Ein Stipendium kann mehr sein als ausschließlich finanzielle Unterstützung: Es eröffnet Freiräume, schafft Netzwerke und stärkt das Selbstvertrauen. Eine Studentin und eine Absolventin der Universität Erfurt erzählen, wie sie zu ihrer Förderung gekommen sind und warum sie anderen Mut machen möchten, sich ebenfalls zu bewerben. Für die beiden hat es sich schon einmal gelohnt: Mit dem Stipendium haben sie ein Stück Freiheit erhalten, das ihnen ein sorgloseres Studium ermöglicht und neue Perspektiven eröffnet hat.
Ich habe die Freiheit, mich ganz auf mein Studium zu konzentrieren.“ Alicia Strobach
Wenn Alicia Strobach über ihr Stipendium spricht, klingt Dankbarkeit, aber auch Stolz mit. Die 24-Jährige studiert Staatswissenschaften (Schwerpunkt Sozialwissenschaften) im Master an der Universität Erfurt und wird seit ihrem zweiten Bachelor-Semester von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Den entscheidenden Hinweis bekam sie eher zufällig über ein Freiwilliges Soziales Jahr: „Ich habe mein FSJ bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg gemacht. Gegen Ende hieß es dann: ‚Bewirb dich doch mal auf ein Stipendium – du würdest in Frage kommen.‘ So bin ich überhaupt erst darauf aufmerksam geworden.“ Von allein wäre sie wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, sich auf ein Stipendium zu bewerben, sagt Alicia heute.
Die Bewerbung bei der Bundesstiftung sei zwar aufwendig und umfangreich, letztlich aber machbar gewesen: Lebenslauf, Motivations- und Empfehlungsschreiben und Nachweise über ehrenamtliches Engagement und erbrachte Praktika müssen eingereicht werden. „Man muss schon Zeit investieren“, erinnert sich Alicia, „aber es lohnt sich.“ Wichtig sei, sich nicht von vermeintlichen Leistungsanforderungen abschrecken zu lassen. Es gehe „nicht nur um gute Noten, sondern auch darum, Haltung und Engagement zu zeigen. Man muss keine Eins-Komma-Null haben, mehrere Sprachen fließend sprechen oder sechs Instrumente spielen können. Begabung ist ein Spektrum – und Engagement kann ganz unterschiedlich aussehen“, gibt Alicia auf die Frage zu bedenken, worauf es bei einer Bewerbung ankommt. Bei einer politischen Stiftung sollte man sich darüber hinaus im Klaren sein, wo man sich selbst politisch verortet und einbringen möchte. Alternativ gibt es auch Förderwerke ohne politischen Schwerpunkt. Regelmäßig eingereichte Notenberichte und Immatrikulationsbescheinigungen seien aber bei fast allen Förderungswerken nötig, um im Studienverlauf weiter unterstützt zu werden. Verlängerungen über die Regelstudienzeit hinaus seien dann möglich, wenn man bspw. aufgrund eines Auslandssemesters oder der Pflege von Angehörigen mehr Zeit brauchen sollte.
Die Förderung bedeute für die Master-Studentin vor allem Unabhängigkeit: „Das Stipendium ermöglicht mir sehr viel Freiheit. Ich muss nicht ständig darüber nachdenken, wie ich meine Miete bezahle. Dadurch muss ich neben dem Studium nicht arbeiten und kann mich ganz auf meine Leistungen und mein Engagement konzentrieren.“ Doch das Stipendium umfasst weit mehr als eine finanzielle Unterstützung: Die Stiftung bietet ihren Stipendiat*innen Workshops, politische Bildung und ein Netzwerk engagierter Menschen – etwas, das Alicia besonders schätzt. „Die ideelle Förderung hilft gerade mir als erster Person in meiner Familie, die studiert, enorm. In so einem Umfeld fühle ich mich zum ersten Mal richtig verstanden. Es ist schön, Menschen zu treffen, die ähnliche Fragen haben – zum Beispiel, wie man Bildungsgerechtigkeit leben kann.“ So etwa in dem stiftungseigenen Arbeitskreis für Literatur und Gesellschaft oder bei verschiedenen Regionaltreffen der Stiftung. Auch im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit hat sich Alicia mit der Frage auseinandergesetzt, welche Rolle ein ostdeutscher Hintergrund im Aufnahmeverfahren für ein Stipendium spielt. Inzwischen in der Digitalen Bibliothek Thüringen veröffentlicht, zeige die Arbeit, dass es weniger um die Relevanz des ostdeutschen Hintergrunds in den Bewerbungsverfahren geht, sondern vielmehr um die kulturellen und strukturellen Unterschiede der Bewerbungsbereitschaft. Auch deswegen setzt sich Alicia persönlich für mehr Chancengerechtigkeit im Stipendienwesen ein, um die Teilhabe ostdeutscher Studierender zu stärken.
Alicias Rat an andere Studierende, die sich bisher noch nicht (erfolgreich) um ein Stipendium beworben haben: „Stellt euer Licht nicht unter den Scheffel! Viele denken, sie sind nicht gut genug. Aber man kann nur gewinnen – selbst wenn man am Ende ‚nur‘ die Erfahrung des Bewerbungsprozesses sammeln sollte.“
Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffen könnte.“ Weronika Vogel
Auch Weronika Vogel, die im vergangenen Semester ihr Master-Studium Theologie und Wirtschaft an der Universität Erfurt abgeschlossen hat, war nach dem dritten Semester im Bachelor einige Jahre Stipendiatin, und das – ähnlich wie bei Alicia – eher durch einen Zufall: „Zu meiner großen Überraschung habe ich eines Tages ein Schreiben in meinem Briefkasten gefunden. Darin hatte mich das Prüfungsamt der Universität Erfurt für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen. Ich wusste gar nicht, was das ist, fand das Ganze etwas kryptisch und wollte mich erst gar nicht bewerben.“ Schließlich hätten Freundinnen ihr dabei geholfen, anfängliche Zweifel zu überwinden und es wenigstens zu versuchen. „Ich dachte, ich habe eh keine Chance“, erzählt uns Weronika, die damals im Bachelor Katholische Religion und Mathematik studiert hat. „In meiner Familie und meinem Umfeld waren Stipendien gänzlich unbekannt und ich dachte nicht, dass das etwas für mich sein könnte.“
Die Studienstiftung des deutschen Volkes veranstaltet nach Prüfung der eingereichten Unterlagen Auswahlseminare an einem Wochenende, in denen sich potenzielle Stipendiat*innen in Gesprächen mit der Auswahlkommission und bei Gruppendiskussionen und Referaten beweisen müssen. Das Auswahlseminar empfand Weronika als „stressig, aber auch sehr inspirierend“. Wenn sie heute zurückblickt, ist sie vor allem sehr froh und erleichtert, dass sie es durchgezogen hat, denn am Ende kam die Zusage: „Ich bin unglaublich froh, dass ich mich getraut habe. Das Stipendium hat mein Leben nachhaltig verändert.“
Neben der monatlichen Förderung, ohne die ein Studium für Weronika so kaum möglich gewesen wäre, hat sie vor allem von der ideellen Unterstützung der Stiftung profitiert: „Ich war auf einer Sommerakademie in Weimar, habe einen Sprachkurs in Barcelona besucht und war drei Wochen in Rouen. All das wurde bezahlt – inklusive Anreise, Unterkunft und Verpflegung. Und das Beste: Man lernt dort so viele faszinierende Menschen kennen.“ Diese wertvollen Erfahrungen haben Weronikas Selbstvertrauen gestärkt und ihren Blick auf Bildung verändert. Heute engagiert sie sich selbst bei der Initiative ApplicAid e. V. als Team-Lead des Workshopsteams, um Schüler*innen und Studierende über Fördermöglichkeiten und die Stipendienbewerbungen zu informieren: „Ich sage immer: Versucht es! Selbst wenn es nicht klappt, habt ihr nichts verloren – aber vielleicht ganz viel gewonnen: Wissen, Kontakte, Mut, Selbstvertrauen und manchmal auch drei Wochen Frankreich.“
Und jetzt? Weronika arbeitet seit September 2025 als Länderreferentin bei missio Aachen, einem katholischen Hilfswerk, und beschäftigt sich weiter mit Forschungsprojekten an der Universität Erfurt. Auch auf diesen neuen Wegen hilft ihr die langjährige Förderung: „Überhaupt merke ich, dass ich mir viel mehr zutraue, neue Sachen ausprobiere, die ich früher von vornherein für mich ausgeschlossen hätte.“
Chancenräume statt Auslese
Ob politische, religiöse oder gewerkschaftliche Stiftung – Alicia betont in unserem Gespräch, dass „Stipendien keine Geheimclubs sind bzw. es nicht sein sollten, sondern Chancenräume für alle, die sich engagieren“. Deshalb hat sie zusammen mit Weronika und weiteren Stipendiat*innen die Hochschulgruppe Stipendiennetzwerk Erfurt gegründet. Neben regelmäßigen Treffen und der Vernetzung untereinander ist es den Mitgliedern des Zusammenschlusses wichtig, ein Forum für Austausch, gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Projekte zu schaffen – über die einzelnen Förderungswerke hinweg. In Kooperation mit ApplicAid e.V. arbeiten sie daran, Stipendieninformationen noch zugänglicher zu machen. So soll in Zukunft allen Interessierten eine Plattform angeboten werden, um sich über Stipendien und Fördermöglichkeiten zu informieren, damit mehr Menschen auf die finanziellen und ideellen Förderungen aufmerksam gemacht werden.
Neben dem Beratungs- und Informationsangebot, das die beiden inzwischen an der Universität Erfurt mit initiiert haben, raten sie allen, die sich auf Stipendien bewerben möchten, sich zunächst selbst einmal zu reflektieren. Damit man weiß, „wo man steht und wie man sich engagiert“, erläutert Alicia. „Das ist der erste Schritt, um zu prüfen, bei welcher Stiftung ich mich bewerben könnte. Dann lohnt es sich, Stipendiat*innen dieser Stiftung anzuschreiben oder Vertrauensdozierende an der Uni darauf anzusprechen.“ Alicia und Weronika wissen beide, dass es für die Bewerbungsprozesse und Auswahlverfahren sehr viel Mut braucht, vor allem wenn man eben nicht aus einem akademischen Elternhaus kommt oder andere Hürden zu meistern hat.
„Ein Stipendium ist kein Preis für Perfektion“, sagt Alicia, „sondern eine Einladung, die eigenen Potenziale zu entfalten“. Und Weronika ergänzt: „Ich wünschte, jemand hätte mir früher gesagt, dass ich dafür gut genug bin. Deshalb will ich das jetzt an andere weitergeben.“ Ein Stipendium kann Türen öffnen – finanziell, persönlich und auch akademisch. Oder, wie Weronika es zusammenfasst: „Ein Stipendium ist mehr als Geld. Es ist ein Netzwerk, eine Unterstützung – und ein Stück Freiheit.“
Wer sich über Stipendien und Fördermöglichkeiten informieren möchte, findet auf unserer Website zur Studienfinanzierung eine Übersicht über verschiedene Programme und Ansprechpartner*innen.
Immer noch zu wenige Studierende wissen von den Möglichkeiten eines Stipendiums. Durch ein Stipendium entfällt möglicherweise die Beantragung von BAföG, auch die Notwendigkeit von Nebenjobs während des Studiums kann sich durch die monatlichen Zahlungen verringern. Zudem gibt es für Stipendiat*innen zahlreiche Bildungsangebote, Sommerakademien, Vernetzungstreffen usw., um sich über das Studium hinaus ein wertvolles Netzwerk aufzubauen. Die Begabtenförderung regt zum Reflektieren an und schafft Raum, sich über die eigenen Wünsche und Ziele klar zu werden.
Die Hochschulgruppe Stipendiennetzwerk Erfurt möchte in Kooperation mit ApplicAid e. V. allen Studierenden die Möglichkeit geben, sich über Stipendien zu informieren. Und sie bietet auch beim Bewerbungsprozess Unterstützung an, sei es zur besseren Einordnung der einzureichenden Unterlagen oder beim Korrekturlesen der Bewerbungs- und Motivationsschreiben. Parallel dazu möchte die Hochschulgruppe den Stipendiat*innen der Universität Erfurt ermöglichen, sich über die Stipendienförderwerke hinaus miteinander zu vernetzen.