Wie kann wissenschaftliche Unsicherheit so kommuniziert werden, dass sie verständlich bleibt, Orientierung bietet und zugleich das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung nicht unnötig beeinträchtigt? Dieser Frage widmen sich aktuell partizipative Workshops mit Bürger:innen aus Thüringen. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wird untersucht, wie Menschen Wissenschaft im Alltag erleben, was ihnen hilft, Forschungsergebnisse einzuordnen und wie wissenschaftliche Unsicherheit aus ihrer Sicht verständlich dargestellt werden kann. Dabei werden bewusst auch Orte außerhalb der größeren Städte aufgesucht, um Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Berührungspunkten mit Wissenschaft einzubeziehen.
Die Workshops verbinden Wissenschaftskommunikation und partizipative Forschung. Von Beginn an bringen die Teilnehmenden ihre eigenen Erfahrungen mit Wissenschaft und Forschung ein: wo ihnen wissenschaftliche Erkenntnisse im Alltag begegnen, über welche Wege sie sich informieren, was ihnen beim Verstehen und Einordnen hilft und welche Erwartungen sie an die Kommunikation von Forschungsergebnissen haben. Im Workshop wird Wissenschaft selbst verständlich und greifbar gemacht. Mithilfe von Storytelling, anschaulichen Charts, konkreten Studienbeispielen und Materialien aus der Wissenschaftskommunikation wird von der Workshopleiterin vermittelt, wie wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen, wie Studien durchgeführt und Ergebnisse eingeordnet werden und wie Forschung schließlich kommuniziert wird. Gerade anhand von Beispielen aus dem Gesundheitsbereich wird dabei deutlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht immer eindeutig oder endgültig sind: Ergebnisse können voneinander abweichen, Messungen und Methoden haben Grenzen, und neue Forschung kann bisheriges Wissen verändern. Wissenschaftliche Unsicherheit wird so nicht abstrakt erklärt, sondern anhand konkreter Fälle nachvollziehbar gemacht. Für Menschen, die wenig oder bislang keine direkten Berührungspunkte mit Forschung hatten, bietet der Workshop damit die Möglichkeit, wissenschaftliche Prozesse besser einzuordnen und zu verstehen, warum Unsicherheit ein normaler Bestandteil von Forschung ist.
Darauf baut der partizipative Entwicklungsteil des Workshops auf: Anhand eines aktuellen Beispiels setzen sich die Teilnehmenden gemeinsam damit auseinander, wie wissenschaftliche Unsicherheiten verständlich dargestellt werden können. Sie entwickeln eigene Ideen dafür, welche Informationen notwendig sind, welche Formulierungen verständlich sind und welche Darstellungsformen Orientierung geben können. Die Bürger:innen werden damit nicht lediglich zu bestehenden Kommunikationsmaterialien befragt, sondern entwickeln selbst Ideen und Lösungen. Ihre Alltagserfahrungen, Erwartungen und Verständnisschwierigkeiten werden zu einem aktiven Bestandteil des Forschungsprozesses.
Gerade darin liegt die Stärke des partizipativen Ansatzes: Wissenschaftskommunikation wird nicht nur für Bürger:innen entwickelt, sondern mit ihnen. Die Workshops eröffnen dabei einen Raum, in dem Wissen in beide Richtungen fließt: Forschende vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert und warum Unsicherheit zu Forschung dazugehört; Bürger:innen bringen ein, was sie zum Verständnis brauchen, welche Fragen bei ihnen entstehen und welche Formen der Kommunikation im Alltag tatsächlich hilfreich sind.
Es ist beeindruckend zu erleben, wie offen und interessiert die Teilnehmenden über Wissenschaft sprechen. Viele möchten ganz genau verstehen, wie Forschung funktioniert, und teilen zugleich sehr persönliche Erfahrungen damit, was ihnen beim Verstehen hilft oder wo Unsicherheiten entstehen. Diese Einblicke sind für uns sehr wertvoll, weil sie zeigen, wie Wissenschaftskommunikation noch stärker aus Sicht der Menschen gedacht werden kann.
Dr. Sabine Best, Leiterin des Teilprojekts
Die gewonnenen Perspektiven fließen in die weitere Forschung im Projekt UncertainTEAM ein und helfen dabei, wissenschaftliche Unsicherheit künftig adressat:innengerechter zu kommunizieren. Denn die Workshops sind eingebettet in ein vom BMFTR gefördertes Forschungsprojekt „UncertainTEAM – Zielgruppengerechte Kommunikation von wissenschaftlicher Unsicherheit in multiplen Krisen“ am Institute for Planetary Health Behaviour der Universität Erfurt. Ein interdisziplinäres Team aus Kommunikationswissenschaft, Soziologie, Bildungsforschung, Psychologie und Gesundheitskommunikation untersucht mit einem Mixed-Methods-Ansatz, wie wissenschaftliche Unsicherheit zielgruppengerecht kommuniziert werden kann. Neben den Workshops mit Bürger:innen werden auch Interviews mit Journalist:innen und Experimentalstudien durchgeführt.

