Promotionsprojekt:
Simone Weils Begriff des Lesens
Die Dissertation untersucht Simone Weils Begriff des Lesens als eine grundlegende Weise, sich auf Wirklichkeit zu beziehen, und mehr als einen kulturellen oder technischen Vorgang. Ausgangspunkt ist eine markante Szene aus Weils Fabriktagebuch aus dem Jahr 1935: eine Begegnung mit einem Arbeiter an einem Jacquard-Webstuhl, der imstande war, im Lochkartenmuster das künftige Gewebe zu „lesen“. Für Weil stellte diese Szene ein philosophisches Problem dar. Die Fähigkeit des Arbeiters deutete darauf hin, dass Arbeit selbst als eine Kunst des Weltlesens verstanden werden kann: als eine Form des Erfassens und Begegnens, die nicht auf begrifflicher Beherrschung beruht, sondern auf geschulter Wahrnehmung, leiblich eingeübter Aufmerksamkeit und praktischer Fügsamkeit gegenüber der Notwendigkeit.
Indem die Dissertation die Entstehung und Ausarbeitung des Begriffs des Lesens in Weils Schriften rekonstruiert, zeigt sie, wie das Lesen zu einem Schlüsselbegriff wird, mit dem Weil das Verhältnis von Wahrnehmung und Denken, Seele, Leib und Geist, Handeln und Notwendigkeit neu bestimmt. Die Studie verfolgt diese begriffliche Linie von Weils ersten Auseinandersetzungen mit Descartes und ihrem Fabriktagebuch über die 1941 in Marseille entstandenen Texte, in denen sie das Lesen als eine potenziell „universale Methode“ formuliert, bis hin zu den späteren Anpassungen dieses Begriffs in benachbarte Denkfiguren der Aufmerksamkeit und des nichthandelnden Handelns.
Die Dissertation argumentiert, wie Lesen für Weil eine Schule des Sehens bezeichnet, in der Freiheit nicht aus souveräner Selbstbehauptung hervorgeht, sondern in einer aufmerksamen Haltung gegenüber dem Gegebenen. So wird der Begriff des Lesens zentral für das Verständnis von Weils angewandter Erkenntnistheorie, Ontologie, Anthropologie und einer Philosophie der Aufmerksamkeit.