Für ihren Blog „Eastplaining. Der Ostblog”, den sie zusammen mit Hanna Müller betreibt, ist Weronika Vogel, Doktorandin an der Universität Erfurt, mit dem Karl-Wilhelm-Fricke-Nachwuchspreis 2026 der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ausgezeichnet worden. Höchste Zeit, sie und das Projekt einmal vorzustellen…
„Mit ‘Eastplaining. Der Ostblog’ haben Weronika Vogel und Hanna Müller eine Plattform geschaffen, die ostdeutsche Erfahrungen, Geschichte und Gegenwart aus der Perspektive junger Ostdeutscher sichtbar macht und die öffentliche Debatte um ostdeutsche Erfahrungen und gesamtdeutsche Erinnerung um eine wichtige junge Stimme bereichert”, lobte die Jury die Preisträgerinnen anlässlich der Verleihung im Juni 2026. In Artikeln, Buch- und Filmrezensionen, aber auch Interviews setzen sich die beiden jungen Frauen mit Fragen der DDR-Aufarbeitung, ostdeutscher Identität und den Nachwirkungen der deutschen Einheit auseinander und bringen damit zugleich eine Perspektive der Generation Z in den öffentlichen Diskurs ein. Der Blog richte sich dabei gegen verkürzte Deutungen, so die Jury weiter. Er setze auf differenzierte Einordnung und Vielstimmigkeit und lade zur Auseinandersetzung ein – ohne Ostdeutschland zu idealisieren oder zu problematisieren. Die Jury würdigte besonders, dass sich ‘Eastplaining’ mit dem Anspruch, komplexe Themen in sorgfältig recherchierten Texten zugänglich zu machen, von auf schnelle Zuspitzung angelegten Formaten in Sozialen Medien abhebt und zugleich einen Beitrag zur historisch-politischen Bildung junger Menschen leistet.
Kennengelernt haben sich die beiden in Görlitz aufgewachsenen Autorinnen 2022 an einem Abendbrottisch des Jugendsporthotels Naumburg an der Saale – Weronika studierte damals an der Universität Erfurt, Hanna an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Als Stipendiatinnen der Studienstiftung des deutschen Volkes waren sie nach Naumburg zu einem Willkommenswochenende eingeladen worden. „Wir haben dabei über unsere Erfahrungen als im Osten aufgewachsene Nachwendekinder gesprochen. Seitdem sehen wir uns regelmäßig”, sagt Weronika. „Eigentlich war der ‘Ostblog’ eine Sofa-Idee. Im Frühjahr 2023 haben wir dann einfach damit angefangen”, erinnern sich Weronika und Hanna. „Wir hatten eine solche Fülle an Erfahrungen, an denen wir auch andere teilhaben lassen wollten, da drängte sich ‘Eastplaining’ geradezu auf. In den Medien und persönlichen Gesprächen haben wir oft erlebt, dass westdeutsch sozialisierte Personen meinten, uns unsere Heimat besser erklären zu können, als wir selbst dazu in der Lage sind – teilweise, ohne jemals hier gewesen zu sein. Ein klassischer Fall von ‘Westplaining’. Dem wollten wir etwas entgegensetzen und erzählen, was es für uns persönlich bedeutet, im östlichen Teil eines Nachwende-Deutschlands aufzuwachsen. Dass wir dafür jetzt einen Preis bekommen haben, das ist einfach total krass und für uns auch eine echte Wertschätzung, für die wir sehr dankbar sind."
Zu erzählen gibt es dabei jedenfalls eine Menge: die Schulzeit im Osten, was es bedeutet, frei reisen zu können, was dran ist am „Jammer-Ossi“, ostdeutsche Literatur in der Schule, Heimatgefühle… „Uns ist es wichtig, einen Diskursraum zu schaffen, einen Raum, in dem sich Ost und West begegnen und sich über ihre Erfahrungen austauschen können, weil es auch nach 35 Jahren gemeinsames Deutschland nach wie vor sichtbare Unterschiede gibt und wir das Gefühl haben, dass sich die Leute nicht genügend damit beschäftigen. Wir möchten einen Beitrag dazu leisten, dass das auf einer breiteren Ebene geschehen kann.“ Weronika und Hanna geht es um die kleinen Dinge des Alltags, um Erinnerungen und Zukunftsträume, ebenso wie um das große Granze – das Zusammenleben im wiedervereinten Deutschland und letztlich auch um Freiheit und Demokratie. „Während wir in aller Freiheit schreiben und teilen können, was wir möchten, sind unsere Eltern und Großeltern in der SED-Diktatur und in der Volksrepublik Polen aufgewachsen. Sie durften nicht frei wählen, sprechen, schreiben und über ihre Zukunft entscheiden, ohne mit teils schlimmen Konsequenzen rechnen zu müssen. Wir sind ihnen und all jenen dankbar, die trotz aller Widrigkeiten ein gerechtes Leben im ungerechten System führen wollten und sich in der Wendezeit für eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder eingesetzt haben. Die Demokratie, in der wir leben dürfen, ist für uns nicht selbstverständlich”, schreiben die beiden jungen Frauen in einem ihrer jüngsten Blogposts.
Weronika hat die DDR selbst nicht mehr miterlebt. Gleichwohl wuchs sie als „Ostkind” auf – mit zwei jüngeren Geschwistern in Görlitz, also direkt an der polnischen Grenze. Ihr Vater stammt aus Mecklenburg, ihre Mutter aus Wrocław in Polen. Sie machte 2019 ihr Abitur, lebte danach eine Weile auf der Insel Sideia in Papua-Neuguinea bis sie 2020 an der Universität Erfurt ihr Bachelor-Studium in Katholischer Religion und Mathematik aufnahm. Später folgte ein Master-Studium in „Theologie und Wirtschaft”. Für ihre Master-Arbeit „Zwischen Rosen- und Ährenkranz. Katholiken in der NVA” wurde sie 2025 mit dem Förderpreis der Fakultät ausgezeichnet. Geschrieben hat sie immer gern, zum Beispiel wenn sie unterwegs war. Die beiden Blogs Weronika in Papua-Neuguinea und Weronika in Texas zeugen davon. Und auch in Sachen Podcast – romanXish und Transgenerational – hat sie sich ausprobiert. Anfang vergangenen Jahres veröffentlichte Weronika zusammen mit Marlen Bunzel das Buch „Frauenporträts. Katholische Theologinnen aus der DDR erinnern sich”. Seit 2025 arbeitet sie überdies als Länderreferentin für west- und zentralafrikanische Länder in der Auslandsabteilung von missio Aachen. Das „Ost-Thema” ist ihr nach wie vor ein Anliegen: Derzeit arbeitet sie an der Universität Erfurt an ihrer Promotion über Katholische Theologinnen im Ostblock.
Mit der Förderung aus dem Karl-Wilhelm-Fricke-Nachwuchspreis können sie und Hanna ihren gemeinsamen Blog nun für weitere Jahre finanzieren und so mit „Eastplaining” auch weiterhin unabhängig bleiben. „Wir möchten, dass unsere Texte frei zugänglich für alle sind und wünschen uns, mit unserem Blog noch lange einen Beitrag zu einem differenzierten demokratischen Diskurs leisten zu können. Aber von allen, die uns zuhören und lesen, wünschen wir uns auch: Bleibt nicht in euern Blasen, so bequem es auch sein mag. Wenn wir uns immer nur mit uns selbst unterhalten, mag das zwar positiv bestärkend wirken, bringt uns auf lange Sicht als Gesellschaft jedoch nicht weiter.”
… hat den gesetzlichen Auftrag, die umfassende Aufarbeitung der Ursachen, Geschichte und Folgen der Diktatur in Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und DDR zu befördern, den Prozess der Deutschen Einheit zu begleiten und an der Aufarbeitung von Diktaturen im internationalen Maßstab mitzuwirken. Gemeinsam mit anderen Institutionen und zahlreichen Partnern im In-und Ausland unterstützt sie die Auseinandersetzung mit den kommunistischen Diktaturen in der SBZ/DDR und in Ostmitteleuropa, um das öffentliche Bewusstsein über die kommunistische Gewaltherrschaft zu befördern. Seit 2017 verleiht die Stiftung den Karl-Wilhelm-Fricke-Preis.