Für die nun im renommierten Fachjournal Nature Health veröffentlichte Studie „Evidence-based communications for extreme heat and health“ analysierte das Team um Erstautorin Dr. Mirjam Jenny elf Kommunikationsmaßnahmen aus Deutschland, Frankreich, Griechenland und den Niederlanden sowie Initiativen europäischer und globaler Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Grundlage waren drei Expert*innentreffen mit jeweils rund 20 Fachleuten aus Gesundheitsbehörden und Forschungseinrichtungen unterschiedlicher europäischer Länder, die zwischen Mai 2024 und Juni 2025 stattfanden. Untersucht wurden unterschiedliche Kommunikationsveranstaltungen u.a. Websites, Social-Media-Kampagnen, Flyer, Radiospots, Videos und Warnhinweise im öffentlichen Nahverkehr. Die Kampagnen richten sich an die Allgemeinbevölkerung ebenso wie an besonders gefährdete Gruppen, etwa ältere oder wohnungslose Menschen, sowie an Besucher*innen von Großveranstaltungen wie der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland oder den Olympischen Spielen in Paris.
Als besonders gelungen hebt die die Studie die Kampagne der französischen Gesundheitsbehörde Santé publique France hervor. Im Gegensatz zu klassischen, risikoorientierten Botschaften setzt sie auf ein positives, nutzenorientiertes Framing und vermittelt alltagsnahe Empfehlungen, etwa zum Kühlen von Wohnräumen oder zur Verbesserung der Schlafqualität während Hitzeperioden. Eine Befragung von mehr als 3.000 Teilnehmenden vor und nach der Kampagne zeigte: Das positive Framing erzeugte mehr Engagement als klassische, bedrohungsbasierte Kommunikation. Fast die Hälfte der Befragten gab an, mindestens eine empfohlene Schutzmaßnahme umgesetzt zu haben, mehr als 70 Prozent äußerten die Absicht, dies künftig zu tun.
Auch die Niederlande gehen mit gutem Beispiel voran: Das Nationale Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt (RIVM) hat den niederländischen Hitzeaktionsplan 2024 und 2025 erstmals seit 20 Jahren umfassend evaluiert. Die Ergebnisse führten zu einer Anpassung der Kommunikationsstrategie – weg von reiner Selbstschutz-Information, hin zur Botschaft „Passt aufeinander auf, wenn es heiß ist“, die insbesondere Pflegende und Angehörige anspricht.
Diese beiden Beispiele bleiben jedoch die Ausnahme. In den meisten untersuchten Ländern werden Kommunikationsmaßnahmen weder vor ihrer Einführung getestet noch nach ihrer Umsetzung hinsichtlich ihrer Wirkung auf Wissen, Risikowahrnehmung oder Schutzverhalten evaluiert. Häufig beschränkt sich die Erfolgskontrolle auf einfache Kennzahlen wie Website-Klicks. Die Studie zeigt zudem, dass die meisten Kampagnen weiterhin auf angstbasierte, verlustorientierte Botschaften setzen, während differenzierte Zielgruppenansprache – etwa für alleinlebende Ältere, Touristinnen und Touristen oder Beschäftigte in besonders belasteten Branchen – selten ist.
Ein weiteres zentrales Ergebnis: Zwischen den europäischen Ländern findet bislang kaum Austausch über wirksame Strategien, Materialien oder Evaluationsmethoden statt. Bestehende europäische Netzwerke und Institutionen werden dafür bislang zu wenig genutzt. Die Forschenden sprechen sich deshalb für einen stärker datenbasierten, theoriegeleiteten Ansatz in der Kampagnenentwicklung aus. Konkret empfehlen sie:
- den systematischen Vortest von Kommunikationsmaterialien vor deren Veröffentlichung,
- eine verpflichtende Wirkungsevaluation nach dem Rollout, orientiert an klaren, überprüfbaren Zielen,
- den Aufbau einer europaweiten Datenbank mit evidenzbasierten, bereits evaluierten Materialien zur gemeinsamen Nutzung,
- eine engere Zusammenarbeit zwischen europäischen Gesundheitsbehörden, um Ressourcen zu bündeln und voneinander zu lernen.
Das vom Bundesgesundheitsministerium am Institute for Planetary Health Behaviour der Universität Erfurt geförderte Projekt HEATCOM, das die Expert*innentreffen koordiniert hat, liefert dafür bereits eine Dateninfrastruktur: In Deutschland werden regelmäßig repräsentative Daten zu Hitzewissen, Risikowahrnehmung und Schutzverhalten der Bevölkerung erhoben. Diese zeigen etwa, dass rund zwei Drittel der Menschen aus besonders gefährdeten Gruppen sich ihres erhöhten Risikos gar nicht bewusst sind – ein Befund, der die Dringlichkeit gezielterer Kommunikation unterstreicht.
Fazit: Angesichts zunehmender Hitzeperioden reicht es nicht aus, Warnungen und Schutztipps zu verbreiten – ihre Wirksamkeit muss auch nachgewiesen werden. Die Forschenden rufen deshalb die europäischen Gesundheitsbehörden dazu auf, Kommunikationsstrategien künftig systematisch zu testen, zu evaluieren und länderübergreifend abzustimmen, um Menschenleben zu schützen.

