„Ich probiere es einfach aus“: Jesse studiert ohne Abitur

On Campus
Im Hintergrund zwei schemehafte Köpfe mit unterschiedlichen Zeichen an der Stelle, wo sich das Gehirn befindet: Hintergrund rot-rosa, rechts das Porträtfoto von Jesse, lächelnd, hocherhobener Kopf, kurze braune Haare, dunkelgrüner Hoodie

Nicht jede Studienbiografie beginnt mit dem Abitur. Jesse beispielsweise hat nach seinem qualifizierenden Hauptschulabschluss zunächst eine Ausbildung zum Kinderpfleger und anschließend zum Erzieher gemacht. Heute studiert er im Bachelor an der Universität Erfurt Lehr-, Lern- und Trainingspsychologie im Hauptfach sowie Erziehungswissenschaft im Nebenfach. Neben seinem Studium engagiert er sich im Fachschaftsrat, zudem arbeitet er als studentischer Assistent und bringt sich in zahlreiche Projekte auf dem Campus ein. Im Gespräch erzählt Jesse, warum er sich trotz anfänglicher Unsicherheit für ein Studium entschieden hat, wie ihm seine Ausbildung dabei geholfen hat – und weshalb er anderen Mut machen möchte, ihren Bildungsweg nicht vorschnell zu begrenzen.

Ein Studium gehörte zunächst nicht zu Jesses Plan. Auch welche Möglichkeiten sich ihm mit seiner abgeschlossenen Ausbildung eröffneten, war ihm unklar. Und das waren nicht die einzigen unbeantworteten Fragen:

Ich wusste lange nicht, was Studieren eigentlich bedeutet. Ich habe einfach gedacht: Ich probiere es jetzt aus. Wenn es nichts wird, ist das auch okay – ich habe ja meine Ausbildung.“


Den Wunsch zu studieren, weckte schließlich seine Freundin, die an der Uni Erfurt Lehramt studierte und ihn gelegentlich mitnahm. Die Arbeit als Erzieher empfand er als durchaus fordernd, zugleich wuchs sein Bedürfnis, sich fachlich weiterzuentwickeln. Mit seiner abgeschlossenen Ausbildung im Rücken erschien ihm der Schritt ins Studium wenig riskant. Die Lust, etwas Neues auszuprobieren, überwog.

Dass ein Studium ihm weitere berufliche Möglichkeiten eröffnen würde – etwa die Übernahme von Leitungsaufgaben in pädagogischen Einrichtungen –, wurde Jesse allerdings erst mit der Zeit bewusst. Zunächst wollte er Erziehungswissenschaft studieren, weil er davon ausging, dass ihm nur dieses Fach offenstand. Erst bei einem Schnuppertag und im Gespräch mit der Studienberatung erfuhr er, dass er auch Psychologie studieren kann. Schließlich wechselte er im zweiten Semester sein Haupt- und Nebenfach.

Der Bewerbungsprozess verlief für Jesse unkompliziert: „Ich habe angerufen und gefragt, wie das funktioniert, habe dann mein Ausbildungszeugnis eingeschickt und eine Woche später hatte ich die Berechtigung, das Studium aufzunehmen.“

Dass ein Studium auch ohne Abitur möglich ist, wissen viele beruflich Qualifizierte nicht. Für Jesse wurde genau diese Möglichkeit zum Türöffner.

Berufserfahrung als Vorteil beim Studienstart
Im Studium merkte er schnell, dass ihm seine Ausbildung viele Vorteile verschafft. Er hatte bereits gelernt, selbstständig zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Auch fachlich konnte Jesse an viele Erfahrungen aus der Arbeit mit Kindern anknüpfen: „Das organisierte Lernen und Vorbereiten von Dingen habe ich in der Erzieherausbildung gelernt.“ Vor den ersten Prüfungen seines Studiums hatte er zwar Respekt, rückblickend fällt sein Fazit jedoch positiver aus als zunächst erwartet: „Ich dachte, das wird viel anspruchsvoller. Aber wenn man von Anfang an mitarbeitet und sich mit den Inhalten beschäftigt, ist vieles einfacher als gedacht.“

Auch sonst ist Jesse verhältnismäßig schnell angekommen: Schon im ersten Semester zog er in ein Wohnheim auf dem Campus. Für ihn war das eine der besten Entscheidungen: „Wie schnell man hier Freunde findet, hat mich überrascht. Wenn ich über den Campus laufe, sage ich mindestens sechs Mal ‚Hallo‘.“

Psychologie verstehen und anwenden
An seinem Studium begeistert Jesse besonders die Verbindung von Wissenschaft und Praxis. Statt Fakten auswendig zu lernen, möchte er verstehen, wie Menschen lernen, denken und sich entwickeln. Besonders interessieren ihn die Sozial- und Allgemeine Psychologie sowie empirische Forschung. Im empirischen Praktikum entwickelte seine Gruppe ein eigenes Forschungsprojekt, erhob Daten und wertete sie wissenschaftlich aus.

Auch während eines Praktikums beim Schulpsychologischen Dienst konnte Jesse sein Wissen bereits praktisch anwenden – etwa bei Coachings und Schulentwicklungsprozessen: „Man sieht, dass Gespräche etwas verändern können. Genau das macht mir Spaß.“

Gerade die Vielfalt an Anwendungsmöglichkeiten der Studieninhalte stellt Jesse heraus. Psychologische Grundlagen mit Bildungsfragen zu verbinden, eröffne Perspektiven – nicht nur in der Schulpsychologie, sondern auch in der Bildungsberatung, in der Personalentwicklung oder im Coaching.

Foto einer Veranstaltung: verschiedene Personen von hinten zu sehen, im Dunkeln, auf einer Bühne Leinwand mit Gehirn im Bierglas "Science tals in your local pub" und rechts steht Jesse mit Zetteln und Mikrofon in der Hand
Jesse bei einer Pint-of-Science-Erfurt-Veranstaltung, bei der Wissenschaftler*innen ihre Forschung in Cafés und Kneipen präsentieren

Das Campusleben mitgestalten
Neben dem Studium engagiert sich Jesse auch im „Psycho“-Fachschaftsrat. Dort organisiert er gemeinsam mit anderen Studierenden Veranstaltungen für Erstsemester, Stammtische und weitere Angebote, die den Austausch auf dem Campus fördern. Außerdem arbeitet er als studentischer Assistent in der Erziehungswissenschaft an der Professur für Inklusive Bildungsprozesse bei kognitiver und komplexer Beeinträchtigung, dort unterstützt er Forschungsprojekte und wissenschaftliche Veröffentlichungen. „Man bekommt viele Einblicke hinter die Kulissen und versteht plötzlich besser, wie Forschung und Wissenschaft eigentlich funktionieren“, erzählt Jesse.

Sein Rat an Studieninteressierte
Nach dem Bachelor möchte Jesse auf jeden Fall ein Master-Studium anschließen. Ob es später in die Schulpsychologie, Personalentwicklung oder einen anderen Bereich geht, lässt er sich noch offen. 

Sein Rat an alle, die mit einer Berufsausbildung über ein Studium nachdenken, fasst er so zusammen: „Man sollte es einfach wagen und ausprobieren. Denn nur wer es versucht, kann herausfinden, ob es wirklich das Richtige ist. Was früher unmöglich schien, kann heute schon funktionieren.“

Studieren ohne Abitur – welche Möglichkeiten gibt es?

Ein Studium ist auch ohne Abitur möglich. Für beruflich Qualifizierte gibt es je nach Vorbildung unterschiedliche Wege an die Hochschule. Welche Voraussetzungen gelten, hängt u. a. von der beruflichen Qualifikation, der Berufserfahrung, dem gewünschten Studiengang und der Hochschule ab.

Direkter Hochschulzugang:
Wer den Abschluss einer Meisterprüfung, den Abschluss des Bildungsgangs zur staatlich geprüften Techniker*in oder zur staatlich geprüften Betriebswirt*in erworben hat, kann direkt ein Bachelor- bzw. Erststudium aufnehmen. Ob ein anderer beruflicher Fortbildungsabschluss als gleichwertig anerkannt wird, muss zuvor von der Hochschule geprüft werden.

Studium auf Probe:
Wer eine mindestens zweijährige abgeschlossene Berufsausbildung und anschließend mindestens drei Jahre Berufspraxis in einem zum angestrebten Studiengang fachlich verwandten Bereich vorweisen kann, hat die Möglichkeit, zunächst i.d.R. zwei Semester auf Probe zu studieren. Nach dieser Probezeit entscheidet die Hochschule anhand der erbrachten Studienleistungen über die endgültige Einschreibung.

Wichtig: Die konkreten Regelungen unterscheiden sich je nach Bundesland und Hochschule. Informieren Sie sich deshalb frühzeitig bei der gewünschten Hochschule und der Studienberatung, ob Sie die Voraussetzungen für den gewünschten Studiengang erfüllen. Häufig ist außerdem eine Beratung vor der Bewerbung erforderlich, zudem müssen bestimmte Fristen eingehalten werden.

Für den Einstieg in ein Studium ohne Abitur lohnt sich daher vor allem die Frage: Welche berufliche Qualifikation und Berufserfahrung bringen Sie mit und welche Zugangsmöglichkeit bietet Ihnen die Hochschule für Ihren Wunschstudiengang?

Das Team „Studium und Lehre“ beantwortet Ihre Fragen