Ein wichtiger Bestandteil des Projekts war die partizipative Einbindung der verschiedenen Zielgruppen. Die Teilnehmenden wurden nicht lediglich zu fertigen Visualisierungen befragt, sondern aktiv in den Entwicklungsprozess einbezogen. Zunächst setzten sie sich mit bestehenden Darstellungen wie dem DGE-Ernährungskreis und der Ernährungspyramide auseinander: Was ist unmittelbar verständlich? Wo entstehen Missverständnisse? Welche Informationen fehlen? Anschließend vermittelten die Forschenden in zielgruppengerecht gestalteten Inputphasen aktuelle Ernährungsempfehlungen – bei den Kindern beispielsweise interaktiv mit realen Lebensmitteln und anschaulichen Mengenbeispielen. Wissenschaftskommunikation verlief damit in beide Richtungen: Wissenschaftliches Wissen wurde verständlich vermittelt, während die Teilnehmenden ihr Alltagswissen, ihre Erfahrungen und ihre eigenen Vorstellungen in den Forschungsprozess einbrachten. Anschließend entwickelten sie selbst Ideen und Prototypen für verständliche Ernährungsempfehlungen – individuell und gemeinsam im Team. Auch Lehrkräfte und Ernährungsberater:innen wurden partizipativ in den Entwicklungsprozess einbezogen: Sie brachten ihre Erfahrungen aus Unterricht bzw. Beratung ein und entwickelten auf dieser Grundlage gemeinsam eigene Visualisierungskonzepte und Prototypen.
Gerade dieser kreative Teil machte sichtbar, wo wissenschaftlich entwickelte Darstellungen im Alltag an Grenzen stoßen und wo konkret Herausforderungen der Visualisierungen bestehen. Besonders schwierig war für viele Teilnehmende beispielsweise die Frage, wie empfohlene Mengen und Portionen intuitiv dargestellt werden können. Flächenanteile, Handmaße, Portionen, Gläser oder Löffel wurden ausprobiert und gegeneinander abgewogen. Zugleich entstanden Ideen, die über eine einzelne statische Grafik hinausgingen: Visualisierungen sollten an unterschiedliche Ernährungsweisen oder gesundheitliche Bedürfnisse anpassbar sein und Informationen nicht unbedingt alle auf einmal zeigen. Insbesondere das Prinzip einer reduzierten Basisdarstellung mit zusätzlichen Informationsebenen erwies sich als einer von vielen Impulsen aus den Workshops. Die qualitative Arbeit half damit nicht nur zu verstehen, welche Darstellungen Menschen bevorzugen, sondern auch warum bestimmte Gestaltungsentscheidungen verständlich, missverständlich oder alltagsnah erscheinen.
Entscheidend war, dass diese Beteiligung nicht mit dem Workshop endete. Die Ideen aus den Fokusgruppen flossen direkt in die nächste Projektphase ein. Gerade dort, wo sich keine eindeutige Lösung zeigte – etwa bei Form, Farbe, Portionsdarstellung, Mengenkommunikation oder Text – wurden unterschiedliche Varianten gezielt in experimentellen Befragungen geprüft. Damit ging das Projekt einen Schritt über die Frage „Was gefällt?“ hinaus: Untersucht wurde, welche Gestaltung das tatsächliche Verständnis von Ernährungsempfehlungen unterstützt. Die Ergebnisse bestätigten unter anderem die Bedeutung konkreter Portionsdarstellungen und verständlicher Mengenangaben. Aus der Verbindung von Forschungsliteratur, fachlicher Expertise, partizipativ entwickelten Ideen und experimenteller Prüfung entstanden schließlich zielgruppenspezifische Prototypen. Die Perspektiven der Teilnehmenden prägen diese Ergebnisse sichtbar mit: Partizipation wurde so zu einem verbindenden Element zwischen Wissenschaft und Gesellschaft – und zu einem wichtigen Baustein dafür, wissenschaftliche Empfehlungen nicht nur für, sondern gemeinsam mit den Menschen verständlicher zu machen.
Besonders spannend war zu sehen, welche Anforderungen Menschen an die Visualisierung von Ernährungsempfehlungen haben und welche eigenen Ideen sie für eine verständliche Darstellung entwickeln. Die Teilnehmenden haben uns nicht nur Rückmeldung zu bestehenden Visualisierungen gegeben, sondern selbst gestaltet, diskutiert und Lösungen entwickelt. Diese Perspektiven waren für die weitere Forschung sehr wertvoll und sind unmittelbar in die experimentelle Prüfung und die Entwicklung der Prototypen eingeflossen.
Dr. Sabine Best, Projektteam FBDG VISUAL
Das Projekt endet am 30. September 2026. Aktuell werden die Ergebnisse für wissenschaftliche Veröffentlichungen aufbereitet und zugleich zielgruppenspezifisch für unterschiedliche Adressat:innen übersetzt. Ziel ist es, die gewonnenen Erkenntnisse sowohl der Fachöffentlichkeit als auch interessierten Bürger:innen verständlich und zugänglich zur Verfügung zu stellen. So sollen die im Projekt gemeinsam entwickelten Perspektiven über die Projektlaufzeit hinaus weiterwirken und sowohl die fachliche Diskussion als auch die praktische Vermittlung von Ernährungsempfehlungen unterstützen.

