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„In Sachen Nachhaltigkeit kommt Hochschulen eine besondere Verantwortung zu“

Im vergangenen Jahr wurden vom Senat Empfehlungen für eine Nachhaltigkeitsstrategie der Universität Erfurt beschlossen. Was bedeutet das für die Arbeit der Universität Erfurt als nachhaltige Hochschule in 2026? Wir sprachen darüber mit apl. Prof. Dr. Bettina Hollstein, der Nachhaltigkeitsbeauftragten des Präsidiums und mit Lilia Vogt vom Nachhaltigkeitsreferat des Studierendenrates.

Frau Hollstein, die oben genannten Empfehlungen sind im Vorfeld einer noch zu erstellenden Nachhaltigkeitsstrategie für die Universität Erfurt entstanden. Warum braucht es diese überhaupt?
Hochschulen sind nicht einfach nur Orte, an denen Studierende ausgebildet werden, sie sind auch Orte der Forschung über Herausforderungen, die unsere Gesellschaften beschäftigen, und Institutionen, die selbst ihre Umwelt mitgestalten und mit der Gesellschaft im Austausch stehen. Deshalb kommt ihnen auch eine besondere Verantwortung zu. Der Klimawandel, das Verschwinden von Biodiversität und Ressourcen (wie zum Beispiel fruchtbare Böden), aber auch die globale Ungleichheit, Armut oder Hunger sind globale Probleme, die in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) adressiert werden. Alle Nationen sind dazu aufgefordert, einen Beitrag zum Erreichen dieser Ziele zu leisten. Auch Deutschland hat sich dazu verpflichtet, ebenso das Land Thüringen und die Hochschulrektorenkonferenz. Somit sind auch wir als Universität Erfurt aufgefordert, unseren Beitrag zu leisten. In einer Nachhaltigkeitsstrategie werden Handlungsfelder beschrieben und Maßnahmen konkretisiert, damit es nicht bei einem allgemeinen Bekenntnis bleibt, sondern auch konkrete Schritte folgen können.

Welche Bereiche umfasst denn das Thema Nachhaltigkeit bei uns an der Universität – was nehmen die Empfehlungen in den Blick?
Die Empfehlungen für eine Nachhaltigkeitsstrategie orientieren sich am sogenannten „Whole Institution Approach“, also einem ganzheitlichen Ansatz, wie er auch vom Bundesministerium für Forschung aufgegriffen wurde. Als Universität ganzheitlich zu arbeiten, bedeutet Nachhaltigkeit als mehrdimensionales Phänomen in den Blick zu nehmen. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist dann nicht nur ein Querschnittthema in der Lehre, sondern auch die Lernprozesse und Methoden werden auf BNE ausgerichtet. Der Lernort wirkt als Raum an Bildungsprozessen mit z. B. indem Lernende, Lehrende und Verwaltungsmitarbeitende bewusst mit Energie und Ressourcen umgehen, einen Schulgarten pflegen oder für die Verpflegung regionale und fair erzeugte Bio-Produkte bevorzugen. Auch Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrende aber auch für Verwaltungsmitarbeitende gehören dazu und das Einbinden aller in Entscheidungsprozesse. Hochschulen mit ganzheitlichem Ansatz kooperieren darüber hinaus mit der kommunalen Verwaltung und weiteren Partnern aus der Zivilgesellschaft. Die Handlungsfelder des „Whole Institution Approach“ umfassen deshalb Lehre, Forschung, Governance, Betrieb und Transfer.

Wie steht die Universität Erfurt in diesen Bereichen bislang da – was haben wir schon erreicht?
Die Universität Erfurt hat in allen Bereichen schon einiges erreicht, z. B. haben wir schon sehr viele Lehrveranstaltungen, die Bildung für nachhaltige Entwicklung umsetzen. Seit dem Wintersemester 2025/26 können die Studierenden in BNE-Lehrveranstaltungen auch Leistungspunkte für ein Studienprofil „Nachhaltigkeit / Bildung für nachhaltige Entwicklung“ sammeln, das ihnen am Ende des Studiums bescheinigt werden kann. 

Außerdem gibt es eine Reihe von Forschungsprojekten, in denen sich Wissenschaftler*innen der Universität Erfurt um Nachhaltigkeitsthemen kümmern. Diese sollen künftig noch besser sichtbar gemacht werden. 

Die Governance wird durch das Thüringer Hochschulnetzwerk für Nachhaltigkeit gestärkt, denn in diesen Bereich fallen auch Aktivitäten im Verbund mit den anderen Hochschulen im Land, wie z. B. die gemeinsamen Aktivitäten der Kanzler zur Organisation eines gemeinsamen Energiemanagements. 

Im Bereich „Betrieb“ ist die Universität Erfurt meines Erachtens schon ganz gut aufgestellt – beispielsweise durch den Ausbau von Solarenergie und die Nutzung von Ökostrom. 

Im Bereich „Transfer“, der sich auf die Zusammenarbeit mit externen Partnern, z. B. Schulen, Vereinen, zivilgesellschaftliche Akteure oder Unternehmen, bezieht, geschieht ebenfalls schon viel, etwa in Praxisseminaren und im Bereich transferorientierter Forschung.

Durch das Engagement der Studierenden gibt es überdies seit einiger Zeit an der Universität Erfurt auch einen sogenannten „Fairteiler“, der aktiv zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung beiträgt. Dieses und weitere Projekte entstehen in der AG Nachhaltigkeit sowie im Referat Nachhaltigkeit, die gemeinsam als wichtige Impulsgeber seitens der Studierenden für eine nachhaltige Campusentwicklung wirken.

Das klingt doch alles schon ziemlich gut, wo sehen Sie als Nachhaltigkeitsbeauftragte denn noch Handlungsbedarf?
In allen Handlungsfeldern kann man natürlich noch besser werden. Im Bereich Lehre würde ich mir einen Ausbau des Lehrformats Service Learning wünschen, das die Lehre stärker mit Praxispartnern verknüpft und den Studierenden ermöglicht, sich als selbstwirksam zu erfahren. Viele Studierende bringen bereits wertvolle Erfahrungen und Engagement mit, die es aufzugreifen und weiterzuentwickeln gilt. Dafür braucht es entsprechende Angebote wie mehr freie Förderformate, damit insbesondere Nachwuchswissenschaftler*innen auch innovative Ideen entwickeln können und nicht nur die Ideen von Drittmittelgebern nachvollziehen. Auch bei der Sanierung unserer Gebäude müssen wir das Thema Nachhaltigkeit immer im Blick behalten.  „Wir denken gerade über die Einrichtung eines sogenannten „Green Office“ nach. Ich würde mich freuen, wenn wir das Projekt zeitnah umsetzen könnten.“ Und natürlich sollten die in den Sustainable Development Goals verankerten Aspekte sozialer Gerechtigkeit auch immer konsequent mitgedacht und in alle Entwicklungsprozesse integriert werden.

Wie sind die denn Empfehlungen für eine Nachhaltigkeitsstrategie entstanden – wer hat daran mitgewirkt?
 Die Initiative ging ursprünglich von Studierenden aus, die sich für die Universität Erfurt ein „Green Office“ wünschten. Um ein solches Projekt aber nicht für sich allein stehen zu lassen, sondern in unsere Überlegungen zur Nachhaltigkeit auf dem Campus insgesamt sinnvoll einzubetten, hat sich die Universität nun vorgenommen, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln. Ein wichtiger erster Schritt dorthin ist es, sich zunächst einmal anzuschauen, was in Sachen Nachhaltigkeit an der Universität Erfurt schon passiert und vorhanden ist und wo es noch Handlungsbedarf gibt. Für das Verbundprojekt „KLIMA-N“ (Klimanetzwerk für mehr Nachhaltigkeit in Thüringen) konnten wir glücklicherweise finanzielle Mittel vom Bundesministerium einwerben, was uns die Möglichkeit gab, Hilfskräfte zu beschäftigen, die daraus dann entsprechende Empfehlungen für ein Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt haben. Unterstützt wurden sie durch die Task Group Nachhaltigkeit (Professor*innen sowie Mitarbeiter*innen aus Wissenschaft und Verwaltung), die die Empfehlungen kommentiert und Verbesserungshinweise gegeben haben. Die Empfehlungen für eine Nachhaltigkeitsstrategie sind somit das Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung aller Statusgruppen an der Universität Erfurt.

Und wer setzt das Ganze jetzt um, was sind die nächsten Schritte?
In den Empfehlungen sind zunächst Ziele formuliert, die sich ohne zusätzliche finanzielle Mittel erreichen lassen. Gegenwärtig bereiten wir in Zusammenarbeit mit dem Präsidium einen Vorschlag für die Einrichtung eines „Green Office“ vor. Natürlich möchte ich als Nachhaltigkeitsbeauftragte meinen Beitrag dazu leisten und ich hoffe auch auf Unterstützung durch das Nachhaltigkeitsnetzwerk der Thüringer Hochschulen – man muss ja nicht alles neu erfinden, sondern kann sich auch gute Praxisbeispiele bei anderen abschauen.

Träumen Sie mal: Wie würde die Uni Erfurt dann in zehn Jahren in Sachen Nachhaltigkeit aussehen?‘
In zehn Jahren sind die großen Plätze am Eingang der Universität und vor der Bibliothek entsiegelt, Bäume spenden Schatten und ein Trinkbrunnen ermöglicht den Studierenden ihre wiederverwendbare Wasserflasche mit Uni-Logo aufzufüllen. Die Studierenden lernen zu einem großen Teil in Service Learning-Modulen in Zusammenarbeit mit Praxispartnern in realen Lernumgebunden und tragen so zur Bewältigung von gesellschaftlichen Herausforderungen bei. Die Forschung untersucht, welche Gelingensbedingungen es braucht, damit wir alle befähigt werden, an einer nachhaltigen, demokratischen, friedlichen, gerechten und liebenswerten Weltgesellschaft mitzuarbeiten. Nachhaltigkeit hat sich zu einem wesentlichen Profilmerkmal der Universität entwickelt und wirkt attraktiv auf Studierende, die ein besonderes Interesse an nachhaltigen Fragestellungen mitbringen und deren Engagement hier gezielt gefördert wird. 

Das wäre doch ein schöner Gedanke…

Weitere Informationen / Kontakt:

Beauftragte des Präsidiums für Nachhaltigkeit
(Universität Erfurt)
C19 – Forschungsbau „Weltbeziehungen“ / C19.00.26
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