Thomas Sojer leitet die Bibliothek Hohenems an der österreichisch-schweizer Grenze und entwickelt Formate der Literaturvermittlung. An der Universität Erfurt promoviert er an der Professur für Philosophie mit einer Arbeit zu Simone Weil (1909–1943) und ihrem Begriff des Lesens.
In Forschung und Schreiben interessiert ihn eine Theologie, die Begriffe aus Praktiken der Aufmerksamkeit gewinnt und danach fragt, wie sie sich in konkreten Vollzügen realisieren und verkörpern: in Anrede, Zeichenarbeit und Übung.
Er untersucht, wie das „Du“ als grammatische Form Gottesrede und Ethik prägt, wie Tropen, Semiose sowie Bild- und Schriftspuren Wirklichkeit erschliessen, und wie Übung, Ritual, Theater und Performance als Erkenntnisformen dort weiterführen, wo Sprache allein an Grenzen stösst.
Herausgeberschaften
2026
2025
2019–
2018
2017
Monographie
2025
Aufsätze in Zeitschriften (Auswahl)
2026
2025
2024
2023
2022
2021
2020
2019
2017
2016
Beiträge in Sammelbänden (Auswahl)
2025
2024
2023
2022
2021
2020
Künstlerische Beiträge (Auswahl)
2023
2021
2018
Contact: thomas.sojer@uni-erfurt.de
Thomas Sojer heads Hohenems Library on the Austrian–Swiss border and develops programmes for literary engagement. At the University of Erfurt, he is completing a PhD in Philosophy on Simone Weil (1909–1943) and her concept of reading.
In his research and writing, he is interested in a theology that derives its concepts from practices of attention and asks how these are realised and embodied in concrete acts: in forms of address, semiotic practice, and spiritual exercise.
He examines how second-person address (‘You’) shapes discourse about God and ethics, how tropes, semiosis, and visual and textual traces disclose reality, and how exercise, ritual, theatre, and performance, as modes of knowing, take thought further where language alone reaches its limits.
Promotionsprojekt an der Professur für Philosophie bei Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski:
Simone Weils Begriff des Lesens
Die Dissertation untersucht Simone Weils Begriff des Lesens als eine grundlegende Weise, sich auf Wirklichkeit zu beziehen, und mehr als einen kulturellen oder technischen Vorgang. Ausgangspunkt ist eine markante Szene aus Weils Fabriktagebuch aus dem Jahr 1935: eine Begegnung mit einem Arbeiter an einem Jacquard-Webstuhl, der imstande war, im Lochkartenmuster das künftige Gewebe zu „lesen“. Für Weil stellte diese Szene ein philosophisches Problem dar. Die Fähigkeit des Arbeiters deutete darauf hin, dass Arbeit selbst als eine Kunst des Weltlesens verstanden werden kann: als eine Form des Erfassens und Begegnens, die nicht auf begrifflicher Beherrschung beruht, sondern auf geschulter Wahrnehmung, leiblich eingeübter Aufmerksamkeit und praktischer Fügsamkeit gegenüber der Notwendigkeit.
Indem die Dissertation die Entstehung und Ausarbeitung des Begriffs des Lesens in Weils Schriften rekonstruiert, zeigt sie, wie das Lesen zu einem Schlüsselbegriff wird, mit dem Weil das Verhältnis von Wahrnehmung und Denken, Seele, Leib und Geist, Handeln und Notwendigkeit neu bestimmt. Die Studie verfolgt diese begriffliche Linie von Weils ersten Auseinandersetzungen mit Descartes und ihrem Fabriktagebuch über die 1941 in Marseille entstandenen Texte, in denen sie das Lesen als eine potenziell „universale Methode“ formuliert, bis hin zu den späteren Anpassungen dieses Begriffs in benachbarte Denkfiguren der Aufmerksamkeit und des nichthandelnden Handelns.
Die Dissertation argumentiert, wie Lesen für Weil eine Schule des Sehens bezeichnet, in der Freiheit nicht aus souveräner Selbstbehauptung hervorgeht, sondern in einer aufmerksamen Haltung gegenüber dem Gegebenen. So wird der Begriff des Lesens zentral für das Verständnis von Weils angewandter Erkenntnistheorie, Ontologie, Anthropologie und einer Philosophie der Aufmerksamkeit.