alle aus dem Studiengang – zumindest dem eigenen Schwerpunkt – mal kennenzulernen und schwimmt nicht in einer großen unbekannten Masse mit. Die Lehrveranstaltungen finden meist in Kleingruppen statt, was eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen und spannende Projekte ermöglicht.
Wie hat sich dein Blick auf Sprache durch das Studium verändert?
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass er sich verändert, aber auf jeden Fall erweitert hat. Im Bachelor habe ich z. B. spezifische sprachwissenschaftliche Phänomen hauptsächlich qualitativ untersucht, während ich jetzt in meinem Master-Schwerpunkt ganz neue Ansätze gelernt habe, um verschiedenste sprachliche Aspekte eigenständig zu erforschen und entsprechende Ergebnisse auch mit quantitativen Methoden zu validieren. Die Mischung macht’s und mit jeder Lehrveranstaltung erweitert sich mein sprachwissenschaftlicher Horizont.
Was würdest du Studieninteressierten sagen, die überlegen, sich zu bewerben?
Wenn man linguistische Theorie-Grundlagen hat und gern „irgendwas mit Sprache“ machen will, ist der Master auf jeden Fall eine gute Wahl! Durch die unterschiedlichen Schwerpunkte hat man die Möglichkeit, verschiedene Anwendungsgebiete kennenzulernen – von Fremdsprachlehre über Sprachdiagnostik bis hin zur Diskursanalyse u.v.m. Das Spektrum ist breit, so dass jede Person einen passenden Schwerpunkt für sich finden kann. Gleichzeitig eröffnet der Studiengang viele unterschiedliche berufliche Wege und Entwicklungsmöglichkeiten, man sollte also bereit sein, sich seine eigene Nische zu suchen oder zu schaffen. Diese Offenheit bietet aber natürlich auch Vorteile wie Flexibilität, Kreativität und die Möglichkeit, sich in verschiedenen Bereichen auszuprobieren. Zudem enthält das Master-Programm einen großen Anteil an wissenschaftlichen Grundlagen, die auch einen akademischen Berufsweg ermöglichen.
Auf dem Instagram-Kanal des Seminars für Sprachwissenschaft hast du bei den Buchempfehlungen verraten, dass du Fantasyleserin bist: Gibt es ein Buch, auf das du dich schon lange freust, aber noch nicht begonnen hast zu lesen?
Mehrere :D Da stehen noch einige in meinem Bücherregal, die darauf warten, endlich mal gelesen zu werden. Die müssen sich leider erstmal hinter den ganzen Fachartikeln für die Master-Arbeit anstellen. Aber bekanntermaßen sind Bücher-Lesen und Bücher-Sammeln ja auch zwei verschiedene Hobbys – ich bin also momentan mehr Bücherdrache als Leseratte.